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Foto: wikipedia / Norbert Kaiser
Der bedarfsgerechte Einsatz der Brustkorbradiografie ist aufwendig.
 
Intensiv- und Notfallmedizin 17. November 2009

Mehr Arzt, weniger Röntgen auf der Intensivstation

Zwar könnte die Strahlenbelastung für Intensivpatienten um ein Drittel gesenkt werden, aber das erfordert Zeit.

Routinemäßiges tägliches Röntgen des Brustkorbs bei künstlich beatmeten Patienten auf Intensivstationen ist laut einer aktuellen Studie nicht notwendig. Bedarfsgerechtes Röntgen in Abhängigkeit des klinischen Status hatte ein Drittel weniger Aufnahmen zur Folge und gefährdete dabei die Sicherheit der Patienten nicht.

 

In einer randomisierten Studie wurden 21 Intensivstationen in 18 Krankenhäusern entweder einer routinemäßigen oder einer bedarfsgerechten Strategie bezüglich der Brustkorbradiografie zugewiesen. Anschließend wechselten die Stationen zur jeweils anderen Strategie.

Die Forscher stellten fest, dass bei 424 Patienten 4.607 routinemäßige (Mittelwert pro Patiententag künstlicher Beatmung = 1,09) und bei 425 Patienten 3.148 bedarfsgerechte (Mittelwert = 0,75) Röntgenaufnahmen durchgeführt wurden, was eine Verringerung von 32 Prozent in der bedarfsgerechten Strategie bedeutet.

Wichtig hierbei ist, dass bezüglich jeglicher sekundärer Ergebnisparameter keine Änderungen zwischen der routinemäßigen und der bedarfsgerechten Strategie festgehalten wurden. Dies gilt für Dauer der künstlichen Beatmung, Dauer des Aufenthalts in der Intensivstation oder auch Sterblichkeit. Die Autoren warnen jedoch, dass nicht nur die Anzahl der Radiografien zu berücksichtigen wäre: „Die Meinungen des medizinischen Personals, das an der Studie teilnahm, wurden nicht festgehalten, weder davor noch während, noch nach der Studie. Diese Information ist potenziell wichtig, da beispielsweise die Arbeitsbelastung der Ärzte durch individuelle Bewertungen jedes Patienten am frühen Morgen und die Entscheidung erhöht wird, ob eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs notwendig ist, statt die systematische Radiografie aller künstlich beatmeten Patienten anzuordnen.“

Die Autoren betonen allerdings, dass die Ergebnisse der Studie ein deutliches Votum für die Einführung der bedarfsgerechten Strategie darstellen, da so die Zahl der Brustkorbradiografien bei künstlich beatmeten Erwachsenen verringert werden kann, ohne die Patientensicherheit zu schmälern.

In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Mark D. Siegel und Dr. Ami N. Rubinowitz von der Yale School of Medicine im US-amerikanischen New Haven, dass die Studienautoren überzeugende Hinweise dafür liefern, dass die tägliche routinemäßige Röntgenaufnahme des Brustkorbs bei den meisten intubierten, künstlich beatmeten Patienten unnötig ist, und dass dies, vorbehaltlich Studien zu klinischen Indikationen, durch einen bedarfsgerechten Ansatz sicher ersetzt werden kann. Allerdings geben sie zu bedenken, dass bei den einzelnen Intensivstationen vor Ort entschieden werden muss, ob diese Strategie dort angemessen ist: „Unserer Ansicht nach sollte eine bedarfsgerechte Strategie nur dann eingeführt werden, wenn geschulte Ärzte zur Verfügung stehen, um rasch jene Patienten zu identifizieren, die eine Brustkorbradiografie benötigen.“ Schließlich müsste in Betracht gezogen werden, ob Aufnahmen effizient hergestellt und interpretiert werden können und ob bei Auffälligkeiten ganztägig auf diese eingegangen werden kann.

 

 

Quelle: Hejblum, G. et al.: Lancet 2009; doi:10.1016/S0140-6736(09)61459-8

www.thelancet.com/PH, Ärzte Woche 47 /2009

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