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© Sterntalerhof
Abb. 1: Palliative Care kann so etwas wie „Sternstunden“ erzeugen – Momente des Glücks, des Aufgehoben-Seins in einer schweren Zeit.
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Abb. 2: Durch den spielerischen Umgang mit den Tieren in der freien Natur, können diese emotionalen Beeinträchtigungen und Defizite wieder ausgeglichen werden. Pferde eignen sich besonders dazu, weil sie vielfältige Möglichkeiten anbieten.

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Abb. 3: Der Sterntalerhof ist ein Regenerations- und Erholungsort für Familien, die von Krankheit, Behinderung oder Verlust unmittelbar bedroht oder betroffen sind.

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Abb. 4 und 5: Durch den spielerischen Umgang mit den Tieren in der freien Natur können emotionale Beeinträchtigungen und Defizite wieder ausgeglichen werden.

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Abb. 5 

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Abb. 6: Brüderreiten

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Abb. 7: Förderung im Spiel auf dem Pferd

 
Kinder- und Jugendheilkunde 19. Jänner 2010

Palliative Begleitung am Sterntalerhof

Vorstellung eines Kinderhospizes

Der Sterntalerhof hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien in Ausnahmesituationen, wie bei schweren Erkrankungen, Behinderungen oder nach traumatischen Ereignissen ein Stück ihres Weges zu begleiten. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei den jungen Gästen, die von einer chronischen, lebensbedrohlichen oder lebenslimitierenden Erkrankung betroffen sind. Der Sterntalerhof versteht sich als Raststelle (ursprünglicher Begriff von Hospiz), wo alle Familienmitglieder zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken, um mit Zuversicht ihren eigenen Weg in vertrauter Umgebung gehen zu können. Neben Kunst- und Musiktherapie ist die therapeutische Arbeit mit Pferden ein großer Bestandteil dieser Form palliativer Begleitung.

Palliative Begleitung, Palliative Care, Pädiatrische Palliativversorgung

Der Begriff „palliativ“ (zu lat. pallium für „Mantel“) bedeutet schützend und lindernd. Eine palliative Begleitung geht über medizinische Schmerzbehandlungen hinaus, auch wenn dieses Wort vor allem in der begrifflichen Zusammensetzung mit dem Wort „-Medizin“ verwendet wird. Palliative Begleitung bezieht sich auch nicht ausschließlich auf die letzte Lebensphase eines Menschen. Sie kann als therapeutische Form von personzentrierter Beziehungsgestaltung in die alltägliche heilpädagogische Arbeit eingewoben werden. Dieses Spezialgebiet der Medizin wird auch „Palliative Care“ genannt, welche durch die weltweite Hospizbewegung entwickelt wurde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das neue Fachgebiet 2002 folgendermaßen definiert:

„Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von PatientInnen und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, welche mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen - und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, die untadelige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art“ (1).

Im Deutschen wird synonym für den englischen Terminus „palliative care“ auch der Begriff „Palliativversorgung“ verwendet. Geht es um die Begleitung von Kindern und Jugendlichen handelt es sich um eine pädiatrische Palliativversorgung. Weitere Informationen dazu auf folgender Homepage: http://www.dgpalliativmedizin.de.

