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Foto: Talia Frenkel/American Red Cross
Haiti – Versorgung von Erdbebenopfern: Suzanne Puzo vom Kanadischen Roten Kreuz mit Danise Diverge, zehn Jahre.
 

Retten, was zu retten ist

Internationale Hilfe wird nur benötigt, wenn lokale Strukturen versagen.

„Als ich neulich in Afrika die Welt retten wollte…“ war der provokante Titel eines Symposiums über internationale Katastrophenhilfe. Mag. Martina Schloffer, Abteilungsleiterin des internationalen Katastrophenmanagements beim Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK), nahm dabei die Gelegenheit wahr, über heldenhafte Helfer in der Not und geduldige Projektleiter sowie über die Möglichkeiten, Arbeitsweisen und Leitsätze des Katastrophenhilfsdienstes (KHD) am aktuellen Beispiel der Erdbebenkatastrophe in Haiti vom 12. Jänner 2010 zu referieren.

Am 23. Jänner luden die International Physicans for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) in Kooperation mit der Austrian Medical Students‘ Association (AMSA) zu einem Symposium über soziales Engagement und soziale Verantwortung. Geladen waren Vertreter ausgewählter humanitärer Organisationen mit sozialen Projekten sowohl im In- als auch im Ausland. Schloffer hielt als Repräsentantin des Österreichischen Roten Kreuzes einen Vortrag über den aktuellen Einsatz im Katastrophengebiet in Haiti und die Fehler, die durch die Notwendigkeit einer internationalen Katastrophenhilfe zum Vorschein gekommen sind.

Wenn die „Kavallerie“ ausrückt

19 Emergency Response Units (ERUs) hat das ÖRK mit den letzen 29 Hilfsflügen bereits in das Katastrophengebiet in Haiti gebracht. Das sind spezialisierte, im Vorfeld standardisiert trainierte Einsatzteams. Außerdem drei Basic Care Units für die medizinische Grundversorgung von je 30.000 Menschen, zwei Feldspitäler mit Möglichkeiten für Operationen, drei Relief Distribution Units zur Hilfsgüterverteilung, zwei Logistikeinheiten, zwei Datennetzwerk- und Kommunikationseinheiten, vier Wasseraufbereitungsanlagen und zwei Base Camp Units für die Unterbringung von Betroffenen. Hilfe im Wert von 72 Millionen Euro für die Sicherstellung der Versorgung im Krisengebiet für bis zu vier Monate. Zurzeit sind 400 internationale Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Haiti, 190 davon kommen aus den unmittelbaren Nachbarländern in Südamerika.

Sehr positive Fakten, hat es den Anschein, die von weltweiter Vernetzung, Solidarität und guter Organisation zeugen. Doch der Einsatz dieser umfangreichen Maschinerie zeigt auch, betont Schlaffer, dass die lokalen Netzwerke und Hilfsorganisationen versagt haben. Die Hauptaufgabe des KHD besteht nämlich nicht in der akuten Hilfe bei mediendominanten Katastrophen, sondern in einer langen und stillen Arbeit zur Stärkung der lokalen Kapazitäten.

Umkehr der Verhältnisse

Die Definition einer Katastrophe lautet: „Eine Ausnahmesituation, die Menschen in ihren täglichen Lebensgewohnheiten unterbricht, welche infolgedessen Schutz, Nahrung, Kleidung, Unterkunft, medizinische und soziale Fürsorge benötigen. Kann dies nicht mit örtlichen Mitteln bewältigt werden, kann von einer Behörde eine Katastrophe ausgerufen werden.“ So sind alle Katastrophen definiert, unabhängig von Ursache und Ausmaß der durchzuführenden Aufgaben. Um möglichst schnell reagieren und die Einsatzkräfte optimal trainieren zu können, helfen Alarmpläne. Damit der Überblick gewahrt bleibt, eine standardisierte Einteilung.

Die Grundlage der Bewältigung prekärer Lagen ist daher eine umfassende Katastrophenvorsorge. Diese soll die Wirkung des eingetretenen Schadens verringern und durch Planung und Training die bestmögliche Reaktion gewährleisten.

Katastrophen vermeiden

Das Erste-Hilfe-Wissen weltweit zu verbessern, Wissen über Gesundheit, Krankheit, Infektionswege und Hygiene zu verbreiten, dauerndes und langfristiges Training lokaler Mitarbeiter, Herstellen von Bereitschaft und Bereitstellen von materiellen, personellen und auch finanziellen Ressourcen – das sind die Aufgaben, denen sich 20 Millionen aktive Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes und 40.000 Freiwillige in Österreich verschrieben haben.

„Ziel ist es, Katastrophen zu vermeiden“, sagt Schloffer, sodass höchstens finanzielle internationale Unterstützung benötigt werde. Auch die Minimierung der Schadensanfälligkeit gegenüber Naturkatastrophen und die Stärkung lokaler Organisationsstrukturen und Hilfsgemeinschaften zählen zu diesem Aufbau der Selbsthilfekapazitäten. Am wichtigsten ist hier die Ausbildung von langfristig tätigen Mitarbeitern vor Ort. Schloffer: „Wer die Sprache beherrscht, die lokalen Gewohnheiten und geographischen Gegebenheiten kennt, hilft am schnellsten und effizientesten.“

Dieses dauernde Engagement des Internationalen Roten Kreuzes ermöglicht es, dass eine Katastrophe nur selten ein Ausmaß erreicht, die ERU-Einsätze nötig macht. Wie eine Statistik der International Federation of Red Cross and Red Crescent (IFRC) aus dem Jahr 2008 zeigt (siehe Grafik), gab es in Asien und im Pazifischen Raum 201 KHD-Einsätze der lokalen Rot-Kreuz-Organisation. Genau zwei, nämlich das Erdbeben in China und der Zyklon Nargis in Birma, fanden aufgrund der katastrophalen Ausmaße ihren Weg in die internationalen Medien.

Stärkung der Selbsthilfe

Im Fall von Port-au-Prince hat dieser Aufbau von Kapazitäten jedoch nicht funktioniert. Die lokalen Strukturen sind zu schlecht, das unerwartete Ereignis war mit lokalen Mitteln nicht mehr zu bewältigen, sodass eine Katastrophe mit Anforderung von internationalen Spezialteams ausgerufen wurde. Nun können die Hilfskräfte vor Ort nur hoffen, dass das jahrelange, weltweit standardisierte Training helfen wird, effizient und schnell zu arbeiten, um so viele wie möglich zu retten.

Wenn die Medien wieder abgezogen sein werden, wird der Katastrophenhilfsdienst weiterhin vor Ort bleiben und die wichtige Arbeit im Hintergrund wieder aufnehmen. Wiederaufbau, Wiederauffüllen von Ressourcen, Trainings und andere Vorbereitungen für den Katastrophenfall müssen getroffen werden. Dann treten die Helden in der Not wieder ihren Alltag an und die geduldigen Projektleiter versuchen erneut, für die Zukunft vorzusorgen. In der Akutsituation wollen alle helfen, aber die Finanzierung von langfristigen Aufbauarbeiten ist schwierig, denn, wie Schloffer immer wieder erwähnt: „Vermiedene Katastrophen sieht keiner“.

Phasen einer Katastrophe
Phase 1 Eintritt der Katastrophe
Phase 2 Initiales Intervall – lokale Hilfskräfte und Material
Phase 3 Organisierte Katastrophenhilfe – Helfer und Material aus umgebenden Gebieten
Phase 4 Rehabilitation und Wiederaufbau

Von Barbara Buchner, Ärzte Woche 5 /2010

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