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Foto: Privat
Prof. Dr. Peter Scheer Kinder- und Jugendfacharzt, Psychotherapeut, Lehrtherapeut der ÖÄK, Leiter der Psychosomatik & Psychotherapie der Abt. f. Allg. Pädiatrie der Univ.-Klinik f. Kinder- und Jugendheilkunde, Graz
 
Kinder- und Jugendheilkunde 7. Jänner 2010

Richtiger Umgang mit „Schreibabys“

Teil 4: Verhaltensstörungen im Kleinkindesalter.

„Schreibabys“ sind für Eltern eine große Herausforderung, denn sie führen sie zu Selbstzweifel und Verunsicherung und strapazieren die Nerven. In dieser Situation gilt es, zuerst den Druck aus der Familie zu nehmen und beruhigend einzuwirken.

 

Alle Kinder schreien fast gleich viel – manche ein bisschen mehr, manche ein bisschen weniger. Die, die mehr schreien, bekommen auch mehr – und das trifft für das ganze Leben zu. Unterschiedlich ist die Reaktion der Umgebung.

Fallbeispiel

Ein Kind kommt mit seinen Eltern zur Aufnahme. Die Mutter eher jung (21 Jahre), der Vater deutlich älter. Das Kind schreit viel. Bei der Erstuntersuchung sehe ich ein Kind, das sich schwer beruhigen kann. Der Vater trägt es und schupft es andauernd. Das Kind hebt den Kopf und schaut umher. Es ist 20 Tage alt. Das Handling scheint schwierig. Keiner der Eltern kann das Kind beruhigen. Dabei ist das Kind fröhlich. Sie berichten, dass es sich nicht mehr beruhigen kann, wenn es einmal zu schreien begonnen hat. Sie verbringen die Nacht am Bett des Kindes. Ratschläge haben sie genug bekommen. Die Zeit nach der Geburt war anstrengend. Das Kind kam ein paar Tage früher als erwartet, die Geburt war für die junge Mutter enttäuschend. In allen Kursen hatte sie sich auf eine sanfte Geburt vorbereitet und dann musste aus kindlicher Indikation eine Sectio Caesarea gemacht werden. Am dritten Tag ging sie nach Hause, das Kinderzimmer war noch nicht fertig, sie begann aufzuräumen. Milch hatte sie keine, es wollte auch keine einschießen. Das Fläschchen machte sie widerwillig. Ihre Träume waren enttäuscht. Man nennt das einen Unterschied zwischen Realität und internalisierten Repräsentationen. Sie hatte eine Erwartungsenttäuschung, besser unter dem Fremdwort Frustration bekannt. Ihr Kind, ihre Schwangerschaft hatten sie enttäuscht.

Hier geht es um eine Adaptation. Die Mutter muss sich an das So-Sein ihres Kindes, an seine Art, diese Welt zu betreten, adaptieren. Ebenso muss das Kind seine besondere Art der Geburt verarbeiten, und der Vater kann hilfreich sein, indem er nicht nur andauernd sagt, dass es gut ist, dass das Kind gesund ist, sondern indem er auch Verständnis für die Frustration seiner Frau hat. „Hauptsache gesund!“, das ist die häufigste Äußerung der Umgebung mit einem kleinen Vorwurf an die Mutter, dass sie undankbar ist, dass man ihr Kind durch die Sectio gerettet hat. So verbleibt sie in ihrer Frustration und ist wie ein Tourist, der sich einen anderen Urlaub erwartet hat und schwer an ein geändertes Hotel, ein anderes Zimmer oder das Wetter, das er nicht erwartet hat, adaptiert.

Daher ist beim Schreibaby zuerst der Druck aus der Familie zu nehmen, beruhigend einzuwirken, nicht die Eltern zu beschimpfen, Handling vorzuzeigen, Verständnis zu haben und letzten Endes auch dazu zu raten, sich in stationäre Pflege zu begeben, bevor etwas Schlimmes geschieht. Manche Problemstellungen werden komplizierter sein als dargestellt, in jedem Fall ist es aber erforderlich, das Problem nicht zu bagatellisieren, sondern es ernst zu nehmen und mittels Anamnese und Befund zu einer Problemlösung beizutragen.

Essstörungen

Über Ess- und Gedeihstörungen haben wir in den letzten Jahren an vielen Stellen publiziert, sowohl in wissenschaftlichen Zeitschriften als auch in solchen, die jeder Arzt zugesandt bekommt. Es handelt sich dabei um eine Spannbreite von Interaktionsstörungen zwischen Betreuungspersonen und Kind bis hin zu Früh- und Mangelgeborenen, die mittels enteraler Ernährung betreut werden und eine meist sekundäre Essstörung entwickeln. Spannend ist, dass die Kinder sich dem klinischen Eindruck nach trotz ausreichender Kalorienzufuhr ohne das Erlebnis des Essens und Schmeckens langsamer entwickeln, als wenn sie ein wenig weniger bekommen und es selbst managen können. Interessant ist für uns, wie die Essproblematik die Familie dominiert, besonders, wenn sie gestört ist.