Der Sterntalerhof

Der Sterntalerhof (Südburgenland, Österreich) existiert seit 1999 und wurde von der Voltigierinstruktorin und Psychotherapeutin Regina Heimhilcher sowie dem klinischen Seelsorger Peter Kai ins Leben gerufen. Derzeit können ein bis zwei Familien beherbergt werden. Zusätzlich werden regelmäßig so genannte Geschwisterwochen organisiert, wobei die Geschwister von lebensbedrohlich oder chronisch kranken Kindern bzw. Jugendlichen ganz im Mittelpunkt der Begleitung stehen. Während des ein- bis dreiwöchigen Aufenthaltes steht den Gästen dabei eine voll ausgestattete Wohneinheit zur Verfügung. Der Sterntalerhof mit einem operativen Team bestehend aus Palliativmediziner, Seelsorger, Kinderkrankenschwester, Sonder- und Heilpädagogin, Sozialfachbetreuerin, Musiktherapeut und Kunsttherapeutin ist einfach da und kann auf Bedarf auch öfters für einen Therapie-Aufenthalt zur Verfügung stehen. Der Sterntalerhof ist ein Regenerations- und Erholungsort für Familien, die von Krankheit, Behinderung oder Verlust unmittelbar bedroht oder betroffen sind. Er erfüllt heutige Standards pädiatrischer Palliativversorgung und erfüllt damit eine Brückenfunktion zwischen medizinischer Vollversorgung im Spital und Selbstständigkeit zu Hause, wo die Familie für sich wieder als vitale Kraftquelle wirken kann. Derzeit gibt es am Sterntalerhof fünf ausgebildete Therapiepferde, ein Pony, eine Labrador-Hündin, eine Katze, einen Kurzohrzwergziegenbock und zwei Kamerunschafe, die in den therapeutischen Alltag miteinbezogen werden. Kraft tanken, Ruhe finden und Zuversicht gewinnen sind die Hauptanliegen für betroffene Familien.

Die Echtkosten für eine Woche Therapieaufenthalt am Sterntalerhof (als gemeinnütziger Verein darf kein Gewinn beansprucht werden) belaufen sich auf ca. 2500 Euro. Da betroffene Familien diesen Betrag nur selten aufbringen können, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Finanzierung. Jede Familie zahlt, soviel ihre Situation zulässt. Den Rest bringt der Sterntalerhof über Spenden auf oder unterstützt bei der Abwicklung von Ansuchen an verschiedene Stiftungen, Institutionen evtl. auch Krankenkassen.

Hintergründe

Die Anzahl behandlungsbedürftiger Kinder hat in den letzten Jahren trotz oder paradoxerweise genau durch den medizinischen Fortschritt zugenommen. Gerade bei Krebserkrankungen kann auch Jahre nach einer erfolgreichen Therapie nicht von Heilung gesprochen werden, da die Möglichkeit eines Rückfalls über längere Zeit bestehen bleibt. Mittlerweile sind zehn Prozent aller Kinder von einer chronischen Erkrankung betroffen. Das bedeutet unter Umständen neben einer jahrelangen Ungewissheit über den Ausgang der Erkrankung auch die Belastung durch strapaziöse Therapien. Für einen kleinen Teil lebensbedrohlich erkrankter Kinder und ihrer Familien steht an dieser Stelle die Qual der Gewissheit, dass ein Überleben der Krankheit nicht möglich ist (2).

Krankheitsbilder und Behinderungsformen, die diesen Problemkreis betreffen, sind progressive Muskelerkrankungen (progrediente Muskeldystrophie Typ Duchenne), Sekretanomalien (zystische Fibrose oder Mukoviszidose), MPS (Mukopolysacharidose), AIDS im Krankheits- stadium, zerebrale Entzündungsprozesse und bestimmte onkologische Erkrankungen wie Sarkome, Gehirntumore, Formen von Leukämie und Neuroblastom. Auch bei körperbehinderten Kindern und Jugendlichen mit komplexen, schweren Organschädigungen und großer Körperschwäche können Krisensituationen mit perithanataler Problematik eintreten (z.B. bei chronischer Niereninsuffizienz).

