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Ein Klistier mit Pfeifenrauch (Narrenturm 63)

Berichte von wunderbaren Wiederbelebungen lebloser Menschen finden sich in Märchen und Sagen fast aller Völker dieser Erde. Auch in der Bibel wird an mehreren Stellen von Wiedererweckungen erzählt. Im Laufe der Jahrhunderte gab es allerlei kuriose, aber auch sinnvolle Empfehlungen, einem Menschen im wahrsten Sinn des Wortes wieder Leben einzuhauchen.

Das Alte Testament – Buch der Könige, 4,32–35, datiert um 700 v. Chr. – erwähnt bereits die Mund-zu-Mund-Atemspende als Wiederbelebungsmaßnahme. In früheren Zeiten reihte man Wiedererweckungen freilich üblicherweise in die Kategorie Mystik und göttliche Wunder ein. Hätte man sie als ärztliche Handlung gesehen, wäre der Heilkundige ob seiner teuflischen und frevelhaften Tat wohl unweigerlich zumindest auf dem Scheiterhaufen gelandet, wahrscheinlich hätte man den Frevler aber sogar exkommuniziert. Erst im 16. Jahrhundert setzte sich ganz allmählich die Vorstellung durch, dass Erweckungen scheinbar Toter vielleicht doch keine mystischen göttlichen Wunderheilungen waren, sondern durchaus auch naturwissenschaftlich erklärt werden konnten. Vesalius gelang es 1540 erstmals, ein Tier endotracheal mit einem Schilfrohr zu intubieren und durch rhythmische Beatmung das bereits stillstehende Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Obwohl die Vorstellungen von den Vorgängen und Funktionen im menschlichen Körper noch sehr nebulos waren und die Zusammenhänge von Atmung und Blutkreislauf noch nicht vollständig aufgeklärt, erkannte man die Atemspende doch als eine der wirksamsten Maßnahmen zur Rettung und Wiederbelebung lebloser Verunglückter. Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Reanimationsmaßnahme bereits gut bekannt. Um Luft in die Lunge zu blasen, konstruierte man eine Reihe von durchaus sinnvollen und auch funktionstüchtigen Beatmungsinstrumenten: Beatmungsbeutel mit Röhren aus Elfenbein, Silber, Knochen oder Holz, Zweikammerblasebalge mit einer Lederblase, die mit Sauerstoff, damals Lebensluft genannt, gefüllt war und einer zweiten Kammer zum Absaugen der verbrauchten Luft.

Belebendes Gebläse

Um die verbrauchte Luft zu entfernen, ersannen die Autoren von Reanimationsanleitungen und Rettungsbüchern verschiedenste Methoden, wie etwa Bauchlagerung auf einem Fass, Druck auf den Bauch, Druck auf die Schulterblätter oder auf das Epigastrium, aber auch bereits Thoraxkompressionen. Maßnahmen, die durchaus auch zur Anregung der Herztätigkeit geeignet waren. Aus heutiger Sicht gab es aber auch recht kuriose Empfehlungen, wenn das „Einblasen des Odems in die Lunge gar keine Wirkung thun sollte“: „Tabacks-Rauch in die Gedaerme“ zu blasen. Zu diesem Behufe „steckte man das thoenerne, hoelzerne oder hoernerne Rohr von einer Tabacks-Pfeife in den Mastdarm zween Finger breit tief hinein. Dann rauchet einer und blaeßt etliche Backen voll Tabacks-Rauch nach Kraeften in die Roehre.“ Normale Tabakspfeifen waren aber nur als Notfallsmaßnahme gedacht. Bald bot die „Industrie“ mehrere Modelle von Rauchtabakklistieren an. Gerald van Swieten (1700–1772), Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, befahl 1769, dass Rauchtabak-Klistierspritzen an alle Kreisphysiker, Wundärzte und Bader verteilt werden sollten. Dazu eine Instruktion, „wie die scheinbar ertrunkenen erhenkten oder erstickten Menschen beym Leben zu erhalten seyen“.

Rettender Zeitgewinn

Bei der damals allgemein verbreiteten furchtbaren, geradezu psychotischen Angst, lebendig begraben zu werden, und dem gerade erwachenden Interesse am öffentlichen Rettungswesen fielen solche Instruktionen naturgemäß auf fruchtbaren Boden. Auch wenn viele, durchaus auch prominente und erfahrene Kliniker kein Vertrauen in die Wirksamkeit des Rauchtabakklistiers hatten, empfahlen sie es trotzdem in ihren Schriften und Merkblättern. Ursache könnte gewesen sein, dass durch die von oberster Seite verordnete Pflicht – versüßt durch Belohnungen und Auszeichnungen – zu reanimieren bei manchen Patienten letztendlich durch die längere Reanimation und damit Beschäftigung mit dem Patienten doch noch Lebenszeichen bemerkt werden konnten. Dieser Zeitgewinn bei den damals zumeist recht schlampigen Feststellungen des Todes könnte für manche Verunglückte lebensrettend gewesen sein. Über die Wirkung dieser gut gemeinten Merkblätter auf die Bevölkerung beschwerten sich aber bald die Ärzte, denen in Hoffnung auf Belohnung, „bereits in Fäulnis übergegangene Körper zur Belebung angeschleppt wurden“.

 

 

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2006

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