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Trauer und Depression können bei Babys und Kleinkindern viele Ursachen haben. Die Ausdrucksformen des Leidens sind vielfältig und reichen von verzögertem Lidschlag bis zu Schläfrigkeit.
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Ein gestörter Tag-Nachtrhythmus kann bei Babys auch auf eine Depression hindeuten.

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Prof. Dr. Peter Scheer Kinder- und Jugendfacharzt, Psychotherapeut, Lehrtherapeut der ÖÄK, Leiter der Psychosomatik & Psychotherapie der Abt. f. Allg. Pädiatrie der Univ.-Klinik f. Kinder- und Jugendheilkunde, Graz

 
Kinder- und Jugendheilkunde 1. Dezember 2009

Verhaltensstörungen im Kleinkindesalter in der Praxis

Teil 2: Das depressive oder unterregulierte Kind.

Manchmal sind Babys traurig. Oft liegt es daran, dass ihre Mütter traurig sind, manchmal liegt es aber auch an ihnen selbst. Wie der Pädiater die zugrunde liegenden Hintergründe diagnostiziert, wird im Teil 2 dieser Serie dargestellt. Ein Fallbeispiel illustriert anschaulich die Herausforderungen für den Arzt.

 

Kleinkinder erscheinen vor allem dann traurig, wenn das Leben sie sehr fordert, wie es schon bei einer prolongierten RSV-Infektion der Fall sein kann. Dann sieht man das dem Baby an. Öfter sehen wir aber Kinder depressiver Mütter, die diese nicht erreichen können. Denn das Baby ist an sich mit einer Signalalteration ausgestattet, die es ihm erlaubt, vier Signale in den ersten Wochen zu erlernen. Und es will verstanden werden.

Rückzug auf sich selbst

Wenn das nicht gelingt, wenn die Bezugsperson das Kind nicht hören kann, dann wird das Baby buchstäblich einsilbig, es wird in seinen Äußerungen sparsamer, bis es sich ganz auf sich selbst zurückzieht und manchmal sogar zu essen aufhört. Dann sehen wir eine Säuglingsdepression, die Rene A. Spitz schon in den 1930er-Jahren beschrieben hat. Er nannte das damals anaklytische Depression und führte sie auf die vernachlässigenden Bedingungen der rein auf die Körperfunktionen ausgerichteten Pflege in der Kinderübernahmestelle in Wien 9 zurück. Heute sehen wir diese Erkrankung vor allem in den Ländern mit Waisenhäusern, nach Krieg und Naturkatastrophen. In den industrialisierten Ländern wird sie bei Depression der Mutter und bei langdauernder Hospitalisierung, zum Beispiel wegen einer Herz-, oder Krebserkrankung, beobachtet.

Das Kind präsentiert sich eindrucksvoll: verzögerter Lidschlag, manchmal sogar langsames Schlucken, träge Verdauung, gestörter Tag- Nachtrhythmus, Schläfrigkeit. Natürlich muss man allerlei pädiatrische Krankheiten, die ein ähnliches Zustandsbild zur Folge haben können, ausschließen. Aber man muss immer auch an die Depression denken, denn sonst kann es – wie bei jeder Fehldiagnose – geschehen, dass man die Depression übersieht und eine falsche Therapie einleitet.

Fallbeispiel

Ein Kind aus Jena kam zu uns. Trotz Sondenernährung konnte es nicht gedeihen. Noch vier Monate post partum hatte es das Geburtsgewicht, es nahm nicht zu und die Kollegen schickten es, unvergessen, am 23. Dezember zu mir. „Lebensgefahr“ hatten sie auf den Begleitschein geschrieben.

Die Mutter Rechtsanwältin, der Vater Staatsanwalt. Die Mutter hatte das Kind mit 34 Jahren bekommen, große Unsicherheit bezüglich der Lebensänderung, die durch das Kind zu erwarten war. Sie selbst hatte vor der Schwangerschaft eine Depression, in der Schwangerschaft nahm sie „nur“ Diazepamabkömmlinge, um das Baby nicht zu schädigen. Das ist an sich eher falsch, weil diese Medikation die Lebendigkeit des Babys beeinträchtigt, da aber die meisten Antidepressiva nicht auf Teratogenität untersucht sind, eine verständliche Entscheidung.

Nach der Geburt erlebte die Mutter eine Depression, die nach dem Abstillen behandelt wurde. Das ist an sich auch unrichtig, weil das Stillen ein Glücksgefühl vermitteln kann und die meisten Abstillmedikationen eine Depression verschlechtern. Aus kindlicher Indikation ist das Abstillen nicht indiziert, da die meisten SSRI und NSRI, die heute als Antidepressiva gegeben werden, für das Kind ungefährlich sind, vor allem in den kleinen Dosen, die über die Muttermilch das Kind erreichen. Da aber die Depression leider noch immer manchmal „Laktationspsychose“ genannt wird, wird allzu oft abgestillt.

Dann wurde das Kind mit der Flasche ernährt, womit die Mutter schlecht zurecht kam. Das Kind hatte eine verzögerte Adaptation an einen Tag-Nacht-Rhythmus, und die Mutter, gewohnt, ruhig zu schlafen, konnte das schlecht ertragen. Das Kind wurde wegen mangelnden Gedeihens mit Mutter aufgenommen, die weinte viel und machte sich andauernd Sorgen, weswegen man den „leichteren“ Weg nahm und eine nasogastrische Sonde setzte. Nun fing das Übel erst so richtig an, wie viele Eltern enteral gefütterter Kinder erlebten auch diese einen Horrortrip: Um das Kind hyperkalorisch zu ernähren, wurde ein EQ von 130 verordnet. Das Kind begann immer wieder zu erbrechen, verweigerte jede Nahrung per os, auch Flüssigkeiten, und zog sich immer mehr in sich zurück. Die schon verzweifelte Mutter verzweifelte noch mehr. Ein stummes Kind und eine weinende Mutter, das war das Bild, das wir sahen.

Die Entfernung der Sonde, die mit Hilfe von Logo-, Ergo- und Physiotherapie erlernte Beherrschung des Saug- und Schluckreflexes, die Beherrschung des Ekels des Kindes, die Stützung der Mutter und die kontrollierte Zufuhr bei jederzeitiger Bereitschaft, eine PEG zu legen oder parenteral Flüssigkeit zuzuführen, half, das Kind von der Sonde zu entwöhnen und die Depression der Mutter so weit zu stabilisieren, dass ihr die Mutterrolle nicht mehr als Belastung, sondern zumindest auch als Freude erschien. Die Diagnose unterreguliertes Kind bei depressiver Mutter war richtig gewesen und alle anderen Vermutungen, wie angeborene Schluckstörung und Ähnliches, hatten sich per interventionem als falsch herausgestellt. Da auch die Beobachtung nichts Dahingehendes gezeigt hatte, hatten wir Recht gehabt.

Wachsamkeit ist des Arztes Pflicht

Natürlich muss man immer auf der Hut sein. Wir hatten auch ein Kind, bei dem alle an eine Depression dachten, schon, weil der Vater in der Schwangerschaft an einem Seminom gestorben war und weil die Mama von Zwillingen so gefasst erschien. Die „kühle“ Norddeutsche war sich aber sicher, dass dem Kind etwas Körperliches fehlte und nur die Schwierigkeiten der Kommunikation mit der zuweisenden Klinik und unsere Scheu, ein neuerliches MR des Schädels zu machen, führten dazu, dass die Diagnose eines Ependymoms bei dem sieben Monate alten Knaben doch zwölf Tage in Anspruch nahm. Aber, wie man versteht, war das die große Ausnahme und – wir erinnern daran – obwohl wir in bester Gesellschaft waren, hatte doch das Kind bereits zwei Klinikaufenthalte in anderen Kliniken erlebt. Aber Wachsamkeit ist sowieso des Arztes Pflicht, und wenn eine psychodynamische Problematik nicht schnell gesehen wird, ist meist niemand böse.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin Pädiatrie & Pädologie 5/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Von Prof. Dr. Peter Scheer, Ärzte Woche 49 /2009

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