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Quelle: www.paulinchen.de
Bei Verbrennungen bei Kindern muss schnell und richtig gehandelt werden. Aufklärungsmaterial für die Praxis ist beim Selbsthilfe-verein www.paulinchen.de erhältlich.
 

Erstversorgung bei brandverletzten Kindern

Bereits beim ersten Augenschein kann das Ausmaß einer Verbrennung oder Verbrühung relativ gut eingeschätzt werden.

Verbrennungen und Verbrühungen gehören zu den häufigsten Unfällen bei Kindern. Da die Haut bei ihnen dünner ist als bei Erwachsenen, reichen wenige Sekunden Einwirkzeit aus, um schwere Brandverletzungen zu verursachen. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen zum Einsatz kommen sollen und welche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, wurde unter anderem im Rahmen der 59. Jahrestagung der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Süddeutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie in Marburg diskutiert.

 

Eine der wichtigsten ersten Maßnahmen, die an einem Unfallort bei Kindern mit Verbrennungen zu klären sind, ist, das Ausmaß der Verletzung zu bestimmen. Die Körperproportionen von Kindern unterscheiden sich bis ins Jugendlichenalter sehr stark von den Erwachsenen. Satt der Neunerregel nach Wallace müssen altersadaptierte Schemata angewendet werden. Dr. Torsten Hannmann vom Schwer-Brandverletzten-Zentrum der Kinderchirurgischen Klinik am Olgahospital in Stuttgart empfiehlt daher folgende Faustregel: Handfläche eines Kindes repräsentiert etwa ein Prozent seiner Körperoberfläche. Im Kopfbereich müssten gegebenenfalls die Haare rasiert werden, um das Ausmaß einer Verbrühung ganz sehen zu können.

Erste Versorgungsmaßnahmen

Kleinere Verbrennungen sollten innerhalb der ersten 30 Minuten ab Unfall mit lauwarmem Wasser (nicht weniger als 15°C) vor Ort für 10 bis 20 Minuten gekühlt werden, empfiehlt die S2-Leitlinie „Thermische Verletzungen im Kindesalter“ vom Jänner 2009 (http://leitlinien.net/). Üblicherweise ist der Rettungsdienst bzw. Notarzt nach etwa 15 Minuten am Unfallort. Das Zeitfenster, in dem eine Kühlung als erste Maßnahme geeignet ist, um Gewebe zu retten, ist also relativ klein. Bei großflächigen Verletzungen über 15 Prozent Körperoberfläche sollte unter Umständen auf eine Kühlung verzichtet werden, da durch die Verdunstungskälte besonders im Kindesalter eine Unterkühlung droht. Denn Hypothermie, so Hannmann, erhöhe signifikant die Letalität.

Sind die Vitalfunktionen gesichert und Ausmaß, Tiefe sowie Begleitverletzungen der Verbrennung oder Verbrühung abgeklärt und gegebenenfalls behandelt, so ist als erste Therapiemaßnahme eine ausreichende Analgesie durchzuführen. Je nach Schweregrad kommen Paracetamol oder Ibuprofen in Frage, in schweren Fällen auch Ketamin/Ketamin S (unter Umständen auch intraossär oder rektal verabreicht) oder Opiate (z.B. Fentanyl in Kombination mit Midazolam). Sofern möglich, ist das Kühlen der irritierten Hautregion ein weiteres wichtiges Analgetikum.

Rechtzeitig intubieren

Bei Verletzungen im Genitalbereich oder im Gesicht könnte die Harnröhre oder der Mund schnell zuschwellen. Diese Komplikationsmöglichkeit muss im Blick behalten werden, um rechtzeitig eine Intubation einleiten zu können. Spricht das Verletzungsmuster für ein Inhalationstrauma, so muss im Mund nach Rußablagerungen oder ähnlichen Hinweisen Ausschau gehalten werden. Im Zweifelsfall ist zu bronchoskopieren.

