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Foto: Privat
Prof. Dr. Peter Scheer Kinder- und Jugendfacharzt, Psychotherapeut, Lehrtherapeut der ÖÄK, Leiter der Psychosomatik & Psychotherapie der Abt. f. Allg. Pädiatrie der Univ.-Klinik f. Kinder- und Jugendheilkunde, Graz
 
Kinder- und Jugendheilkunde 9. Dezember 2009

Das Kind als Seismograph

Teil 3: Verhaltensstörungen bei Säugling und Kleinkind.

Das trinkfaule Kind wird oft dem depressiven gleichgesetzt. Die Ursachen können vielfältig sein.

 

Bisweilen treten Schluck- und Saugstörungen nach einer Geburt mittels sectio caesarea und der Verwendung von Anästhetika (sogenannte drug depression) auf. Bisweilen kommen diese Kinder dann in Ekel oder Abwehr, die, wenn sie mittels Zwang behandelt wird, zu Störungen führt. Manchmal sehen wir aber auch „echte“ Schluckstörungen entweder nach peripartaler Asphyxie und flairs im Bereich der Stammganglien, die sich dann langzeitig in einer spastischen Lähmung und Vakuolen im Cerebrum zeigen. Diese Kinder können ebenso eine Bewegungsstörung im Bereich des so komplexen Schluckens haben, wie sie sie peripher haben. Leider werden diese Kinder allzu oft mittels Nasen-Magen-Sonde oder PEG versorgt, ohne dass man sich Gedanken macht, wie lange diese Sonde benötigt wird. Die Eltern und ihre Kinder erleben dann oft ein Martyrium, bis die Kinder den „Krückstock“ Sonde wieder lassen können. Oft wird der Krückstock kaputt, die Sonde muss ersetzt werden, sie fällt aus dem Magen hinaus oder die Bauchvorderwand eitert. Alle diese Entwicklungen wären vermeidbar, würde man bei jeder neuen Sonde einen Entwöhnungsplan von Anfang an aufstellen. Da man aber oft froh ist, dass die Kinder so weit stabil eine Klinik verlassen können, sieht man diese Probleme als minimal an. Eine prospektiv angesetzte Nachsorge könnte helfen und Vorsorge bieten.

Daneben kann Trinkfaulheit immer auftreten. Sei es im Rahmen eines Infekts, sei es, weil das Kind etwas nicht mag, oder die Situation belastet ist, bisweilen auch durch Spannungen in der Familie. Das Wichtigste ist, den Weg des Kindes zu gehen und keinen Zwang bezüglich Essen auszuüben. Der Arzt muss das Gewicht und den Allgemeinzustand monitieren, den Druck selbst abfedern und keinesfalls noch erhöhen. Bei chronisch kranken Kindern, wie z. B. bei herz- und lungenkranken Kindern, kann das schiefgehen, weil bei diesen der Druck bisweilen von den behandelnden Spezialisten ausgesprochen wird und der Arzt, der die Essstörung des Kindes sieht, zum „Erfüllungsgehilfen“ des anderen Arztes und der Eltern wird. Das soll nicht sein. Es ist auch meist unnötig, weil die Kinder, wenn sie nicht abwehrend werden, von selbst wieder zu essen beginnen. Denn wir haben an sich das Essen mit Belohnung gekoppelt. Im prächiasmatischen Gehirn sitzt der CB1-Rezeptor, der seinen Namen vom Cannabinod hat. Er belohnt für Essen. Der BB2-Rezeptor macht dasselbe überall. Andere Rezeptoren und die Ausschüttung von Liganden sowie der Stoffwechsel des Adipozyten als Hormonzelle sorgen dafür, dass Essen viel Spaß macht. Daher wird das Kind, wenn wir es nicht anders steuern, wieder essen wollen, wie wir es nach jeder Gastroenteritis sehen. Dies ist ein gutes Beispiel für die Sünden der Vergangenheit: Die Teepause war jene Maßnahme, bei der die Zotten der Kinder noch weiter geschädigt werden, weil sie sich zurückbilden, wenn ihnen keine Nahrung angeboten wird. Heute, wo wir möglichst schnell wieder Essen geben, sehen wir seltener Postenteritissyndrome. Ebenso ist es mit vielen Diäten, deren medizinische Logik unauffindbar ist. Auch viele Hausmittelchen gehören in diese Kategorie. Also: Wachsam sein für die iatrogenen und elterlichen Versuche, das natürliche Wiedereinsetzen des Hungergefühls zu verhindern.

Dysharmonie mit der Umgebung

Manchmal werden Verhaltensstörungen gesehen, wo gar keine sind. Es sind bisweilen chronische Missverständnisse zwischen den Bezugspersonen und den Kindern, die beiden Teilen unverständlich sind. Es kommt eben vor, dass man miteinander nicht harmoniert oder einander nicht versteht. Das Kind hat andere Gewohnheiten als der Rest der Familie, es will wach sein, wenn die anderen schlafen. Manche bewegen sich mehr, als man es erwartet. Aber so wie die Eltern von ihrem Kind enttäuscht sein können, so können auch Kinder von der Situation enttäuscht sein. Sie können mehr oder weniger Ruhe und mehr Abwechslung haben wollen. Und dann kann man schlecht miteinander. Man beginnt einander Vorwürfe zu machen, so wie es Erwachsene machen, wenn sie in ihren Beziehungen unglücklich sind. Kinder äußern dieses Problem eher uniform und werden immer einförmiger und insofern unverständlicher. Eltern werden verzweifelt, aggressiv, depressiv, je nach ihrer Grundstimmung.

In dieser Situation ist es die Aufgabe des Arztes, diese Missverständnisse aufzuklären. Bis auf wenige Ausnahmen können sich Eltern und Kinder nicht trennen und daher müssen die Eltern die Spezifika ihres Kindes lieben lernen. Die Verhaltensänderung der Eltern ist oft nicht so einfach. Sie halten ihre Gewohnheiten für besser als die des Kindes. Und da der Arzt oft mit den Eltern zuerst spricht, nimmt er das Kind durch deren Brille wahr und vermutet, dass das Kind durch konsequente Erziehung auf den rechten Weg zu bringen ist. Das stimmt so nicht: Essen, Schlafen, sogar wie oft man niest, sind genetisch determiniert und kaum beeinflussbar. Da kann schon eher der Erwachsene bewusst einige, meist passagäre Änderungen versuchen. Daher gilt die Regel: Harmoniestörungen sind Interaktionsstörungen, bei denen der Berater nie eine Partei ergreifen kann und darf.

Gespannte Atmosphäre

Das Kind merkt Spannungen in der Umgebung ebenso wie jeder andere. Es zeigt sie nur besser. Ein Kind, das seine gestresste Mutter in den Supermarkt begleitet, wird eher seine Wünsche und Bedürfnisse lautstark artikulieren als eines, das in einer ruhigen Umgebung ist und weiß, dass seine Wünsche gerne gehört werden. Als ich einmal in Israel mit meinem 18-monatigen Sohn zu Besuch war, brauchten wir für die Strecke vom Hotel bis zum Strand drei Stunden. Wir sahen am Weg Abfall, der glänzte, Blumen, die klein und unscheinbar zwischen den Bodenplatten hervorkamen, Hunde, die in der Nähe ihr Geschäft verrichteten, und Menschen, die an uns vorübergingen. Als wir den Strand erreichten, drehten wir um. Es war Mittag geworden und wir waren müde, gingen essen und Siesta halten. Sicher, den Strand erreichten wir nicht, aber eine kleine Welt hatten wir gesehen, die man sonst nicht sieht. So ist es mit der Umgebung: Eine Mutter kam zu mir. Ihre Tochter weinte immer, wenn sie sie vom Kindergarten abholte, und dann gab es Streit und Ärger. Die Tochter hatte auch aufgehört, zu Mittag zu essen, und wartete, bis der Vater nach Hause kam. Wir analysierten die Abholsituation. Die Mutter, Ärztin in verantwortungsvoller Position, traf ganz knapp vor dem Mittagessen im Kindergarten ein. Sie wollte selbst für die Kinder kochen und war dadurch unter Druck. „Schnell, schnell“, rief sie den Kindern zu. Die Tochter wollte aber noch im Kindergarten bleiben, der Mama zeigen, was sie am Vormittag gemacht hatte. Die Mutter hatte direkt vorm Haus geparkt und wollte die zehn Minuten Freiparkerlaubnis in Anspruch nehmen. Es wäre sich gerade für das Anziehen der Tochter und von deren kleinem Bruder ausgegangen. So kam es zum Streit, zu Verzögerung, Verstecken und Weinen. So kam man ins Auto. Anschnallen unter Druck. Die Tochter wollte nicht anschnallen. Schreien auf beiden Seiten. Zu Hause angekommen: Kochen, servieren, die Mutter und ihre Tochter konnten nichts essen. Dann schlafen legen, Erschöpfung.

Die Beratung war einfach: Uhr weg, Parkschein ausfüllen, das Essen im Kindergarten auf jeden Fall zahlen und nur zu Hause essen, wenn es alle wollen. Das Kind und die Mutter waren befreit. Die Mutter sah Zeichnungen, die das Kind für sie machte: „Mama, ich hab’ dich lieb!“ Das Kind verlor fast sofort sein Essproblem.

Atmosphäre – was ist das? Nicht zu beschreiben und doch spürbar. Erfahrbar, kaum vermittelbar. Wenn es Störungen gibt, sind sie natürlich manchmal schwierigerer Natur: Ehestreit, Ärger, ein Zuviel oder Zuwenig an Aufgaben, Überlastung durch Kind, Beruf und viele andere Rollen, die Menschen heute auszufüllen haben. Oder zumindest glauben, dass man das von ihnen erwartet.

Die Aufgabe des Arztes ist es, Ursachen zu finden und ein wenig an den „Stellschrauben“ zu drehen, um anhand der Reaktion des Kindes einzuschätzen, ob es gelungen ist, die Situation zu verbessern, die „dicke“ Luft zu kühlen.

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin

Pädiatrie & Pädologie

5/2009. © Springer-Verlag, Wien

Von Prof. Dr. Peter Scheer, Ärzte Woche 50 /2009

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