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Abb. 1: Kleinkinder befinden sich, kurz gefasst, zwischen „zu viel“ und „zu wenig“, was die Qualität ihrer Ernährung betrifft.
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Abb. 2: Der Verzehr von Kindermilch trägt, wie eine französische Studie zeigt, dazu bei, die Nährstoffversorung von Kleinkindern zu verbessern.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 19. Jänner 2010

Ernährung

Die Ernährungssituation von Säuglingen und Kleinkindern

Status quo, Risiken, LösungsansätzeEr

Der Ernährungsbericht 2008 zeigte für die Gruppe der Kleinkinder ein sehr heterogenes Bild bezüglich der Nährstoffversorgung auf. Kurz gefasst befinden Kleinkinder sich zwischen einem „zu viel“ und „zu wenig“, was die Qualität ihrer Ernährung angeht. Diese Imbalanzen bergen ein Risiko für die Entwicklung und für das Auftreten von Erkrankungen im späteren Leben. Aktuell wird beispielsweise über die Höhe der Proteinzufuhr im Zusammenhang mit dem Risiko für eine spätere Adipositas diskutiert. Sind proteinreduzierte und nährstoffangereicherte Milchprodukte für Kleinkinder ein adäquater Lösungsansatz? Im diesjährigen HiPP-Symposium im Rahmen des Deutschen Kinderärztekongresses haben sich nationale und internationale Experten am 5. September schwerpunktmäßig mit der Ernährungssituation von Kleinkindern beschäftigt.

Prof. Dr. Helmut Heseker von der Universität Paderborn präsentierte in seinem Vortrag „Nährstoffversorgung von Säuglingen und Kleinkindern: zwischen zu viel und zu wenig“ die Ergebnisse der VELS Studie (Verzehrstudie zur Ermittlung der Lebensmittelaufnahme von Säuglingen und Kleinkindern), einer bundesweit durchgeführten Ernährungsbeobachtung, an der rund 700 Säuglinge und Kleinkinder im Alter zwischen sechs Monaten und vier Jahren teilnahmen. Diese Untersuchung wurde im Ernährungsbericht 2008 ausführlich vorgestellt1.

 

Die Ergebnisse der VELS Studie zeigen deutlich, dass die Ernährungsqualität deutscher Säuglinge und Kleinkinder, im Vergleich mit den Empfehlungen des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) noch verbessert werden muss. Der im Säuglingsalter zunächst noch adäquate Obstverzehr wurde beim Übergang ins Kleinkindalter nicht zu einer dauerhaften Verzehrsgewohnheit. Die empfohlene Obstmenge wurde im Mittel nur von Kindern im Alter von einem bis unter zwei Jahren erreicht. Die Gemüsezufuhr war noch ungünstiger als die Obstzufuhr. Hier erreichte kaum ein Kind über einem Jahr die empfohlene Menge.

In der Gruppe der Milch und Milchprodukte wurde die empfohlene Menge nach dem ersten Lebensjahr nicht erreicht. Dabei trank jeder fünfte Junge und jedes dritte Mädchen nicht einmal die Hälfte der empfohlenen Trinkmenge von 300 bis 350mL.

Die Zufuhr für Fleisch und Wurst ist schon nach dem ersten Lebensjahr überreichlich und nimmt mit steigendem Alter weiter zu, so dass die Empfehlungen bei den Vier- bis Siebenjährigen um die drei- bis vierfache Menge überschritten wird.

Insgesamt werden zu wenige pflanzliche Lebensmittel und mit zunehmendem Alter zu viele fettreiche tierische Lebensmittel verzehrt.

Die suboptimale Lebensmittelauswahl spiegelt sich in der Nährstoffversorgung wider. Die D-A-CH-Referenzwerte werden insbesondere für Vitamin D und E sowie Folat, Ballaststoffe, Calcium, Eisen und Jod von den meisten Kindern unterschritten, während die Proteinzufuhr im Mittel um das zwei- bis dreifache über den Empfehlungen liegt (Abb. 1). Ebenso ist das Fettsäurenmuster ungünstig, weil zu viel gesättigte und zu wenig mehrfach ungesättigte Fettsäuren (speziell vom Omega-3-Typ) aufgenommen werden.

