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Omega-Fettsäuren – neu in der Behandlung des ADHS

Psychiatrie

Eine Kombination von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren erwies sich als wirksam.

„Betrachtet man die Vielzahl der psychiatrischen Krankheitsbilder, zu denen im Zusammenhang mit Omega-Fettsäuren Arbeiten vorliegen, fällt auf, dass es sich um eine offenbar recht umfassende Suche nach einer neuen, effizienten Substanz handelt. Das dürfte kein Zufall sein, denn die pharmakologischen Munitionsdepots der Psychiatrie sind leer. Ein sehr effektives und nebenwirkungsarmes Anti-Depressivum wird derzeit politisch noch behindert, aber danach sind keine innovativen Pharmaka mehr zu erwarten. Die Innovation versinkt im Generika-Sumpf. Möglicherweise steht diese Situation für die vielfältigen Studienansätze ein wenig Pate“, eröffnete Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann, Univ.-Klinik für Psychiatrie Graz, sein Referat im Rahmen einer Medienkonferenz im Mai in Wien.

Omega Fettsäuren und ZNS

Omega-Fettsäuren sind aus physiologisch funktioneller Sicht extrem wichtige Bestandteile des ZNS. Das Funktionieren der Neuronen in allen ihren Teilbereichen, von der Neurotransmitterproduktion bis zur Reizleitung, im Zusammenhang mit Omega Fettsäuren kann am besten durch einen Vergleich dargestellt werden, so Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann,: Das Konzept „Auto und Treibstoff“ eröffnet am ehesten das Verständnis dafür, dass plötzlich eine Substanz bei sehr unterschiedlichen Indikationen versucht wird. Sei es nun die sehr rezente österreichische Arbeit von Amminger im Bereich der kindlichen Schizophrenie-Frühsymptomatik oder andere Untersuchungen, die positive Effekte bei Depression oder gar Alzheimer berichten.

Keine neue Wunderdroge!

Hier ist aber zu bedenken, so Hofmann, dass Omega Fettsäuren keine neue Wunderdroge darstellen, die plötzlich alle Probleme löst. Möglicherweise aber – und auch das wäre schon eine kleine Sensation – eine Substanz, die additiv zu bestehenden Therapien gegeben werden kann, um Psychopharmaka über eine verbesserte Grundfunktion der Nervenzellen zu sparen bzw. deren Potential zu ergänzen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben alle diese Ansätze allerdings nur anekdotischen Charakter. Der Grund liegt darin, dass in den meisten Indikationen keine entsprechend sauber designten Studien vorliegen, die es möglich machen, seriöse Aussagen zu treffen.

 

Ganz anders allerdings die Situation im Bereich der Therapie der Aufmerksamkeitsstörung. Hier können einige, methodisch saubere Studien mittlerweile die Wirksamkeit der Omega-Fettsäuren nachweislich belegen und auch den Bezug zu einem bestimmten Präparat oder Produkt herstellen.

Datenlage bei ADHS

Im Vergleich zu den ersten Beobachtungs-Studien zeigte sich die Notwendigkeit einer Kombination von Omega-3 und Omega-6-FS-Gabe in entsprechend hoher Dosierung. Das in Österreich als „Equazen pro“ vertriebene Präparat enthält eine solche Kombination. Im Überblick von fünf Studien nach GCP-Kriterien in England, Australien und Skandinavien (Oxford-Durham-Study, Portwood et al, Sinn et al und Johnson et al) waren signifikante Verbesserungen in der Symptomatik dieser Kinder zu beobachten.

 

Die wohl eindrucksvollste Verbesserung ist dabei die Glättung des Schriftbildes in der Oxford-Durham Study. Weiters verbesserten sich der ADHS-Gesamtscore, kognitive Probleme, Ängstlichkeit und Schüchternheit oder Leseprobleme. Es ist wesentlich, zu wissen, dass diese positiven Effekte aber nicht „über Nacht“ auftreten, sondern nach einer Wochen oder Monate langen Therapie. Auch in den anderen Studien verbesserten sich bei mehrmonatiger Anwendung Kriterien wie Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Hyperaktivität, soziale Probleme, pathologische Impulsivität und sogar autistische Probleme.

Mit diesen Studien wurde die Notwendigkeit der ausreichenden Verfügbarkeit von Omega-FS im ZNS bewiesen. Kontrollierte, randomisierte doppel-blinde Studien zeigen signifikante klinische Verbesserungen und bestätigen damit den therapeutischen Ansatz der interventionellen Gabe von Omega-FS bei Fällen von Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität.

