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Abb. 1: Die Inzidenz des Typ I Diabetes mellitus ist steigend, sowohl in Österreich als auch weltweit. Hier die Daten von Univ.-Prof. Dr. Edith Schober aus 2008, nach Alterstufen und mit zu erwartender Inzidenzrate.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 21. September 2009

Was wird aus unseren Kindern mit Typ 1 Diabetes mellitus?

Kinder mit Diabetes sollten bereits ab Manifestation eine umfassende pädiatrisch-diabetologische Betreuung erhalten.

Typ 1 Diabetes mellitus (T1DM) ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Die Inzidenz des T1DM ist steigend, sowohl in Österreich als auch weltweit. Die EURODIAB collaborative study (eine Zentrale, die 44 europäische Länder registriert) konnte einen jährlichen Anstieg der Inzidenzrate von 3 bis 4 Prozent in den letzten Jahren zeigen. Die Zunahme der Inzidenzrate wurde in allen Altersgruppen beobachtet, sie ist aber in einigen Ländern bei Null- bis Vierjährigen am höchsten.

Auch in Österreich verzeichnen wir einen starken Anstieg der Inzidenz. Die Inzidenzrate hat sich vom Zeitraum 1979 bis 1984 (7,3/100000) auf den Zeitraum 2000 bis 2005 (14,6/100000) verdoppelt, und der steilste Anstieg war auch in Österreich in den letzten fünf Jahren bei den Kindern unter fünf Jahren zu verzeichnen. Derzeit beträgt die Inzidenz des T1DM in Österreich 18,4/100000 (2007).

Deshalb betreuen wir Pädiater nicht nur immer mehr Kinder und Jugendliche mit T1DM, sondern wir begleiten sie auch über einen längeren Zeitraum. Unsere Aufgabe in dieser Zeit ist zuerst, die Probleme in der Kleinkinderperiode zu meistern, und später, den Jugendlichen in der Phase der Pubertät Hilfe zu stellen, und dann, den richtigen Zeitpunkt für die Überweisung zu den Erwachsenenmedizinern (Transition) zu finden. Auf der anderen Seite ist es auch die Aufgabe der pädiatrischen Diabetologen mit der Prävention bezüglich Spätkomplikationen bereits in der Kindheit zu beginnen und Zweiterkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu therapieren, um weitere Folgeerkrankungen zu vermeiden.

Pubertät:

Die Pubertät ist ein Lebensabschnitt mit tief greifenden Veränderungen und von besonderer Bedeutung, sowohl für das heranwachsende Kind, als auch die ganze Familie. Es kommt nicht nur zur körperlichen, sondern auch zur seelischen Umstellung. Diese Phase der „Reifung“ ist auch eine Zeit, in der die Jugendlichen unabhängig werden. Diese sensible Zeit kann für Jugendliche mit T1DM, deren Eltern und Betreuende teilweise sehr schwierig sein und bedarf oft einer sehr intensiven multidisziplinären Betreuung.

In der Pubertät kommt es bei allen Jugendlichen zu einer physiologischen Insulinresistenz, diese ist bei Jugendlichen mit T1DM verstärkt und es bedarf hoher Insulindosen (bis zu 1,5 IE/kg KG und fallweise sogar noch mehr), um eine akzeptable metabolische Kontrolle zu erzielen. Manchmal kommt es aber auch unter großen Anstrengungen und hohen Insulindosen zu keiner guten Kontrolle, was sich auf die weitere Compliance der Jugendlichen negativ auswirkt. Unter diesen hohen Insulindosen kommt es leider oft auch zu einer vermehrten Gewichtszunahme, was besonders bei Mädchen zu beobachten ist und häufig zum „Weglassen“ der Insulininjektionen und auch zu psychologischen Störungen, im Sinne von Essstörungen, führen kann. Das „Weglassen“ der Insulininjektionen wird besonders bei weiblichen Jugendlichen beobachtet und führt nicht selten zu einer diabetischen Ketoazidose (DKA) mit Klinikaufnahme. Leider kommt es dabei auch häufig zu rezidivierenden DKA, besonders bei Mädchen mit schwierige Familienumständen, psychiatrischen Erkrankungen oder Essstörungen.

