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Intensiv- und Notfallmedizin 24. Jänner 2014

Gewicht bei Kindern abschätzen

Mit der Fingermethode können noch vor Eintreffen des Kindes in der Notaufnahme die richtigen Arzneidosierungen vorbereitet werden.

Nur mithilfe der Hände und dem Alter eines Kindes lässt sich in Notfallsituationen dessen Gewicht recht gut abschätzen. Die Methode kann eine Alternative zum Broselow-Band sein. Die Schätzmethode mit den eigenen Händen ist allerdings auf Kinder im Alter zwischen einem und neun Jahren beschränkt.

In der Notfallmedizin sind Ärzte vor Reanimationsmaßnahmen auch bei Kindern meist auf Schätzwerte des Gewichts angewiesen. Außer sich auf die Angaben der Eltern zu stützen oder das Broselow-Farbband anzuwenden, stehen Formeln wie die APLS (Advanced Pediatric Life Support) und die Luscombe-Formel zur Verfügung. Bereits vor mehr als 20 Jahren hat Dr. Alson S. Inaba von der Universität in Hawaii in Honolulu eine Methode zum Schätzen des Gewichts propagiert, bei der die Finger beider Hände benutzt werden.

Finger symbolisieren Anzahl der Jahre und Kilogramm

Bei dieser Methode erhalten – vom Daumen der linken Hand beginnend – die Finger die Werte 1, 3, 5, 7 und 9 für das Alter und vom Daumen der rechten Hand an gezählt die Werte 10, 15, 20, 25 und 30 für das Gewicht in Kilogramm. Um nur anhand des Alters das Gewicht abzuschätzen, werden die Hände mit der Innenfläche aneinander gelegt und der entsprechende Wert am korrespondierenden Finger der rechten Hand „abgelesen“. Beispiel: Ein Fünfjähriger (Mittelfinger) hätte demnach ein Gewicht von 20 kg, ein Achtjähriger (zwischen Ringfinger und kleinem Finger) von 27,5 kg. Im Grunde genommen entspricht das der Formel Gewicht (kg) = (2,5 x Alter in Jahren) plus 7,5 – aber das lässt sich nicht so leicht merken.

US-Notfallmediziner um Dr. Tim P. Young am Kinderkrankenhaus in Loma Linda aus Kalifornien haben in einer prospektiven Studie untersucht, wie gut die Methode im Vergleich zu den vier anderen Verfahren an ihrer Klinik abschneidet. In die Studie wurden die Erfahrungen mit jeder dieser Methoden bei mehr als 200 Kindern im Alter zwischen einem und neun Jahren dokumentiert. Zudem wurden die Kinder – im bekleideten Zustand – gewogen und die Körperlänge gemessen.

Vergleichbar mit Broselow-Methode

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Gewicht mithilfe der Fingermethode so genau wie mit der Broselow-Methode abschätzen lässt. Unterschätzt wurde allerdings das Gewicht, wenn mit den von den Eltern angegebenen Werten oder mit der Schätzung nach der Luscombe-Formel (Gewicht in kg = [3 x Alter in Jahren] + 7) verglichen wurde. Im Vergleich zu den Schätzungen nach der APLS-Formel (Gewicht in kg = [Alter + 4] x 2) waren die Ergebnisse der Fingermethode jedoch genauer.

Mit der Fingermethode ließ sich das Gewicht bei 59 Prozent der Kinder mit einer Abweichung von maximal zehn Prozent vom tatsächlichen Gewicht richtig abschätzen und bei 87 Prozent mit einer Abweichung von maximal 20 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Anwendung der APLS-Formel lagen diese Werte nur bei 33 Prozent bzw. 72 Prozent. Dabei war das 95%-Konfidenzintervall beim 10-Prozent-Limit bei Schätzung des Gewichts mithilfe dieser Formel mit Abstand am schmalsten (zwischen 27 % und 40 %).

Vor- und Nachteil der Methode

Vorteil der Fingermethode ist, dass noch vor Eintreffen des Kindes in der Notaufnahme dessen Gewicht bei den Vorbereitungen etwa von Arzneidosierungen abgeschätzt werden kann. Nachteil ist jedoch, dass das Schätzergebnis mit steigendem Gewicht ungenauer wird. Wenn möglich, sollte bei älteren Kindern auf die Angaben der Eltern zurückgegriffen werden, wie die Ärzte empfehlen.

Young und seine Kollegen weisen darauf hin, dass Inaba inzwischen seine Schätzmethode erweitert hat. Dabei ordnet er 11-Jährigen ein Gewicht von 35 kg, 13-Jährigen ein Gewicht von 45 kg, 15-Jährigen 55 kg und 17-Jährigen 65 kg zu. Weil die Variationsbreite beim Gewicht in der Pubertät groß sei, hätten sie den Vergleich der Schätzmethoden in dieser Altersgruppe in ihrer Studie nicht gemacht, so die Ärzte.

Originalpublikation:

Young TP et al. Finger counting: an alternative method for estimating pediatric weights. Am J Emerg Med 2013, online 26. November; doi: 10.1016/ j.ajem.2013.11.034

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 5/2014

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