Allgemeine Belastungen lebensbedrohlich erkrankter Kinder

Es gibt wohl kaum ein Ereignis, das eine Familie so hart trifft, wie der Tod oder eine lebensbedrohliche Situation eines ihrer Kinder, sei es durch eine unerwartete akute oder chronische Erkrankung, durch einen Unfall, oder durch eine dauerhafte Behinderung. Die Folgen sind zuerst meist bei allen Beteiligten ein lähmendes Gefühl von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Schuldgefühle oder Angst und manchmal auch das Gefühl von Panik. Lebensbedrohlich erkrankte Kinder werden aus psychopathologischer Sicht als Hochrisikogruppe eingestuft. Sie sind in besonderem Maße gefährdet, psychische und psychosomatische Störungen zu entwickeln. Der Wunsch nach professioneller Hilfe ist bei den erkrankten Kindern mit 44 Prozent recht hoch, bei den Eltern erkrankter Kinder liegt er bei 64 Prozent (3). Das Erleben des Alltags lebensbedrohlich erkrankter Kinder und Jugendlicher ist häufig geprägt von einer Vielzahl seelischer Erschütterungen und Belastungen. Dazu zählen nicht nur körperliche Schmerzen und der zunehmende Verlust der eigenen Selbständigkeit mit gleichzeitiger Zunahme der Hilfs- und Pflegebedürftigkeit, sondern auch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Trennung von Bezugspersonen und Bezugsgruppen, Mitleidsreaktionen der sozialen Umwelt, persönliches Erleben des „Nicht-Mehr-Dazugehörens“ und des Andersseins. Eine große Belastung entsteht auch durch das nahe Umfeld – je nach dem wie die nahen Angehörigen mit der Situation umgehen, kann sich der Stress vervielfachen oder auch verringern.

Durch die Erkrankung werden die individuellen Handlungsspielräume zunehmend eingeschränkt, was besonders bei Jugendlichen zu großen Problemen führt. Ihre ersten Schritte in die Selbständigkeit werden durch die lebensbedrohliche Situation wieder begrenzt, da sie erneut von ihrer Umgebung abhängig werden. Zusätzlich können Pläne für die Zukunft nur mehr in eingeschränktem Rahmen gemacht werden, was zu weiterer Unsicherheit führt und das eigene Selbstkonzept aus dem Gleichgewicht bringen kann. Schließlich führt die Lebensbedrohung auch zu einer Unterbrechung oder sogar vorzeitigen Beendigung von bewährten Sozialkontakten. Dadurch destabilisiert sich die Sozialkompetenz des erkrankten Kindes, sodass es kaum noch in der Lage ist, sich selbst in persönlicher und sozialer Identität darzustellen. Freiheit und Autonomie werden beeinträchtigt, Selbstkon- trolle geht verloren, das Selbst- und Körperbild verändern sich durch krankheits- oder behandlungsbedingte körperliche Veränderungen. Angst in die Schule zu gehen, ausgelacht zu werden, wiederholen zu müssen, anders behandelt zu werden, Unterforderung oder Verwöhnung vom Umfeld stellen weitere Belastungen dar. Neben diesen Folgen müssen sich die erkrankten Kinder und Jugendlichen auch noch mit Themen über Leben, Tod, Zukunft und Trennung auseinandersetzen. Bei malignen Erkrankungen geht eine große Bedrohung von der Möglichkeit eines Rückfalls aus. Auch nach Jahren der Erstdiagnose können die Betroffenen mit „Todesängsten“ konfrontiert werden.

Was wir tun können

Wir, die Therapeutinnen und Therapeuten am Sterntalerhof, konfrontieren uns bewusst mit diesen Krisensituationen und stellen uns die Frage, welche Möglichkeiten erfahrbarer Unterstützung anzubieten sind.

Auch wenn von medizinischer Seite durch kurative Maßnahmen keine Aussicht auf Heilung besteht, möchten wir in Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärztinnen, Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten palliativ diesen Kindern und Jugendlichen mit ihren Familien Chancen und Möglichkeiten für eine möglichst hohe Lebensqualität bieten.

Eine in diesem Bereich angesiedelte Begleitung kann unmöglich linear-kausalen Modellen folgen. Sie sollte zur Krankheitsbewältigung und Lebensqualität beitragen sowie psychosoziale Hilfen entwickeln, die den jeweiligen Bedürfnissen und psychodynamischen Hintergründen der Betroffenen gerecht werden können (4).

 

Ziel unserer Tätigkeit ist daher die ganzheitliche und familienorientierte Lebens-, Sterbe-, und Trauerbegleitung, worin unsere Gäste als körperlich-seelisch-geistig-spirituelle Einheit wahrgenommen und individuelle Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Eine personzentrierte Begleitung soll dem Menschen trotz Krankheit und Gebrechlichkeit seine unverletzbare Würde bewusst und tiefe menschliche Begegnung und Beziehung erfahrbar machen.

Für das Kind ist im Gegensatz zu seinen Eltern charakteristisch, dass es seine soziale Unterstützung im Wesentlichen aus einer einzigen Quelle ziehen muss, nämlich aus seiner Familie. Diese vitale Abhängigkeit des Kindes von seiner Familie begründet die Notwendigkeit eines familienorientierten Begleitungskonzeptes. Wir gehen von der Annahme aus, dass wir das betroffene Kind insbesondere dadurch stärken, indem ihm seine Familie in ihrer Unterstützungsfunktion für das Kind möglichst optimal verfügbar gemacht wird.

Das bedeutet für unsere therapeutische Arbeit am Sterntalerhof, Eltern und Geschwisterkinder gleichermaßen in die Begleitung – den therapeutischen Alltag – mit einzubeziehen. Durch Kunst-, Musik- und Gesprächstherapie sowie tiergestützte Therapie können eigene Ressourcen erkannt, der innerfamiliäre Zusammenhalt gestärkt und Bewältigungsstrategien entwickelt werden.

 

Alles, was Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung der Krankheit und ihrer Folgen unterstützt, sollte genutzt werden. Die individuellen Vorlieben, das Alter der Kinder, ihre kulturelle Herkunft sowie ihr familiäres bzw. soziales Umfeld berücksichtigend, müssen wir speziell abgestimmte Strategien entwickeln, um der jeweiligen Situation gerecht zu werden.

Der wichtigste aller Grundsätze und Voraussetzung für eine erfolgreiche, einfühlsame Begleitung ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung. Die betroffenen Kinder, Geschwisterkinder und Eltern sollen erfahren, dass wir ihre Gefühle, Ängste und Sorgen ernst nehmen und sie damit nicht alleine lassen. Darauf aufbauend können in therapeutischen Settings traumatische Erfahrungen (z.B. medizinische Eingriffe, lange Krankenhausaufenthalte, schmerzhafte Behandlungen, usw.) aufgearbeitet und Bewältigungsstrategien für die Zukunft entwickelt werden.

Um dies zu ermöglichen ist es vor allem notwendig, den durch schwere Krankheit oder gar durch Todesbedrohung belasteten Kindern und deren Angehörigen ein breites Angebot an Erlebnis- und Ausdrucksmitteln zur Verfügung zu stellen.

 

  • Hier bereichert uns die freie Natur mit ihrer Vielfältigkeit. Gerade durch eine lang andauernde Erkrankung und der Erfahrung von Schmerz und Angst, sich bedroht zu wissen, kann das Vertrauen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen, zur Umwelt und zu Gott beeinträchtigt werden. Durch den spielerischen Umgang mit den Tieren in der freien Natur, können diese emotionalen Beeinträchtigungen und Defizite wieder ausgeglichen werden. Pferde eignen sich besonders dazu, weil sie vielfältige Möglichkeiten anbieten: Sie lassen sich beobachten, berühren, pflegen, füttern, reiten; sie sind anspruchsvolle Partner und in ihrem Verhalten weitgehend verlässlich. Sie tolerieren wertungsfrei das jeweilige Ausmaß von Nähe und Distanz. Pferde haben ein feines Gespür für menschliche Befindlichkeiten und sind absolut authentisch in ihrem Verhalten. Sie bewerten, bemitleiden und bestrafen nicht. Durch die Möglichkeit des Reitens entsteht auch das Gefühl des Getragenseins und Gewiegtwerdens. Dadurch sind Pferde auch bestens geeignet, verletztes Vertrauen zu heilen und das Bedürfnis nach positiver Zuwendung zu befriedigen. Die Relevanz des Pferdes innerhalb der palliativen Begleitung kann im Rahmen dieses Artikels leider nicht ausführlicher dargestellt werden. Genauere Informationen dazu in Graschopf, 2008 (5).