Zahlreiche Studien konnten das häufigere Auftreten von Essstörungen (besonders Anorexie, Bulimie und binge eating) bei Jugendlichen mit T1DM nachweisen, und man fand auch einen höheren Prozentsatz an Depression und Angststörungen in diesem Kollektiv. In einem long-term follow-up brauchten zehn Prozent der männlichen und 23 Prozent der weiblichen Jugendlichen psychologische bzw. psychiatrische Hilfe. Zusätzlich konnten einige Studien zeigen, dass Jugendliche mit Essstörungen ein höheres Risiko für Spätkomplikationen hatten.

Das ist insofern problematisch, da in der Pubertät das Risiko für die Entstehung einer diabetischen Mikroalbuminurie (MA) und diabetischen Retinopathie um das Drei- bis Vierfache erhöht ist, weshalb in dieser Zeit das Screening auf Spätkomplikationen und eine gute glykämische Kontrolle besonders wichtig sind. Die Mikroalbuminurie ist teilweise reversibel (bei bis zu 50% der Patienten normalisiert sich die MA am Ende der Pubertät), sollte aber trotzdem frühzeitig diagnostiziert werden, um eventuell mit einer Therapie (ACE-Hemmer) zu beginnen. Es gibt aber noch keine Langzeitstudien über den Einsatz von ACE Hemmern bei Jugendlichen mit MA.

Die background Retinopathie ist das erste Stadium einer diabetischen Retinopathie und kann auch schon bei Jugendlichen auftreten. Auch hier ist die frühzeitige Diagnose wichtig, da eine Verbesserung der Stoffwechselkontrolle oder aber auch eine Lasertherapie die weitere Progression verhindern können.

Transition:

Am Ende der Pubertät sollte dann die „Transition“ (die Überweisung der Jugendlichen zu Erwachsenenmediziner) stattfinden. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Zeitpunkt für diesen Transfer zu finden, und es stellen sich einige Fragen:

  • Was ist das beste Alter?
  • Wohin soll man überweisen (Uni Klinik, regionale Krankenhäuser, niedergelassenen Internisten) und wie soll diese „Transition“ stattfinden?
  • Sollen gemeinsame Visiten mit Pädiater, Internisten und den Jugendlichen stattfinden oder genügt es die Jugendlichen mit einem Anruf oder Brief anzukündigen?

Zu diesem Thema gibt es erst sehr wenige Studien, die folgende Resultate ergaben:

Das Alter bei Transfer variierte zwischen 13,3 und 22,4 Jahren. Die Patientenunzufriedenheit war besonders bei Jugendlichen hoch, die direkt vom pädiatrischen zum internistischen Zentrum überwiesen wurden.

Von den Jugendlichen, die auf einer Universitätsklinik betreut wurden, sind 93 Prozent ein Jahr vor dem Transfer regelmäßig zu klinischen Kontrollen erschienen, im Gegensatz zu 77 Prozent der Jugendlichen, die in einem regionalen Krankenhaus betreut wurden. Zwei Jahre nach dem Transfer sind nur mehr 79 Prozent der Jugendlichen auf Universitätskliniken und 51 Prozent in regionalen Krankenhäusern zu regelmäßigen Kontrollen gekommen.

In einer weiteren Studie sind 30 Prozent der Jugendlichen zwei Jahre nach dem Transfer nicht mehr zu den regelmäßigen Visiten bei den Internisten erschienen.

Diese Daten zeigen deutlich die Notwendigkeit einer guten, koordinierten Transferierung der Jugendlichen. Der Übergang vom „Kinderzentrum“ zum „Erwachsenenzentrum“ sollte idealer Weise fließend, gut geplant, koordiniert und flexibel genug sein, um auf die Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen.

Zweiterkrankungen:

1. Schilddrüsenerkrankungen

Die häufigste assoziierte Autoimmun-erkrankung/Zweiterkrankung bei T1DM betrifft die Schilddrüse. Bei Diabetikern können zwei Formen von Schilddrüsenerkrankungen vorliegen: eine Hashimoto Thyreoiditis, die am Beginn manchmal zu einer Hyperthyreose, im weiteren Verlauf immer zu einer Hypothyreose führt, oder ein Morbus Basedow, der insgesamt seltener auftritt und zu einer Hyperthyreose führt.

Die Prävalenz der Hashimoto Thyreo- iditis bei T1DM variiert in den verschiedenen Ländern stark und wird mit drei bis 50 Prozent angeben, verglichen zu drei bis zehn Prozent bei Nichtdiabetikern. Ein Morbus Basedow ist, wie bereits erwähnt, viel seltener und tritt mit einer Prävalenz von 0,5 bis sieben Prozent auf.

Als Risikofaktoren für das Auftreten einer Hashimoto Thyreoiditis konnten in verschiedenen Studien folgende erarbeitet werden: Patienten mit positiven SD AK waren älter, hatten eine längere Diabetesdauer und waren bei Diabeteserstmanifestation älter als Patienten ohne Schilddrüsenantikörper, und es sind bevorzugt Mädchen bzw. Frauen betroffen.

Klinische Zeichen einer Hypothyreose sind: Struma, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Obstipation, Haarausfall und trockene Haut. Im Kindes- und Jugendalter kann es weiters zu Wachstumsstörungen und Störungen der Pubertätsentwicklung kommen. Die Hashimoto Thyreoiditis bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM tritt jedoch oft/meist ohne klinische Symptome auf. Bei Diabetikern fand man einen Zusammenhang zwischen undiagnostizierten Hashimoto Thyreoiditiden und schlechter Stoffwechselkontrolle und weiters konnte auch gezeigt werden, dass Kinder mit T1DM und subklinischer Hypothyreose signifikant mehr symptomatische und schwere Hypoglykämien hatten, welche sich nach dem Beginn einer Thyroxin-Substitutionstherapie rapide besserten.

Klinische Symptome einer Hyperthyreose sind: Tachykardie, Schlaflosigkeit, Unruhe, Gewichtsverlust und Diarrhoe.

Nach den Empfehlungen der International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) soll das Screening auf assoziierte Schilddrüsenerkrankungen bei Diabeteserstmanifestation und dann jedes zweite Jahr bei asymptomatischen Patienten durchgeführt werden. Das Screening erfolgt durch die Bestimmung des bTSH, von fT3 und fT4 und der Schilddrüsenantikörper (TPO-AK, Tg-AK und TRAK).

2. Zöliakie

Die zweithäufigste assoziierte Autoimmunerkrankung bei Kindern mit T1DM ist die Zöliakie. Die Prävalenz der Zöliakie in der Normalbevölkerung wird heute weltweit mit 1:100-1:200 angegeben (in Österreich 1:200). Die durchschnittliche Prävalenz der Zöliakie bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM beträgt in einer Auswertung von 26 Studien 4,5 Prozent (0,97-16,4%). Wir, in Österreich, fanden eine Prävalenz der Zöliakie bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM von 2,9 Prozent (Ergebnisse aus Wien und Graz).

Bei Typ 1-Diabetikern findet man sehr häufig eine oligosymptomatische oder eine silente Zöliakie, was bedeutet, dass die klassischen Symptome der Zöliakie , wie Bauchschmerzen, Diarrhoe , Obstipation, fehlende Gewichtszunahme/-verlust, Müdigkeit, Misslaunigkeit, Cephalea und psychische Auffälligkeiten oft/meist nicht vorliegen.

