zur Navigation zum Inhalt
© Buenos Dias / photos.com
Abb. 1: Forschungen zur Stressbelastung von Lehrern sowie Gewalt an Lehrern zeigen: Früher gab es ein oder zwei Störenfriede in den Klassen, heute ist es die Hälfte bis zwei Drittel der Schülerschaft.
© Buenos Dias / photos.com

Abb. 2: Gerade wenn es um Machtinszenierungen geht – und die gibt es mit trivial-aggressiven oder sexualisierten Inhalten und Färbungen – bewährt sich die Anwendung provokativer Techniken.

© Buenos Dias / photos.com

Abb. 3: Lernen kann durchaus als „Erwerb neuer neuronaler Verschaltungen“ bezeichnet werden.

© Buenos Dias / photos.com

Abb. 4: Salutogenese ist keine Einbahnstraße! Es geht immer auch darum, nicht nur die eigene Gesundheit zu fördern, sondern auch die all derer, auf die man einwirkt.

 

Wir brauchen verhaltensoriginelle Lehrer!

Das Konzept der PROvokativpädagogik

Früher gab es ein oder zwei Störenfriede in den Klassen, heute ist es die Hälfte bis zwei Drittel der Schülerschaft. Das ergaben die Forschungen zur Stressbelastung von Lehrern sowie Gewalt an Lehrern des Instituts für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS, ein Kooperationsprojekt der NÖ Landesakademie) 2007 und 2008 an niederösterreichischen Pflichtschulen.

Der Forschungsansatz dabei war sowohl ein quantitativer als auch ein qualitativer: Einerseits wurden an alle Schulen Fragebögen ausgesendet, andererseits konnten sich Schulen für – allerdings eine auf Grund des verfügbaren Budgets beschränkte Anzahl – Seminare anmelden, in denen sie konkrete Problemfälle einbringen und Hilfestellung bekommen konnten. Die Beispiele Stress auslösender bzw. ernsthaft bedrohlicher Verhaltensweisen von Schülern, aber auch Eltern veranlasste mich, den dringlich geschilderten Bedarf an spezifischer Aus- und Fortbildung zum Anlass zu nehmen, dazu ein Bildungsangebot zu konzipieren. Ich gab ihm den Namen „PROvokativpädagogik“ und implementierte es als Masterstudium im Department für Interaktive Medien und Bildungswissenschaften an der Donauuniversität Krems, an der ich die Professur für Prävention bekleide.

Ich griff dabei auf eine Methode zurück, die ich in meiner Tätigkeit als Projektleiterin in der außerschulischen Jugendarbeit als besonders effizient erfahren konnte.

Regressive Kommunikation

In den 1970er Jahren, als unter der Schirmherrinnenschaft von Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner psychotherapeutisch ausgebildete Fachleute ermutigt wurden, innovative Ansätze in die außerschulische und sonderpädagogische Kinder- und Jugendarbeit einzubringen, prägte der ehemalige Lehrer und Psychoanalytiker Harald Picker (der Begründer der ersten therapeutischen Wohngemeinschaft für sozial gefährdete Jugendliche und später u. a. auch Leiter des Heimes Lindenhof in Eggenburg) im Rahmen der von ihm entwickelten „psychoanalytischen Sozialtherapie“ eine Sprachform zum Umgang mit verhaltensauffälligen bis kriminellen Jugendlichen, die er „regressive Kommunikation“ nannte.

Die Methode besteht darin, sich dem Denken des jeweiligen Jugendlichen anzugleichen, gleichsam den gleichen Blickwinkel und die gleichen gefühlsmäßigen Intentionen anzunehmen und in gleicher Sprache auszudrücken, sodass die „KlientInnen“ sich verstanden fühlen und freudig zustimmen können, dann aber wiederum in gleicher Weise laut denkend die soeben ausgesprochenen Ziele, Kommentare, Wünsche, Befürchtungen etc. zu verwerfen und eine bessere Verhaltensweise anzudenken.

