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Abb.: Beide Fragebögen ergaben Wissensdefizite im Bereich Schlafen, vor allem in Bezug auf SIDS.
© Bettina Lehner

Abb. 1: gibt die Einschätzung der Kinderärzte (n=88) wieder, wie häufig Eltern den Gesundheits- zustand ihrer Kinder rechtzeitig und richtig beurteilen.

© Bettina Lehner

Abb. 2: gibt die Einschätzung der Kinderärzte (n=88) wieder, wie häufig Eltern ihre Kinder falsch behandeln.

 

Dissertation: „Wieviel wissen Eltern über Säuglingspflege – „Babyführerschein“ ja oder nein?“

Fragestellung:

Obwohl Österreich zu den westlichen Ländern mit einem sehr hohen Gesundheits- und Bildungsstandard zählt, existierten bis dato kaum standardisierte Untersuchungen, inwieweit Eltern das ihnen zur Verfügung stehende Elternbildungsangebot in Anspruch nehmen.

Da in den letzten Jahren immer wieder die Idee eines „Babyführerscheins“ sowohl von Seiten der Medien als auch von Politikern diskutiert wurde, wurde in dieser Studie versucht, dem Wissensstand von Eltern über Säuglingspflege auf den Grund zu gehen, beziehungsweise diesen durch Kinderärzte beurteilen zu lassen.

 

Unklar war bisher auch, ob die gängigen Institutionen des Gesundheitswesens, – also Spitalsambulanz und Facharztpraxis – ein vergleichbares Potential zur Bildungsübermittlung besitzen.

Schlussendlich wurde versucht, dem Wunsch bzw. dem Bedarf nach einem „Babyführerschein“ in Form eines verpflichtenden Säuglingsvorbereitungskurses nachzugehen.

Methodik:

Um die Inanspruchnahme der Elternbildungsprogramme bzw. das Wissen um Säuglingspflege zu evaluieren, fanden zwei separate Fragebögen (einer mit 106 Fragen für Eltern, der andere mit zehn Fragen für Kinderärzte) Anwendung. Diese wurden an der Ambulanz der Kinderklinik Graz sowie an einer niedergelassenen Facharztpraxis verteilt und deren Ergebnisse statistisch ausgewertet.

Hierbei wurde nach signifikanten Unterschieden zwischen den unten aufgeführten Vergleichsgruppen gesucht. Die Analysen wurden mit Hilfe von SPSS 15.0 unter Benutzung der Testung nach Mann-Whitney-U-Test und dem CHI2-Test durchgeführt.

In die Befragung wurden insgesamt 94 Eltern mit Kindern in einem Alter bis zu zwei Jahren eingeschlossen. Untersucht wurde ein möglicher Unterschied im Grad der themenspezifischen Vorbildung zwischen:

  1. Klinik (n=44) vs. kinderfachärztliche Praxis (n=50)
  2. Inländer (n=63) vs. Migranten (n=31)
  3. Höhere Bildung (n=43) vs. niedere (n=51)

Um das Ergebnis zu objektivieren, wurden außerdem 88 Kinderärzte mit Hilfe eines Fragebogens, welcher zehn Fragen umfasste, gebeten, das Wissen von Eltern behandelter Kinder in Bezug auf die Kompetenz der Säuglingspflege einzustufen. Von diesen Kinderärzten waren zum Zeitpunkt der Untersuchung 62,5 Prozent im niedergelassenen Bereich tätig, 34 Prozent in der Klinik und 3,5 Prozent in beiden Bereichen.

Ergebnisse:

Fragebogen für Eltern:

  • Gute Kenntnisse der Eltern in den Bereichen Ernährung und Pflege, allerdings Wissensdefizite in den Bereichen Schlafen (vor allem in Bezug auf SIDS), Impfungen sowie Kinderkrankheiten und deren Behandlungsmöglichkeiten.
  • Wissensdefizite um SIDS und Impfungen sind signifikant häufiger bei Migranten, bei Eltern in der niedergelassenen Praxis und mit niedrigem Bildungsstand zu finden.

 

Signifikante Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen werden zwischen Inländern und Migranten am deutlichsten, so findet man hier Unterschiede in der Art des Zusammenlebens und der Anzahl der Kinder.