Um die Ernährungssituation unser Kinder zu verbessern, gab Prof. Heseker abschließend folgende praktische Tipps:

  • mehr pflanzliche Lebensmittel, vor allem Gemüse, Obst, Brot, Kartoffeln
  • mehr Vollkornmehl, -brot, -nudeln oder -reis anstelle von niedrig ausgemahlenen Getreideprodukten
  • Trink- bzw. Mineralwasser anstelle energiereicher Limonaden
  • fettreduzierte Milchprodukte gegenüber Vollmilchprodukten oder mit Sahne angereicherten Produkten verwenden
  • fettreichere Wurst- und Fleischsorten durch fettärmere Varianten ersetzen und insgesamt die Menge reduzieren
  • vermehrt z.B. Rapsöl anstelle von anderen Ölen und Fetten im Haushalt und in der Lebensmittelindustrie verwenden, da Rapsöl reich an Omega-3 Fettsäuren ist.
  • regelmäßige Vitamin-D-Prophylaxe

 

Im zweiten Vortrag stellte Dr. Christian Denzer aus der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Ulm die provokative Frage „Macht zu viel Eiweiß im Kleinkindalter unsere Kinder dick?“ Die Hypothese, dass eine hohe Proteinzufuhr im Säuglingsalter das Risiko einer Adipositas im Kindes- und Jugendalter erhöht, gründet sich auf mehreren longitudinalen Kohortenstudien.

Stillen zeigt eine schützende Wirkung auf die spätere Entwicklung von Übergewicht, möglicherweise auf Grund des niedrigeren Proteingehaltes von Muttermilch im Vergleich zu Säuglingsnahrungen. Der Eiweißgehalt der Ernährung ist in den letzten Jahren in den Focus des Interesses gerückt. Eine aktuelle prospektive Studie der European Childhood Obesity Trial Study Group zeigt, dass Formula ernährte Säuglinge mit einer sehr hohen Eiweißzufuhr (Kontrollnahrung mit 2,9 bzw. 4,4g Eiweiß/100 kcal in Anfangs- bzw. Folgenahrung) im ersten Lebensjahr nach zwei Jahren ein höheres Körpergewicht als solche Säuglinge aufweisen, die mit Muttermilch bzw. mit einer eiweißreduzierten Formula-Nahrung (Studiennahrung mit 1,8 bzw. 2,2g Eiweiß/100 kcal in Anfangs- bzw. Folgenahrung) ernährt worden waren2. Die auf dem deutschen Markt erhältlichen Säuglingsanfangsnahrungen wurden über die letzten Jahre stetig im Proteingehalt optimiert und liegen im Mittel der Studiennahrung mit dem niedrigen Eiweißgehalt am nächsten.

Auch im Kleinkindalter ist eine hohe Proteinzufuhr kritisch zu sehen. So korreliert die Proteinzufuhr im Alter von zwei Jahren mit einem höheren BMI und einer stärkeren Hautfaltendicke im Alter von acht Jahren. Je höher die relative Proteinzufuhr im Alter von zwei Jahren, desto höher der spätere BMI. Ähnliche Ergebnisse zeigt die deutsche DONALD-Studie (Dortmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed Study), in der frühkindliche Eiweißzufuhr – besonders die tierischer Herkunft – mit einem höheren BMI und höherer Fettmasse im Alter von sieben Jahren assoziiert wurde. Dabei war die Proteinzufuhr im zweiten Lebensjahr ein Risikofaktor für eine spätere Adipositas im Alter von sieben Jahren3. Diese Befunde sprechen für besonders kritische Zeitfenster mit Auswirkungen eines erhöhten Proteinanteils in der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern auf die langfristige Entwicklung von Körpergewicht und Körperzusammensetzung.

