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 © Fonds Gesundes Österreich
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Kinder- und Jugendheilkunde 9. November 2009

Unfallfreie Jugendjahre?

Gesunde Teenager? – Teil 4 (letzter Teil)

Jede halbe Stunde stirbt in Europa ein Jugendlicher bei einem Unfall. Das europäische Projekt „AdRisk“ sucht deshalb nach neuen Mitteln und Wegen zur Unfallprävention bei Teenagern – und dies ganz ohne erhobenen Zeigefinger. „Risikobalance“ lautet das Zauberwort.

Sie turnen auf den Dächern dahinbrausender Intercity-Züge, klettern auf Autobahnbrücken und werfen einander, an Sessel gefesselt, ins Wasser. – Wie waghalsig Jugendliche sein können, ist unter anderem auf der Internetplattform „YouTube“ zu sehen. Freilich handelt es sich dabei um die Zeugnisse besonderer Großtaten jugendlichen Leichtsinns. Doch – und das ist keineswegs ein neues Phänomen – junge Menschen neigen zu draufgängerischem, zuweilen gar todesmutigem Verhalten.

Dass dergleichen Tollkühnheiten nicht immer glimpflich ausgehen, zeigen die Statistiken: So verletzen sich Jugendliche und junge Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren ungleich häufiger als die erwachsene Bevölkerung. 65 Prozent aller Todesfälle von 15- bis 24-jährigen sind auf Unfälle zurückzuführen. In Europa sterben jährlich 22.000 Jugendliche und junge Erwachsene aufgrund ihres Leichtsinns.

Seinen Mut zu demonstrieren, bedeutet aber nicht nur, sich Hals über Kopf mit dem Snowboard einen Steilhang hinunter zu stürzen oder über fahrende Autos zu springen. Es bedeutet auch, Drogen auszuprobieren und sich in soziale Situationen zu begeben, deren Ausgang oft nicht abschätzbar ist. „Jugendliche wollen das Risiko selbst erkunden“, weiß Cees Meijer vom Consumer Safety Institute Amsterdam, ein holländischer Experte für Unfallprävention. Mit gutem Zureden, dem Androhen von Taschengeldentzug oder dem noch so plastischen Ausmalen von gesundheitlichen Folgen ist da nicht viel zu erreichen. Im Gegenteil: Predigten oder Verbote können im Umgang mit jungen Menschen sogar kontraproduktiv sein.

Europäische Plattform

Im Jahr 2006 startete im Auftrag der EU-Generaldirektion Öffentliche Gesundheit das Projekt „AdRisk“, das bei der Tagung „Gesundheitsförderung trifft Jugendarbeit“ vorgestellt wurde, die vom Fonds Gesundes Österreich im September 2008 in Salzburg veranstaltet wurde. Die Initiative sucht neue Wege zur Prävention von Unfällen von Jugendlichen.

Die Leitung des Projektes hat das österreichische Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) inne, das in Österreich mit dem Institut für Jugendkulturforschung und innerhalb der Europäischen Union mit verschiedenen Einrichtungen in Italien, Ungarn, Holland und Finnland zusammen- arbeitet.

„AdRisk soll eine europäische Plattform sein. Wir organisieren nationale und internationale Veranstaltungen, erstellen Studien, dokumentieren Good Practices und geben einen Newsletter heraus“, erläuterte Ursula Löwe vom KfV bei der Expertenkonferenz in der Mozartstadt. In weiterer Folge soll Unfallverhütung auf die Agenda der Gesundheitspolitik jedes einzelnen beteiligten Landes gebracht werden.

Dass Botschaften nicht ankommen, wenn mit erhobenem Zeigefinger geschulmeistert wird, ist „für Leute aus der Jugendarbeit nichts Besonderes“, so Löwe: „Unser Konzept besteht deshalb darin, nicht das Risiko an sich, sondern den Schaden zu minimieren“. Junge Menschen sollen in die Lage versetzt werden, die Gefahr, in die sie sich begeben, und deren eventuelle Folgen einschätzen zu können, eine Art „Risikobalance“ herzustellen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Ein auf nationaler Ebene bereits realisiertes AdRisk-Projekt wurde in Salzburg ebenfalls präsentiert. Durch die vom Amsterdamer Consumer Safety Institute durchgeführte Aktion mit dem Titel „Split the Risk“ sollten 15- bis 19-Jährige aus berufsbildenden Schulen erreicht werden. In der Vorbereitungsphase waren unter 420 Schülern Informationen gesammelt worden. Es bestätigte sich, dass um jeden Preis „cool“ sein zu wollen und gleichzeitig an die eigene Unverwundbarkeit zu glauben, eine gängige Geisteshaltung Jugendlicher ist. Erstaunt waren die Projektverantwortlichen über etwas anderes: „Viele junge Menschen glauben, dass Unfälle nichts anderes als Zufall sind“, schilderte Dr. Eveline Braun, die an dem Projekt mitgewirkt hatte. „Sie denken, ein Unfall passiert dann, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist.“