Beispielsweise könnte die sozialtherapeutisch versierte Fachperson beim Anblick einer verlockenden Sache sagen: „Pfau, da liegt ein super Handy. Geil! Das nehm ich mir!“ Der Jugendliche schaut dann üblicherweise erst und sagt auch „Geil!“ oder „Super!“ Dann hält die Fachperson inne, überlegt sichtlich und sagt, „Na, Halt – ist vielleicht ein Blödsinn, könnt’ man Bröseln kriegen! Lass ich’s lieber liegen!“ Sie führt also den „inneren Dialog“ vor, den der Jugendliche erst lernen muss, weil er – oder sie – spracharm, beziehungsarm, ordnungsarm aufgewachsen ist. Ich selbst übertrug die Methode damals in das von mir 1977 konzipierte und 1978 bis 1986 in vier Wiener Gemeindebezirken realisierte generationenübergreifende Gemeinwesenarbeitsmodell „Club Bassena“.

Wichtig bei dieser Methode ist, dass man als Sozialtherapeut herzenswarm auf sozial verpöntes Verhalten reagiert – also ohne Zensur-, Verfolgungs- oder Strafanspruch, sondern mit Gelassenheit – heute würde man sagen: urcool –, Geduld, Verständnis und – Augenzwinkern.

Verständnis darf dabei nicht mit Akzeptanz verwechselt werden, sondern ist als Überblick und Erkenntnis der Zusammenhänge zu verstehen, auf Grund welchen komplexen Zusammenwirkens verschiedener Faktoren es zu dem jeweiligen Situationsverlauf kam. Dazu dienten einerseits die Ausbildungsmodule der psychoanalytischen Selbsterfahrung, um das eigene Gewordensein mit allen Geboten und Verboten – heute würde man „systemisch“ sagen: Glaubenssätzen bzw. „beliefs“ – und der jeweils entsprechenden Abwehr des Gegenteils zu erkennen und zu verstehen, andererseits die soziologischen Ausbildungsblöcke, in denen gesellschaftliche Intentionen und Machtverhältnisse aber auch die dabei taktisch inszenierten Gruppendynamiken klar gelegt wurden.

Deutlicher als in der klassischen Psychoanalyse findet man die Entschlüsselung von Machtstrategien – „power plays“ – im Gedankengebäude der Transaktionsanalyse. In dieser werden drei Ich-Zustände festgestellt:

  • das brav-angepasste oder trotzig-rebellische Kindheits-Ich bildet eine Bandbreite von Kommunikationsformen „von unten hinauf“, es gibt aber auch ein kreatives – „freies“ – Kindheits-Ich;
  • im Zustand des sachlich-korrekten Erwachsenen-Ich kommuniziert man wertschätzend-symmetrisch, hingegen
  • umfasst das (wiederum Bandbreite!) überheblich-anbiedernde bis verfolgend-strafende Eltern-Ich Verhaltensweisen „von oben herab“.

Sozialtherapeuten wählen in der regressiven Kommunikation eine symmetrische Position „von Kind zu Kind“ und „wachsen“ in der Interaktion gezielt zur Haltung des Erwachsenen-Ich. Sie vermeiden alle aggressiven, kritisierenden, verdammenden oder strafenden Geistes- wie Körperhaltungen, sondern begleiten „induktiv“ kleine Wachstumsschritte zu mehr Reife. Das braucht Zeit und eben auch Geduld und Liebe, bringt aber langfristig nachhaltige Erfolge im Gegensatz zu kurzfristiger Unterwerfung mit nachfolgenden Racheakten (wie beispielsweise Gewalttaten gegen Lehrkräfte oder auch Eltern).

