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Innere Medizin 30. Juni 2005

Revolution in der Intensivmedizin

Die permanente Überwachung des Blutzuckerspiegels und entsprechende Infusionen könnten auf der Intensivstation vier von zehn Todesfällen verhindern.

Geht es nach dem Grazer Diabetologen Thomas Pieber, dann könnte es schon bald zu einer „Revolution in der Intensivstation“ kommen: Die kontinuierliche Überwachung des Blutzuckerspiegels und entsprechende Infusionen im Bedarfsfall könnten die Komplikationsrate im Akutbereich der Krankenhäuser nahezu halbieren und vier von zehn Todesfällen verhindern, so Pieber.
Der Grazer Wissenschafter leitet das millionenschwere EU-Forschungsprojekt „CLINICIP“, das ein entsprechendes Gerät entwickelt. CLINICIP steht für „Closed Loop Insulin Infusion in Critically Ill Patients“ und ist ein Folgeprojekt aus Piebers bisherigen Bemühungen zur Entwicklung einer „künstlichen Bauchspeicheldrüse“. Bisher noch unüberwindbare Hürde ist hier die Stabilität des Biosensors, der seine Leistungsfähigkeit lange genug aufrecht erhalten soll. Bei rund 24 Stunden hält die Technik bisher. Auch bei gesunden Personen kann es bei spontanen lebensbedrohlichen Erkrankungen wie zum Beispiel einem schweren Unfallschock oder einem Trauma oder nach einem Herz- oder Schlaganfall zu erhöhten Blutzuckerwerten kommen, schilderte Pieber bei einem Pressegespräch in Graz. Zur Normalisierung wird Insulin eingesetzt. Wird die Überzuckerung jedoch nicht früh genug erkannt, kann es dadurch zu Komplikationen kommen.

Personaleinsparungen

„Die bisherige Betreuung ist personal- , zeit- und kostenintensiv, daher bemühen wir uns um ein automatisches Überwachungs- und Behandlungsgerät“, sagte Pieber vom Institut für Medizinische Systemtechnik und Gesundheitsmanagement des Joanneum Research in Graz. Zu seinen Kooperationspartnern zählen neben der Medizinischen und Technischen Uni in Graz unter anderen auch die Katholische Universität im belgischen Leuven, die Universität Cambridge und Industriepartner.
„Geräte zur automatischen Regelung des Blutzuckerspiegels bestehen aus drei wesentlichen Komponenten“, erklärte Pieber, „einer Einheit mit entsprechendem Sensor zur kontinuierlichen Glukosemessung, einer Insulininfusionspumpe und einem Algorithmus als Berechnungsbrücke zwischen Glukosekonzentration und entsprechender Insulinabgabe.“ Wenn das System selbstständig funktioniere, spreche man von einem „Closed Loop System“. Im laufenden Projekt will man daher vor allem Bedacht auf die Sensoren-Entwicklung legen. „Wir sollten es auf bis zu drei Tage Funktion bringen“, so Ingo Klimant vom Institut für Analytische Chemie der TU Graz. Dazu verfolgt man parallel vier verschiedene schon vorhandene Ansätze.
Das Projekt wurde im 6. EU-Rahmenprogramm im „e-Health-Sektor“ eingereicht und läuft die kommenden vier Jahre in sieben Staaten. Um die Entwicklungen optimal umsetzen zu können, wird von Joanneum Research auch eine telemedizinische Infrastruktur aufgebaut. Diese inkludiert einen gemeinsamen Wissenspool, in welchem die im Projekt beteiligten medizinischen Einrichtungen ihre neuen Erkenntnisse speichern und austauschen können.

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