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© Österreichische Diabetes Gesellschaft/APA-OTS/Ehm
Abb. 1:  Im Bild vlnr: Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser, Präsident ÖDG, Univ.-Klinik für Innere Medizin I LKH Salzburg, Univ. Prof. Dr. Birgit Rami, ÖDG, Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde Med. Univ. Wien, Martina Stacher mit Tochter Sophi
© ÖDG
 

Diabetes mellitus Typ I im Kindesalter: Tendenz steigend

Endokrinologie/Diabetologie/politische Pädiatrie

Österreichische Diabetes Gesellschaft: Neue Betreuungsstrukturen sind erforderlich.

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) präsentierte in einer Pressekonferenz im Juni in Wien die neuesten Diabetes Inzidenz-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen. Demnach hat sich im aktuell ausgewerteten Beobachtungszeitraum von 1999 bis 2008 die Zahl der Neuerkrankungen von Diabetes mellitus Typ1 bei Kindern und Jugendlichen verdoppelt, v.a. sind immer mehr junge Kinder unter fünf Jahren davon betroffen. Die Ursachen dafür sind noch weitgehend unklar. Die Tendenz ist weiterhin alarmierend steigend. Interessanter Weise blieb dagegen – trotz Zunahme des Übergewichts im Kindesalter – die Zahl der an Diabetes mellitus Typ 2 neu erkrankten Kinder weitgehend konstant.

Angesichts der derzeit bestehenden Unterversorgung fordert die ÖDG, vor allem zur Verhinderung oft lebensbedrohlich akuter Komplikationen wie einer schweren Hypoglykämie oder einer diabetischen Ketoazidose, den dringlichen Ausbau medizinischer Versorgungsstrukturen für diabetische Kinder.

Die Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie und Endokrinologie Österreich unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Birgit Rami veröffentlichte dazu aktuelle Versorgungs-Leitlinien in Abstimmung mit anderen europäischen Ländern. „Die medizinische Versorgung in Österreich entspricht leider nicht dem internationalen Standard, v.a. fehlt es oft an Diabetesberatern und Psychologen“, bedauert Rami. Neben der Vermeidung akut bedrohlicher Komplikationen vermag die geforderte Strukturverbesserung und damit verbesserte Diabetesschulung auch langfristige Komplikationen (Gefäßveränderungen bis hin zu Erblindung, Amputation, Dialyse, u.ä.) im späteren Erwachsenenalter weitgehend zu verhindern.

Geforderte Struktur

Die neu geforderten Strukturen arbeiten multidisziplinär und sollen an diabetologisch spezialisierten, pädiatrischen Zentren eingerichtet werden. Gefordert wird ein Team, bestehend aus einem Kinderdiabetologen, Diabetesberater, Diätologen, Psychologen und einem Sozialarbeiter. Viele Kinder und Eltern haben ein Akzeptanzproblem mit der Krankheit oder häufig zusätzliche Erkrankungen (z.B. Zöliakie, Schilddrüsenfunktionsstörungen) oder auch Essstörungen, Teilleistungsschwächen, u.v.m. Der Psychologe hilft diese zu erkennen und organisiert, wenn nötig, eine Psychotherapie. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist (z.B. Vernachlässigung), wird die Unterstützung durch einen Sozialarbeiter benötigt, um Abhilfe zu schaffen.

 

Die geforderten bzw. empfohlenen Teamkapazitäten pro 100 Patienten mit Diabetes:

 

  • 1,0 Kinderarzt//Diabetologe
  • 1,0 Diabetesberater
  • 0,3 Psychologe
  • 0,3 Kinderkrankenpfleger
  • 0,2 Diätologe
  • 0,2 Sozialarbeiter
  • 0,25 Schreibkraft (mit Dateneingabe im Rahmen der Qualitätssicherung, oder Briefe )

 

Derzeit haben nicht einmal die Uni-Kliniken in Innsbruck, Graz, Wien und Salzburg annähernd eine solche Versorgungsstruktur, wie sie für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus notwendig wäre. Das heißt, es muss diesbezüglich in Österreich klar von einer medizinischen Unterversorgung gesprochen werden. Gesundheitsminister Alois Stöger verweist, darauf angesprochen, auf einen kürzlich initiierten Dialog zur Kinder- und Jugendgesundheit, mit dem Ziel gemeinsam eine Strategie zur Optimierung einer kindergerechten Gesundheitsversorgung zu entwickeln. In punkto Diabetesbetreuung zeigt er sich auf Anfrage der ÖDG „zuversichtlich, gemeinsam zu konstruktiven Vorschlägen, die auch realisierungsfähig sind“ zu gelangen.

 

Das EU-Projekt SWEET, will ebenfalls die Versorgung in Europa verbessern (http://sweet-project.eu/html/en/index_html). Österreich nimmt an diesem Projekt teil.

Schule/Kindergarten

Die Betreuung von Kindern mit Diabetes in der Schule und im Kindergarten stellt oft ein ebenso großes Problem dar, da dies einen zusätzlichen Betreuungsaufwand für die Pädagogen bedeutet. Diese sind oft nicht geschult, fürchten sich häufig vor der Verantwortung, und dies mündet darin, dass Kinder mit Diabetes öfters keine Kindergartenplatz finden, oder an Schulveranstaltungen nicht teilnehme dürfen. Ein Lösungsansatz wäre, hier vermehrt mobile Krankenpfleger einzusetzen, was aber meist an der Finanzierung scheitert.

Spendenaufruf

Es gibt in Österreich mehrere Diabetes Camps (Sommer und Winter). Für viele Betroffene sind diese Camps oft die einzige Möglichkeit einer kindgerechten Schulung, welche abseits einer stationären Versorgung stattfinden kann. Denn Kur- oder Reha-Möglichkeiten gibt es in Österreich für Kinder NICHT. Derzeit gibt es für die Camp-Organisatoren und teilnehmenden Kinder keine oder nur eine sehr geringe finanzielle Unterstützung. Viele Ärzte/innen opfern dafür ehrenamtlich ihre Urlaubstage und können diese dienstrechtlich nicht geltend machen.

 

Ziele der Camps sind kindgerechte Diabetes-Schulungen (z.B. richtige Ernährung, Kohlenhydrat-Berechnung, Insulinanpassung beim Sport, u.v.m.) neben den sozial und psychologisch wichtigen gemeinsamen Freizeittätigkeiten mit gleichaltrigen Diabetes-Betroffenen. Viele Eltern können sich eine Teilnahme ihrer Kinder nicht leisten. Die ÖDG startet daher einen Spendenaufruf, um betroffenen Kindern eine Campteilnahme zu ermöglichen. Jede Spende kommt zu 100 Prozent den Teilnehmern zugute. Spendenkonto: 280602 242 00, BLZ 20111, Erste Bank.

DKA Präventions-Plakatkampagne

Ein weiterer Schwerpunkt im Kampf für eine bessere Diabetesversorgung bei Kindern ist die aktuelle Plakat¬kampagne der ÖDG. Sie hat vor allem das Ziel, die gefährliche diabetische Ketoazidose (DKA) zu verhindern – eine schwere, oft lebensbedrohliche Blutzuckerentgleisung, wie sie bei der Erstdiagnose eines Diabetes mellitus Typ 1 im Kinder- und Jugendalter häufig auftritt. In der Plakatoffensive wird auf die wichtigsten Krankheits¬symptome hingewiesen. Dramatische Krankheitsverläufe durch zu späte Diagnosen können damit verhindert werden.

 

„Wir wünschen uns in Österreich dringend eine bessere Diabetes-Versorgung für Kinder und Jugendliche“, fasst Doz. Dr. Raimund Weitgasser, Präsident der ÖDG, zusammen. „Die Kosten dafür sind im Vergleich zu den Einsparungen, die sie bringen, marginal. Ganz zu schweigen vom Leid, das wir den Kindern damit ersparen“, so Weitgasser abschließend.

 

Plakatbestellungen und Informationen: http://www.oedg.org/dka_praeventionskampagne.html

 

Quelle: Presseinformation der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), 2. Juni 2010.

Diabetes mellitus – Leitlinen 2010

Dieser Ausgabe liegt das 24-seitige Supplement „Diabetes mellitus bei Kindern und Jugendlichen: Leitlinien der österreichischen Arbeitsgruppe für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie bei.

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