 

Es wird vermutet, dass der Zusammenhang zwischen der Proteinzufuhr in der frühen Kindheit und einer erhöhten Fettmasse im Grundschulalter mitunter über eine Stimulation der Sekretion von Insulin und Insulin like growth factor-1 (IGF-1) vermittelt wird (sog. „early protein hypothesis“). Diese beiden Faktoren stimulieren das Wachstum sowie die Proliferation und die Differenzierung von Adipozyten. Weitere Daten zeigen, dass im Kleinkind- und Grundschulalter insbesondere die erhöhte Zufuhr von Milcheiweiß zu einem Anstieg von IGF-1 führt. Es ist bislang jedoch nicht geklärt, welche Komponenten der Milch oder des Milchproteins die Wirkung auf die IGF-1-Sekretion verursachen.

Denzer schlussfolgerte, dass eine überproportionale Gewichtszunahme während kritischer Perioden im Säuglings- und Kleinkindalter mit einem erhöhten Risiko für Adipositats und kardiovaskuläre Komorbidität assoziiert ist. Dabei spielen eine erhöhte Proteinzufuhr eine entscheidende Rolle. Zusammenfassend erscheinen Interventionen, die auf eine Optimierung der Ernährung im Säuglings- und Kleinkindesalter abzielen (z.B. Förderung des Stillens über einen Zeitraum von mehr als vier Monaten, Reduktion der Proteinzufuhr in den ersten beiden Lebensjahren), als mögliche sinnvolle Ansätze zur Primärprävention von Adipositas und assoziiertem kardiovaskulärem Risiko im späteren Leben.

Abschließend berichtete Prof. Dr. Olivier Goulet, Hôpital Necker-Enfants Malades Paris, Frankreich über die gesundheitlichen Effekte, die in Frankreich durch Verhaltensänderungen im Milchkonsum bei Säuglingen und Kleinkindern gemacht wurden.

Beginnend mit dem zweiten Lebenshalbjahr nehmen Folge- und Kindermilchprodukte bei der Gewährleistung einer nährstoffreichen und ausgewogenen Ernährung eine Schlüsselrolle ein, da sie einen angepassten Eiweißgehalt und eine bessere Fettqualität als reine Kuhmilch besitzen und mit kritischen Nährstoffen wie Eisen und Vitamin D angereichert sind. Das französische „Programme National Nutrition Santé“ (PNNS), das „Institut National de Prévention et d‘Education pour la Santé“ (INPES), sowie die Ernährungskommission der französischen Pädiatriegesellschaft unterstützen die Verwendung von Folge- und Kindermilchprodukten für Säuglinge und Kleinkinder.

In Frankreich werden seit 1981 alle acht Jahre Veränderungen der Nährstoffaufnahme durch Ernährungsstudien verfolgt. Die letzte wurde 2005 publiziert4. Im Vergleich zu den neunziger Jahren wurde 2005 deutlich weniger Kuhmilch vor dem dritten Lebensjahr gegeben. So erhielten im Jahr 1997 noch 20 Prozent der sieben bis neun Monate alten Säuglinge Kuhmilch, während es in 2005 nur noch fünf Prozent waren.

 

Einen ähnlichen Verlauf nahmen die Zahlen für die Altergruppe 10 bis 12 Monate: 1997 erhielt etwa die Hälfte der untersuchten Säuglinge im Alter von zehn bis zwölf Monaten Kuhmilch, im Jahre 2005 nur noch 23 Prozent. Gleichzeitig stieg der Konsum von Kindermilch bei 13 bis 18 Monate alten Kindern von 21 auf 52 Prozent, sowie bei 25 bis 30 Monate alten Kindern von 4 auf 26 Prozent an.