Sozialtherapeutische Verrücktheiten

Ein weiterer wesentliche Bestandteil in der psychoanalytischen Sozialtherapie nach Picker ist das von ihm so genannte „Verrücken“. Heute würde man im Sinne der Systemtherapien „Reframing“ dazu sagen. Verrücken besteht darin, negative Namensgebungen in positive zu verwandeln. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Autoritäten dazu neigen, unerwünschte Verhaltensweisen „schwarz- pädagogisch“ ins Negative zu verzerren, weil sie vermeinen, mittels Angstmache erwünschtes Verhalten hervorrufen zu können. Das Gegenteil ist aber der Fall: Man lernt dadurch nur wieder nörgeln, Angst machen und meist auch bestrafen und schafft so ein Stressklima, in dem die Aufmerksamkeit auf das ängstliche Beobachten der gefährlichen Strafinstanz gerichtet wird, nicht aber auf ein dringend notwendiges, aber selten angebotenes oder vorgelebtes Vorbild erwünschten Verhaltens.

Aktuell kann solch ein „schwarzpädagogisches“ Verrücken in der Medienberichterstattung über so genannte „faule“ Lehrer beobachtet werden; es wird mit „faul“ etikettiert, was konkreter und zutreffender als kraftlos, demotiviert, ausgebrannt benannt werden sollte. Auch Kinder und Jugendliche werden oft nicht in ihrer Depressivität wahrgenommen, sondern nur im Abweichen vom erwünschten „Anforderungsprofil“. Um aber die Seelenlage schnell und gleichzeitig halbwegs präzise diagnostizieren zu können, braucht es entweder psychotherapeutisches Basiswissen, und das zu erwerben, braucht Zeit – oder Wissen über das Kon-struieren von Wirklichkeiten, und das kann zumindest lernwilligen Personen schnell mittels kognitiver Methoden vermittelt werden.

Wahrnehmung bedeutet Entwicklung von Wahrnehmungsneuronen, und je mehr Sinnesorgane in diesem Prozess aktiviert werden, desto intelligenter, sprich multipel wahrnehmungskompetent wird jemand. Die klassischen Erziehungs- wie auch Lehrmethoden regen aber nicht umfassende Wahrnehmen an, sondern forcieren üblicherweise nur ein („Schau genau hin!“), bestenfalls zwei („Hör zu und schau hin!“) „Repräsentationssysteme“. Durch das Ausblenden des inneren Fühlens und Spürens soll Selbstbeherrschung („Disziplin!“) und Gehorsam erzielt werden – ein Ausläufer der traditionellen militärischen Unterrichtsgestaltung; die negative Begleiterscheinung ist der Verlust des Mitgefühls und damit erhöhte Gewaltbereitschaft.

Sowohl durch regressive Kommunikation als auch sozialtherapeutisches Verrücken kann die verlorene Fühlfunktion wieder vorgelebt und damit auch innerseelisch integriert werden. Man wird „ganzer“. Damit ist aber nicht sentimentales Zerfließen gemeint, sondern das Ansprechen vor allem unerwünschter Gefühlsregungen, und dazu hilft gezielter Einsatz von Humor.

Schon Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, dass im Witz abgewehrte Seeleninhalte geäußert werden können, und dass diese meist aggressiver oder sexueller Natur sind. Sie führen zur Verblüffung und verhelfen dazu, sich sozial erlaubt „Luft zu machen“. Das geschieht üblicherweise durch Lachen. Lächeln ist ja auch – wie es angeblich der Kabarettist Werner Finck formulierte – die eleganteste Art, einem Gegner die Zähne zu zeigen. Aber gerade dort, wo es um Aufrechterhaltung von Machtgefällen geht, ist Humor traditionell verboten – denken wir nur an die Flüsterwitze im Dritten Reich. Und auch in der Schule oder ähnlichen Einrichtungen wird immer auf den „Ernst des Lebens“ gepocht.

