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Quelle:  Dür W  2006
Abb. 1: Im HBSC - Survey 2006 berichtete ärztlich diagnostizierte Erkrankungen und Behinderungen

Abb 2: Diese Abbildung spiegelt den unterschiedlichen Umgang der verschiedenen Bundesländer mit dem Thema Integration sehr deutlich.

Quelle: Dür W  2006

Abb. 3: Im HBSC – Survey 2006 berichtete Beschwerden österreichischer Schukinder
(Von der Befragung ausgenommen wurden übrigens Schüler aus sonder- und heilpädagogischen Einrichtungen.)

© Damm

Abb. 4: Darstellung der juristischen Zuständigkeiten in Gesundheitsfragen für Schulkinder in Österreich

 

Chronisch krank – die Schüler oder die Schule?

Kritische Auseinandersetzung und Lösungsvorschläge aus der Public Health-Perspektive

„Die Lehrer sollen sich schon für uns interessieren, sie wissen ja sonst nicht, wie es uns geht.“ (Markus, 12 Jahre, Noonan Syndrom)

Das Bildungswesen kennt geistig und körperlich behinderte Kinder sowie Kinder mit Lernbehinderungen und stellt für sie bestimmte Schulformen bereit (siehe unten). Andere Erkrankungen, wie z.B. Diabetes mellitus, Vitien, Epilepsie, Asthma hingegen scheint das Schulsystem mitsamt ihrer Bedeutung für den Schulalltag hartnäckig auszublenden.

Dieser Artikel erörtert die Frage, wie es den chronisch kranken Kindern in unseren Schulen geht bzw. wie das Schulsystem mit ihnen umgeht.

Wieviele chronisch kranke Kinder gibt es in Österreichs Schulen?

Es gibt international nur wenige und in Österreich gar keine Daten über chronisch kranke Kinder in den Schulen. Eine der wenigen Informationsquellen ist der Health Behaviour in Schoolaged Children (HBSC)-Survey: Ein Projekt, das in 41 Ländern von einem Forschernetzwerk in enger Partnerschaft mit der WHO alle vier Jahre - zuletzt 2006 - durchgeführt wird. Es handelt sich um eine Erhebung mittels anonymer Selbstausfüller, die von den 11-, 13-, und 15-jährigen Schülerinnen und Schülern (insgesamt ca. 4.500) bearbeitet werden. In diesem Survey werden u.a. auch chronische Erkrankungen und Behinderungen erfragt. (Abbildung 1)

Eine willkürliche Aufzählung einiger chronischer Erkrankungen von Schulkindern aus der schulärztlichen Praxis der Autorin gibt einen weiteren Einblick in die Thematik:

Allergien, Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten, chronische Darmentzündungen, Vitien, Epilepsie, Hydrocephalus mit Shunt, Autismus, Tumore, Leukämie, Phenylketonurie, Pseudohyperal- dosteronismus, Noonan Syndrom, Psychiatrische Erkrankungen, Hepatitis A/B/C, ADHS, Anorexia nervosa, Diabetes mellitus I und II, Migräne – um nur einige Beispiele anzuführen.

Um die Relevanz und Bedeutung aus Public Health-Perspektive sichtbar zu machen, seien einige Prävalenzzahlen für chronische Erkrankungen und ihre Entwicklungen angeführt [1,2]. Sie werden in Nordamerika und Europa mit 10 bis 20 Prozent angegeben wobei aber die wenigen existierenden epidemiologischen Studien in den Angaben zur Prävalenz und Inzidenz sehr stark differieren. Repräsentative Studien zur Verbreitung somatischer chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter existieren bislang nur für einige Erkrankungen und auch nur für ausgewählte Altersgruppen.

Auch im Rahmen des umfassenden Kinder-und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS) in Deutschland wurden nur bestimmte chronische Erkrankungen abgefragt. Einen Überblick gibt Tabelle 1.

Kinder mit Lernbehinderung oder körperlicher Behinderung

Ist ein Kind schulfähig, kann aber dem Unterricht infolge physischer oder psychischer Behinderung ohne sonderpädagogische Förderung nicht folgen, wird ein Antrag auf Sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) gestellt. Die Entscheidung darüber wird im Bezirksschulrat unter Einbeziehung eines sonderpädagogischen Gutachtens getroffen.

