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Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von Susanne Graf-Redl
Abb. 1: Thomas und seine „Löwenzahnranch“

Abb. 2: Thomas und seine „Löwenzahnranch“

Abb. 3: Klara: Wahrnehmen, spüren.......

Abb. 4: Klara: .......riechen, spielen!

Abb. 5: Benjamin ... heute entsteht ein Engelchen

Abb. 6: Fertig! Benjamins Engelchen.

 

Ganzheitliche Kunsttherapie am Sterntalerhof

Viele Kinder öffnen sich erst durch die Begegnung mit den Materialien.

Durch das Angebot: „ganzheitliche Kunsttherapie“ wurde das Bewusstsein geschaffen, dass der kunsttherapeutische Prozess einen individuellen Wert in der Familienbegleitung am Sterntalerhof darstellt.

Das Zusammenspiel von Heilpädagogischem Voltigieren und Reiten (HPV), Musik- und Kunsttherapie und das Erleben in der Natur erweist sich als wertvolle Kombination, Familien in Ausnahmesituationen ein Stück des Weges zu begleiten, wo sie Energie tanken, ausspannen und wieder neuen Mut fassen, damit sie nach dem Aufenthalt am Sterntalerhof ihren Alltag leichter bewältigen können.

Für diese therapeutischen Prozesse steht seit der Übersiedlung auf das neue Sterntalerhof-Gelände in Kitzladen im Frühjahr 2010 ein eigener „Kunsttherapieraum“ zur Verfügung.

Im Atelier ...

... wird emotionalen Stimmungen und Erfahrungen Farbe und Gestalt verliehen.

 

Das Projekt trägt den Titel „KINDER-KUNST-WERK“ und wurde im Mai 2007 gestartet, mit der Vision, Beziehung zu erleben, auf die Signale des Kindes zu reagieren – und die Möglichkeiten zu bieten, neue Erlebniswelten zu entdecken.

Energien durch Dritte sind erfahrungsgemäß zu vermeiden. Der Focus ist auf das Kind gerichtet, am Tun im Hier und Jetzt. Dennoch ist es in der Praxis manchmal so, dass jüngere Kinder von einem Elternteil im kunsttherapeutischen Prozess begleitet werden.

„KUNST-ZEIT-RAUM“

Gemeinsame planen wir den zeitlichen Ablauf in der Umgebung, wir arbeiten im Kunsttherapieraum (vorbereitete Umgebung) oder in der Natur, aber immer in schützendem Rahmen.

Rituale geben die gewünschte Sicherheit. Das gemeinsame Schaffen in einer angenehmen Atmosphäre kann beginnen. Kinder agieren großzügig, das beginnt bei der Wahl des Papiers und der Menge der Farben, die verwendet wird.

Das Kind wählt aus dem Materialangebot: Fingerfarben, Deckfarben, Ölkreiden. Mit Ton und Gips kann modelliert werden, aus Ytong, Holz und Stein können Skulpturen entstehen. Bei der Wahl des Themas gibt es keine Vorgaben oder Aufträge.

Das Kind wählt grundsätzlich frei, was es gestalten will. Ohne Zögern engagiert es die Kunsttherapeutin als „seine“ Assistentin, und bieten ihr an, es beim Gestalten zu begleiten.

Wenige Worte ...

Der kunsttherapeutische Prozess läuft meist auf der nonverbalen Ebene.

Das erfordert Respekt, Empathie und Reflexion der Therapeutin, um diese Einheit professionell zu begleiten.

Erkenntnisse und Gewinne aus therapeutischen Settings weder zu interpretieren, noch zu bewerten, ist der Grundgedanke für einen gelungenen klienten- orientierten Prozessverlauf.

Beim Zeichnen von Geschichten – der Kinderseelchen – durch Betrachten teilhaben dürfen.

Durch das Einlassen in den Umgang mit Farben werden innere Bewegungen und Empfindungen angeregt. Es werden fließende Vorgänge beim Mal-Prozess in Gang gesetzt. Kompensation und Hemmung werden durch den Umgang mit Farbe und Form, mit Hell und Dunkel, mit Grenzen und Übergängen, mit Fließen und Verschwimmen verändert.

Es sind die körperlich-sinnlichen Qualitäten, die für uns beim künstlerischen Tun im Vordergrund stehen. Nicht Alltagslogik leitet die Aktivitäten, sondern sinnliches Angeregtsein, Imagination, Überraschungen und die Freude, sich dem Prozess hingeben zu können.

 

Buchtipp

EBERHART H./KNILL P.J (2009) : Lösungskunst. Lehrbuch der kunst- und ressourcenorientierten Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht GmbH & Co. KG

 

Viele Kinder öffnen sich erst durch die Begegnung mit den Materialien, wo Gefühle und Emotionen beginnen, Ausdruck zu finden.

Dieser Aufmerksamkeits- und Erlebenszustand „Flow“ ist geprägt durch das Eintauchen in das Gegenwärtige, mit dem Focus am Tun im Hier und Jetzt. Umweltreize werden vom Bewusstsein ausgeblendet, das subjektive Zeitgefühl dehnt sich aus. Anspannungen, Ängste und Sorgen treten in den Hintergrund. Der Focus ist auf das, was gerade geschieht, gerichtet. Die ausgeführte Handlung ist Anreiz und Befriedigung zugleich.

 

Buchtipp

KOWALD A.C.: Ganzheitlichkeit. Das Ganze ist mehr als die Summe aller Teile (Seite 147, 148, 150) 2008.

 

Gemeinsames Beenden der Kunsttherapie-Einheit: das Saubermachen der Arbeitsfläche und des Raumes, Verstauen der Materialien dort, wo sie vor 50 Minuten hergeholt wurden – ein Ablauf, welcher Halt, Struktur und Sicherheit vermittelt.

Die Intensivierung der Sinneserfahrungen: über Form, Farbe, Oberfläche, Geruch, etc.

... in der Begegnung mit Naturmaterialien

Gestaltungen sind für jeden möglich. Empfindungen werden angesichts der Natur Ausdruck verliehen, und die Natur mit Neugier, Humor und Respekt entdeckt.

Der Zugang zur Natur und die Begegnung mit Naturmaterialien lassen immer neue Ideen entstehen, die zum kreativen Tun herausfordern. Die natürliche Ästhetik des Materials und der spielerische Umgang. Die Seele kann mitwachsen und einfach baumeln. In der Natur, mit der Natur.

Wirkung des Materials:

Gräser, Steine, Blätter, Holz, sind uns vertraute Materialien und können den Kindern, die mit dem Einstieg ins Gestalten noch unsicher sind, den Anfang des kreativen Werkens erleichtern.

Bereits das gemeinsame Sammeln regt die Kreativität an und lässt die Kinder die Natur bewusst wahrnehmen.

Themen wie Leben, Loslassen und die Endlichkeit des Menschen sind sehr präsent. Es ist immer wieder berührend, wie liebevoll und behutsam die Kinder mit alten Baumrinden, morschen Holzstücken und vertrockneten Blättern umgehen.

... in der Begegnung mit Fingerfarben

Fingerfarben sind in der Konsistenz weich, dickflüssig und feucht. Das Malen mit Fingerfarben fördert die motorischen Fähigkeiten und die taktile Sinneswahrnehmung.

Wirkung des Materials:

Beim Schmieren mit Fingerfarben werden regressive Phantasien und Bedürfnisse aktiviert. Im Umgang mit Fingerfarben liegt eine starke kathartische Wirkung. Fingerfarben können entlastende, Spannung reduzierende Qualitäten zugesprochen werden, beim

Matschen wird der Körper besonders miteinbezogen, regressive Prozesse werden dabei unterstützt. Es wird ohne die so genannten „Vermittler“ (Pinsel, Walzen, Spachtel) gearbeitet.

... in der Begegnung mit Ton

Die Geschmeidigkeit und Formbarkeit macht den Ton zu einem vielfältigen Medium. Er kann verschiedene Qualitäten haben, erdig, matschig, weich, trocken, hart und spröde. Im Grund ist Ton jedoch ein sauberes Material. Ton ermöglicht durch seine haptischen Eigenschaften eine sehr intensive Sinneswahrnehmung.

Erde, Wasser, Luft, Feuer - alle vier Elemente werden spürbar. Der Ton verbindet uns im greifbarsten Sinn mit der Umwelt, aus der er stammt. Erde und Wasser binden den formbaren Rohstoff. Die Luft trocknet die Masse und lässt sie schrumpfen. Das Feuer schließlich macht sie fest und dauerhaft.

Kinder wollen gerne wissen, welches Material sie gerade in Händen halten.

 

Beim Gestalten ist immer etwas in Bewegung: die Hände formen aus einem groben Klumpen filigranste Figuren, Luft zirkuliert um die Wände und lässt das darin enthaltene Wasser verdunsten. Ton wirkt beruhigend und lehrt Geduld und Denken in größeren Zusammenhängen.