Provokative Kommunikation

Frank Farelly wird oft als Vater der Provokativen Psychotherapie angesehen, tatsächlich waren es mehrere Vertreter der Systemtherapien, insbesondere Virginia Satir, die gezielt humorvolle Interventionen zum Einsatz brachten. Auch manche paradoxe Verschreibungen wie sie etwa Viktor Frankl gerne übte, zählen zu diesen Methoden. Dass diese „Pioniere“ mit diesen „Techniken“ respektiert und nicht als Tabubrecher abgeschmettert werden, liegt meiner Ansicht nach an drei Faktoren:

  • dass sie Psychotherapeuten sind und damit in der Tradition des Schamanentums stehen – und mit „Magiern“ stellt man es sich bekanntlich gut, denn man weiß ja nie…
  • dass die breite Bevölkerung üblicherweise kaum Kenntnis über die Methodenvielfalt der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen besitzt, daher auch kaum Kontrolle ausüben kann, und
  • dass sie einfach gut tun – erleichtern, befreien. „Mit Humor geht alles leichter“, weiß ja auch der Volksmund. Das, was befreit, ist das Ausströmen der zurück gehaltenen Atemluft aus den vorher zusammengepressten Zähnen und damit der zurück gehaltenen Gefühle, und derer gibt es viele.

Tatsächlich ist das Entwickeln von paradoxen Gedankensprüngen, Absurditäten und Sprachbasteleien eine Kunstform, die erlernbar ist.

In der psychotherapeutischen oder auch erwachsenenbildnerischen Arbeit besteht das „offizelle“ Ziel darin, Menschen zur Realitätssicht und zum Ertragen von Notwendigkeiten zu stärken und bestärken. Aber wie es in unserer „dualen“ Welt immer auch eine Schattenseite gibt, gibt es zu den ernsten Seiten immer auch eine heitere, die es zu entdecken und nutzen gilt – und zwar vorerst in sich selbst!

Zwischen dem Feuern der Wahrnehmungsneuronen und dem Feuern der Handlungsneuronen liegt eine winzige Zeitlücke. Wer gelernt hat, diese zu dehnen – einen „langen Atem“ zu trainieren – kann sich in dieser Zeitlücke die Frage stellen: „Mit welchem Gefühl will ich jetzt reagieren?“ Wir müssen nicht die Reaktionsweisen nachspielen, die uns unsere Bezugspersonen vorgespielt haben! Wir dürfen neue kreieren! (Autoritäre Bezugspersonen oder andere Dominanzsüchtige werden allerdings versuchen, uns davon abzubringen, vermutlich mit schwarz- pädagogischen Methoden – und genau deswegen braucht es die wissenschaftliche Untermauerung, und die findet man zu allererst in der wissenschaftlichen Fachliteratur zum Thema „Paradigmenwechsel“.)

Da wir aber, wenn wir „in Beziehung“ zu einer anderen Person – oder Personengruppe wie etwa eine komplette Schulklasse – stehen, mit unseren neuronalen Aktivitäten in Resonanz zu deren Empfangssystem stehen und dieses beeinflussen, ja sogar prägen, positiv oder negativ, ist es wiederum unabdingbar, dass wir keine „Kampfgedanken“ aussenden. Wir würden sonst wiederum nur mit „Kriegshandlungen“ beantwortet.

Der Volksmund spricht, „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“. Seitdem die computergestützte Gehirnforschung den Nachweis erbracht hat, wie der Mechanismus der Entstehung von „Spiegelnervenzellen“ funktioniert, sollte niemand mehr die Verantwortung für diese seine prägende Wirkung verweigern dürfen. Wir sind die „Hüter unseres Bruders“ (Schwestern mitgemeint) – oder seine Seelenmörder. Dass und wie unsere Seele sich in Gehirnarealen organisch manifestiert, ist jetzt auf dem Bildschirm beobachtbar – wir sollten also unsere „Botenstoff-Sendungen“ auf toxische Wirksamkeiten überprüfen und bereinigen.

Provokative Kommunikation kombiniert absichtliches paradoxes, bildhaftes, übertriebenes oder regressives Sprachgestalten mit bewusster Kontrolle und Inszenierung der eigenen nonverbalen Signale; vor allem unbewusste Dominanzansprüche und Machtdemonstrationen werden dabei eliminiert und durch andere, „symmetrische“ - „verhaltens- originelle “– ersetzt . Denn: Verhaltensoriginelle Schüler brauchen verhaltensoriginelle Lehrer!

