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Abb. 2: Neuromuskulärer Regelkreis: Im dargestellten Regelkreis existiert eine Rückkopplung der Bewegung in die Wahrnehmung. Bei der ICP können verschiedene Informationskanäle in den sensomotorischen Regelkreisen gestört sein, hier setzen dann Therapien u

Abb. 3: Unterstützung der Wahrnehmung durch EMG-Feedback: Rezeptoren der Tiefensensibilität existieren innerhalb des Muskels als Muskelspindeln, diese werden durch Spannung bei der Verlängerung des Muskels aktiviert oder am Übergang Sehne - Muskel. Beim Feedback wird versucht, über die Visualisierung des Spannungszustandes des Muskels die Probleme der Wahrnehmungsintegration zunächst zu umgehen.

Abb. 4: Unterstützung der Wahrnehmung durch EMG-Feedback: Die Feedback-Therapie wird hier wenig erfolgversprechend sein. Hier liegt die Grundproblematik in der unkontrolliert überschießenden Muskelaktivierung und völlig fehlender Regulationsfähigkeit.

Abb. 5: Eyetracking - Blickanalyse: Das Kind bekommt ein Brillengestell (ohne Gläser) an dem 3 Kameras montiert sind. 2 Infrarotkameras betrachten die beiden Augen, die von zwei Infrarot-LEDs beleuchtet werden. Die dritte Videokamera, die Szeneriekamera, sitzt auf der Stirn zwischen den beiden Augen und gibt das Sichtfeld des Kindes wieder.

Abb. 6: Eyetracking: In das Videobild der Szeneriekamera werden die Blickpunkte beider Augen (grüner und blauer Punkt) eingeblendet. Dieser Patient hält seinen Kopf fast immer so, dass sich der Blickfokus in der linken Gesichtshälfte befindet. Bei schnellen Augenbewegungen kommt es zu einer Abweichung der Blickrichtung des Auges auf der paretischen Körperhälfte.

Abb. 7: Beim Sehen unterscheidet man zwischen Fixationen (der Blickpunkt beider Augen ruht auf einer bestimmten Stelle) und Sakkaden (die beiden Augen „springen“ zum nächsten Fixationspunkt). Während der Sakkade findet keine Bildverarbeitung im Gehirn statt. Das Blickverfolgungssystem erlaubt die Aufzeichnung und Auswertung verschiedener Parameter.

Abb. 8: Augenbewegungen beim Lesen am Monitor: Es zeigen sich größere Differenzen zwischen den Blickrichtungen der beiden Augen als beim Lesen eines Textes auf Papier.

Abb. 9: Blickverfolgung bei einer Aufgabe aus der Ergotherapie. Das Kind zeigt über die gesamte Sequenz kein vorausschauendes Sehen beim Nachzeichnen der Linien.

Abb. 10: Der Junge orientiert sich beim Herabsteigen der Treppe vor allem an den Treppenleisten.

Abb. 11: Darstellung der Blickverfolgung im Fahrsimulator mit Eyetracking.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 9. November 2009

Kinder mit Cerebralparese

Einsatz von Messinstrumenten zur Erkennung von Wahrnehmungsstörungen

Fragestellung: Es werden die unterschiedlichen Messinstrumentarien vorgestellt, mit denen es möglich ist, Wahrnehmungsstörungen von Kindern mit Cerebralparese darzustellen. Anhand unterschiedlicher Beispiele wird gezeigt, wie die erhobenen Daten bei den differenten Perzeptionsproblemen hilfreich sein können.

Methode: Verschiedene Messmethoden werden vorgestellt, um eine individuelle Diagnostik eines Patienten, bei dem der Verdacht auf Wahrnehmungsproblematiken vorliegt, darzustellen. Es werden individuelle Untersuchungsbeispiele aufgezeigt, die die Ursache des Wahrnehm- ungsdefizites hervorheben. Gleichzeitig werden aber auch mögliche Lösungsvorschläge bei Kenntnis der Wahrnehmungsproblematiken geschildert.

Ergebnisse: Die eingesetzten Messtechnischen Verfahren liefern präzise Daten. Trotz einer großen Anzahl von Patienten, die in dieser Weise untersucht werden, sind sie individuell zu sehen und können nicht verallgemeinert werden und somit auf Kinder mit einer ähnlichen Körperbehinderung bei Cerebralparese angewendet werden. Entscheidend ist, dass die Fragestellung, die mit dem Messanalysesystem beantwortet werden soll, präzise formuliert wird.

Schlussfolgerung: Gerade in der Cere- bralparese ist man, um den Verlauf zu beurteilen und um die Ursachenforschung zu betreiben, auf genaue Daten angewiesen. Zwar können komplexe Wahrnehmungsstörungen aus der Erfahrung und im Alltag weitgehend gut erfasst werden, durch technische Messverfahren ist es aber möglich, eine Präzisierung der Pro- bleme und Ursachen zu erlangen. Die Messmethodik bietet ein großes Feld, die Therapie optimaler bei bekannter Problematik der Wahrnehmungsstörung einzusetzen.

Einleitung

Viele Autoren [2], [10], [11], [13] weisen klar darauf hin, dass die Schwere der Funktionseinschränkung bei der Cere- bralparese nur bedingt mit der Schwere der motorischen Beeinträchtigung korreliert. Bei der infantilen Cerebralparese handelt es sich um eine komplexe Symptomatik mit Störung der Sensomotorik, der kognitiven Funktion und Wahrnehmung und Wahrnehmungsintegration, weiterhin der sprachlichen Fähigkeiten sowie Seh-/Hörschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten.

Die infantile Cerebralparese ist somit keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Symptomenkomplex. Abhängig von Ort und Ausmaß der geschädigten Hirnareale treten somit die verschiedenartigen Mehrfachbehinderungen auf. Diese komplexe Symptomatik der ICP erfordert neben Pädiatern, Kinderorthopäden auch die Einbeziehung von Ergotherapie, Sprachtherapie und Physiotherapie, um die visuelle, räumliche und taktile Wahrnehmung, Laut- und Sprachanbahnung sowie kommunikative Fähigkeiten des Patienten zu verbessern. Die orthopädisch-neurologische Störung der Motorik zeigt meist eine spastische Tonussteigerung der Muskulatur, einen Verlust der selektiven Muskelkontrolle, sowie Abhängigkeiten von Reflexen beim Fortbewegen.

In unserem Beitrag wollen wir an typischen Beispielen darstellen, welche Wahrnehmungsdefizite vorliegen und wie diese Informationen zu einer verbesserten Regulation und zu einer problemorientieren Therapie beitragen können.

Bei der infantilen Cerebralparese kann die Wahrnehmung entweder in der Peripherie gestört sein, d.h. Informationen werden nicht adäquat registriert und weitergeleitet, oder die ankommenden Informationen werden zentral nicht richtig verarbeitet. Bei der cerebralen Schädigung kann es einerseits auch zu Ausfällen kommen, die keine Ansteuerung der Motorik zulassen, oder eine fehlerhafte Regulation der Reflexmotorik zur Folge haben. Auch wenn die vielfältige Therapie dazu beigetragen hat, durch regelmäßiges Training sich besser im Alltag fortzubewegen, so fällt es den Kindern und Jugendlichen häufig schwer, ihre Defizite im Wahrnehmungsbereich zu kompensieren. Häufig versagen diese Kompensationsmöglichkeiten insbesondere unter Stress.

Ausgewählte Messinstrumente und ihre Anwendung

Die Messmethoden zur Erhebung von Wahrnehmungsdefiziten werden entsprechend den jeweiligen Fragestellungen vorgestellt. Es werden folgende Messtechniken angewandt:

  • Handfunktionstest nach Stotz/Zawadsky: Die am einfachsten durchzuführende Möglichkeit zur Feststellung von Wahrnehmungsdefiziten ist die Anwendung des sog. Handfunktionstestes. Dieser wurde von Frau v. Zawadsky im damaligen Spastiker-Zentrum München (heute Integrationszentrum für Cerebralparesen München) entwickelt [12]. Hierbei werden mit Hilfe eines Blatt Papiers Bewegungen oder Bewegungsmuster in zahlreichen Kombinationen ausgeführt. Das Prinzip besteht in einfacher Faltung des Papiers mit vorgegebenen Wiederholungen, welche motorische Abläufe mit integrativen, visuellen und sensorischen Reizen erfordert. Der Handfunktionstest gibt somit Einblicke in mögliche zentrale Koordinations- und Verarbeitungsstörungen nach frühkindlicher Hirnschädigung. Er beurteilt die Händigkeit, die Möglichkeiten, ob über Diagonale gearbeitet werden kann, ob spiegelbildliche Bewegungen möglich sind und beurteilt das Arbeitstempo.
  • DTVP2 – Frostig-Test: Der DTVP 2 ist ein standardisiertes Testinstrument für die Untersuchung der visuellen Wahrnehmungsprozesse. Er ist eine Batterie von acht Subtests, die verschiedene, aber interkorrelierte Fähigkeiten der visuellen Wahrnehmung und der Viso-Motorik. Die Testung ist für den Gebrauch von vier bis zehn Jahren gedacht. Die Reliabilität und die Validität sind empirisch geprüft. Jeder Subtest des DTVP 2 kann dem Typ der visuellen Wahrnehmung zugeordnet und zusätzlich als motorik-reduziert oder motorik-abhängig klassifiziert werden. (Abb. 1)

Die Ergebnisse des DTVP 2 können u.a. dazu genutzt werden

  • um das Bestehen und das Ausmaß von visuellen Wahrnehmungsstörungen zu dokumentieren.
  • als Forschungsinstrument Effekte von speziellen Trainingsprogrammen für visuelle Wahrnehmungsprobleme und viso-motorische Probleme zu zeigen.

Zur Testdurchführung werden Handbuch, Vorlagenheft, Antwortheft, Protokollbogen benötigt. [3]

  • EMG-Feedback-Therapie: Im Allgemeinen wird die Elektromyografie mit Klebeelektroden für das Aufzeichnen und Darstellen elektrischer Muskelaktivitäten der Muskulatur eingesetzt. Findet eine Muskelkontraktion statt, so kommt es zum Austausch von Ionen in der Muskulatur, und es fließt elektrischer Strom. Die entstandene Potentialdifferenz kann mit Hilfe selbstklebender Oberflächenelektroden gemessen werden. Sie gibt Aussage über die Gesamtaktivität des abgegriffenen Muskels, jedoch keine Erkenntnisse über die lokalen neurophysiologischen Eigenschaften der einzelnen Muskelfaser. Rezeptoren der Tiefensensibilität existieren innerhalb des Muskels als Muskelspindeln. Diese werden durch Spannung bei der Verlängerung des Muskels aktiviert oder am Übergang der Sehne zum Muskel. Beim Feedback wird versucht, über die Visualisierung des Spannungszustandes des Muskels die Probleme der Wahrnehmungsintegration zunächst zu umgehen, um den eigentlichen sensomotorischen Kreislauf in Gang zu setzen, in der Hoffnung, dass nach einer gewissen, visuell unterstützten Lernphase der neuromotorische Kreislauf ohne externes Feedback selbstständig weiterläuft. Fehlerhafte innere Wahrnehmung wird durch äußere Sinneswahrnehmung ergänzt oder später implementiert. (Abb. 2)
  • Eyetracking mit der Augenbewegungskamera: Dies erfordert je nach Fragestellung einen unterschiedlich großen Zeitaufwand bei der Messung und Auswertung. Mit Hilfe des Eyetrackings kann die visuelle Wahrnehmung bei Kindern mit Cerebralparese erforscht werden. Hierbei bekommt das Kind oder der Jugendliche ein Brillengestell aufgesetzt, an dem drei Kameras montiert sind. Zwei Infrarotkameras betrachten die Augen, die von zwei Infrarot-LEDs beleuchtet werden. Die dritte Videokamera, die Szeneriekamera, sitzt auf der Stirn zwischen beiden Augen und gibt das Sichtfeld des Kindes wieder. Die Messung der Visomotorik umfasst sogar zwei Aspekte - der Sehsinn kann bei der cerebralen Störung doppelt betroffen sein: Die visuelle Wahrnehmung bzw. die Weiterverarbeitung und Interpretation des gesehenen Bildes im Gehirn kann gestört sein, aber auch die Bewegung der Augen und des Kopfes können beeinträchtigt sein.
  • Fahrsimulation bei Führerscheinproblematiken von Jugendlichen: Moderne Fahrsimulatoren bieten vielfältige Möglichkeiten insbesondere dafür, bei Jugendlichen mit Cerebralparese beurteilen zu können, ob eine Fahreignung besteht. Hierbei wurde eine Teststrecke mit unterschiedlichen Hindernissen mit bewegten und nicht bewegten Objekten entwickelt. Auch hier wurde wieder das Eyetracking begleitend eingesetzt. Die Augenbewegungen wurden mit der Blickverfolgungskamera registriert. Die Videos der Blickverfolgungskamera und der Fahrsituation werden synchron aufgezeichnet.

Fallbeispiele

Beispiel 1 EMG-Feedback

Einleitung: Mit Hilfe des EMG-Feedbacks wird versucht, ob die Visualisierung des Spannungszustandes des Muskels am Computer die Probleme der Wahrnehmungsintegration verbessern können. Dargestellt ist ein 14-jähriges Mädchen mit einer spastischen Hemiparese rechts. Auf dem Unterarm sind Oberflächenklebeelektroden angebracht. Die Patientin soll ein auf dem Bildschirm vorgegebenes Muskelaktivitätsmuster, beispielsweise eine gleichmäßig an- und wieder absteigende Muskelaktivität ähnlich einer Pyramide durch entsprechende Aktivierung Beuge- und Streckmuskulatur nach- malen.

Fragestellung: Ist es möglich, durch Feedback-Training die fehlerhafte innere Wahrnehmung durch äußere Sinneswahrnehmung zu verbessern?

 

Ergebnis: Die Jugendliche zeigt, dass es ihr gut gelingt über visuell kontrollierte Ansteuerung der Beuge- und Streckmuskulatur die vorgezeichnete Kurvenform anhand der Visualisierung des Muskeltonus nachzumalen. Das Ergebnis zeigt, dass die fehlerhafte innere Wahrnehmung durch die äußere Sinneswahrnehmung ergänzt werden konnte. Erhofft wird, dass nach einer längeren Lernphase der neuromotorische Kreislauf auch ohne externes Feedback selbstständig weiterläuft. (Abb. 3)

Beispiel 2 EMG-Feedback

Einleitung: Bei diesem EMG-Feedback gelang es dem 11-jährigen Buben nicht, durch externes Feedback und Visualisierung des Spannungszustandes der Streck- oder Beugemuskulatur das angestrebte Aktivitätsmuster nachzuzeichnen. Es zeigt sich ein ungeordnetes, unstrukturiertes EMG-Muster.

Ergebnis: Die Störung liegt hier im zentralen Bereich in der motorischen und zentralen Bewegungsregelung. Auffallend sind auch ausgeprägte Muskelaktivitätsspitzen mit exponentiell abklingender elektrischer Aktivität, die für eine unkon- trollierbare, nicht anzusteuernde spastische Muskulatur sprechen. (Abb. 4)

Beispiel 3 Eyetracking (Blickanalyse)

Einleitung: Bei einem 11-jährigen Mädchen wird eine Blickbewegungsanalyse mit Hilfe eines Eyetracking-Systems durchgeführt. Im Infrarotlicht bilden sich die Pupillen der Augen besonders kontrastreich ab, so dass deren Position in Echtzeit ermittelt werden kann. Aus der Position der Pupille im Videobild, der perspektivischen elliptischen Verzerrung der Pupille und der relativen Position des Glanzeffektes der Infrarot-LED auf dem Auge relativ zur Pupille kann nach einem Kalibrierungsprozess zu Beginn der Messung berechnet werden, wohin die beiden Augen in das Szeneriebild blicken.

Fragestellung: Bei der Patientin mit einer ausgeprägten Hemiparese bei zentralem großem Defekt und bekannter Hemianopsie stellt sich die Frage, ob eine Zentrierung des Blickpunktes ausschließlich in die rechte Gesichtshälfte erfolgt, und wie weit die paretische Körperhälfte visomotorisch mit einbezogen wird (Abb. 5).

Ergebnis: Trotz des großen Defektes zeigt die Patientin gute kognitive Fähigkeiten. Eine Störung der Augenmotorik lag nicht vor. Die visuelle Verarbeitung zeigt trotz Hemianopsie, dass die Weiterverarbeitung und Interpretation des Bildes regelrecht gesehen wurde und die Zuordnung und Auge-Hand-Koordination sich regelrecht darstellte.

Beispiel 4 Eyetracking

Einleitung: 16-jähriger Patient mit Hemiparese rechts, bei dem verschiedene Alltagssituationen beobachtet wurden.