 

  • Die Arbeit mit kreativen Medien (malen, modellieren, usw.) stellt eine weitere Möglichkeit dar, mit betroffenen Kindern über ihre physischen und psychischen Schmerzen zu reden, Gefühle zum Ausdruck zu bringen und Krankheitsbewältigung zu fördern. Ein Grundsatz in der palliativen Begleitung liegt darin, die Signalbotschaften des Kindes zu deuten und entsprechend darauf zu reagieren. Vor allem bei Kindern muss man immer bedenken, dass ihre Bedürfnisse, Ängste und Gefühle verschlüsselt geäußert werden. Durch Einfühlungsvermögen und Sensibilität, können Botschaften erkannt und dem Kind gezeigt werden, dass es verstanden wird. Wo viele Kinder durch übermächtige Konflikte verstummen, werden Bilder und Modellierarbeiten so zu Verständigungsbrücken. Zeichnen, malen und modellieren sind gerade für Kinder lustbetonte Methoden, um sich mit allen Wünschen, Ängsten und Impulsen gefahrlos auszudrücken. Schmerzliche Erlebnisse, die passiv erlitten werden mussten, können im verkleinerten Maßstab aktiv wiederholt und bewältigt werden. Bilder geben das wider, was das lebensbedrohlich erkrankte Kind nicht in Worte fassen kann. Dadurch kann es auf nonverbale Weise sein Wissen und seine Ängste mitteilen (6).

 

  • Das Spiel beinhaltet für das Kind ebenfalls die Möglichkeit durch Gesten, Haltungen, Mimik, Bewegungen und Imitationen seinen Gefühlen und Ängsten Ausdruck zu verleihen. Das Kind hat im Spiel Kontrolle über seine Emotionen und Affekte, wodurch es zugleich Gefühle ausleben und Spannungen reduzieren kann. Spielen eignet sich dazu, zukünftige Situationen auszuprobieren und Erlebtes zu verarbeiten. Das Spiel stellt eine Verbindung zwischen der emotionalen Welt des Kindes und der sprachlichen Welt des Erwachsenen dar und ist somit eine wichtige und wertvolle Hilfe für die Krankheitsverarbeitung (7).

 

  • Musiktherapie ist eine weitere Methode, die am Sterntalerhof angeboten wird. Durch den Einsatz von verschiedenen leicht zu spielenden Instrumenten können Ängste, Sorgen und Schmerzen mitgeteilt und ausgedrückt werden bzw. auch in den Hintergrund treten. Die Kinder am Sterntalerhof finden meistens für ihre Emotionen wie z.B. Trauer, Wut, Aggressionen, Hilflosigkeit, Schuldgefühle und auch für ihre Schmerzen keine passenden Worte. Durch verschiedene Spiele (Improvisationen) umgehen wir das Wort und tauchen in eine neue Art der Kommunikation ein. Das Medium Musik kann gewisse Blockaden (Scham, nicht reden mögen bzw. können) aufheben. Wichtig ist, dass die ganze Familie das Gefühl vom „lustvollen“ Spiel für sich entdeckt. Musik kann unsere Stimmungen beeinflussen, zur Entspannung beitragen, Unsicherheit, Frustration und Nervosität abbauen und das Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Das Gehör ist eines der am frühesten entwickelten Sinnesorgane und auch eines der letzten, welches uns am Ende des Lebens verlässt. Daher vermag dieses Medium in tiefe Seelenschichten vorzudringen, uns emotional anzusprechen und damit Ventil für Gefühle und Empfindungen zu sein. Musik dient nicht nur als Kommunikationsform und symbolische Sprache, sie fördert auch Kreativität, Phantasie und die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen. Die Therapeutin / der Therapeut versetzt sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln in jene Rolle, die die Klientin / der Klient gerade braucht (z. B. die führende Rolle, Sicherheit/Gebogenheit gebend, Wärme – Rhythmus – Konstanz, Begleitung, Stütze).