Gewaltprävention in action

Die bildgebenden Verfahren in der Gehirnforschung zeigen, wie allein durch das Beobachten von Handlungsabläufen genau die gleichen Nervenzellen im Gehirn der beobachtenden Person aktiviert werden, wie wenn sie selbst die Handlung ausführen würde. Es kann als bekannt voraus gesetzt werden, dass auf diesem Mechanismus auch das Mentaltraining von Sportlern während verletzungsbedingter Ruhepausen beruht: allein durch das Ansehen von Videoaufzeichnungen von Rennläufen „fährt“ der konzentrierte Zuseher „mit“.

Ebenso „trainieren“ Beobachter durch das Zuschauen bei Gewalttaten – und dazu zählen auch verbale – synchron mit; die Frage ist nur, mit wem er oder sie sich identifiziert: mit dem Täter oder dem Opfer. Daher lösen Filmszenen, wenn sie aus dem Blickwinkel des Opfers gefilmt werden – z. B. in dem Horrorfilm „Shining“ – andere Reaktionen aus als wenn sie, wie meistens, aus dem Blickwinkel des Täters aufgenommen werden oder überhaupt eines unbeteiligten „Bystanders“.

Das Bystander-Phänomen ist relativ gut erforscht: Wenn mehrere Personen bei einem Unfall oder Delikt Zeugen werden, verlässt sich jede einzelne auf die anderen und tut nichts – als Einzelperson hingegen übernimmt man eher die Verantwortung für eine Hilfestellung. Wie weit dies mit der Einübung zusehender Passivität bzw. Identifikation auf Grund von Film- und Fernsehkonsum korreliert, wurde leider – noch – nicht erhoben. Jedenfalls halte ich es für sehr wichtig, Szenen der Gewalt immer zu kommentieren und auch Ethikfragen („Findest Du das Verhalten richtig oder nicht?“) zu stellen – und zwar egal ob es sich um reale oder virtuelle handelt, egal ob gegenüber Kindern und Jugendlichen oder auch Erwachsenen, und ebenso auch sich selbst, im inneren Dialog.

Gerade wenn es um Machtinszenierungen geht – und die gibt es mit trivial-aggressiven oder sexualisierten Inhalten und Färbungen – bewährt sich die Anwendung provokativer Techniken. Sie mildern bzw. „verrücken“ die Paar- oder Gruppendynamik, bringen quasi den „Hofnarren“-Blickwinkel ein und machen es dadurch möglich, das unterschwellig wirksame Machtgefälle, wie es zwischen Angehörigen von Expertenberufen und ihrer „Kundschaft“ besteht, zu redimensionieren. Damit wird eine Form von Einverständnis – Herstellung von Compliance – möglich, die dann im Sinne einer „regressiven“ Intervention nachfolgend in eine „erwachsene“ Bewertung übergeführt wird.

Damit lässt sich die demütigende Machtdemonstration vermeiden, die in Expertenberufen leider häufig als Ausweg gesucht wird um eigene Hilflosigkeitsgefühle zu vermeiden.

In den oben zitierten Forschungen der Jahre 2007 und 2008 bekamen wir immer wieder Sätze wie „Aber das kann ich mir doch nicht gefallen lassen!“ zu hören. Man kann! Es ist allerdings nur eine Alternative, wie reagiert werden kann. Sie aber mit einzubeziehen, entspannt ganz ungemein – indem man etwa laut fragt: „Will ich mir das gefallen lassen? (Pause) Nein, ich will nicht…(Lächeln)“. Allein durch diese „Entschleunigung“ verändert sich die „Kampfatmosphäre“, gibt Zeit zum Nachdenken und „Veredelung“ der Stammhirnreaktion mit den Optionen Kämpfen, Flüchten, Totstellen zu einer Großhirnrektion von Verhandeln (Reden!), Sich-Distanzieren und allenfalls Abwarten. Und man kann gleichzeitig durch die beibehaltene wohlwollend-freundliche Grundhaltung eine andere „Spiegelung“ initiieren.