Besonders im Kindesalter aber kann eine undiagnostizierte und unbehandelte Zöliakie, auch ohne offensichtliche Symptome, zu Anämie, Wachstumsverzögerung und Störungen der Pubertätsentwicklung führen. Im Erwachsenenalter können, auch bei silenter Zöliakie, Komplikationen wie Osteoporose und Fertilitätsstörungen auftreten, und es besteht sogar ein erhöhtes Risiko für Malignome.

Es gibt zahlreiche Studien bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM und Zöliakie, die folgende Ergebnisse gebracht haben: Kinder mit T1DM und undiagnostizierter Zöliakie zeigten eine verminderte Gewichtszunahme und ein geringeres Wachstum. Einige Studien zeigten, dass bei Diabetikern mit silenter Zöliakie vermehrt Hypoglykämien auftreten können, andere Studien konnten diesen Unterschied in der Hypoglykämierate nicht bestätigen. In einer eigenen Studie fanden wir keine vermehrte Hypoglykämierate bei Kindern mit T1DM und Zöliakie.

Einige Untersuchungen berichten auch von einer schlechteren Stoffwechselkon- trolle bei unbehandelter Zöliakie. Sowohl die vermehrten Hypoglykämien als auch die Stoffwechsellage verbesserte sich mit Einführen der glutenfreien Diät. Auch dieses Ergebnisse konnten nicht in allen Studien bestätig werden.

Weiters konnte nachgewiesen werden, dass das Risiko, an einer zusätzlichen Zöliakie zu erkranken, bei Kindern, die unter dem 4. Lebensjahr manifestierten, dreifach erhöht ist.

Das Screening auf Zöliakie soll ebenfalls bei Diabeteserstmanifestation und dann jedes zweite Jahr durchgeführt werden, bei Symptomen natürlich früher. Zur Screeninguntersuchung wird die Bestimmung der Endomysialen Antikörper und/oder Transglutaminase Antikörper empfohlen mit gleichzeitiger IgA- Bestimmung, um einen IgA Mangel ausschließen zu können. Sind die Antikörper positiv, muss weiterführend eine Gastroskopie mit einer Duodenalbiopsie durchgeführt werden.

3. Autoimmungastritis

Kinder und Jugendliche mit T1DM scheinen auch ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Autoimmungastritis zu haben. Dazu gibt es aber erst wenig publizierte Daten.

In einer eigenen rezenten Studie (noch nicht publizierte Daten) konnten wir ein vermehrtes Auftreten von Parietalzell Antikörper (PCA) bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM nachweisen (5,3%) im Vergleich zu 1,9 Prozent bei gesunden Kindern. PCA sind die Marker einer Autoimmungastritis, die unbehandelt zu einer Eisenmangelanämie oder perniziösen Anämie und sogar zu einem vermehrten Auftreten von premalignen Läsionen führen kann.

Es scheint, dass sich PCA erst im späteren Leben (ab der 2.-3. Lebensdekade) entwickeln und etwas häufiger beim weiblichen Geschlecht (statistisch jedoch nicht signifikant) vorkommen. PCA zeigten weiters eine Korrelation zu positiven SD Antikörpern (TPO-AK). Es werden weitere Studien notwendig sein, um beurteilen zu können, ob ein regelmäßiges Screening auch auf PCA sinnvoll ist.

Spätkomplikationen:

Die vaskulären Spätkomplikationen des Typ 1 Diabetes mellitus inkludieren Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie sowie makrovaskuläre Erkrankungen und sind heute bestimmend für das Lebensschicksal von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes.

Das Outcome der diabetischen Spätkomplikationen beinhaltet: Sehverlust und Blindheit durch die diabetische Retinopathie, Hypertonie und Niereninsuffizienz durch die diabetische Nephropathie, Schmerzen, Parästhesien, autonome Dysfunktion durch die diabetische Neuropathie, sowie Herzerkrankungen, periphere Gefäßerkrankungen und Insulte durch makrovaskuläre Erkrankungen.