Dann gibt es für behinderte bzw. lernbehinderte Kinder grundsätzlich zwei Möglichkeiten, „beschult“ zu werden:

  • Integrativ in Regel-Schulklassen (Schulpflichtgesetz § 8)
  • In Sonderschulen (Schulorganisations-Gesetz § 25) z.B. in allgemeinen Sonderschulen (für leistungsbehinderte oder lernschwache Kinder), Sonderschulen für körperbehinderte Kinder, für sprachgestörte und schwerhörige Kinder, für Gehörlose (Institut für Gehörlosenbildung), sehbehinderte Kinder, für blinde Kinder (Blindeninstitut), Sondererziehungsschulen für erziehungsschwierige Kinder, Sonderschulen für schwerstbehinderte Kinder.

Kinder in Integrationsklassen

Der Anteil der Kinder mit SPF in Integrationsklassen ist über Österreich recht gleichmäßig zwischen 3,3 Prozent und 4,5 Prozent verteilt (Wien 6,5%) [3].

Im Schulpflichtgesetz § 8 ist der Anspruch eines Kindes mit SPF auf Integration im Regelschulwesen zwar formuliert, aber bei der Umsetzung ist auf die jeweiligen Möglichkeiten Bedacht zu nehmen. Zusätzlich entsprechen die Ländergesetze nicht immer den Intentionen der Bundesgesetze. Damit ist der Anspruch auf schulische Integration kein durchsetzbares Recht für Kinder, und echte Integration bleibt in der Realität nach wie vor oft unerfüllter Elternwunsch.

 

Es gibt nur in Wien innerhalb des Stadtschulrates eine institutionalisierte, hervorragend funktionierende Intergrationsberatung, die sich um eine sorgfältige und individuelle Betreuung von Kindern bemüht, aber hoffnungslos überlastet ist. Auf die Frage der Autorin, wer denn diese beträchtliche Fülle an Arbeit in den anderen Bundesländern verrichtet, meinte eine besonders erfahrene Kinderärztin: Die Eltern der Kinder. Fazit: Eine strukturelle Schwäche des Bildungssystems wird von Eltern mit hohem persönlichem Engagement für ihre Kinder ausgeglichen.

Kinder in Sonderschulen

Im Schuljahr 2006/07 gab es in Österreich 1,187.937 Schülerinnen und Schüler. Davon wurden 13.158 in Sonderschulen/Sonderschulklassen unterrichtet. Das sind rund 1,1 Prozent der Gesamtzahl der Schülerinnen von der 1. bis 9. Schulstufe. 1,4 Prozent waren männlich und 0,8 Prozent weiblich [3]. Das Sonderschulproblem ist überwiegend männlich und betrifft vorwiegend Kinder aus der sozial benachteiligten Bevölkerung. Wocken hat in seinem Forschungsbericht wichtige Erkenntnisse dazu dargestellt: Sonderschulen werden überproportional von Kindern aus unteren Soziallagen besucht, Förderschule (entspricht der österreichischen Sonderschule, Anm. der Autorin) ist eine Schule der Armen, Arbeitslosen und Sozialhilfe-Empfänger, hier herrscht nicht nur Chancen-Ungleichheit auf der untersten Ebene, sondern auch offensichtliche Geschlechter-Ungerechtigkeit [4].

 

Die Aufgliederung der österreichischen Sonderschüler nach Bundesländern zeigt eine interessante Verteilung (Abbildung 2). Diese Abbildung spiegelt den unterschiedlichen Umgang der verschiedenen Bundesländer mit dem Thema Integration sehr deutlich. Personalpolitische Überlegungen und strukturelle Vorgaben scheinen in einigen Bundesländern stärker beachtet zu werden als die Interessen der Schulkinder.

Die Steiermark hingegen hat eine jahrzehntelange vorbildliche Tradition in der Förderung von Integration, was die besonders niedrige Sonderschüler-Rate in der Abbildung zeigt.

 

In Sonderschulen ist man gut auf diese physisch oder psychisch behinderten Kinder eingerichtet. Sie werden jedoch nicht integriert, und die Bildungslaufbahn wird oft ungünstig beeinflusst.

Chronisch kranke Kinder ohne Lernbehinderung

Wie geht es den Kindern mit somatischen chronischen Erkrankungen im Schulalltag?

Das Beispiel eines 11-jährigen Buben mit Phenylketonurie veranschaulicht die Probleme sehr gut: Das Kind hatte sich wenige Wochen nach Aufnahme in eine AHS in seinen Phenylalanin-Werten massiv verschlechtert, weil es dem Druck der anderen Kinder nach Naschen und Kosten nicht standhalten konnte. Es wurde zudem aus purer Unkenntnis von Lehrern streng gemaßregelt, weil es eine Regel des Schulbuffets, nämlich das Verbot, mitgebrachte Speisen zu verzehren, nicht beachten wollte. Weder die Direktion noch die Lehrer hatten auch nur die geringste Ahnung von Tragweite und Bedeutung der Diät bei dieser Erkrankung. Das Kind war völlig allein gelassen. Leider ist das der Regelfall, wie die in der Literatur angegebenen Beispiele bestätigen.

 

Dass gerade diese Erkrankungen oft enormen Stress und Fehlstunden verursachen, die Konzentration beeinträchtigen, Nebenwirkungen von Therapien und Medikamenten zu ertragen sind, Diätvorschriften tief in den schulischen Alltag eingreifen, ist weder den Direktionen noch den Lehrpersonen auch nur annähernd bekannt.

 

Es gibt keine Unterstützungen, um Fehlstunden oder andere Nachteile zu kompensieren. Infolge des fehlenden Problembewusstseins wird auch nicht auf Belastungen oder Schutzfaktoren für chronisch kranke Kinder im Lebensraum Schule geachtet. Die Folgen sind daher: Die Angst der Lehrer bestimmt, ob ein (gut eingestelltes) insulinpflichtiges Kind an einer schulbezogenen Veranstaltung wie der Schi-Sportwoche teilnehmen kann. Disziplinarverfahren und Schulwechsel sind oft die pädagogische Antwort auf die Überforderung der Schule durch ein an ADHS erkranktes Kind.

Verabreichung von Medikamenten in Schulen

Eine Verabreichung von Arzneimitteln ist - trotz einer gewissen Erleichterung im Ärztegesetz Novelle 2003 § 50a, die eine Übertragung von ärztlichen Tätigkeiten z.B. die Verabreichung von Medikamenten im Einzelfall an Laien erlaubt - nach wie vor eines der größten Probleme von Kindern mit chronischen Erkrankungen in Schulen. Dass die Verabreichung abgelehnt werden kann, schafft für Eltern besonders große Probleme und Unsicherheit, da sie dadurch quasi zum Gnadenakt wird, aber kein Rechtsanspruch des Kindes ist. In der Regel müssen die ohnehin massiv belasteten Eltern auch diese Leistung zusätzlich erbringen, dadurch aber ihre eigene Berufstätigkeit gefährden, was vor allem für Frauen ein zusätzliches Problem darstellt.

Das heißt, dass auch hier klare Verhältnisse für die Sicherstellung der Medikamentenverabreichung und eine systematische Gleichbehandlung aller chronisch kranken Schulkinder in Österreich fehlen.

Seit 2003 verweigert das Bundesministerium für Unterricht ein entsprechendes Rundschreiben aktiv unter dem Hinweis auf Nicht-Zuständigkeit.

Das Problem nimmt zu

All diese Kinder werden vom pädagogischen System in ihrer speziellen Situation nicht wahrgenommen. Sie erfahren weder Verständnis noch Unterstützung, weil die Erkrankungen, soweit sie überhaupt dem Namen nach bekannt sind, in ihrer Bedeutung für den Schulalltag nicht erfasst werden, und – da ihre Behandlung außerhalb der Schule erfolgt – auch alles, was mit der Erkrankung zu tun hat, der medizinischen Versorgung außerhalb zugeordnet wird.

Dabei beeinflussen chronische Erkrankungen im Schulalter die schulischen Leistungen durch Fehlstunden und Leistungsdefizite ganz erheblich. Dies hat umso mehr Bedeutung, als mit einer deutlichen Zunahme chronischer Erkrankungen von Schulkindern gerechnet werden muss [1].

 

Schober stellte eine deutliche Zunahme des Diabetes mellitus besonders in den letzten fünf Jahren und bei den jüngeren Kindern fest [5].

Essstörungen nehmen mit zunehmendem Alter zu: Bei 11-jährigen Mädchen beträgt die Prävalenz 20,1 Prozent und steigt bis zu den 17-Jährigen auf 30 Prozent an.

Auftreten neuer „Epidemien“ wie z.B. Adipositas, Asthma bronchiale, psychische Störungen (Zunahme v.a. von ADHS, Autismus, Depression, Angststörungen).

Es verwundert daher nicht mehr, dass Kinder mit SPF bei Schulleistungstests wie etwa PISA, TIMMS so weit marginalisiert werden, dass sie unter die Wahrnehmungsgrenze geraten [6]. Chronisch kranke Kinder scheinen überhaupt nicht zu existieren.

Schulkinder fühlen sich nicht wohl

Im oben zitierten HBSC-Survey 2006 ist auch erkennbar, dass nicht wenige Schülerinnen und Schüler psychosomatische Beschwerden angeben und besonders das Befinden von Mädchen sich gegen das 15. Lebensjahr hin deutlich verschlechtert (Abbildung 3).

Unterrichtsqualität, Schulklima und Wohlbefinden

Das Wohlbefinden der Schüler hängt mit der Unterrichtsqualität und der Schulkompetenz unmittelbar zusammen und wird direkt durch die Lehrer und das soziale Klima zu beeinflusst [7].

 

Nicht was Lehrer unterrichten ist wichtig, sondern wie sie es machen. Das Wahrnehmen jedes Kindes und die vertrauensvolle tragfähige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sind die Basis für die Motivation und erfolgreiche Lernvorgänge. Diese wesentlichen Erkenntnisse aus der Neurobiologie werden in unseren Schulen noch viel zu wenig umgesetzt.

Am Ende folgt die Abschiebung

Wenn das pädagogische System am Ende ist, findet eine Verschiebung von Kindern in andere Bereiche statt, wie z.B. in die medizinische Versorgung. Über 80 Prozent derjenigen Kinder, die in psychosomatischen Stationen aufgenommen sind, sind Schulverweigerer! Es gibt keine geplanten systematischen Präventions-Strukturen, die eine frühzeitige Wahrnehmung der problematischen Entwicklung erlauben und ihre Weiterentwicklung verhindern könnten. Schulabbrecher werden auch bei uns ein zunehmend ernstes Problem. Die 2006 erschienen Studie des BMBWK „Schulschwänzen – Verweigern – Abbrechen“ empfiehlt Prävention, Schulsozialarbeit, frühe Intervention, Kompensation und multiprofessionelle Teams.

Diese Empfehlungen sind also bekannt, dennoch findet ihre Umsetzung nicht statt.

Das größte Problem:

Trennung der Kompetenzen der Ministerien und nachgeordneten Institutionen und Organe (Abbildung 4). Dies bedeutet, dass durch die jeweiligen Hausjuristen penibel formulierte Texte eine scharfe Trennlinie zwischen Unterrichts- und Gesundheitsbezug in einem einzigen Kind definieren: Ein fataler Systemfehler gerade in Bezug auf Kinder und Jugend- liche!

Jedes System entwickelt und verwirklicht seine eigenen Vorstellungen, wichtige interdisziplinäre Ansätze und Kooperationen werden nur sehr unzureichend erschlossen.

Mängel im schulärztlichen System

Auf die Frage nach den Schulärzten muss hier kurz eingegangen werden: Leider stellen sie nicht einmal ansatzweise die erhoffte Lösungsmöglichkeit für die beschriebenen Schwierigkeiten dar, denn innerhalb der schulärztlichen Versorgung werden die bestehenden Probleme noch weiter dadurch verschärft, dass das Kompentenzen-Chaos die Kinder in drei schulärztliche Versorgungsklassen gliedert.

In diesem Bereich trifft nämlich die soeben geschilderte Trennung zwischen den Ministerien Unterricht und Gesundheit zusätzlich auf die Bund-Land-Problematik. Damit treten die strukturellen Schwächen des Systems ganz offenkundig zu Tage.

 

Die Folgen sind:

  • Fehlen österreichweiter Gesundheitsdaten der Schulkinder
  • Qualitätsmängel: Höchst unterschiedliche schulärztliche Versorgung je nach Bundesland und Schultyp
  • Schwere Benachteiligung der Pflichtschulkinder
  • Massiv schlechtere schulärztliche Versorgung am Land

Ob Kinder gut versorgt werden hängt also noch immer vom Zufall, von regionalen Gegebenheiten und auch davon ab, in welchem Bundesland das Kind welche Schule besucht [8].

Kritik des Rechnungshofs

Alle Bereiche, die die Gesundheit von Schulkindern innerhalb des Bildungsbereichs betreffen, wurden vom Rechnungshof in den vergangenen Jahren schwer kritisiert:

  • 1998/1 Schulärztlicher Dienst: Es wurde eine grundsätzliche Neuordnung verlangt.
  • 2005/9 Österreichisches Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen: Die Empfehlung lautete klar und eindeutig auf Einstellung des Netzwerks.
  • 2008/9 Bewegungserziehung an Schulen: Es wurde ein Versagen des Ministeriums, der Schulaufsicht und auch der Schulen festgestellt und zahlreiche Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung eingefordert.

Soviel zur kritischen Außenwahrnehmung eines Bereiches, dem rund eine Million Schulkinder anvertraut sind.

 

Für die Public Health-Wissenschaft ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit klar, und gerade auch für benachteiligte Gruppen nachgewiesen, was zu eigenen Programmen der WHO und in der EU (z.B. “Closing the gap“) geführt hat.

Sozioökonomische Ungleichheit bei Kindern wirkt sich nachteilig sowohl für ihre Bildungschancen als auch auf ihre Gesundheit im späteren Erwachsenenleben aus: sie verstärkt sich sogar noch im Laufe der Entwicklung. Es gibt für Kinder aus benachteiligten Lebensumständen keine strukturierten Bildungs-Konzepte zur systematischen Kompensation der Defizite im Sozialraum Schule, sondern diese werden durch Selektion und Sonderschulzuweisung noch weiter verschärft. Auch die schulische Gesundheitsförderung müsste noch viel eindeutiger und sicherer werden in der frühen Wahrnehmung und gezielten Förderung dieser Kinder. Dies würde sich letztlich auch in einer langfristig verbesserten gesundheitsbezogenen Lebensqualität und all ihren positiven Folgen manifestieren [9,10].

Es wird auch die stärkere Einbeziehung von Gesundheitsberufen und ärztlichen Experten in die Schulen notwendig sein, wie dies wird von namhaften Gesundheits-Wissenschaftlern seit Jahren gefordert wird [7].

Vorschläge zur Mängelbehebung aus Public Health-Perspektive

Wie international bereits praktiziert, müssen ressortübergreifende Kooperationsmodelle zwischen Bildung, Soziales und Gesundheitswesen entwickelt werden. Diese Kooperation muss auch in allen Ebenen darunter stattfinden und zur Selbstverständlichkeit werden.

Verpflichtende Bestimmungen in den Gesetzen (sowohl in den Bundes- als auch Ländergesetzen), die die Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen regeln.

Etablierung von „Bildungs-Korridoren“ – sicheren Übergängen für kritische Lebensphasen von Kindern. Kooperations-Strukturen mit multiprofessionellen Teams unter frühzeitiger Einbindung der Jugendwohlfahrt (Schulsozialarbeit) sind dafür erforderlich. Solche Phasen sind:

a) Die Schuleingangsphase: Gesicherte und transparente Kooperation zwischen Kindergarten und Schule und den im Einzelfall behandelnden Kinder-Ärzten bzw. Ambulatorien und Gesundheitsberufen.

b) Der Wechsel von Volksschule in Sekundarstufe I: Hier haben gesunde Kinder oft enorme Umstellungsschwierigkeiten, geschwächte oder erkrankte Kinder dekompensieren hier besonders oft und überfordern das System oder sich selbst.

c) Das 14.Lebensjahr: Eine Neuorientierung in der Schullaufbahn ist häufig mit einem Schulwechsel verbunden, aber auch mit der Gefahr von Schulabbruch oder Schulverweigerung. Hier müsste durch Stärkung von aktiven Problem-Bewältigungsstrategien gerade für sozial benachteiligte Gruppen der sichere Übergang ins Erwachsenenleben begründet werden.

  • Individualisierung des Unterrichts mit Berücksichtigung neurobiologischer Erkenntnisse für Lernvorgänge. Dies würde endlich eine ernst zu nehmende Chancengleichheit zwischen gesunden und erkrankten Kindern schaffen.
  • Erhebung von Gesundheits-Daten, sowie Erstellung entsprechender Leitlinien für den Unterricht mit chronisch kranken Kindern und entsprechende Adaptierung der Gesundheitsförderungs-Maßnahmen.
  • Berichte und Informationen über Modelle guter Praxis: wie z.B. Schulassistenz in OÖ, Integrationsberatungsstelle im SSR Wien, Integrative Sportpädagogik, Staatliche Schule für Kranke in München, school based health centers, Projekt Adebar usw.

Systematische und wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas „Chronisch kranke Kinder in Schulen“ u.a. mit den Fragestellungen nach den Möglichkeiten der Unterstützung der Lernvorgänge beim chronisch kranken Kind, oder nach Empowerment im Sozialraum Schule durch Etablierung von Schutzfaktoren.

Evaluation der Sonderschulen im Hinblick auf ihre Qualität und Effizienz.

Schlussfolgerungen

Es gibt deutliche Systemdefizite in den Schulen, die den schwächsten Mitgliedern, nämlich den chronisch kranken Kindern am meisten schaden. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert, die Probleme und Anforderungen sind komplexer geworden. Daher sind auch die Lösungen nicht mehr entlang der traditionellen Berufsgruppen zu finden, sondern müssen in der Interdisziplinarität und strukturierten Netzwerkarbeit gesucht werden. Dies gilt ganz besonders für die Arbeit mit chronisch kranken Kindern und Jugendlichen.

Foto: privat Foto: privat1 Public Health Zentrum der Meduni WienLITERATUR

 

 

1. Schmidt S, Thyen U (2008) Was sind chronisch kranke Kinder? Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 51:585-591

2. Kamtsiuris P, Atzpodien K, Ellert U et al (2007) Prävalenz von somatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse des Kinder-und Jugendsurveys (KIGGS) Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50:686-700

3. Zahlenspiegel 2007 Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur / Statistik Austria

4. Wocken H (2005) Andere Länder, andere Schüler? Vergleichende Untersuchungen von Förderschülern in den Bundesländern Brandenburg, Hamburg und Niedersachsen (Forschungsbericht)

5. Schober E, Rami B, Waldhoer T Eur J Pediatr (2008) 167:293-197 Steep increase of incidence of childhood diabetes since 1999 in Austria. A nationwide study

6. Hörmann B (2007) Die Unsichtbaren in PISA, TIMMS & Co Kinder mit Lernbehinderungen in nationalen und internationalen Schulleistungsstudien. Diplomarbeit Bildungswissenschaft Universität Wien

7. Hurrelmann K (2004) Die Schule als Chance oder Bedrohung. Vortrag gehalten beim Kongress der Fachärzte für Kinder-und Jugendheilkunde Salzburg 4.Okt.2004

8. Damm L, Moshammer H, Wallner P, Kundi M, Hutter H-P (2007) Ein kritischer Blick auf das österreichische Schulärztewesen. Mitteilungen der Sanitätsverwaltung 108:7-12

9. Reynolds A et al (2007) Effects of a School-Based, Early Childhood Intervention on Adult Health and Well-being Arch Pediatr Adolesc Med/Vol 161:730-739

10.Schlack H G (2003) Sozial benachteiligte Kinder – eine Herausforderung für die gemeinwesenbezogene Gesundheitsfürsorge. Gesundheitswesen 65:671-675

Tab. 1: Ausgewählte chronische somatische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen nach Lebenszeitprävalenz und Geschlecht
Quelle: Schlaud et al. (2007) publiziert in [2]
Chron.somat. ErkrankungLebenszeit- Prävalenz MädchenBuben
Heuschnupfen 10,7% 8,9% 12,5%
Neurodermitis 13,2% 13,4% 13,0%
Asthma bronchiale 4,7% 3,9% 5,5%
Obstruktive Bronchitis 13,3% 10,5% 16,0%
Herzkrankheiten 2,8% 2,8% 2,8%
Epileptische Anfälle 3,6% 3,3% 3,7%
Schilddrüsenkrankheiten 1,6% 2,3% 0,9%
Diabetes mellitus 0,14% 0,16% 0,12%
Skoliose 5,2% 6,0% 4,4%
Anämie 2,4% 2,6% 2,2%
Migräne 2,5% 2,8% 2,1%
Zur Autorin
Dr. med. Lilly Damm
Seit knapp 30 Jahren sowohl im Bildungs-als auch im Gesundheitsbereich tätig, Lehraufträge und Publikationen an den Medizinischen Universitäten Graz und Wien und im Public Health Bereich zum Thema Kinder- Jugendgesundheit.
Zum Autor
Dipl. Ing. Dr. Hans-Peter Hutter
Umweltmediziner mit Arbeitsschwerpunkt Kinder und Umwelt. Durchführung von Studien zum Thema Luftverschmutzung und Kindergesundheit, Mitarbeit bei der Erstellung des Kinder-Umwelt-Gesundheits-Aktionplans für Österreich (CEHAP_Ö).
Fazit für die Praxis
In Schulen fehlen weitgehend das medizinische Wissen und vor allem das Problembewusstsein für die Schwierigkeiten, die chronisch kranke Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinträchtigen können. Deshalb ist es sehr hilfreich, wenn Kinderärzte offensiv die Zusammenarbeit mit Schulen, interessierten Schulärzten und Lehrern suchen.

L. Damm, H.-P. Hutter 1, Pädiatrie & Pädologie 3/2009

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