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Klinischer Verlauf und Morbidität nach langem Intensivstationsaufenthalt

STUDIENHINTERGRUND: Viele kritisch kranke Patienten, die ihre akute Erkrankung überleben, verbleiben in einem abhängigen Zustand und benötigen für Wochen bis Monate eine Behandlung an der Intensivstation. Die Datenlage betreffend die Spitalsletalität und insbesondere betreffend die Langzeit-Letalität bzw. die -Morbidität bei überlebenden Patienten ist jedoch noch spärlich. Ziel dieser Studie war es, den klinischen Verlauf und Prognosefaktoren bei Langzeit-kritisch kranken Patienten zu untersuchen. METHODEN: Diese retrospektive Beobachtungs-Kohorten-Studie wurde an unserer gemischten kardiologischen 8-Betten-Intensivstation in einem 2200-Betten-Universitätsspital durchgeführt. Patientendaten wurden zwischen dem 1. März 1998 und dem 31. Dezember 2003 analysiert. Patienten mit einer Stations-Aufenthaltsdauer von ≥30 Tagen bildeten die Studiengruppe. Die Evaluation der Morbidität und funktionellen Kapazität wurde mittels Telefoninterview unter Verwendung des Barthel Mobilitäts-Scores durchgeführt. ERGEBNISSE: Die Anzahl der Patienten mit einer Stations-Aufenthaltsdauer ≥30 Tagen betrug 135 (10% der Gesamtpatienten). Diese Gruppe belegte 5962 Bettentage, welches 40,9% der gesamten Bettenkapazität entsprach. Im Vergleich zu Patienten mit einer Stations-Aufenthaltsdauer < 30 Tagen hatten die Patienten in der Langzeitgruppe einen signifikant höheren SAPS II Score innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme (54 [IQR 41–65] vs. 38 [IQR 27–56], p < 0,001). Trendmäßig überwogen die Männer in der Langzeitgruppe (98/135 [82,6%] vs. 782/1215 [64,4%], p = 0,05). Unterschiede in der Intensivstations- und Hospitalsletalität waren nicht signifikant (28/135 [20,7%] vs. 295/1215 [24,3%], p = 0,620, und 46/135 [34,1%] vs. 360/1215 [29,6%], p = 0,285). Die Sterblichkeit bei Patienten, die den Spitalsaufenthalt überlebten, betrug nach einem bzw. nach vier Jahren 14% und 26% in der Kurzzeitgruppe verglichen mit 31% und 61% in der Langzeitgruppe. Ein log-rank-Test erbrachte eine signifikant höhere Überlebenswahrscheinlichkeit in der Kurzzeitgruppe nach Spitalsentlassung (log rank = 34,3, p < 0,001). Eine multivariate Datenanalyse zeigte, dass die Notwendigkeit zu einer Nierenersatztherapie während des Intensivstationsaufenthaltes der einzig unabhängige Prädiktor für das Versterben im Krankenhaus und innerhalb eines Jahres nach Intensivstations-Entlassung war (OR = 2,88; 95%CI 1,12–7,41, p = 0,028 und OR = 3,66, 95%CI 1,36–9,83, p = 0,01). In 28/31 der Langzeit-Überlebenden Patienten (90%) mit einem Intensivstationsaufenthalt ≥30 Tagen zeigte der Barthel Index keine oder nur mäßige Einschränkungen bei Alltagstätigkeiten. SCHLUSSFOLGERUNG: Die Hospitals-Letalität bei kritisch kranken Patienten mit einer Intensivstationsaufenthaltsdauer <30 oder ≥30 Tagen ist vergleichbar. Die Notwendigkeit zu einer Nierenersatztherapie war der einzige unabhängige Prädiktor für das Versterben im Krankenhaus und für die 1-Jahres-Letalität bei Langzeit-Patienten. Kritisch kranke Patienten mit einer Intensivstationsaufenthaltsdauer ≥30 Tagen haben ein hohes und anhaltendes Sterberisiko nach Spitalsentlassung. Dennoch, eine bedeutsame Anzahl von diesen Patienten sind LangzeitÜberlebende mit keinen oder nur mäßigen Einschränkungen bei Alltagstätigkeiten.

Georg Delle Karth, Brigitte Meyer, Sabine Bauer, Mariam Nikfardjam, Gottfried Heinz, Wiener klinische Wochenschrift

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