 

Lehrkräfte wie auch andere Berufsangehörige, die professionell mit Kindern und Jugendlichen (aber auch anderen „schwierigen“ Personen) interagieren, laufen Gefahr, in Stress auslösenden Situationen Gewalthandlungen auszulösen – auch bei sich selbst. Dann wundern sich viele, wieso sie Widerstand oder auch Racheaktionen erleben und sehen nicht ihren eigenen Beitrag zur Eskalation – wie es Helm Stierlin in seinem klassischen Buchtitel so treffend charakterisierte: „Das Tun des einen ist das Tun des anderen“.

 

Ein reales Beispiel aus der Schulpraxis: Ein Jugendlicher stürmt während des Unterrichts wütend in die Klasse und schreit „Mein Handy ist im Oarsch!“ Die provokativ ausgebildete Lehrerin reagiert nicht mehr wie früher mit einem „Wie redest Du!“ und „Setz Dich hin und störe nicht!“ etc. und damit mit großer Wahrscheinlichkeit eine Solidaritätsaktion der Mitschülerschaft auslösen, sondern schaut ihn demonstrativ entsetzt an und fragt betont naiv: „Ja wie ist es denn dorthin gekommen?“ Alle lachen – auch der Schreihals selbst. Die Situation entspannt sich. Nachher kann sie in Ruhe passende Hilfestellung vorschlagen, selbst anbieten oder organisieren.

PROvokative Pädagogik

Lernen kann auch daher durchaus als „Erwerb neuer neuronaler Verschaltungen“ bezeichnet werden. Unbewusst lernen wir immer – allein dadurch, dass wir zusehen. Wir sollten uns daher bewusst machen, wozu wir überall passiv im Zuschauerstatus verharren (Fernsehprogramm inbegriffen!) und damit unser Verhaltensrepertoire und das anderer mit geistigen Vor-Bildern füllen, die nicht geeignet sind, unser soziales Zusammenleben zu verbessern.

 

Als ich die Inhalte des Masterstudiums PROvokativpädagogik konzipierte und den Namen erfand, ging ich von den provokativen Methoden aus, die ich in meinen sozial- und psychotherapeutischen Ausbildungen kennen gelernt hatte und suchte Kollegen, von denen ich wusste, dass sie „auf gleicher Wellenlänge“ waren, teilweise, weil ich sie selbst ausgebildet hatte, teilweise, weil uns jahrelange Zusammenarbeit im selben „Feld“ verband, teilweise weil sie manche Einzelgebiete noch mehr „liebten“ als ich, die doch ihren Schwerpunkt immer auf die Salutogenese – der Gesundheitsförderung – legt.

Salutogenese setzt in meiner Entschlüsselung immer voraus, Dysfunktionalität gewohnter Verhaltensweisen zu erkennen und alternatives Verhalten – Sprache inbegriffen – zu wagen. Das fördert nicht nur die Wahrnehmung – nach C. G. Jung: von Körperempfindungen und Intuitionen (samt Fantasien, Wünschen, Befürchtungen), Gefühlen und Gedanken – und die Kreativität, sondern vor allem die Selbstbestimmung; Man ist „bei sich“ und nicht von anderen „über den Tisch gezogen“. Und: Salutogenese ist keine Einbahnstraße! Es geht immer auch darum, nicht nur die eigene Gesundheit zu fördern, sondern auch die all derer, auf die man einwirkt.