 

Buchtipp

KRUMBACH, Monika (2004). Meine Welt aus Ton. Töpfern mit Kindern und Jugendlichen. Koblenz: Hanusch Verlag

 

 

Korrespondenzadresse: Susanne Graf-Redl Schleussnerstrasse 9/4/6 A-2340 Mödling Tel.: 0664/533 0 428 E-mail:

 

Institution Sterntalerhof Kitzladen 139 A-7411 Loipersdorf-Kitzladen E-mail:

 

Richtlinien zum Umgang mit Unikaten und deren Fotos und Videos:

Werke aus intermedialen Prozessen von Kindern und Jugendlichen, die im Musik- und kunsttherapeutischen Setting entstehen, sind ansprechend und ausdrucksstark, oft entstehen Fotos und Videos dieser Unikate.

Es entsteht oft der Wunsch bei einer günstigen Gelegenheit, diese Fotos/Videos öffentlich zu präsentieren, sei es als Illustration, als Kalendermotiv, in einer Ausstellung, auf der Homepage etc. Die Kinder/Jugendlichen sind stolz darauf, dass die Fotos/Videos ihrer Werke öffentlich gezeigt werden.

Trotz all dem muss in jedem Fall das Urheberrecht beachtet werden. Das heißt, kein Bild oder Musikstück sollte ohne ausdrückliche Zustimmung des Kindes/Jugendlichen bzw. seiner Angehörigen veröffentlicht werden.

Für Fotos/Videos dieser Unikate aus Musik- und kunsttherapeutischen Sitzungen gelten noch etwas strengere Maßstäbe, denn: sie sind Produkte eines individuellen und intimen therapeutischen Prozesses, welche in einem schützenden Rahmen entstanden sind. Für alle hier gezeigten Fotos existiert es eine schriftliche Freigabe.

1 Diplomierte Kunsttherapeutin in ganzheitlicher Kunsttherapie, Mödling

LITERATUR

 

KRUMBACH, Monika (2004). Meine Welt aus Ton. Töpfern mit Kindern und Jugendlichen. Koblenz: Hanusch Verlag

 

KOWALD A.C.: Ganzheitlichkeit. Das Ganze ist mehr als die Summe aller Teile (Seite 147, 148, 150) 2008.

 

EBERHART H./KNILL P.J (2009) : Lösungskunst. Lehrbuch der kunst- und ressourcenorientierten Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht GmbH & Co. KG

 

Graf-Redl, S. (2009) die ganzheitliche kunsttherapeutische Begleitung bei lebenslimitierenden- oder bedrohlichen

Erkrankungen in der Pädiatrie am Beispiel des Sterntalerhofes, schriftliche Abschlußarbeit, Akademie für Kunsttherapie, Wien

Zur Person
Susanne Graf-Redl
Diplomierte Kunsttherapeutin
in ganzheitlicher Kunsttherapie
Eigene Praxis in Wolfau/Südbgld.
www.kunsttherapie-co.at
Fazit für die Praxis
Die ganzheitliche Kunsttherapie bietet den Gastfamilien am Sterntalerhof immer wieder die Möglichkeit des Kennenlernens und den Kontakt zu kreativen Materialien.
Das Eintauchen in diese Erlebniswelt bietet die Chance, im sensiblen Umgang mit sich selbst, im “Hier und Jetzt” spontanen Ausdruck zu finden.
Durch den Umgang im bildnerischen und auch im darstellenden Tun, werden neue Erfahrungen und Erinnerungen mitgenommen – eine Fülle von heilsamen und gewinnbringenden Momenten.
Aber suchen wir doch weiterhin nach Möglichkeiten, diese therapeutischen Erlebnisse auch nach dem Aufenthalt am Sterntalerhof lebendig bleiben zu lassen.
Gerade weil Kinder keine „LOBBY“ haben, wenn es um ihre Gesundheit geht:
In Ö sind Versorgungsmängel in der Rehabilitation von Kindern nach Krankheit und in der kinderpsychiatrischen Betreuung leider eine Tatsache. Wir Erwachsenen sind daher verantwortlich, nicht nur durch die geeignete Förderung innewohnender Anlagen die Chance auf ein gelungenes Leben zu ermöglichen, sondern nach Lösungen zu suchen, eine wenn nötig längerfristige therapeutische Begleitung für „Minis“, Kids und Jugendliche in Österreich durch bedarfsorientierte Finanzierung zu garantieren - das wäre die Mission.
Sterntalerhof – Angebot seit Frühjahr 2010
Musik- und kunsttherapeutische Selbsterfahrungsseminare am Sterntalerhof für Berufsgruppen und Interessierte, die täglich mit betroffenen Kindern, Jugendlichen und deren Familien arbeiten, KindergärtnerInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, TherapeuInnen, SozialarbeiterInnen uvm. www.kunsttherapie-co.at

Susanne Graf-Redl1, Pädiatrie & Pädologie 3/2010

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