 

  • Migranten sind häufiger verheiratet und haben mehr Kinder als Österreicher. Weiters zeigen sie ein geringeres Wissen um Impfungen und SIDS.
  • Keine Unterschiede ergeben sich bezüglich Stillen, allerdings erhalten Migrantenkinder früher glutenhaltige Nahrung und seltener die empfohlene Menge an Flaschennahrung.
  • Auffallend ist, dass Eltern mit höherer Bildung ihre Kinder signifikant häufiger stillen und sich an die empfohlene Menge von Flaschennahrung halten. Keine Unterschiede sind aber im Alter der Eltern, Familienstand, in der Anzahl der Kinder und in der Pflege feststellbar.

 

  • Es zeigten sich Vorteile im Bereich der Spitalambulanz bezüglich der Wissensvermittlung.

 

Fragebogen für Kinderärzte:

  • Gutes Wissen der Eltern in den Bereichen Ernährung und Pflege.
  • Mangelndes Wissen der Eltern um Schlafen (SIDS), Impfungen, sowie Kinderkrankheiten und deren Behandlungsmöglichkeiten.
  • Bedenken der Kinderärzte über teilweise mangelnde rechtzeitige Einschätzung des Gesundheitszustandes des Kindes durch die Eltern, sowie falsche Behandlung ihrer Kinder (Abbildung 1 und 2).
  • Die größten Defizite sehen die befragten Ärzte in:
  • einer Falsch- bzw. Überinformation, in der Einschätzung des Schweregrades der Erkrankung, im Wissen um Ernährung, Fieber, Erziehung, Hautpflege und banale Infekte.

 

Drei Viertel der befragten Kinderärzte haben den Eindruck, dass Bildung und Alter der Eltern einen großen bzw. sehr großen Einfluss auf das Wissen haben, 43 Prozent bemerken einen Unterschied im Wissen zwischen Inländern und Migranten.

  • Hauptprobleme sehen sie durch:
  • Aufklärungsdefizite aufgrund der Sprachbarriere, das geringere Wissen bezüglich
  • Ernährung und der damit verbundenen Tendenz zur Überfütterung, sowie den
  • geringeren Hygienestandard.

 

Es besteht ein signifikanter Unterschied im Wunsch nach einem „Babyführerschein“ zwischen den befragten Eltern und Kinderärzten. So wünschen 49 Prozent der Kinderärzte einen verpflichtenden Säuglingsvorbereitungskurs, jedoch nur ein Drittel der befragten Eltern.

Diskussion:

Da eine Vielzahl von Studien die schwere Erreichbarkeit und Motivierbarkeit von Eltern und werdenden Eltern mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund beschreibt, und auch diese Studie Defizite im Wissen der Eltern um Säuglingspflege zeigt, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines verpflichtenden „Babyführerscheins“.

So zeigt eine Evaluierung von Elternbildungsveranstaltungen durch das Österreichische Institut für Familienforschung1 im Jahre 2006, dass Teilnehmer zum größten Teil weiblich, zwischen 31 und 40 Jahren alt, und tendenziell hoch gebildet sind. Studien aus England2 und Schweden3 zeigen, dass junge alleinerziehende Frauen mit einer anderen Muttersprache als der Landessprache am schwersten zu erreichen sind.

 

Um die Gesundheit von Kindern mit Migrationshintergrund zu verbessern, ist ein Abbau von sprachlichen und kulturellen Kommunikationsbarrieren notwendig.

Denn trotz des gleichwertigen medizinischen Angebotes ist die medizinische Versorgung v.a. von Migrantenkindern nicht immer zufriedenstellend. Laut einer Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DG SPJ)4 kämpfen sie häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund mit Adipositas, Entwicklungsstörungen (allen voran Sprachentwicklungsstörungen), Karies, einer höheren Säuglingssterblichkeit und einer höheren Gewaltbereitschaft in der Familie.

Das Beherrschen der Muttersprache als wesentliche Voraussetzung für das Erlernen der Zweitsprache Deutsch zeigt die Notwendigkeit einer intensiven Förderung der Mutter- und Zweitsprache bei Migrantenkindern und deren Eltern.

So empfiehlt die DGSPJ u.a. den Einsatz von fremdsprachigem Informationsmaterial, professionellen Dolmetschern, mehrsprachigen Sozialarbeitern und eine Verbesserung der Kommunikation. Auch sollen Standards in der Betreuung von Migranten im Rahmen von Qualitätsmanagement-Konzepten erstellt und das Thema „Migrantengesundheit“ in die Lehrpläne aufgenommen werden.