Vernachlässigte Problematik

In unserer Gruppe behandeln wir Essstörungen aller Arten und Altersgruppen. Die Essstörungen der Adoleszenz sind bekannt, und deren Behandlung wird diskutiert. Die des Kleinkindsalters sind noch wenig bekannt. Sie werden meistens erlitten. Schon ein Kindergartenkind kann ein picky eater sein, schon ein Kind vor dem Kindergarten kann seine Familie zur Weißglut treiben, wenn es Lebensmittel verweigert, welche diese als gesund erachtet. Die Entwicklung des Geschmacks wird dabei oft zu wenig beachtet und respektiert. Nur die Zuckerlverkäufer wissen, dass Kinder vor allem Süßes lieben. Die Erwachsenen, vor allem die Männer, mögen den süß-bitteren Geschmack, weshalb man ihnen Bier gut verkaufen kann. Und die Damen reden sich ein, dass sie sauer mögen, und nehmen es im Salatdressing zu sich. Diese Geschmäcker unterliegen nationalen und regionalen Unterschieden.

Da wir im Bereich des Geschmacks ein phylogenetisch altes System haben, das eine lebenslange Erinnerung speichert, werden wir immer wieder das bevorzugen, was wir als Kinder kennengelernt haben. So lassen sich nationale Geschmäcker, Vorlieben und selbst scharfe Speisen im Kindesalter erklären. Die transkulturelle Psychoanalyse hat zum Beispiel einen Stamm untersucht, der nicht nur dauernd Pfeffer aß, sondern auch noch Pfeffereinläufe machte. Die medizinische Logik dieses zentralafrikanischen Stammes war klar: Es wurden die antibiotische und die adstringierende Wirkung des Pfeffers als Prophylaktikum ausgenutzt, wie in allen heißen Ländern. Die psychodynamische Nebenwirkung war eine Unmöglichkeit, Vorräte zu halten und zu bewahren. Nun wurde das als Bestätigung der Theorie des Zusammenhangs zwischen Stuhlverhalten und Bewahrenkönnen gesehen. Es kann aber auch sein, dass in dem heißen Klima Vorratshaltung weder nötig noch möglich ist. So ist es bei vielen Erklärungen in dem Bereich Essen: Wir wissen wenig, außer, dass eine Mischkost fast optimal ist. Aber wir wissen auch, dass Abweichungen von dieser Norm genauso gut gedeihen und dass es der Proteinanteil in der Nahrung ist, der unsere Jugend so in die Höhe sprießen lässt. So zeigt sich, dass der „Beweis“ des Zusammenhangs zwischen einem besonderen, lokal bedingten, Umgang mit dem Stuhl und dessen Folgen auf die Entwicklung der Psychodynamik aus heutiger Sicht fehlgeschlagen ist.

Ernährung als Modethema

Ebenso mag es mit vielen anderen „Überzeugungen“ im Bereich der Ernährung sein: Die Einführung der Beikost ist das derzeitige Modethema, ebenso wie die Frage nach dem Sinn der Probiotika. Beide werden heftig diskutiert, Empfehlungen werden von anerkannten Kollegen abgegeben, und die Eltern versuchen, sich daran zu halten. Aber schon wenige Zeit später werden die Empfehlungen auf Grund neuer Daten revidiert, neue Erkenntnisse führen zu neuen Ratschlägen und zum Schluss ist Verunsicherung, wo Sicherheit gefragt wäre. Da empfiehlt es sich, mit den Wünschen des Kindes pfleglich umzugehen. So wie viele Menschen manche Labensmittel nie mögen werden, Bitterstoffe oder gewisse Gerüche, so weiß man nicht, was gesund ist und was nicht. In diese Unwissenheit stößt ein riesiger Gesundheitsmarkt, der verkaufen will. Es wird von biologisch-dynamisch gesprochen, es werden Böden aktiviert, die Spritzmittel zurückgefahren, die Angst vor dem Eingriff ins Genom aktiviert – und niemand weiß, ob alle diese Empfehlungen richtig sind. Denn zum Beispiel ins Genom wurde ja mit jeder Züchtung eingegriffen. Jede Aufpfropfung bei einem Apfelbaum ist ein Eingriff in dessen Genom, weil sich die neue genetische Information mit der bestehenden mischt und so andere Äpfel hervorbringt. Das weiß der Weinbauer, das weiß aber auch der Rinderzüchter, der sehr wohl die Begattung seiner Kühe mit genetisch interessanten Stieren durchführt (wenn er nicht Samen aus der Handlung kauft).

Also Achtung vor einem Zuviel an Ratschlägen, das die Wahrnehmung der Kindeswünsche reduziert und zu Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Kind beitragen kann.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin Pädiatrie & Pädologie 5/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Von Prof. Dr. Peter Scheer, Ärzte Woche 1 /2010

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