 

Das Wort „provokant“ wir üblicherweise nur als Aufforderung zum Kampf verstanden – im Sinne von „wer anderer hat mich gereizt“ oder „ich will wen reizen“. Ich lade zur Sprachbastelkunst ein: Geht es nicht eher darum, in anderer Weise „reizvoll“ zu sein? So, dass Menschen, die verlernt oder noch nicht gelernt – „erfahren“ – haben, dass es bereichernd, beglückend, salutogen sein kann, jemand anderem zuzuhören, zuzusehen, auf sich einwirken zu lassen, weil sie nur Gewalt kennen, Spott, Hohn, Vernachlässigung, egal, wie alt diese Personen sein mögen.

Daher schreibe ich „PRO“ groß – weil die Wirkung „FÜR“ die Adressaten der Methode wirksam werden soll und nicht „gegen“, weil sie prosozial sein soll – egal, ob sie an so genannten „schwierigen“ Kindern und Jugendlichen angewendet wird oder an deren Eltern, an psychisch Belasteten, an Demenzkranken, an delinquenten Personen oder substanz- oder prozessabhängigen Menschen – oder an ganz alltäglichen Durchschnittsmenschen wie du und ich.

Foto: privatLiteratur:

 

 

BAUER Joachim, Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, Piper, München 2004/ 06

BAUER Joachim, Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Hoffmann und Campe, Hamburg 2005/ 06

FEYERABEND Paul, Wider den Methodenzwang, Suhrkamp TB, Frankfurt / Main 1976/99

FLECK Ludwik, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Suhrkamp TB, Frankfurt / Main 1980

FREUD Sigmund, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, Fischer TB, Frankfurt / Main 1958

HÜTHER Gerald, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001/02

KUHN Thomas S., Die Entstehung des Neuen. Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte. Suhrkamp TB, Franfurt / Main 1978

KUHN Thomas S. , Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp TB, Frankfurt / Main 1967/ 76

LABUHN Andju Sara, Zivilcourage. Inhalt, Determinanten und ein erster empirischer Zugang, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt / Main 2004

PERNER Rotraud A., Feindbild Lehrer?, aaptos, Matzen 2009

PERNER Rotraud A., Mut zum Unterricht, aaptos, Matzen 2008

PERNER Rotraud A., Wort auf Rezept, aaptos, Matzen 2007

PERRY Bruce / SZALAVITZ Maia, Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde. Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können. Aus der Praxis eines Kinderpsychiaters, Kösel, München 2008

RUTSCHKY Katharina (Hg), Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Ullstein, Frankfurt / Main 1977 97

1 Institut für Stressprophylaxe und Salutogenese (ISS), Matzen und Institut für Projektberatung, Personal Training & Supervision, Wien
Zur Autorin
Rotraut A. Perner
(1944), promovierte Juristin, Psychotherapeutin (PA), Gesundheitspsychologin und Diplomerwachsenenbildnerin (Päd. Ak.), langjährige Gerichtssachverständige, unterrichtet als Professorin für Prävention und Gesundheitskommunikation an der Donau Universität Krems und leitet in Zusammenarbeit mit der Niederösterreichischen Landesakademie ihr eigenes Institut für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS) sowie die Akademie für Salutogenese & Mesoziation ® (ASM) in Matzen bei Gänserndorf. Bisher 35 Fachbücher, zuletzt „Die Überwindung der Ich-Sucht. Sozialkompetenz & Salutogenese“; Studienverlag
www.perner.info
Fazit für die Praxis
Durch die Erkenntnis, dass wir Benennungen und Bewertungen konstruieren bzw. Konstrukte anderer übernehmen, wird der kreative Blick auf funktionellere Neukonstruktionen frei. Solche zeichnen sich durch Gewaltverzicht, Wertschätzung und damit Gesundheitsförderung für alle Beteiligten aus. Die auf Basis der Verbindung von Psychoanalyse, Transaktionsanalyse, Konstruktivismus und Kommunikationswissenschaft sowie jüngster neuropädagogischer Erkenntnisse von der Autorin konzipierte Methode PROvokativpädagogik s. www.donau-uni.ac.at/provokativpädagogik eignet sich zur Betreuung, Behandlung und Förderung besonders von Kindern und Jugendlichen mit unerwünschten Verhaltensweisen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben