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© Johann Groder/pitcure alliance
Verschüttetenbergung nach einem Lawinenabgang 2012 in Osttirol. Für die Opfer zählt jede Minute, der unversehrt gebliebene Tourenkamerad hat sofort mit der Suche zu beginnen.
 
Intensiv- und Notfallmedizin 18. Jänner 2016

Eine Frage von Minuten

Ganzverschüttete zeigen das Triple-H-Syndrom: Hypoxie, Hyperkapnie und Hypothermie.

In den Gebirgsregionen der Welt stellen Lawinenkatastrophen seit jeher eine Bedrohung dar. Während Siedlungen in Europa dank technischer Schutzbauten nur sehr selten betroffen werden, geraten heute in Europa und Nordamerika umso mehr junge Menschen unter Lawinen, vor allem Skifahrer, Snowboarder und Schneeschuhwanderer. Durchschnittlich werden 140 Lawinentote jährlich gezählt.

Wird eine Person im freien Gelände von einer Lawine erfasst, beträgt die Letalität circa 23 Prozent. Vier Faktoren sind es, die für das Überleben entscheidend sind:

• Verschüttungsgrad;

• Verschüttungsdauer;

• Freie Atemwege;

• Verletzungsgrad.

Bei einer Ganzverschüttung, d. h. einer Verschüttung von Kopf und Oberkörper, liegt die Mortalität bei 52 Prozent; bleiben Kopf und Oberkörper frei, beträgt sie hingegen nur 4 Prozent.

Gelingt es der Person während des Abgangs der Lawine nicht, an der Oberfläche zu bleiben (z. B. durch die Verwendung eines Ballonsystems), hängt das Überleben vor allem von der Dauer der Ganzverschüttung ab. In den Alpen ist die Überlebenswahrscheinlichkeit bis 18 Minuten nach der Verschüttung höher als 80 Prozent. In Kanada ist diese sogenannte „Überlebensphase“ durch die häufigeren tödlichen Verletzungen und die höhere Schneedichte kürzer. Anschließend sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit bis 35 Minuten auf 30 Prozent steil ab. In dieser „Asphyxiephase“ erstickt ein großer Anteil der Verschütteten durch Verlegung der Atemwege. Eine Person kann nur dann längere Zeit im Schnee überleben, wenn die Atemwege frei sind. Zusätzlich kann sich ein zufällig vorhandener oder absichtlich geschaffener Hohlraum vor Mund und Nase günstig auswirken und ein Überleben auch über Stunden ermöglichen. Wie lange jemand überleben kann, hängt von der Größe der Atemhöhle, der Schneedichte und individuellen Faktoren ab.

Experimentelle Untersuchungen haben gezeigt, dass die Beatmung von geschlossenen Schneehöhlen in wenigen Minuten zu Hypoxie und Hyperkapnie (durch die CO₂-Rückatmung aus der Schneehöhle) führt. Im späteren Verlauf der Verschüttung tritt die Hypothermie als dritter Faktor dazu, die sowohl durch Hypoxie als auch CO₂-Anstieg beschleunigt wird. Das Zusammentreffen von Hypoxie, Hyperkapnie und Hypothermie wird als Triple-H-Syndrom bezeichnet.

Die Abkühlungsrate ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von zahlreichen Faktoren wie Schneetemperatur, Schneefeuchtigkeit, Bekleidung, Erschöpfung und Konstitution ab. Sie liegt durchschnittlich bei 3° C pro Stunde, kann aber in Einzelfällen Werte bis 9° C pro Stunde erreichen. Nach der Bergung allerdings kann ein Lawinenopfer bei Kälte und Wind sehr rasch auskühlen.

Hinweise für Ersthelfer

Ab 35 Minuten sind freie Atemwege Voraussetzung für das Überleben. Ist zusätzlich eine Atemhöhle vorhanden, ist dies ein Hinweis, dass das Lawinenopfer nach der Verschüttung noch geatmet hat. Eine Atemhöhle ist bei vorsichtiger Bergung gut erkennbar und das Rettungsteam sollte über die Tragweite dieses Befundes Bescheid wissen.

Der verkürzte Text basiert auf der Veröffentlichung „Lawinenmedizin“ von Prof. Dr. Hermann Brugger und Dr. Bruno Durrer und ist erschienen im Buch „Alpin- und Höhenmedizin“, DOI 10.1007/978-3-7091-1833-7, © Springer Verlag.

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