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Alter Bekannter stoppt die Entzündung

Bei Sepsis verteilen sich die Erreger ausgehend vom Krankheitsherd im ganzen Körper. Eine fatale Kettenreaktion mit hohem Tempo ist die Folge: Entzündungen breiten sich im Körper aus, der Kreislauf kollabiert und der Organismus gerät in einen Schockzustand, die Blutgerinnung wird überaktiv und die Adern verstopfen. Schließlich versagen Nieren, Lunge, Leber und Herz. Anticholium, ein altbekannter Wirkstoff gegen Vergiftungen, stoppt die Entzündung bei Sepsis, so das Ergebnis einer Studie. „Seit einigen Jahren weiß man, dass Entzündungen vom vegetativen Nervensystem beeinflusst werden“, erklärt Privatdozent Dr. Markus Weigand vom Universitätsklinikum Heidelberg in der Fachzeitschrift Critical Care Medicine. Der Parasympathikus kann die Ausschüttung der Zytokine mittels Acetylcholin hemmen: Je mehr Acetylcholin freigesetzt wird, desto weniger Zytokine gelangen in die Blutbahn – die Entzündung bleibt unter Kontrolle.
„Bisher verabreichen wir bei einer Sepsis zum Beispiel Nikotin“, so Weigand. Es verhält sich ähnlich wie Acetylcholin und verhindert das weitere Voranschreiten der Entzündung. Doch Nikotin hat Nachteile: Das Gift der Tabakpflanze kann in den erforderlichen Mengen Nebenwirkungen bis hin zu Herzrhythmusstörungen auslösen. Die Wissenschaftler suchten deshalb Alternativen, den entzündungshemmenden Mechanismus in Gang zu setzen, und wurden bei bereits bekannten Wirkstoffen fündig. „Physostigmin, bekannt als Anticholium, und Neostigmin verhindern, dass Acetylcholin durch das Enzym Cholinesterase abgebaut wird“, erklärt Dr. Stefan Hofer, der Erstautor der Studie. In der aktuellen Studie an Mäusen drosselten die beiden Cholinesterase-Hemmer die Ausschüttung von Zytokinen und damit die Entzündungsreaktion ebenso effektiv wie Nikotin: Im Vergleich zu unbehandelten Mäusen hatten Tiere, die mit Physostigmin, Neostigmin oder Nikotin behandelt wurden, mehr als doppelt so hohe Überlebens­chancen.
„Die Cholinesterase-Hemmer haben ein überschaubares Nebenwirkungsprofil, und wir wissen genau, in welchen Fällen wir sie ohne Risiko für den Patienten einsetzen können“, erklären Hofer und Mitautor Dr. Christoph Eisenbach. Die Medikamente können problemlos über eine Infusion verabreicht werden. Außerdem ist die Behandlung kostengünstig: „Bisher kostet die Therapie der Sepsis mehrere Tausend Euro; eine 24-stündige Behandlung mit einem Cholinesterase-Hemmer läge bei klinischer Anwendbarkeit der Therapie bei circa 200 Euro“, so Hofer.
Im nächsten Schritt wird der neue Therapieansatz klinisch geprüft. Hält die Therapie mit Anticholium, was sie verspricht, kann sie in den „Heidelberg Sepsis Pathway“ integriert werden – eine Therapieempfehlung mit Checklisten, die Weigand mit seiner Arbeitsgruppe entwickelt hat.

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