Fragestellung: Zentriert der Patient den Blickpunkt überwiegend auf die linke Körperhälfte bei Tätigkeiten im Alltag?

Ergebnis: Es zeigt sich, dass der Patient den Kopf fast immer so hält, dass der Blickfokus sich in die linke, nicht-paretische Körperhälfte bzw. Gesichtshälfte wendet. Bei schnellen Augenbewegungen kommt es zu einer Abweichung der Blickrichtung des Auges auf die paretische Körperhälfte. (Abb. 6)

Beispiel 5 Eyetracking

Einleitung: Patient mit spastischer Tetraparese und ventilversorgtem Hydrocephalus. Der Patient gibt an, er habe häufig Schwierigkeiten beim Lesen von Texten am Bildschirm. Der Patient ist 16 Jahre alt. Es wurde eine Eyetracking-Untersuchung durchgeführt.

Fragestellung: Kann eine Verbesserung des Lesens erreicht werden, wenn die Wahrnehmungsstörung beim Lesen bekannt ist? Liegt eine Wahrnehmungsstörung beim Lesen vor? (Abb. 7)

Ergebnis: Die Lesekurve des Patienten zeigt überschießende Augen- und Kopfbewegungen sowie häufigere Regressionen im Lesefluss. Die Fixationsdauer der einzelnen Wörter zeigt eine Schwächung im Gegensatz zum Normalbefund. (Abb. 8)

Beispiel 6 Eyetracking

Einleitung: Durchführung einer Ergotherapieaufgabe mit dem Eyetracking-System bei einem 8-jährigen Mädchen.

Fragestellung: Kann die Patientin vorausschauend die Zuordnung der Mickymaus zu dem entsprechenden Hund erkennen. Wie ist die Auge-Kopf-Bewegung / Auge-Hand-Bewegung / Auge-Objekt-Bewegung?

Ergebnis: Es zeigt sich, dass die beiden Augen, vor allem das linke Auge, den Blickkontakt zum Objekt verlieren. Auffallend ist, dass das Kind wenig vorausschauendes Sehen bei Kreuzungen der Schleifen zeigt. (Abb. 9)

Beispiel 7 Eyetracking

Einleitung: 14-jähriger Jugendlicher mit einer linksbetonten bilateralen Cere- bralparese.

Fragestellung: Welche Fixierung benötigt der Jugendliche, um sicher eine Treppe auf- und abzusteigen und wo liegt sein primärer Blickfokus um mehr Sicherheit zu erhalten? Woran orientiert er sich hauptsächlich beim Treppensteigen? (Abb. 10)

Ergebnis: Mit dem Eyetrackingsystem wird gezeigt, dass sich der Jugendliche vor allem auf die silberfarbenen Leisten der Treppenstufen fokussiert. Er weicht mit dem Blick nicht in den Raum ab und führt ein konzentriertes Herabsteigen über die gesamte Bewegungssequenz durch.

Beispiel 8 Fahrsimulationstraining kombiniert mit Eyetracking

Einleitung: Dargestellt ist ein Jugendlicher in einem Fahrsimulator. Die Augenbewegung des Probanden wird mit einer Blickverfolgungskamera aufgezeichnet. Der 17-jährige Jugendliche hat eine Hemiparese rechts.

Fragestellung: Es soll festgestellt werden, ob Wahrnehmungsdefizite vorliegen, die gegebenenfalls die Fahrtauglichkeit in Frage stellen würden.

Ergebnis: Abb. 11 zeigt eine Aufnahme aus der Fahrsimulation mit in die Szenerie eingeblendetem Blickpunkt des Auges. Bei den Jugendlichen mit Cerebralparese zeigen sich im Ergebnis verschiedene Strategien, um sich im Straßenverkehr zurecht zu finden. So gibt es die Strategie des konsequenten Blickens auf die Straße, ohne dass orientierendes Blicken in den Rückspiegel und über die Seitenspiegel erfolgt. Bei anderen Teilnehmern zeigte sich in unserer Studie, dass ein vorausschauendes und gutes Analysieren der Umgebung zu beobachten war. Dies konnte anhand der Blickverfolgung ermittelt werden. Fahrspur und Geschwindigkeitsbegrenzung wurden stets gut eingehalten. Die Jugendlichen zeigten später ein sehr konzentriertes Fahren im Simulator und beurteilten die Fahrproben als sehr realistisch.

Diskussion

Messinstrumente zur Findung von objektiven Daten wurden dargestellt. Ihre Wichtigkeit zur Findung von Wahrnehmungsstörung ist unumstritten. In der vorliegenden Arbeit wurden die Messinstrumente als diagnostische Hilfsmittel zur Beurteilung von Wahrnehmungsstörungen von Patienten mit Cerebralparese eingesetzt. Je nach unterschiedlicher Fragestellung wurde das geeignete Messinstrument ausgewählt. Die Blickbewegungssysteme werden wird im in erster Linie in der Werbung eingesetzt. Erstmalig wird vorgestellt, wie eine Blickverfolgungskamera auch einen Einsatz finden kann, um Wahrnehmung bei infantiler Cerebralparese zu erforschen. Wahrnehmung und Motorik sind einander rückgekoppelte Vorgänge, die bei der infantilen Cerebralparese Defizite aufweisen können. Voraussetzung für jede korrekt ausgeführte Bewegung ist eine gut funktionierende Wahrnehmung. Von der der Umgebung erhält das Gehirn zunächst eine Geräuschkulisse und ein farbliches Abbild. Das Gehirn muss diese Eindrücke dann interpretieren und zuordnen.

Das Selbstbild dagegen entsteht aus vielen einzelnen sensorischen Eindrücken, wie z.B. Gelenkstellung, Muskelspannung, Druckrezeptoren, zusammengefasst unter dem Begriff Propriozeption oder Körperwahrnehmung.

 

Die vom Gehirn zentral repräsentierte Umgebung und die Repräsentation des Selbst (Körperschema) ermöglichen zusammen erst die folgerichtige Bewegung und Interaktion mit der Umgebung.

 

Bei der infantilen Cerebralparese kann die Wahrnehmung entweder in der Peripherie gestört sein, d.h. Informationen werden nicht adäquat registriert und weitergeleitet, oder die ankommenden Informationen werden zentral nicht richtig verarbeitet. Bei cerebralen Schädigungen kann es andererseits auch zu Ausfällen kommen, die keine Ansteuerung der Motorik zulassen oder eine fehlerhafte Regulation der Reflexmotorik zur Folge haben. Gerade die z.T. gravierenden Wahrnehmungsdefizite und motorischen Störungen können bei Personen mit Cerebralparese zu Fehlreaktionen insbesondere in Streßsituationen führen. Auch wenn Kinder und Jugendliche mit Cerebralparese durch Behandlung und regelmäßiges Training gelernt haben, in Beruf und Alltag mit ihren Behinderungen zu leben und Defizite im Wahrnehmungsbereich zu kompensieren, kann in Ausnahmesituationen, wie diese z.B. beim Erwerb des Führerscheins, oder beim Schreiben unter Zeitdruck in Prüfungen oder beim Treppensteigen auftreten, diese Kompensations- möglichkeiten versagen. Die Feststellung, ob ein Wahrnehmungsdefizit vorliegt, ist ein wichtiger, aber auch ein sehr komplizierter Teil der Untersuchung von Kindern mit Cerebralparese. [6], [7], [12].

Häufig werden spezielle Fragen an den Kinderorthopäden oder Pädiater herangetragen, die besonders die Beachtung bezüglich der Wahrnehmungsdefizite und motorischen Störungen betreffen. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen weiter, die Eltern und Therapeuten detaillierter zu informieren und den Förderschwerpunkt in der Ergotherapie aber auch im Alltag zu intensivieren, nicht zuletzt auch um die Hilfsmittel optimaler anzupassen. Z.B. können überschießende Kopfbewegungen, wie sich bei der Blickverfolgung beim Lesen zeigte, durch eine verbesserte Kopfhalterung am Rollstuhl reduziert werden. Der erreichte technische Stand der Messmöglichkeiten bietet einen Anreiz für ein weites Feld grundlegender und anwendungsorientierter Untersuchungen der Cerebralparese [4]. Bereits von Konczak wurde auf motorisches Lernen hingewiesen [6], [7].

 

Korrespondenz: Frau Prof. Dr. Renée Lampe, Orthopädische Abteilung des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München Ismaninger Str. 22 D-81675 München E-mail:

1 Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der TU München, Direktor Prof. Dr. med. R. Gradinger, Klinikum rechts der Isar, München

Literatur

 

[1] Dettmers C., Weiller, C.: Fahreignung bei neurologischen Erkrankungen.

Hippocampus Verlag, Bad Honnef 2004

[2] Ferrari A., Cioni G. (Hrsg): Infantile Zerebralparese. Spontaner Verlauf und Orientierungshilfen für die Rehabilitation.

Springer Verlag, Hamburg 1998

[3] Hammill D.: Developmental Test of Visual Perception. Second Edition, PRO-ED, Inc., Austin,Texas 1993

[4] Konczak J.: Motorisches Lernen. In: Karnath H.O., Their P. (Hrsg): Neuropsychologie.

Springer Verlag, Heidelberg 2003

[5] Küst J.: Ratgeber zur Fahreignung bei neurologischen Erkrankungen.

Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2006

[6] Lampe R., Stotz S.: Rehabilitationsergebnisse bei Jugendlichen mit infantiler Zerebralparese im Berufsbildungswerk des Spastikerzentrums München.

In: H. Reichel (Hrsg.) Langzeitergebnisse in der Kinderorthopädie.

Steinkopff Verlag, Darmstadt, 2003, 94-107

[7] Lampe R., Mitternacht J.: Einsatz des Ganglabors bei klinisch-orthopädischen Fragestellung in der Kinderorthopädie.

In: Klinische Pädiatrie, Zeitschrift für Klinik und Praxis, Thieme 2004

[8] Lampe R.: Führerscheintestung bei Cerebralparese. In Arbeit

[9] Löhlein A., Stotz S.: Medizinische Aspekte.

In: Mobilitätsbehinderte und Kraftfahrzeug, Deutsche Fahrlehrerakademie e.V. Stuttgart 1997, 63-92

[10] Michaelis R., Niemann G.: Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie, 2. Aufl., Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1999

[11] Pritzel M.: Gehirn und Verhalten.

Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2003

[12] Stotz S.: Therapie der infantilen Zerebralparese.

Pflaum Verlag, München 2000

[13] Straßburg H.-M.: Entwicklungsstörungen bei Kindern. 2. Aufl.

Urban&Fischer Verlag, München-Jena 2000

Abb. 1 DTVP 2 Subtests
 Typus der visuellen WahrnehmungMotorikbeteiligung
gering hoch
Auge-Hand-Koordination räumliche Beziehung  
Lage im Raum Lage im Raum  
Nachzeichnen Formkonstanz  
Figur-Grund Figur-Grund  
räumliche Beziehung räumliche Beziehung  
Gestaltschließen Formkonstanz  
Visuo-motorische Geschwindigkeit Formkonstanz  
Formkonstanz Formkonstanz  
Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Renée Lampe
Oberärztin für Orthopädie und Kinderorthopädie der Technischen Universität München
Geb. 5. 2. 1963 in München
E-mail:

Medizinstudium in München, Köln, Heidelberg und Mannheim
Habilitationsstipendium im Rahmen eines Frauenförderungsprogramms der Technischen Universität München. Umfangreiche Grundlagenforschungen zur infantilen Cerebralparese im Klinikum rechts der Isar, Schwerpunkt Bewegungsstörungen als Folge der infantilen Cerebralparese.
Inhaberin der ICP-Stiftungsprofessur für Kinderneuroorthopädie mit Schwerpunkt Cerebralparese zur Grundlagen- und Ursachenforschung bei frühkindlichen Hirnschädigungen und ihren Folgen an der Technischen Universität München gefördert von der Buhl-Strohmaier-Stiftung der Stadt München
Fazit für die Praxis
Die infantile Cerebralparese ist eine Mehrfachbehinderung mit sichtbaren motorischen Einschränkungen und nicht direkt sichtbaren Wahrnehmungsstörungen.
Gerade die Wahrnehmungsstörungen können Alltagsaktivitäten unerwartet stark einschränken.
Kennen die Bezugspersonen die Wahrnehmungsschwächen, können sie die Umgebung oft leicht anpassen und ein Verständnis für die Schwierigkeiten bei Handlungsabläufen entwickeln.

R. Lampe, J. Mitternacht, R. Gradinger1, Pädiatrie & Pädologie 5/2009

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