 

  • Heilpädagogisches Voltigieren (HPV) ist ein großer Bestandteil unserer Tätigkeit, wobei nicht die sportliche Leistung, sondern der therapeutische Prozess im Vordergrund steht. Heilpädagogisches Voltigieren umfasst immer den ganzen Menschen in seinen physischen, psychischen und sozialen Bereichen. Hier geht es primär um folgende Punkte:
  1. um die Unterstützung des Selbstvertrauens und des Selbstbewusstseins
  2. um die Bewusstmachung des eigenen Selbstwertes, der auch durch Krankheit und Behinderung nicht eingeschränkt werden kann
  3. um die Erreichung einer besseren Beziehungsfähigkeit und Akzeptanz zu seiner eigenen Person, zu seiner Umwelt und zu seinen sozialen Kontakten
  4. um die Förderung der sensorischen Integration
  5. durch die Unterstützung der Tiere kann durch Bewegung, Spiel, Spaß und Freude hohe Lebensqualität erreicht werden.

 

  • Sensorische Integration ist der Prozess des Ordnens und Verarbeitens sinnlicher Eindrücke (sensorische Inputs), so dass das Gehirn eine brauchbare Körperreaktion und ebenso sinnvolle Wahrnehmungen, Gefühlsreaktionen und Gedanken erzeugen kann. Die sensorische Integration sortiert, ordnet und vereint alle sinnlichen Eindrücke des Individuums zu einer vollständigen und umfassenden Hirnfunktion“ (8). Empfindungen, die gut organisiert verarbeitet werden, sind wie „Nahrungsmittel für das Gehirn“ und die Grundlage für alle Lern- und Verhaltensprozesse. Die Integration führt Empfindungen in die Wahrnehmung über und gibt ihnen Bedeutung, sodass der Mensch auf bestimmte Stimuli, der Situation entsprechend, adäquat reagieren und handeln kann. Die Integration der Sinne geschieht bei den meisten Menschen automatisch, sodass wir das Funktionieren unserer Sinnesorgane als selbstverständlich empfinden. Störungen der sensorischen Integration sind unter Kindern weit verbreitet (9). Der sensorischen Integrationstherapie liegt die Idee zugrunde, Sinneseinwirkungen seitens des Gleichgewichtssystems, der Muskeln, der Gelenke und der Haut zu schaffen und so zu dosieren, dass es dabei beim Kind zu spontanen Anpassungsreaktionen an diese Reize kommt, die zu einer Integration der erlebten Empfindungen in das Nervensystem führen (10). Durch lange Krankenhausaufenthalte und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit kann es häufig zu sensorischen Integrationsstörungen kommen, die nicht nur Einfluss auf die körperliche Ebene haben, sondern stark mit der Befindlichkeit eines Menschen verknüpft sind, Ängste und Unsicherheiten auslösen können und damit Rückwirkungen auf das Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen haben. Mit speziellen therapeutischen Materialien (Noppenball, Fädelbrett, Sandsäcken, Gummibändern, usw.) die wir ins Heilpädagogische Voltigieren und Reiten einbinden, werden auf spielerische Weise die sensorische Integration gefördert und das Wohlbefinden gesteigert.

Der Ablauf

  • Vor dem konkreten Aufenthalt am Sterntalerhof gibt es ein persönliches Erstgespräch in dem die Problemsituation, der therapeutische Auftrag und die ärztliche Zuweisung besprochen werden.
  • Am ersten Tag des Aufenthaltes gibt es ein therapeutisches Erstgespräch mit allen anwesenden Therapeutinnen und Therapeuten, in welchem der Hof- und Therapiealltag erklärt sowie Wünsche und Erwartungen ausgetauscht werden.
  • In den ersten Therapiestunden geht es vor allem um den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung. Dies kann sowohl durch die oben beschriebenen therapeutischen Methoden erfolgen, als auch im alltäglichen Miteinander: beim Füttern des Ziegenbocks, beim Versorgen der Pferde, bei einem Lagerfeuer, bei der täglichen Stall- oder Gartenarbeit, beim Hufe auskratzen, Katzen streicheln, Tisch dekorieren, Rasen mähen, Kräuter ernten, Nüsse knacken, beim Beobachten der Natur oder der Pferde auf unseren Koppeln, beim Spazieren gehen mit unserer Labradorhündin durch die südburgenländische Landschaft, bei Kaffee und Kuchen, usw.
  • Für den gesamten Therapieverlauf gibt es einen Standard-Plan, der einen Mix der angebotenen Methoden darstellt, sich aus den Erfahrungen all der Jahre entwickelt hat und als Leitfaden für die Therapiewoche dient.
  • Dieser Standard-Plan wird vom ersten Tag an laufend an die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der betreuten Familie angepasst.
  • Da auch die Therapeutinnen und Therapeuten mit ihren Ressourcen haushalten müssen und um in Zeiten der Begleitung ganz für die Familien präsent sein zu können, sieht die therapeutische Betreuung am Sterntalerhof täglich ca. 8 Stunden Verfügbarkeit vor.
  • In extremen Krisensituationen wird die Familie je nach Bedarf auch darüber hinaus begleitet. Dies beinhaltet auch die Betreuung der Familie bei sich zuhause, wenn dies erwünscht und erforderlich sein sollte.
  • Neben der empathischen Atmosphäre, die wir bieten wollen, ist es uns wichtig, keine Abhängigkeit zu schaffen, sondern die Familie in ihrer Kompetenz und Selbstständigkeit zu unterstützen.

1 Sonder- und Heilpädagogin, Heilpädagogische Voltigiertherapeutin i.A., Therapeutin und Koordinatorin der stationären Familienbegleitung am Sterntalerhof.

Literatur

 

[1] http://www.who.int/cancer/palliative/definition/en/ [13.3.2009]

[2] Petermann, F.; Bode, U.; Schlack, H. (1990): Chronisch kranke Kinder und Jugendliche. Eine interdisziplinäre Aufgabe. Köln: Deutscher Ärzte Verlag. 17-19

[3] Senitza, M. (1992): Krankheitsbewältigung von Familien mit chronisch kranken Kindern. Diplomarbeit. Universität Wien. 2-3

[4] Lehmkuhl, G. (1996) (Hrsg.): Chronische Erkrankungen im Kindesalter und ihre Auswirkungen auf Entwicklung, Verhalten und Lebensqualität. In: LEHMKUHL, Gerd (Hrsg.): Chronisch kranke Kinder und ihre Familien. München: Quintessenz. 13-19

[5] Graschopf, L. (2008): Die Palliative Begleitung progredient erkrankter Kinder durch Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten am Beispiel des Sterntalerhofes. Diplomarbeit. Uni Wien

[6] Leyendecker, C.; Lammers, A. (2001): „Lass mich einen Schritt alleine tun“ - Lebensbeistand und Sterbebegleitung lebensbedrohlich erkrankter Kinder. Stuttgart: Kohlhammer. 134-136

[7] Badier, A. (1999): Gestalttherapie mit Kindern und Jugendlichen. In: Fuhr, R. u.a. (Hrsg.): Handbuch der Gestalttherapie. Göttingen: Hogrefe. 953-96

[8] Ayres, J. (1984): Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Berlin: Springer. 37

[9] Ayres, J. (ebd.): 3-6

[10] Ayres, J. (ebd.): 19

Zur Person
Mag.a Lisa Graschopf
Sonder- und Heilpädagogin, Heilpädagogische Voltigiertherapeutin i.A.,
Therapeutin und Koordinatorin der stationären Familienbegleitung am Sterntalerhof.
Fazit für die Praxis
Bei aller Begeisterung für das Thema muss hinzugefügt werden, dass der Sterntalerhof kein Allheilmittel ist und die erkrankten Kinder und Familien nicht gesund machen kann. Wir können den Prozess des Umgangs mit der Erkrankung und den Sterbeprozess begleiten und vielleicht aus genannten Gründen erleichtern, es kann so etwas wie „Sternstunden“ erzeugen – Momente des Glücks, des Aufgehoben-Seins in einer schweren Zeit. Die Auswirkungen des Heilpädagogischen Voltigierens, Musik- und Kunsttherapie bieten erkrankten Kindern und Jugendlichen in unterschiedlicher Weise Möglichkeiten zur Bewältigung dieser besonderen Situation, auf die auch nicht leichtfertig verzichtet werden sollte.

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