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Die Krankheit ohne Namen

Ein Mangel an essenziellen Fettsäuren kann weitreichende Konsequenzen haben.

Englische Studiendaten beziffern die Zahl der Kinder mit Konzentrationsstörungen mit bis zu zehn Prozent. Neue Untersuchungen machen einen Mangel an mehrfach ungesättigten Fettsäuren dafür verantwortlich. Die Gehirne der Kinder verhungern gleichsam vor vollen Kühlschränken.

 

Fehlernährung führt zu einem Mangel an essenziellen Fettsäuren. Aktuelle Studien zeigen Zusammenhänge nicht nur mit der Entstehung des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS), sondern auch mit Depression, Autismus und einer Vielzahl von Verhaltensstörungen. In einem Journalisten-Seminar in Zusammenarbeit mit der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde informierten Experten über die neuen Erkenntnisse: Die Langkettigen-Ungesättigten-Omega-Fettsäuren sind notwendig für das strukturelle Wachstum von Nervenzellen, aber auch für deren reibungsloses Funktionieren. Nicht nur ein Mangel, sondern auch ein Ungleichgewicht zwischen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren führen bereits zu – zum Teil schweren – Störungen.

Wegbereiter für ADHS

Die verminderte Leistung der Nervenzellen ist Wegbereiter für Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Autismus oder das ADHS mit oder ohne Hyperaktivität. Aber auch in anderen wichtigen Bereichen des Organismus wie etwa dem Immunsystem kann es zu massiven Störungen kommen, da diese Fettsäuren das Vorläufermolekül für viele Signalstoffe des körpereigenen Abwehrsystems darstellen, die dann vermindert gebildet werden.

Prim. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Landesklinikum St. Pölten und Vorsitzender der „Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde“ zur aktuellen Situation: „All diese Erkenntnisse sind sehr, sehr jung. Zunächst entdeckte man, dass Kinder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ähnliche körperliche Symptome zeigten wie Kinder mit einem Omega-3-Fettsäure-Mangel – also etwa trockene Haut, trockene Haare, vermehrten Durst und oftmaliges Urinieren. Erste Beobachtungsstudien in den 1990er-Jahren bestätigten den Verdacht eines Zusammenhanges, waren aber noch nicht beweisend. Erst in den letzten fünf Jahren erschienen jene Studien, auf die es ankommt. Durch die Verwendung standardisierter Präparate in Placebo-kontrollierten Doppelblindstudien haben wir nun den Beweis, dass die Gabe von Omega-3/6-Fettsäuren zu einer deutlichen Verbesserung der kognitiven Leistung von betroffenen Kindern führt.“

Leistungssteigerung durch Nervennahrung

Schon lange beschäftigt sich Ass. Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, ärztliche Leiterin der Tagesklinik und Ambulanz für Psychosomatik, Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, AKH Wien, mit ADHS, das mit oder ohne Hyperaktivität auftreten kann. Hackenberg: „Nach dem heutigen Stand des Wissens behandeln wir betroffene Kinder zunächst mit Psychotherapie, natürlich unter Einbeziehung des gesamten Umfeldes von den Lehrern bis zu den Eltern. Der nächste Schritt ist die Gabe der Omega-Fettsäuren, weil wir wissen, dass sie die Leistung der betroffenen Nervenzellen in vielen Fällen deutlich verbessern. Das tun wir, ehe wir mit ‚schweren chemischen Geschützen‘ wie etwa Amphetaminen auffahren. Rezente Studien zeigen uns, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten dieser Omega-Fettsäuren und ihrer generell leistungssteigernden Effekte sind. Anders ist die Vielfalt der Wirksamkeit bei sehr unterschiedlichen Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie und sogar Alzheimer nicht zu erklären.“ Im April kommt ein neues Präparat, das in verschiedenen Studien verwendet wurde, auch nach Österreich.

 

Quelle: Journalisten-Seminar „Die Krankheit ohne Namen“, Wien, 12. 3. 2010

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