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Intensiv- und Notfallmedizin 27. Februar 2008

Aktivkohle senkt Sterblichkeitsrate nicht

Die wiederholte Gabe von Aktivkohle gegen Vergiftungserscheinungen durch toxische Pestizide oder Pflanzen empfiehlt sich nicht, da sie keine Auswirkung auf die Sterblichkeitsrate hat. Das haben Untersuchungen an Patienten aus ländlichen Regionen von Entwicklungsländern ergeben (Lancet 2008; 371: 579). Im ländlichen Asien ist Selbstvergiftung durch Pestizide verbreitet und stellt sowohl in der klinischen Behandlung als auch der öffentlichen Gesundheit ein großes Problem dar. Unter den geschätzten 500.000 selbst verursachten Todesfällen sind 60 Prozent Folgen einer Pestizidvergiftung. Viele Studien schätzen, dass organische Phosphorverbindungen Ursache für etwa zwei Drittel dieser Todesfälle sind – insgesamt 200.000 jährlich.
Die Behandlung einer akuten Vergiftung umfasst Wiederbelebungsmaßnahmen, Gegengifte, Magenspülungen und unterstützende Versorgung. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Magenentgiftungen nützen, obwohl eine Sonderform davon noch weithin verbreitet ist: die Verwendung von Aktivkohle. Selbstvergiftung in Entwicklungsländern entsteht meist durch hochtoxische Pestizide und Pflanzen und fordert damit andere Herangehensweisen als die meist pharmazeutisch bedingten Vergiftungsfälle in den Industrieländern.
Dr. Michael Eddleston von der schottischen Giftinformationszentrale am New Royal Infirmary in Edinburgh, Prof. Dr. David Warrell von der Universität Oxford und dem John Radcliffe Hospital und Kollegen unternahmen eine randomisierte kontrollierte Studie mit 4.632 Vergiftungsfällen in Sri Lanka, um festzustellen, ob Aktivkohle die Sterblichkeitsrate bei diesen Patienten verringert. Eine Gruppe (1.533 Patienten) erhielt sechs 50-Gramm-Dosen in vierstündigen Intervallen; die zweite Gruppe (1.545 Patienten) erhielt eine einzige 50-Gramm-Dosis; die dritte Gruppe (1.554 Patienten) erhielt keine Aktivkohle. 2.338 Patienten hatten Pestizide aufgenommen (51 Prozent), 1.647 Opfer (36 Prozent) hatten Samen des Tropischen Oleanders (Thevetia peruviana) verschluckt.
Die Autoren stellten fest, dass sich die Sterblichkeitsrate zwischen den Gruppen nicht unterschied. In der Multiple-Dose-Gruppe starben 97 Patienten (6,3 Prozent), verglichen mit 105 Todesfällen (6,8 Prozent) in der Gruppe ohne Aktivkohlebehandlung. Bei Patienten, die besondere Gifte verschluckt hatten, bei der Aufnahme schwer erkrankt waren oder frühzeitig den Arzt konsultierten, gab es keine Unterschiede.
Die Autoren folgern: „Diese randomisierte kontrollierte Studie zeigte keinen Nutzen der routinemäßigen Verwendung mehrfach dosierter Aktivkohle in den Krankenhäusern Sri Lankas. Die meisten Patienten hatten Samen des Tropischen Oleanders oder Pestizide verschluckt. Beide Gifte haben wesentliche Auswirkungen, die erst nach Stunden auftreten. Der Nutzen blieb ungeachtet des verschluckten Gifts oder der Zeit bis zur Konsultation aus.“
In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Peter Eyer vom Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und Dr. Florian Eyer von der TU München: „Die Ergebnisse der Studie sind für das Umfeld eines Entwicklungslandes relevant, wo die meisten dieser spezifischen Gifte vorkommen. Es besteht offensichtlich Bedarf an aussagekräftigen toxikokinetischen Studien, die jene Gifte herausfinden, die potenziell mit einer mehrfach dosierten Aktivkohlebehandlung zu behandeln sind. Klinische Wissenschaft sollte daher Grundlagenforschung unterstützen und umgekehrt.“

Quelle: The Lancet

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