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Früh übt sich – damit die Kleinen nicht zu dick werden

Wie effizient sind körperliche Aktivität und Fitness für die Prävention von Adipositas im Kindes- und Jugendalter?

Über 85 Prozent der übergewichtigen Zwölfjährigen werden auch im Erwachsenenalter in der Kategorie der „Dicken“ verbleiben. Die Brisanz des Themas erfährt kaum Entspannung in der öffentlichen Debatte, wenn man bedenkt, dass das im Alter von neun Jahren erreichte Körpergewicht bereits zu 91 Prozent bei Mädchen bzw. 70 Prozent bei Jungen im Alter von fünf Jahren erworben wurde. Das liegt – nicht zuletzt – auch daran, dass die jungen Menschen sich zu wenig körperlich bewegen. Wichtig für die präventive Gesundheitsförderung ist Bewegung aus innerer Motivation heraus.

Körperliche Aktivität, d.h. jegliche Bewegungsform, die zu einer Erhöhung des Ruhe-Umsatzes durch Muskelaktivität führt (in kcal/d), zählt zu den wesentlichen Bausteinen der Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Aufgrund der derzeitigen Evidenzlage geht man davon aus, dass regelmäßige Bewegung im Ausmaß von täglich einer Stunde bei moderater bis höherer Intensität das Risiko der Entstehung der Adipositas verringert.

Epidemiologische Studien zeigen jedoch, dass derzeit nur 25 Prozent der Elfjährigen bzw. elf Prozent der 15-jährigen österreichischen Schüler und Schülerinnen dieses gesundheitswirksame Ausmaß erreichen. Im länderübergreifenden Vergleich konnte außerdem nachgewiesen werden, dass die kardiorespiratorische Fitness (VO2peak) der 6- bis 18-Jährigen über die vergangenen 20 Jahre abgenommen hat.

Aufgrund dieser Beobachtungen stellt sich die Frage: Wie effizient sind die Präventionsmaßnahmen hinsichtlich des Wirkungsgefüges körperlicher Aktivität, körperlicher Fitness und Adipositas im Kindes- und Jugendalter?

Körperliche Aktivität und Adipositas

Eine der wenigen prospektiven Studien über einen Zehnjahreslängsschnitt zeigte, dass die jährliche Zunahme des Body Mass Index (BMI) um 0,12 kg/m2 bzw. des Körperfetts um 5,6 mm Hautfaltendicke mit der Abnahme der körperlichen Aktivität um 2,5 Einheiten pro Woche schnelles Gehen bei einer weiblichen Kohorte verbunden war. Die Abnahme des Bewegungsausmaßes, das indirekt mittels Fragebogen erfasst wurde, konnte den Anstieg der Adipositas zu zwölf Prozent vorhersagen.

Körperliche Fitness und Adipositas

Im 15-Jahreslängsschnitt zeigen die Daten der „Amsterdam Growth Studie“, dass der Anstieg der Hautfaltendicke durch die körperliche Fitness, d. h. zu 42 Prozent über die Abnahme in der VO2peak, zu 35 Prozent über das Kraftniveau im Standweitsprung und zu 30 Prozent über die Laufgeschwindigkeit, bei Mädchen und Buben vorhersagbar waren.

Interessant ist auch, dass unabhängig vom Ausmaß der Adipositas, mit ansteigender VO2peak ein geringeres Vorkommen von Herzkreislaufrisikofaktoren bei 10- bis 16-jährigen Mädchen und Burschen bzw. ein geringeres Risiko für ein Metabolisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter sowie später im Erwachsenenalter assoziiert ist.

Körperliche Aktivität und körperliche Fitness

Die korrelative Beziehung zwischen dem objektiv gemessenen Energieverbrauch (Aktivität) und der VO2peak (Fitness) fällt bei Kindern mit r = 0,5 mittelstark aus und sinkt auf r ≤ 0,2, wenn die Aktivität indirekt mittels Fragebogen erhoben wird.

Insbesondere bei Kindern sollte ein breites Konzept der körperlichen Fitness angewandt werden, wobei das motorische Fertigkeitsniveau, d. h. die Kontrolle der Körperhaltung (z. B. auf einem Bein stehen), die Kontrolle der Lokomotion (z. B. Laufen) und die Kontrolle von Objekten (z. B. einen Ball fangen oder werfen) zur Einschätzung der motorischen Fitness herangezogen werden können.

Ausgehend von dieser Definition konnte im Rahmen einer australischen Längsschnittuntersuchung gezeigt werden, dass das motorische Niveau im Kindesalter das Bewegungsausmaß mittlerer bis höher Belastungsintensität zu 13 Prozent im Jugendalter vorhersagen konnte. Dieser Befund konnte sogar bei vierjährigen amerikanischen Vorschulkindern bestätigt werden. Das anfängliche Ausmaß der lokomotorischen Kontrolle sagte die Änderung der gesundheitswirksamen körperlichen Aktivität über 1,5 Jahre zu sieben Prozent vorher.

Wirksamkeit der Bewegungsförderung

Die Ergebnisse der multidisziplinären Adipositasprävention auf der Mesoebene (Schule, Kindergarten) müssen hinsichtlich der Reduktion der Adipositasprävalenz laut Ebbeling et al. (2002) als niederschmetternd konstatiert werden. Auch die familien- und schulbasierte „Kieler Adipositaspräventionsstudie“ konnte für die Kohorte der Sechsjährigen im Vierjahreslängsschnitt keine signifikante Änderung in der Inzidenz der Adipositas in der intervenierten gegenüber der Kontrollgruppe feststellen. Jedoch ergab eine finnische Längsschnittstudie, dass eine frühzeitige familienbasierte halbjährlich durchgeführte Lebensstil-Intervention bei Kindern ab dem siebenten Lebensmonat die Adipositasprävalenz zum Zeitpunkt des Schuleintritts signifikant reduzierte.

Ergebnisse aus unserer Arbeitsgruppe deuten schließlich darauf hin, dass Bewegungsprogramme, die vornehmlich die extrinsische Motivation fördern, d. h. körperlich aktiv zu sein, um „schön und schlank“ zu werden, mit klinischen Essstörungen (wie etwa bulimisches Erbrechen) assoziiert sind, d. h. ein ungünstiges Gesundheitsverhalten verstärken. Demgegenüber ist die intrinsische Motivation zur Bewegung – sich bewegen, um „etwas leisten zu können“, „mit Freunden sein zu können“ oder „Spaß haben zu können“ – positiv mit salutogenen Kognitionen über „Bewegung und Ernährung“ assoziiert (Ardelt-Gattinger und Meindl, 2010).

Auch wenn die derzeitige Datenlage nur vorsichtige Schlüsse zum Zusammenhang von körperlicher Aktivität, körperlicher Fitness und Adipositas zulässt, so sollen folgende Aspekte zur Erreichung eines überdauernden Bewegungsausmaßes von täglich einer Stunde bei moderater bis höherer Intensität im Kindes- und Jugendalter beachtet werden:

  • frühzeitige, familienbasierte Lebensstil-Intervention,
  • Entwicklung eines hohen lokomotorischen Fertigkeitsniveaus,
  • Erhaltung bzw. Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness,
  • sowie eine die intrinsische Motivation fördernde Gestaltung der Bewegungsintervention.

 

Prof. Dr. Susanne Ring-Dimitriou: Interfakultärer Fachbereich Sport- und Bewegungswissenschaft/USI der Universität Salzburg; Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger: Institut für Psychologie der Universität Salzburg; Dr. Daniel Weghuber, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Paracelsus Privatmedizinische Universität, Salzburg; alle sind zudem auch im Team der Obesity Academy Austria, Salzburg, repräsentiert.

Von Prof. Dr. Susanne Ring-Dimitriou, Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger, und Dr. Daniel Weghuber, Ärzte Woche 22 /2010

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