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Mueller
 
Kinder- und Jugendheilkunde 29. September 2009

Was wird aus unseren Kindern?

Ab heute tagt die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. Ihr Tagungspräsident Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Müller spricht im Interview über die aktuellen Herausforderungen, die Novelle der Facharztausbildung und über die neuesten Erkenntnisse in der Pädiatrie.

Mit welchen speziellen Anforderungen ist die Kinder- und Jugendheilkunde heute konfrontiert ?

Wilhelm Müller: Den aktuellen Anforderungen der Kinder- und Jugendheilkunde gerecht zu werden, bedeutet, die Breite des Faches mit allen Spezialisierungen und Subdisziplinen darzustellen. Deshalb bieten wir heuer in fünf Hörsälen die ganze wissenschaftliche Bandbreite unseres Faches und haben den Fortbildungscharakter in den Hintergrund gestellt. Als Beispiel sei auch die wissenschaftliche Sitzung der Arbeitsgruppe pädiatrische Sonographie genannt. Die Breite und Spezialisierung der Kinder- und Jugendheilkunde zeigt sich auch an der Tatsache, dass heute, am ersten Kongresstag 22 Arbeitsgruppen der Gesellschaft tagen.

Der Kongress hat das Motto „Was wird aus unseren Kindern und Jugendlichen…..?“ Welche Themen möchten Sie besonders hervorheben?

Wilhelm Müller: In den letzten Jahren ist man in vielerlei Hinsicht dem „Langzeit-Outcome“ unserer Patienten nachgegangen und hat festgestellt, dass hierbei viele Fragen noch offen sind. Viele dieser Fragen können wir zum jetztigen Zeitpunkt noch nicht beantworten, in manchen Bereichen zeigen sich eindrucksvoll die Probleme unserer ehemaligen Patienten im Erwachsenenalter.

Ein Problemzeitraum stellt hier für alle chronischen Erkrankungen mit Dauermedikation die Zeitspanne der Pubertät dar. Andere Erkrankungen, wie angeborene Herzfehler mit ein oder mehreren Korrekturoperationen, zeigen erst im Langzeitverlauf über mehrere Jahrzehnte, welche Probleme sich bei einer nicht vollständigen anatomischen Korrektur ergeben, sodass jetzt eigene Ambulanzen für Patienten mit angeborenen Herzfehlern in der Erwachsenenkardiologie notwendig werden.

Welche spannenden neuen Erkenntnisse gibt es?

Wilhelm Müller: Der Transition des Kindes und Jugendlichen ins Erwachsenenalter nachzuspüren, ist sicherlich ein spannendes Unterfangen, sowohl für den Spitalsarzt wie auch für die/den in der Praxis tätigen Kollegin/Kollegen. Diese Transition gibt uns auch ein wichtiges Feedback für unsere Therapien und neue Therapieansätze hinsichtlich ihrer Langzeittauglichkeit und eventueller Verbesserungsnotwendigkeiten.

Die neonatale und allgemeinpädiatrische Intensivmedizin haben in den letzten Jahren das Überleben von immer mehr extrem kleinen Frühgeborenen wie auch lebensbedrohlich erkrankten Kindern und Jugendlichen möglich gemacht.

Monoklonale Antikörper in immer unüberschaubarerer Menge erobern sich ihren Stellenwert in der Behandlung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, rheumatischen oder hämato-/ onkologischen Erkrankungen im Kindesalter, sodass wir zunehmend auf solche Tagungen und die Expertise der Vortragenden angewiesen sind, um die aktuelle „state of the art“ Behandlung unserer Patienten zu gewährleisten.

Gibt es auch Neues zur Facharztausbildung Pädiatrie?

Wilhelm Müller: In der Novelle zur Ärzteausbildungsordnung 2007 wurden sechs pädiatrische Zusatzfacharztausbildungen festgeschrieben.

Leider wurden Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung sowie Pädiatrische Nephrologie nicht in die Novelle zur Ausbildungsordnung mit hineingenommen; allerdings ergaben Gespräche mit Gesundheitsminister Alois Stöger und Vertretern der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ein durchaus positives Ergebnis, dass Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung sowie Pädiatrische Nephrologie in der nächsten Novelle der Ausbildungsordnung als Additivfächer realisiert werden könnten.

Weitere pädiatrische Spezialgebiete wie Schlafmedizin, Infektiologie, Rheumatologie und andere mehr sind als so genannte Spezialisierungen im Rahmen der Spezialisierungsordnung der Österreichischen Ärztekammer eingereicht.

Es steht für mich völlig außer Streit, dass die Etablierung pädiatrischer Subdisziplinen in unseren Universitätskliniken und Zentralkrankenhäusern und spiegelbildlich dazu in der bestehenden Ausbildungsordnung zu einer eindeutigen Verbesserung der klinischen Patientenbetreuung und des wissenschaftlichen Erfolges unseres Fachgebietes beigetragen hat.

Ist die Komplementärmedizin auch in der pädiatrischen Praxis ein Thema?

Wilhelm Müller: Wie überall in der gesamten Medizin spielt die Komplementärmedizin auch eine Rolle in der Kinder- und Jugendheilkunde. Am besten in ihrer Wirksamkeit überprüft ist hierbei die Akupunktur aus der traditionellen chinesischen Medizin. Dazu gibt es auch immer wieder Veröffentlichungen in renommierten medizinischen Fachzeitschriften.

Aktuell laufen an der Klinischen Abteilung für Neonatologie in Graz Untersuchungen der Wirksamkeit der Laserakupunktur beim neonatalen Drogenentzugssyndrom, andere Indikationen sind in Diskussion. Bei mehr als 200 wissenschaftlichen Beiträgen zu unserer Tagung fand sich diesbezüglich jedoch kein Abstrakt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Tagung?

Wilhelm Müller: Was sich jeder Veranstalter wünscht: Volle Hörsäle und eine rege Diskussion unter der Kollegenschaft, eine spürbare Freude, in unserer schönen historischen Altstadt tagen zu können, und den Wunsch zu wecken nach weiteren Tagungen dieser Art bei den nachkommenden Generationen.

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