Klinische Zeichen für diabetesbedingte vaskuläre Komplikationen sollten im Kindes- und Jugendalter selten sein. Frühe funktionelle und strukturelle Abnormalitäten präsentieren sich aber manchmal schon einige Jahre nach der Diabetes Erstmanifes- tation.

Risikofaktoren für die Entwicklung von Spätkomplikationen sind längere Diabetesdauer, höheres Alter und Pubertät. Weitere Risikofaktoren sind Rauchen, Hypertonie, hoher BMI und eine Dyslipidämie.

Bezüglich Prävention konnte gezeigt werden, dass die intensivierte Insulintherapie durch eine Verbesserung der Stoffwechselkontrolle (HbA1c < 7,5%) zu einer signifikanten Senkung der mi- krovaskulären Komplikationen, verglichen zur konventionellen Insulintherapie, führte.

Zielwerte, um das Risiko für mikrovaskuläre und kardiovaskuläre Komplikationen bei Kindern und Jugendlichen zu verringern, sind: HbA1c < 7,5% (ohne schwere Hypoglykämien), Normalisierung der Blutfette, Blutdruck < 90. Perzentile (bezogen auf Alter, Geschlecht und Größe), BMI < 95. Perzentile, kein Rauchen, vermehrte körperliche Aktivität und gesunde Ernährung.

Die diabetische Retinopathie ist die häufigste, auch schon bei Jugendlichen zu beobachtende Form der diabetischen Mikro- angiopathie. Jugendliche Diabetiker haben ein höheres Risiko der Progression einer sehbeeinträchtigenden Retinopathie als Erwachsene. Die Prävalenz der Retinopathie schwankt zwischen 65 und 90 Prozent nach 30 Jahren Diabetesdauer.

Obwohl fast alle Patienten mit Typ 1 Diabetes mellitus histologisch nachweisbare renale Läsionen aufweisen, tritt nur bei höchstens 40 bis 50 Prozent von ihnen eine Nephropathie mit terminalem Nierenversagen auf.

Die diabetische Nephropathie ist definiert als persistierende Proteinurie >500mg/24h oder Albuminurie >300 mg/24h und ist gewöhnlich mit einem Hypertonus assoziiert. Das erste klinische Zeichen einer diabetischen Nephropathie ist die persistierende Mikroalbuminurie.

Die diabetische Nephropathie ist der Hauptursache für Morbidität und Mortalität unter jungen Erwachsenen mit Diabetes. Eine beginnende Nephropathie sollte deshalb möglichst frühzeitig diagnostiziert und intensiv behandelt werden, da durchaus die Chance zur Reversibilität mikroangiopathischer Veränderungen der Niere besteht.

Die Entwicklung der Nephropathie wird nicht nur durch die diabetesbedingte Hyperglykämie gefördert, sondern auch durch eine Erhöhung des systemarteriellen Blutdrucks. Weitere Risikofaktoren sind Nikotinabusus, erhöhte Eiweißzufuhr und genetische Faktoren.

Die sensomotorische Neuropathie und Beschwerden der autonomen Neuropathie treten frühestens nach zehn- meist jedoch erst nach 15- bis 20- jähriger Diabetesdauer auf und sind somit im Kindes und Jugendalter sehr selten. Daher gibt es gibt es auch keine einheitlichen Prävalenz- daten.

Als Risikofaktoren konnte eindeutig die Qualität der Stoffwechseleinstellung nachgewiesen werden, und somit gilt auch hier die Hyperglykämie als wichtigster metabolischer Risikofaktor. Weiters dürfte auch die arterielle Hypertonie eine bedeutende Rolle spielen. Nikotin und Alkohol sind zusätzlich diskutierte Risikofaktoren.

Screeninguntersuchungen:

Besonders in der Kinder- und Jugendheilkunde muss, um Spätkomplikationen zu vermeiden, das Augenmerk auf die Prävention und auf Screening-Untersuchungen gelegt werden.

Die ISPAD guidelines empfehlen folgendes Vorgehen für das Screening auf diabetische Folgeerkrankungen: Das Screening auf Retinopathie (mittels Ophthalmoskopie) und Mikroalbuminurie (Morgenharn oder Sammelharn) sollten nach dem 11. Lebensjahr und zwei Jahren Diabetesdauer bzw. ab dem 9. Lebensjahr und fünf Jahren Diabetesdauer begonnen werden. Danach sollten jährliche Screeninguntersuchungen bzw. bei Auffälligkeiten auch häufiger, durchgeführt werden. Weiters sollte mindestens 1x/Jahr der Blutdruck gemessen werden. Die Blutfette (nüchtern) sollten kurz nach Diagnosestellung bei allen Kindern, die älter als 12 Jahre sind, bestimmt werden. Sind die Blutfette normal, genügen fünfjährige Kontroll- untersuchungen.

Es sollten deshalb möglichst alle Kinder mit Diabetes sollten bereits ab Manifestation eine umfassende pädiatrisch-diabetologische Betreuung erhalten, um Probleme in der Kleinkinderperiode, Pubertät und im Übergang zum Erwachsenen frühzeitig zu erkennen und zu lösen, und um mit der Prävention von diabetischen Folgeerkrankungen und Zweiterkrankungen bereits in der Kindheit zu beginnen.

 

1 Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz Klinische Abteilung für Allgemeine Pädiatrie Bereich Endokrinologie und Diabetes