Wegen des verstärkten Verzehrs von Kindermilch anstelle von Kuhmilch verbesserte sich gleichzeitig die Nährstoffaufnahme der französischen Kleinkinder. Der vermehrte Konsum von Kindermilch führte zu einer signifikant höheren Aufnahme von α-Linolensäure, Vitamin C, E und Eisen. Nährstoffe, die nur in sehr geringen Mengen in Kuhmilch vorkommen. Gleichzeitig verringerte sich die Aufnahme von Protein und Natrium – zwei Nährstoffe, von denen Kuhmilch mehr im Vergleich zu Kindermilch liefert. All diese Nährstoffe sind auch kritische Nährstoffe in der Ernährung deutscher Säuglinge und Kleinkinder (siehe Vortrag von Prof. Heseker).

 

Auch die Vitamin D-Aufnahme konnte durch die Zufuhr von Kindermilch verbessert werden. Kuhmilch liefert zwar ausreichende Mengen an Kalzium, aber nur sehr geringe Mengen an Vitamin D. Beide Nährstoffe sind aber für den Knochenaufbau von wichtiger Bedeutung. Auf Grund der heutigen Lebensgewohnheiten stellt Vitamin D einen kritischen Nährstoff dar, der berechtigter Weise in Folge- und Kindermilchprodukten zugesetzt wird und somit die Kalziumaufnahme und die Knochenmineralisierung verbessert.

Diese französische Ernährungsstudie erbrachte zum ersten Mal einen objektiven Nachweis des positiven Zusammenhanges zwischen dem Konsum von Säuglingsnahrungen (Folge- und Kindermilch) und einer verbesserten Nährstoffzufuhr. Diese Verbesserungen lassen sich durch den auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnittenen Nährstoffgehalt der Produkte er- klären.

Zusammenfassend erklärte Prof. Goulet, dass man Änderungen des Ernährungsverhaltens durch Empfehlungen, die von den Gesundheitsbehörden unterstützt werden, erreichen kann. Die auf dem Markt befindlichen Kindermilch-Produkte tragen zum optimalen Wachstum und Körperbau sowie zur Vorbeugung gegen Übergewicht und Adipositas bei, indem sie für eine signifikant höhere Aufnahme von α-Linolensäure, Vitamin C, D, E und Eisen sorgen, während die Aufnahme von Protein und Natrium deutlich verringert wird. Es ist zu wünschen, dass das französische Ernährungs-Phänomen mit Unterstützung von Industrie, Wissenschaft und offiziellen Empfehlungen auch in Deutschland und Österreich erfolgreich umgesetzt wird.

 

So ist beispielsweise die HiPP-Kindermilch genau auf die Ernährungsbedürfnisse von Kleinkindern zugeschnitten. Bei einer angenommenen Trinkmenge von 300ml pro Tag trägt sie maßgeblich zur Bedarfsdeckung bei den kritischen Nährstoffen Jod, Eisen, Vitamin D, Folsäure und Alpha-Linolensäure bei. Gleichzeitig liefert sie nur fast halb so viel Eiweiß wie herkömmliche Kuhmilch (Abbildung 2).

Quelle: HiPP-Symposium auf dem Deutschen Kinderärztekongress in Mannheim, 3.-6. 9. 2009

1 Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (Hrsg.). Ernährungsbericht 2008: 49-60.

2 Koletzko B, von Kries R, Closa R, Escribano J, Scaglioni S, Giovannini M, Beyer J, Demmelmair H, Gruszfeld D, Dobrzanska A, Sengier A, Langhendries JP, Rolland Cachera MF, Grote V; European Childhood Obesity Trial Study Group. Lower protein in infant formula is associated with lower weight up to age 2 y: a randomized clinical trial. Am J Clin Nutr 2009; 89: 1836-45.

3 Günther ALB., Buyken AE, Kroke A: Protein intake levels during the period of complementary feeding and early childhod and their association with BMI and body fat percentage at age 7. Am J Clin Nutr 2007; 85: 1626-33.

4 Comportemonts et consommations alimentaires des nourrissons et jeunnes enfants francais de moins de 3 ans. Archives de Pédiatrie 2008; 15 Hors-série no. 4: 1-65.

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