zur Navigation zum Inhalt
 

Neue Haut für Brandwunden: (Epi-)Dermisersatz

Fast die Hälfte aller Brandunfälle, bei denen jährlich 30 bis 40 Österreicher sterben, passieren im privaten Bereich, . Moderne Hautersatzgewebe machen funktionelle und ästhetische Heilerfolge möglich.

Die frühzeitige chirurgische Entfernung verbrannter Haut und ein vollwertiger Wundverschluss stehen im Mittelpunkt der modernen Verbrennungstherapie. Die Wundtherapie soll einerseits die Spontanheilung in Gang setzen, andererseits die Wunde infektfrei halten: moderne Hautersatzmaterialien können dabei helfen. Neben einer für Verbrennungen spezifischen intensivmedizinischen Versorgung ist primär die richtige Einschätzung der Wunde und die entsprechende Lokaltherapie von zentraler Bedeutung – bei Unklarheit ist hier ist die Beiziehung von Spezialisten nie ein Fehler, wie Doz. Dr. Lars-Peter Kamolz, Leiter der Intensivstation für Brandverletzte an der Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie der MedUni Wien, im Gespräch mit der Ärzte Woche betont.

Wann sind Hautersatzmaterialien indiziert?
Kamolz: Das richtet sich nach Tiefe und Ausmaß der Verbrennung. Wie viel Prozent der Körperoberfläche sind verbrannt? Bei 2b-gradigen Verbrennungen verwenden wir gerne Keratinozyten, als bioaktiven Verband. Die Zellen dafür können vom Patienten oder von einem Organspender kommen. Andere Hautersatzmittel wie Spenderhaut werden bei großen Verbrennungen dritten Grades verwendet.

Wie funktioniert die Zellvermehrung?
Kamolz: Der Chirurg gewinnt etwas Haut, welche spezifisch aufbereitet und in ein Nährmedium eingebracht wird. Durch Kultivierung kann aus einem Gewebsstück von Briefmarkengröße eine Keratinozytenkultur gewonnen werden, die ausreicht, eine Fläche von 1.000cm² zu decken. Dieser Vorgang benötigt zwei bis drei Wochen. Keratinozyten-Sprays sind in ein bis zwei Tagen zu züchten, wobei es sich dabei um Zell-Suspensionen und nicht um Zellkulturen handelt.

Welchen temporären Hautersatz verwendet man, um Wartezeiten zu überbrücken?
Kamolz: Das hängt von der Tiefe der Verbrennung ab. Es gibt sythetische und biologische Hautersatzmaterialien. Gerade Spenderhaut wird hierbei häufig verwendet – früher hat man auch Schweinehaut gelegentlich verwendet.

Welche Immunreaktion gegen Spenderhaut ist zu erwarten?
Kamolz: Spenderhaut stellt einen biologischen Verband dar. Diese Haut wächst anfangs gut an, auch deshalb, weil das Immunsystem großflächig Brandverletzter stark geschwächt ist. Nach zwei bis vier Wochen wird die Spenderhaut dann abgestoßen. In der Zwischenzeit wird die Wunde durch den biologischen Verband positiv beeinflusst. Nach der Abstoßung kann man dann entweder bereits auf eigene Haut des Patienten zurückgreifen, oder man muß erneut Hautersatzmaterialien verwenden. 2a°-2b° Verbrennungen behandelt man gerne mit Keratinozyten oder Suprathel, einem synthetischen Epidermisersatz, welcher die Epidermis bis zur körpereigenen Epithelilisierung ersetzt. Auch Spalthaut kann grundsätzlich bei tief zweitgradigen Verbrennungen angewendet werden.

Wie sind Dermisersatzmaterialien beschaffen?
Kamolz: Sehr viele der Dermis­ersatzmaterialien beruhen auf einem Kollagengerüst in dem körpereigene Zellen einsprossen. Dadurch soll die Reparation der Haut „geordneter“ ablaufen und eine höherqualitative Dermis entstehen, die ihrerseits dann mit dünner Spalthaut gedeckt wird. Matriderm® ist z.B. so eine Kollagen-Elastin-Matrix, die den einzeitigen Ersatz von Epidermis und Dermis ermöglicht.

Welchen Stellenwert nimmt Spalthaut in der Therapie ein?
Kamolz: Bei Verbrennungen dritten Grades ist die Verwendung von Spalthaut immer noch die Methode der Wahl. Je nach Lokalisation und Ausdehnung der Verbrennung kann die Spalthaut „gemesht“ werden. Unter „meshen“ versteht man die Herstellung eines Gittertransplantates.
Wenn genug gesundes Hautgewebe am Patienten vorhanden ist, wird bei drittgradigen Verbrennungen autologe Spalthaut verwendet. Im Gesichts- oder Handbereich ungemesht – aus ästhetischen und funktionellen Gründen – in anderen Bereichen gemesht, als Gittertransplantat, um größere Flächen zu bedecken. Ist nicht genug Haut zur Verfügung (wenn mehr als 60 Prozent der Körperoberfläche verbrannt sind) werden die wichtigen Regionen zunächst soweit möglich mit eigener Haut gedeckt. Die restliche Fläche wird dann mit Spenderhaut gedeckt. Sobald die Hautentnahmestellen dann aber abgeheilt sind, wird genau dort erneut eigene Haut entnommen. So wird die Spenderhaut sukzessive gegen Eigenhaut ersetzt.

Dermisersatzmaterial und Eigenhaut werden in Kombination verwendet?
Kamolz: Zum Beispiel im Handbereich, wo Funktion und Ästhetik im Vordergrund stehen. Hier wird bei Bedarf die Kombination eines Dermisersatzmaterials mit dünner, ungemeshter Spalthaut einzeitig verwendet.

Was waren die wichtigesten Entwicklungen der letzten Jahre?
Kamolz: Die wichtigste Entwicklung aus chirurgischer Sicht ist die Tatsache, dass man die große Bedeutung frühzeitiger Nekrosektomie und Deckung erkannt hat. Neue dermale und epidermale Ersatzmaterialien wurden auf den Markt gebracht. Im Bereich der Forschung wird daran gearbeitet, dermale Matrizes wie Matriderm vor der Transplantation mit gezüchteten Zellen zu „besiedeln“. Dadurch könnte Dermis und Epidermis gleichzeitig in Kultur hergestellt und transplantiert werden.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 28/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben