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Abb.: www.photos.com
Gering erhöhtes Verletzungsrisiko bei Alkoholvergiftungen.
 
Intensiv- und Notfallmedizin 3. September 2010

Akute Alkoholintoxikation

Schwere Begleitverletzungen: Selten aber abklärungsbedürftig

Etwa drei Prozent der Notfallbehandlungen in Deutschland erfolgen aufgrund einer akuten Alkoholintoxikation. In Österreich dürfte diese Zahl nicht geringer sein. Darüberhinaus zeigen Daten, dass bis zu 50 Prozent aller Patienten, die im Unfalldienst primär unfallchirurgisch aufgenommen werden, alkoholisiert sind. Das Risiko von sekundär diagnostizierten Begleitverletzungen bei Patienten mit akuter Alkoholintoxikation ist zwar gering, um allerdings auch den seltenen Fall eines relevanten Begleittraumas nicht zu übersehen, ist es, so Grüttner et al., absolut notwendig, nach einem standardisierten diagnostischen Schema vorzugehen, welches eine gezielte körperliche und speziell neurologische Basisuntersuchung bei Aufnahme und im Verlauf einschließt.

Die Autoren untersuchten retrospektiv die Patientendaten der Notaufnahme eines vierjährigen Zeitraums. Zehn Prozent der insgesamt 776 Patienten mit akuter Alkoholintoxikation wiesen Verletzungen auf. Die mittlere Blutalkoholkonzentration betrug 2,4 Promille in der Gruppe der Unverletzten und 2,7 Promille in der Traumagruppe. Als maximaler Blutalkoholspiegel wurde in der Gruppe der nichttraumatisierten Patienten ein Wert von 4,7 Promille gemessen, in der Traumagruppe 5,4 Promille. Insgesamt, so die Autoren, zeigten die Merkmale Alter und Blutalkoholspiegel signifikant höhere Werte in der Traumagruppe, während das Verhältnis zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht bzw. ambulantem und stationärem Verlauf in beiden Gruppen vergleichbar war.

Die diagnostizierten Verletzungsmuster waren vielfältig und reichten von Bagatellverletzungen über Hämatome und unkomplizierte Fraktur bis zur komplizierten Schädelfraktur. Der größte Anteil der alkoholisierten Patienten mit sekundär diagnostiziertem Trauma wies jedoch nur einen geringen Schweregrad auf. Mutmaßlich letale bzw. sicher letale Verletzungen wurden bei keinem der untersuchten Patienten gefunden. Vermutlich deshalb, weil in diesem Fall das Trauma prioritär gewesen wäre und nicht die Alkoholintoxikation. Patienten, die vom Rettungsdienst mit der primären Diagnose Alkoholintoxikation gebracht werden, haben ein gering erhöhtes Risiko durch Begleitverletzungen.

Der alkoholische Mundgeruch kann täuschen

Entsprechende Standards, um auch die wenigen Fälle von komplizierten Begleittraumen nicht im routinemäßigen Betrieb einer Notfalleinrichtung zu übersehen, erachten die Autoren als essentiell und warnen davor, sich vom ausgeprägten alkoholischen Mundgeruch des Patienten zur verfrühten und damit trügerischen Diagnose einer alleinigen Alkoholintoxikation verleiten zu lassen. Vielmehr müsse die Bewusstseinslage nach möglichst objektivierbaren Kriterien untersucht werden, wozu Grüttner et al. die Verwendung des Glasgow Coma Score, wenn auch mit Einschränkungen, vorschlagen. Obligat ist ferner die gezielte körperliche Untersuchung einschließlich Inspektion und Palpation des Schädels, des Thorax und der Extremitäten.

Passt der Blutalkoholspiegel zur Bewusstseinsstörung?

Vor allem bei bewusstseinsgestörten Patienten ist eine orientierende neurologische Untersuchung inklusive Pupillenmotorik und Prüfung der Extremitäten bezüglich Motorik und Sensorik im Seitenvergleich erforderlich. Laborchemisch sind neben dem Blutalkoholspiegel bei bewusstseinsgestörten Patienten auch alle relevanten differentialdiagnostischen Parameter einschließlich Blutglukose, Pharmaka- und Drogenscreening von Bedeutung. Der Blutalkoholspiegel dient auch zur Beurteilung, ob die Alkoholvergiftung in einem adäquaten Verhältnis zur Bewusstseinsstörung steht. Die endgültige Entlassung des Patienten darf jedenfalls erst erfolgen, so die Autoren, wenn der Patient absolut gangstabil und in allen Qualitäten orientiert ist.

J. Grütten, S. Haas, M. Reichert, J. Saur, U. Obertacke, M.V. Singer, M. Borggrefe: Prävalent und Schweregrad von Begleitverletzungen alkoholintoxikierter Patienten in der Notaufnahme, in: Notfall Rettungsmed 2008, 11: 332–336

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