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Photo: Kienast
 
Intensiv- und Notfallmedizin 19. Oktober 2011

On-off-Wirkung für die Muskelrelaxierung

Schnell, sicher und angenehm für Patient und Anästhesisten

Interview mit Dr. Gregor Zasmeta, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

Was sind die Besonderheiten der Anästhesie bei mikrochirurgischen Eingriffen im HNO-Bereich?

Zasmeta: Diese speziellen mikrolaryngealen Eingriffe (MLX) erfordern eine sehr tiefe Anästhesie und insbesondere auch eine sehr gute Muskelrelaxierung. Das heißt, ich brauche die extrem tiefe Muskelrelaxierung wirklich, und ich brauche sie sozusagen „on-off“. Andererseits dauern diese HNO-Eingriffe meist sehr kurz und bis dato entstanden dadurch Wartezeiten, bis die Wirkung der konventionellen Muskelrelaxantien abgeklungen ist. Das Ideal wäre, eine Narkose mit einer total tiefen Muskelrelaxierung anzubieten und diese schaltermäßig wieder abzustellen. Dem kommt Sugammadex schon sehr nahe.

Was wird normalerweise für die Relaxierung und was bisher als Antagonisierung verwendet?

Zasmeta: In der Regel verabreicht man ein nicht depolarisierendes Muskelrelaxans. Eine Vollwirkdosis von z. B. Rocuronium mit einer Wirkung von 20 bis 30 Minuten erfordert bei einem Eingriff von zehn bis 15 Minuten eine Antagonisierung. Diese wurde konventionell mit Neostigmin (Normastigmin®), kombiniert mit Atropin durchgeführt. Allerdings muss für diese Kombination das erste Abklingen der muskelrelaxierenden Wirkung abgewartet werden und es gibt eine Reihe unerwünschter Wirkungen dieser konventionellen Antagonisierung für den Patienten. Zur Abschwächung dieser Nebenwirkungen erfolgte die Kombination mit Atropin. Darüberhinaus tritt die Wirkung nur relativ langsam ein.

Sugammadex wirkt nur in Kombination mit Rocuronium?

Zasmeta: Sugammadex antagonisiert die sog. Steroidmuskelrelaxantien, wovon sich Rocuronium als Standard-Medikament etabliert hat und in Österreich sehr weit verbreitet ist. Es ist sehr angenehm zu handhaben, hat ein überschaubares Nebenwirkungsspektrum und einen relativ schnellen Wirkeintritt.

Sugammadex ist für den Anästhesisten und den Patienten angenehm?

Zasmeta: Sugammadex hebt die Muskel relaxierende Wirkung des Rocuroniums wirklich innerhalb weniger Minuten komplett auf. Das ermöglicht dem Patienten sofort einen kräftigen Atemzug. Damit ist beispielsweise die Gefahr von stillen Aspirationen im Aufwachraum gebannt, und der Patient selbst hat auch keinerlei Überhang des Muskelrelaxans, was zu den unangenehmsten Nebenwirkungen einer Anästhesie gehört. Wenn die betäubende Wirkung zu schnell abklingt, aber die muskelrelaxierende Wirkung noch anhält, kann der Patient nicht ausreichend Luft holen und sich auch nicht äußern. Bis zu 30 Prozent der Aufwachraumpatienten weisen noch Restrelaxationen auf! Durch Sugammadex kann ich diesen Zustand verlässlich verhindern. Ich persönlich kam mit der Substanz zum ersten Mal bei einem Kongress 2005 in Kontakt, wo sie in einer Sitzung über Muskelrelaxantien und zukünftige Entwicklungen vorgestellt wurde. Seither habe ich die Substanz sehnsüchtig herbeigewünscht, weil mir sofort klar war, dass sie ein extrem hohes Potential für die Anästhesie bietet und insbesondere in diesem Bereich mir persönlich als extrem nützlich erscheint. Sugammadex ist zwar teurer als andere Produkte, aber die Vorteile sind meiner persönlichen Meinung nach überragend. Es stellt die modernste Neuentwicklung der Anästhesie mit wirklichem Benefit für den Patienten dar.

Die OP ist relativ kurz …

Zasmeta: Bei dieser Form der OP sollte man eine TIVA durchführen. In der Regel wird der Patient mit einem Tubus beatmet, manchmal auch mit „Jetventilation“. Dann muss der Patient tief narkotisiert und relaxiert bleiben. Nach der letzten Blutstillung ist die Operation fertig. D. h. es gibt keine Ausleitungsphase. Durch die extrem rasche Antagonisierung der muskelrelaxierenden Substanzen, klingen die analgetischen und hypnotischen Substanzen erst nachher ab und der Patient wacht ausgenehm aus dem Propofol-Remifentanyl-Schlaf auf. Meist ist dann sofort eine Sprachkontrolle möglich. Es besteht mit dieser Medikamentenkombination insbesondere auch praktisch keine Reboundgefahr. Je nachdem in welchem Zustand der Patient ist, ist daher in der Regel die baldige Verlegung auf die Normalstation möglich und die Patienten werden auch relativ rasch aus dem Spital entlassen. Im Idealfall verkürzen sich die Zeitabläufe.

Weniger Nebenwirkungen des Patienten sind auch für die anderen Berufsgruppen wie die Pflege angenehmer …

Zasmeta: Völlig richtig, denn dann ist der Patient weniger betreuungsintensiv. Nachdem der Patient aufgewacht ist, müssen nur noch für kürzere Zeit die Vitalparameter kontrolliert werden und wenn er sonst keine Bedürfnisse hat, weil es ihm einfach gut geht, ist er rascher zu verlegen, das Bett ist früher wieder frei und der Patient ist langfristig auch zufriedener.

Wie sieht es im tageschirurgischen Bereich aus?

Zasmeta: Von Seite der Anästhesie wäre es kein Problem, den Patienten nach einer entsprechenden Überwachungszeit nach Hause zu entlassen. Wenn das von Seiten der HNO möglich ist, wäre das durchaus auch tageschirurgisch machbar – allerdings müssen da natürlich auch die finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

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