Im Fall von Brandverletzungen gibt Hannmann weitere folgende Tipps:

  • Unverletzte Streifen auf den Augenlidern sprechen dafür, dass diese nicht mehr zugekniffen werden können. Thermische Verletzungen in der Nähe des Auges sollen prinzipiell vom Augenarzt kontrolliert werden.
  • Sind mindestens zwei Drittel einer Zirkumferenz von Verbrennungen oder Verbrühungen dritten Grades betroffen, droht ein Kompartmentsyndrom. Richtige Schnittführung für eine Escharotomie oder Fasziotomie siehe S2-Leitlinie.
  • Blasen immer abtragen, es sei denn, es droht keine Gefahr der akzidentellen Eröffnung (z. B. Fingerbeeren)
  • Fremdkörpereinsprengungen in der Haut entfernen, damit kein Tätowierungseffekt entsteht.

Die optimale Wundauflage gibt es nicht

Von der optimalen Wundauflage wird gefordert, dass sie die Heilung fördert, sich möglichst schmerzfrei wechseln lässt, Infektionen verhindert und Schmerzen lindert. „Leider gibt es ein solches Produkt im Handel noch nicht“, merkte Hannmann an, deshalb müsse man Kompromisse eingehen.

Wichtig sei vor allem, dass man sich für einige oder wenige Produkte entscheide, resümierte Hannmann. Denn jedes Produkt sei anders zu handhaben und die Wunden sähen bei jeder Wundauflage anders aus. Er rät, sich zunächst grundsätzlich zu entscheiden, ob eine antiseptische Wundauflage erforderlich ist. Wundauflagen mit Silber würden vielfach verwendet, seien aber auch umstritten, da es Berichte über Silberintoxikationen gegeben habe.

Zur Wundversorgung gehört zudem eine gute Dokumentation, die auf speziellen Bögen für nachfolgende Kollegen festhält, wo die Verletzungen liegen und wie schwer diese sind. Während des Eintragens kann laut Hannmann darüber nachgedacht werden, wie plausibel der beschriebene Unfallmechanismus ist.

Um psychische Folgestörungen so weit als möglich zu vermeiden, sollten Verbandswechsel großzügig unter Narkose durchgeführt werden, rät Hannmann. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass in Gegenwart des Kindes keine unbedachten Äußerungen gemacht werden. Aber auch den Eltern sollte psychologische Hilfeleistungen angeboten werden.

Keine prophylaktischen Antibiotika

Verbrennungswunden sind äußerst infektionsgefährdet. Infektionen könnten zu einer Vertiefung der Wunde führen, ein Transplantat gefährden oder unter Umständen eine Sepsis auslösen. Dennoch seien prophylaktische Antibiotika nur in wenigen Ausnahmefällen (gegebenenfalls bei Inhalationstrauma) von Vorteil, betonte Hannmann. Als weitere Maßnahme zur Infektionsverhinderung könne eine Umkehrisolierung mit Luftüberdruck im Krankenzimmer hilfreich sein. Auch eine begrenzte Anzahl der Besucher, die zudem Kittel, Mundschutz und Handschuhe tragen und sich beispielsweise nicht auf das Bett des Kindes setzen, sind als wichtige vorbeugende Schutzvorrichtungen anzusehen.

Chirurgie oder Spontanheilung?

Am Anfang ist es sehr schwer, die Tiefe einer thermischen Verletzung einzuschätzen, betont Hannmann. Selbst erfahrene Verbrennungschirurgen liegen bei der Ersteinschätzung zu etwa 20 Prozent falsch. Daher rät der Experte dazu, diese Unsicherheit am Anfang den Eltern unbedingt mitzuteilen, um spätere Konflikte zu vermeiden. Als Faustregel habe sich etabliert, bei Verbrühungen acht bis zehn Tage mit einer Transplantation zuzuwarten, bei Verbrennungen drei bis sechs Tage.

In Deutschland wird eines von 100 Kindern pro Jahr wegen einer thermischen Verletzung ambulant behandelt, etwa 6.000 Kinder benötigen eine stationäre Betreuung und um die 800 Kinder müssen jedes Jahr wegen thermischer Verletzungen intensivmedizinisch betreut werden. Während im Kleinkindalter Verbrühungen als Ursache bei weitem überwiegen, haben im Alter von 4 bis 14 Jahren Verbrennungen bereits einen Anteil von rund einem Drittel, im Alter von 14 bis 18 Jahren sogar von rund der Hälfte (siehe Grafik).

 

Quelle: 59. Jahrestagung der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Süddeutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie vom 19. bis 21. März 2010, Marburg.

Von Heike Thiesemann-Reith, Ärzte Woche 15 /2010

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