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Foto: privat
 

Reisen mit Kindern 2010

Was ist zu beachten? Was gibt es Neues? Wie können Pädiater und Reisemediziner optimal zusammenarbeiten?

Pädiatrie & Pädologie: Gibt es, was Reisen mit Kindern betrifft, im Jahr 2010 aus der Sicht des Reisemediziners Neuigkeiten?

Kollaritsch: Neuigkeiten im engsten Sinn gibt es keine. Es gibt aber bestimmte Dinge, die in puncto Reisen mit Kindern unterbewertet werden: Ich denke hier in erster Linie daran, dass Pädiater die Eltern dazu motivieren sollten, eine Reise so kindergerecht wie möglich zu organisieren. Das beginnt bei der Wahl der Destination, welche altersspezifisch passend sein soll. Damit meine ich: Mit einem Säugling oder Kleinkind soll man tunlichst nicht in ein Gebiet reisen, in welchem keine medizinische Versorgung auf westlichem Standard gegeben ist. Weil eine banale Gesundheitsstörung bei Kindern dieser Altersgruppe sehr rasch ins Bedrohliche kippen kann, sind die Eltern gut beraten, auch auf Reisen rasch eine kompetente ärztliche Versorgung für ihre Kinder erhalten zu können. In vielen durchaus beliebten Reisedestinationen ist die Versorgungsdichte mit Ärzten nicht zufriedenstellend, auch die fachliche Qualifikation ist oft nicht auf dem gewohnten, westlichen Stand. Sprachprobleme erschweren die Situation zusätzlich. Diese Rahmenbedingungen bestehen bereits z. B. bei Reisen in die Türkei. – Man sollte es sich daher wirklich gut überlegen, mit einem Säugling oder Kleinkind auf eine Reise außerhalb der westlichen Hemisphäre zu gehen.

 

Der zweite Punkt, der bei Kindern – auch von Pädiatern – sehr oft übersehen wird, ist, dass Kinder eine besondere Zielgruppe für bestimmte Infektionen sind, zum Beispiel für alle Nahrungsmittel- assoziierten Infektionen. Kleine Kinder kriechen herum, stecken alles in den Mund und akquirieren so auch Infektionen. Es ist Aufgabe des Pädiaters, die Eltern in dieser Hinsicht zu schulen und auch mit der entsprechenden Hausapotheke zu versorgen.

Ein dritter, immer wichtiger werdender Punkt betrifft Unfälle von Kindern mit streunenden Tieren, vor allem mit Hunden, und die damit verbundene Tollwutgefahr. Kinder sind eine ganz besondere Zielgruppe für Tollwut-suspekte Kontakte, die oft unbemerkt verlaufen: Hund und Kind sind ja auf Augenhöhe, das Kind genießt für Hunde meist Welpenschutz, das heißt, der Hund greift das Kind nicht an, nähert sich ihm aber und leckt es ab – und die Konjunktiven sind eine hervorragende Eintrittspforte für das Tollwutvirus. Die Eltern nehmen den Vorfall nicht wahr, Kinder berichten auch nicht darüber. Dies ist eine potentiell gefährliche Situation, keine Frage.

Die drei genannten Reise-assoziierten Probleme haben einen hohen Erklärungsbedarf, und – ich wende mich jetzt an die Pädiater: Nur den Fachmann, der der Familie vertraut ist, kann die Information entsprechend wirksam überbringen.

 

Der Pädiater wird von der Familie auch als Ansprechpartner im Hinblick auf Impfungen betrachtet und befragt, und hier gibt es Neuigkeiten: Ist der neue Meningokokken-Impfstoff Menveo ® bereits in Österreich verfügbar?

Kollaritsch: Ja, Menveo® ist bereits in Österreich verfügbar.

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Menveo ® ? Wird die Impfung gut ver- tragen?

Kollaritsch: Es handelt sich um einen konventionellen Meningokokken-Konjugatimpfstoff, der sich in der Verträglichkeit weder vom Polysaccharidimpfstoff noch vom konjugierten, monovalenten Meningokokken-Impfstoff wesentlich unterscheidet: In den neuesten klinischen Studien schneidet der Konjugatimpfstoff in dieser Hinsicht ein wenig besser ab. Menveo® ist ein sehr gut verträgliches Präparat, wie auch zu erwarten war.

 

Wie ist das Procedere bei Kindern, die bereits eine Immunisierung mit dem monovalenten Impfstoff erhalten haben: In welchem Intervall sind diese aufzufrischen, und können diese mit Menveo® aufgefrischt werden?

Kollaritsch: Menveo® ist ab dem 11. Lebensjahr zugelassen, das heißt ab dem Adoleszentenalter. Es wird im Regelfall so sein, dass die Impfung erst für den Adoleszenten in Frage kommt. In dieser Altersgruppe ist nach dem österreichischen Impfplan auch eine Auffrischung einer früheren Immunisierung im Kindesalter (zum Beispiel mit dem monovalenten Meningokokken-C-Impfstoff) vorgesehen, weil wir wissen, dass der Schutz des monovalenten Meningokokken-C-Impfstoffes nicht so lange anhält. Wir wissen aber auch, dass bei einer Erstimpfung mit dem monovalenten Impfstoff im Adoleszentenalter eine Auffrischung gar nicht mehr nötig ist. Der menschliche Organismus reagiert auf diese spezielle Form von Antigenen zu verschiedenen Lebenszeiten unterschiedlich: Faustregel – je jünger, desto schlechter. Die Maturation des Immunsystems gegenüber bestimmten Antigenen erfolgt erst relativ spät, und die Meningokokken-Antigene gehören dazu: Erst in der Adoleszenz spricht das Immunsystem voll auf die Impfung an, daher wird in diesem Alter auch nur eine Impfung verabreicht. Die Anzahl der erforderlichen Impfungen ist nach dem Lebensalter gestaffelt: Beginnen Sie im ersten Lebensjahr, so benötigt das Kind drei Impfungen und eine im zweiten Lebensjahr. Beginnen Sie im zweiten Lebensjahr, genügt eine Impfung als Basisimmunisierung – ihr Schutz reicht bis in die Adoleszenz und muss dann wiederholt werden. Wenn Sie mit Neisvac C® begonnen haben und mit Menveo® auffrischen, ist das sehr gut, was Meningokokken C betrifft, bringt aber keinen Vorteil hinsichtlich der weiteren Meningokokkenstämme, welche ja in Neisvac C® nicht enthalten waren. Das immunologische Ansprechen der in Menveo enthaltenen vier Meningokokken-Stämme ist vergleichbar gut, die Immunantwort auf die Meningokokken A Komponente ist generell etwas schwächer.

 

Wird an einem Meningokokken B Impfstoff geforscht?

Kollaritsch: Ja, freilich, und die Forschung ist hier schon sehr weit gediehen: Dieselbe Firma, die nun Menveo® auf den Markt gebracht hat, ist in der Phase III mit einem Meningokokken B-Impfstoff. Es ist damit zu rechnen, dass dieser in den nächsten zwei bis drei Jahren auch die Zulassung erhalten wird.

 

Ist die Neue Grippe derzeit noch ein Thema, was Reisen betrifft?

Kollaritsch: Im Moment ist es, was die allgemeine Epidemiologie der Influenza H1 N1 V Variante betrifft, ruhig; es tut sich nichts. Alle Experten und auch die WHO rechnen aber damit, dass diese Variante mit der neuen Saison wieder verstärkt auftreten wird. Dies hat dazu geführt, dass die WHO die klare Empfehlung herausgegeben hat, dass die neue Variante in den saisonalen Grippeimpfstoff anstelle der bisherigen H1N1 Komponente inkorporiert werden soll.

 

Das heißt, wir haben im Influenza-Impfstoff 2010/11 so wie bisher drei Komponenten ...

Kollaritsch: … wobei statt der alten die neue H1N1 Variante enthalten sein wird.

Das ist das Ziel, das alle führenden Impfstoff-Hersteller derzeit intensiv verfolgen, und soweit mir bekannt ist, werden alle führenden Hersteller mit einer entsprechenden Vakzine auf den Markt kommen.

 

Wie sollte die Zusammenarbeit des Pädiaters mit dem Reisemediziner idealer Weise aussehen?

Kollaritsch: Es hängt von der jeweiligen Berufserfahrung des Pädiaters ab, ob er selbst reisemedizinisch tätig werden will. Bei speziellen Reisezielen – ich möchte hier als Beispiel Gebiete erwähnen, die eine Malariaprophylaxe erforderlich machen – reicht der Erfahrungsschatz des Pädiaters in der Regel nicht aus. Er ist daher bei speziellen reisemedizinischen Fragen gut beraten, das Kind mit den Eltern an ein entsprechendes Zentrum zu verweisen.

 

Mir ist es sehr wichtig, darauf hinzuweisen, reisemedizinische Aspekte zeitgerecht mit einzubeziehen. Wenn man mit Kindern verreisen will, sollte man sich zeitgerecht nach der Sinnhaftigkeit des Reiseziels erkundigen – und zwar, bevor man bucht. Nach der Buchung ist es meist zu spät, dann steht man unter Zugzwang.

Leider ist die Einsicht der Eltern, die Reise den Bedürfnissen der Kinder unterzuordnen, gering. Einige wenige Leute sind dazu tatsächlich bereit. In der Mehrzahl der Fälle überwiegt der Egoismus der Eltern, und die Menschen sind meist auch nicht einsichtig. Hier hat der Pädiater als langjähriger Arzt des Vertrauens eine größere Chance, auf die Eltern einzuwirken; dafür sind wir Reisemediziner den Pädiatern sehr dankbar.

 

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl

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