Erste Erfahrungen mit dem neuen Präparat

Das neue Präparat „Equazen pro®“ steht, wie Univ.-Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, Univ.-Klinik für Kinderheilkunde Wien, berichtete, an der Kinderklinik der Medizinischen Universität Wien schon seit einiger Zeit in der englischen Version zur Verfügung.

An der Kinder-Psychosomatik werden unter anderem Kinder mit ADHS-Symptomatik, die durch das Kardinalsymptom „Aufmerksamkeitsstörung“, mit oder ohne Hyperaktivität, gekennzeichnet ist, behandelt. Bis zu 3,5 Prozent aller Kinder leiden unter dieser Erkrankung, die vielfach leider noch immer nicht in ausreichendem Maß diagnostiziert und/oder häufig verkannt wird.

Diagnostisch gilt es, ein sehr vielfältiges Feld abzudecken, das neben der Leitsymptomatik das soziale Umfeld, die schulische Situation und auch die individuelle Intelligenz und Leistungsfähigkeit berück- sichtigt.

Jede längerfristige Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsstörung bedarf einer entsprechenden Abklärung, betonte die Expertin. Es geht darum, nicht zu bagatellisieren, aber auch nicht zu früh zu pathologisieren. Betroffene Kinder und deren Eltern benötigen aktive Hilfe.

Behandlungsstufen

Das therapeutische Armentarium beginnt mit der Beratung und Betreuung der gesamten Familie, also einer „Psychoedukation“ der Familie mit Einzelbegleitung oder Psychotherapie für das Kind, manchmal auch für die Eltern. Für milde Verlaufsformen ist es oftmals ausreichend, für eine Rhythmisierung des Kinderlebens zu sorgen. Das allerdings setzt motivierte und kooperative Eltern voraus.

Die nächste Behandlungsstufe steht seit 1. April in Österreich nun ebenfalls zur Verfügung: Der Einsatz von Omega-Fettsäuren in therapeutischer, d. h. hoher, Dosierung. Ein Nahrungsergänzungsmittel aus der Drogerie enthält nur Spuren jener Dosierung, die für den Einsatz bei Aufmerksamkeitsstörungen nötig sind. Es ist daher für eine Behandlung des ADHS völlig wirkungslos. Gleiches gilt auch für das Denkmodell „gesunde Ernährung“.

„Wir empfehlen dieses Präparat den Betroffenen routinemäßig, sofern dieses in der Lage sind, die Therapiekosten von monatlich etwa 50.-€ zu tragen“, so Hackenberg. „Ggf. helfen wir Ärztemustern aus. Der Erfolg bestätigt im Wesentlichen die Aussagen der Studien. Es handelt sich nicht um ein „Allheilmittel“, aber um eine gute therapeutische Option, die sich wegen ihres natürlichen Ursprungs im Vergleich mit den existierenden Psychopharmaka einer hohen Akzeptanz erfreut.“

Applikationsformen und praktische Hinweise

Grundsätzlich stehen Kapseln mit einer Dosierung von 3x2 zur Verfügung oder eine sehr interessante Flüssigform. Patienten zeigen, wie Hackenberg berichtete, eine klare Präferenz der Flüssigform, die als angenehm nach Limetten duftendes Öl auf eine Vielzahl von Speisen aufgetragen oder in ihnen kalt verarbeitet werden kann. Wesentlich ist für die Handhabung, dieses Öl nicht zu erhitzen, da es sonst denaturiert und somit wirkungslos würde.

Limitiert ist der Einsatz der Omega Fettsäuren bei Patienten, bei denen eine therapeutische Sofortwirkung erforderlich ist.

Unerwünschte Wirkungen konnten, wie die Experten uni sono meinten, bis dato nicht festgestellt werden.

 

Quelle: Pressekonferenz „Die Omega Revolution“, 28. 4. 2010, Wien

Korrespondenz: Univ. Prof. Dr. Peter Hofmann Allg. beeideter und gerichtl. zertifizierter Sachverständiger Univ. Klin. f Psychiatrie, 8036 Graz, Auenbruggerplatz 22 Tel.: 0316 - 385 – 3415, Fax: 0316 - 385 – 3556, Email: Ass. Prof. Dr. Brigitte Hackenberg Univ. Kinderklinik Wien, Ärztl. Ltg. f.Psychosomatik 1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20 T +43-1-40400/3267, E-mail:

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