Eigenverantwortung bewusst machen

Hier sollte die Kampagne „Split the Risk“ ansetzen und den Jugendlichen ihre Eigenverantwortung bewusst machen. Sie bestand unter anderem aus einem Videospiel zur Messung der eigenen Reaktionsgeschwindigkeit und TV-Kurzfilmen, die junge Menschen in hochriskanten Situationen „in action“ zeigen. Im Augenblick der Gefahr wird das Bild angehalten und ein Interview mit dem Protagonisten eingespielt. Dieser schildert dann, welche Folgen es haben könnte, wenn er in diesem Moment – also zum Beispiel bei einem gefährlichen Skateboard-Trick oder bei einer riskanten Fahrt auf dem Zweirad – falsch reagiert.

Eine erste Auswertung dokumentiert den Erfolg der Initiative: „Während vor Ausstrahlung der Filme 60 Prozent meinten, selbst viel zur Unfallverhütung beitragen zu können, waren es danach 75 Prozent“, berichtete Dr. Braun bei der Tagung in Salzburg. – Über weitere nationale AdRisk-Projekte informiert die Website www.adrisk.eu.com.

Mag. Dietmar Schobel
Risk and Fun

Mit einem speziellen Kurskonzept will der Österreichische Alpenverein dazu beitragen, jugendlichen „Freeridern“ die Risiken beim Snowboarden und Skifahren abseits der Pisten besser bewusst zu machen.

Eine Gruppe Wintersportler steht am Rande eines Steilhangs abseits der Pisten. In den vergangenen Tagen hat es reichlich geschneit. Heute strahlt die Sonne vom Himmel. Alle freuen sich darauf, frische Spuren in den frischen Tiefschnee zu zaubern. – Nur einer aus der Runde warnt davor, dass es vielleicht riskant sein könnte, diesen Hang zu befahren. Der Schnee sei labil geschichtet, die Lawinengefahr groß. Die meisten anderen schätzen das nicht so ein. Da meldet sich noch jemand aus der Gruppe zu Wort…
Wohl jeder Skitourengeher, Variantenfahrer oder Snowboard-Freerider kennt diese Situation. Viele haben dabei wohl schon einmal nicht die richtige, möglichst risikofreie Entscheidung getroffen. Bei Jugendlichen ist die Gefahr, dass abseits der Pisten zuviel riskiert wird, besonders groß.
Um dieses Risiko zu verringern, wurde vom Österreichischen Alpenverein eine spezielle Form der Ausbildung entwickelt, die der diplomierte Sozialpädagoge Jürgen Einwanger bei der Tagung „Gesundheitsförderung trifft Jugendarbeit“ vorstellte. Für die Bewerbung der „risk’n’fun“-Kurse werden die Bilder und Symbole der jugendlichen Freerider verwendet. Außerdem zählen zum Trainerteam Szenegrößen wie Snowboardprofi und Weltmeisterin Gitti Köck. Das alles dürfte dazu beigetragen haben, dass die Kurse gut angenommen werden. „Inzwischen gilt es bei vielen Freeridern als cool, an unserer Ausbildung teilzunehmen und zum Chill-Out danach eingeladen zu werden“, sagte Einwanger.

Lawinenkunde und Rollenspiele
Die Schulung durch den Alpenverein besteht aus drei jeweils fünftägigen, aufeinander aufbauenden Kursen. Diese sollen Snowboarder und Skifahrer ab 16 Jahren befähigen, die Risiken beim Fahren abseits der Pisten wahrzunehmen und zu beurteilen. Mit dem „Level 01/Trainingssession“ wird begonnen, es folgt das „Level 02/Next Level“. Wer auch dieses absolviert hat, ist reif für das „Level 03/Backcountry Pro“. Zu den Kursinhalten zählen zum Beispiel der Umgang mit Notfallausrüstung oder das Beschaffen und Auswerten von Informationen über Wetter und Schneelage. In Rollenspielen wird erprobt, wie sich die Teilnehmer in einer Situation wie der eingangs beschriebenen, am Rande eines potenziellen Lawinenhangs verhalten würden.
Die Ausbildung setzt auch die Idee der „Peer Education“ um. Diese basiert darauf, dass die „Peer Group“, also die Gruppe von Gleichaltrigen oder Gleichrangigen, auf Teenager in aller Regel einen wesentlich größeren Einfluss hat als Eltern oder Pädagogen. Bei den risk-n-fun-Kursen wird somit davon ausgegangen, dass die Absolventen ihr Know-how über Sicherheitstechnik und Lawinenkunde auch nach außen tragen – in ihre „Peer Groups“ in der „freien Szene“. „Wir sagen unseren Teilnehmern aber auch: Ihr seid keine Pistenmessiasse. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Informationen aus dem Kurs jedoch weitergeben“, betonte Einwanger.

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