Korrespondenz: OA Dr. Elke Fröhlich-Reiterer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz Auenbruggerplatz 30 8036 Graz E-mail: Literatur bei der Verfasserin
Tabelle 1 Vaskuläre Spätkomplikationen des Diabetes mellitus Typ I
 RisikofaktorenIntervention
Retinopathie - Hyperglykämie (A)
- Hoher RR (B)
- Hohe Lipide (B)
- Hoher BMI (C)
-Verbesserung Stoffwechselkontrolle (A)
- Lasertherapie (A)
Nephropathie - Hoher RR (B)
- Hohe Lipide (B)
- Rauchen (B)
-Verbesserung Stoffwechselkontrolle (A)
- ACE Hemmer (A)
- RR Senkung (B)
Neuropathie - Hyperglykämie (A)
- Hoher BMI (C)
- Verbesserung Stoffwechselkontrolle (A)
Makrovaskuläre Komplikationen - Hyperglykämie (A)
- Hoher RR (A)
- Hohe Lipide (B)
- Hoher BMI (B)
- Rauchen (B)
- Verbesserung Stoffwechselkontrolle (A)
- RR Senkung (B)
- Statine (A)
Nach ISPAD Consensus guidelines: Pediatric Diab 2007: 8: 163 ff
(A), (B), (C)…..levels of evidence, nach Studien an Erwachsenen – außer: verbesserte Stoffwechselkontrolle
Fazit für die Praxis
Die Inzidenz des Typ 1 Diabetes mellitus (T1DM) ist stark steigend, sowohl in Österreich als auch weltweit. Die Zunahme der Inzidenzrate wurde in allen Altersgruppen beobachtet, sie ist aber bei den 0- bis 4-Jährigen am höchsten.
Deshalb betreuen wir Pädiater nicht nur immer mehr Kinder und Jugendliche mit T1DM, sondern wir begleiten sie auch über einen längeren Zeitraum. Unsere Aufgabe in dieser Zeit ist es, die Probleme in der Kleinkinderperiode und Pubertät zu meistern und dann den richtigen Zeitpunkt für die Überweisung zu den Internisten (Transition) zu finden. Zusätzlich muß bereits in der Kindheit mit der Prävention bzgl Spätkomplikationen und Zweiterkrankungen begonnen werden.
In der Pubertät kommt es bei allen Jugendlichen zu einer physiologischen Insulinresistenz, diese ist bei Jugendlichen mit T1DM verstärkt und es bedarf hoher Insulindosen, um eine akzeptable metabolische Kontrolle zu erzielen. Unter diesen hohen Insulindosen kommt es leider oft zu einer vermehrten Gewichtszunahme, was besonders bei Mädchen zu beobachten ist, und in Folge häufig zum „Weglassen“ der Insulininjektionen und auch zu psychologischen Störungen, im Sinne von Essstörungen, führen kann. Das „Weglassen“ der Insulininjektionen wird besonders bei weiblichen Jugendlichen beobachtet und führt nicht selten zu einer diabetischen Ketoazidose (DKA) mit Klinik- aufnahme.
Am Ende der Pubertät sollte dann die „Transition“ (Überweisung zu den Internisten) stattfinden. Es ist nicht immer leicht den richtigen Zeitpunkt für diesen Transfer zu finden und es stellen sich einige Fragen: Was ist das beste Alter? Wohin soll man überweisen und wie soll diese „Transition“ stattfinden?
Bei Vorliegen einer Autoimmunerkrankung ist das Risiko an einer zweiten Autoimmunerkrankung zu erkranken erhöht. Die häufigsten Zweiterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM sind die Hashimoto Thyreoiditis und die Zöliakie. Zweiterkrankungen sind bei Diabetikern häufig silent, also ohne klinische Symptome und werden oft erst durch das Auftreten von Folgeerkrankungen diagnostiziert bzw können bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM eventuell eine schlechte Stoffwechselkontrolle bzw. vermehrte Hypoglykämien verursachen.
Deshalb sollen bei Kindern und Jugendlichen mit T1DM regelmäßige Screeninguntersuchungen durchgeführt werden.
Spätkomplikationen bzw vaskuläre Folgeerkrankungen des T1DM, d. h. Retino- pathie, Nephropathie, Neuropathie oder Makrioangiopathie, sind heute bestimmend für das Lebensschicksal von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes.
Risikofaktoren für die Entwicklung von Spätkomplikationen sind längere Diabetesdauer, höheres Alter und Pubertät. Weitere Risikofaktoren sind Rauchen, Hypertonie, hoher BMI und die Dyslipidämie.
Zielwerte, um das Risiko für mikrovaskuläre und kardiovaskuläre Komplikationen bei Kindern und Jugendlichen zu verringern, sind: HbA1c < 7,5%, Normalisierung der Blutfette, Blutdruck < 90. Perzentile, BMI < 95. Perzentile, kein Rauchen, vermehrte körperliche Aktivität und gesunde Ernährung.
Besonders in der Kinder- und Jugendheilkunde muss, um Spätkomplikationen zu vermeiden, das Augenmerk auf die Prävention und auf Screening-Untersuchungen gelegt werden.
Zur Autorin
OA Dr. Elke Fröhlich-Reiterer
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, Medizinische Universität Graz
Abteilung für Allgemeine Pädiatrie
Bereich Endokrinologie und Diabetes
1988 -1995 Medizinstudium an der Karl-Franzens-Universität Graz
1995 Promotion zum Doktor der gesamten Heilkunde
1996 Forschungstätigkeit an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz (Bereich Endokrinologie und Diabetes)
1996-1999 Turnus
1999-2003 Facharztausbildung an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz
November 2003 Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde
2004 Forschungsaufenthalt bei Prof David Dunger, Department of Paediatrics
Addenbrooke’s Hospital, University of Cambridge, UK
Seit 2005: Oberärztin an der Ambulanz für Diabetes und Endokrinologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz
Oktober 2007: Facharzt für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie
Mitglied der ÖGKJ, ISPAD, ÖDG und ÖGES.

E.E. Fröhlich-Reiterer, M.H. Borkenstein1, Pädiatrie & Pädologie 4/2009

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