Um auch diese Elterngruppe besser erreichen zu können, wäre ein niederschwelliges Beratungskonzept von Vorteil.

Da Elternbildung im Rahmen einer ärztlichen Konsultation in der Praxis nur sehr schwer umsetzbar ist, wäre eine Kooperation von Kinderärzten/ Allgemeinmedizinern mit Mutter-Kind-Spielgruppen, Kinderflohmärkten und/oder mit Sprachkursveranstaltern für Migranteneltern zielführend.

Um eine Stigmatisierung einzelner Elterngruppen zu vermeiden, wäre die Integration von Elternbildung am Arbeitsplatz ein Lösungsvorschlag. Würden Firmen neben ihren herkömmlichen Seminaren Elternbildungsseminare veranstalten, könnten Eltern unterschiedlicher Bildung, unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft etc. angesprochen werden.

Da eine große Unsicherheit über die Vertrauenswürdigkeit von Internetquellen5 unter den Eltern herrscht, wäre auch ein Aushang in der Praxis/Ambulanz über die Internetplattformen des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend www.eltern-bildung.at, www.babyguide.at und www.elternmagazin.at sinnvoll.

 

Ebenso ein Aushang über das Familienservice, welches als Informationsstelle des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend via Email ( ) und Telefon (0800-240- 262) Eltern und werdenden Eltern kostenlos und anonym Auskunft und Hilfestellung bei rechtlichen und finanziellen Fragen, aber auch zu den Themenbereichen rund um Mutter-Kind-Pass, Schwangerschaft und Geburt, Säuglingspflege und Elternbildung gibt. Die Homepage des Ministeriums www.familienberatung.gv.at zeigt eine Auflistung aller 390 Familienberatungsstellen in Österreich, welche Eltern kostenlos in Anspruch nehmen können.

 

Zusammenfassend wäre eine verpflichtende Schulung werdender Eltern, insbesondere an die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen und den Erhalt des Kinder- betreuungsgeldes geknüpft, in mancher Hinsicht sicher vorteilhaft, sie lässt sich aber sowohl juristisch als auch emotional vermutlich nicht leicht umsetzen.

 

Zur besseren Lesbarkeit und Vereinfachung des Textes wird im Folgenden der Begriff „Kinderärzte“ geschlechtsneutral für Kinderärztinnen und -ärzte verwendet. Selbiges gilt für die Begriffe „Politiker“, „Migranten“ , „Inländer“, „Allgemeinmediziner“ und „Teilnehmer“.

1 Betreuer: Univ.Prof. Dr. Reinhold Kerbl Institutionen: Univ.Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz Landeskrankenhaus Leoben – Eisenerz, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde

1 Klepp D./Buchebner-Ferstl S./Cizek B./Kaindl M: „Elternbildung in Österreich. Evaluierung der Elternbildungsveranstaltungen“ 2006 (Universität Wien: Working Paper Nr.70/2008)

2 Cliff D./Deery R: „Too much like school: social class, age, marital status and attendance/Non-attendance at antenatal classes” in Midwifery, 1997 Sep; 13 (3): 139-45

3 Fabian HM, Radestad IJ, Waldenstöm U.: „Characteristics of Swedish women who do not attend childbirth and parenthood classes during pregnancy“ in Midwifery, 2004 Sep; 20 (3): 226-35

4 http://www.dgspj.de/pdfs/Migranten.pdf

5 Semere W., Karamanoukian HL, Levitt M., Edwards T., Murero M., D´Ancona G., Donias HW, Glick PL: “A pediatric surgery study: parent usage of the Internet for medical information” in J Pediatr. Surg., 2003 Apr; 38 (4): 560-4

Fazit für die Praxis
In der Praxis wären Informationsveranstaltungen und die Auflage von Informationsmaterialien in den am häufigsten verbreiteten Sprachen der Migranten zielführend, da die Sprachbarriere eines der Hauptprobleme in der Zusammenarbeit mit Migranteneltern darstellt.

Während einer ärztlichen Konsultation (idealerweise während einer MKP-Untersuchung) wäre ein Aufklärungsschwerpunkt in Bezug auf SIDS (richtige Schlafposition/Umgebung), Impfungen, und bezüglich der saisonal am häufigsten auftretenden Kinderkrankheiten und deren Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll, da in diesen Bereichen die größten Wissensdefizite bestehen.

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