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Intensiv- und Notfallmedizin 20. Oktober 2009

Schnell, teuer, High-Tech

Was Intensivstationen und Formel-1-Boliden gemeinsam haben.

Experten der Europäischen Gesellschaft der Intensivpflegemedizin diskutierten jüngst in Wien über die Vorbereitung der Ärzteschaft auf eine mögliche H1N1-Pandemie sowie die Patientensicherheit und Qualität der Pflege auf Intensivstationen (ICU‘s) aus Patientensicht. Als Start einer Initiative zur Steigerung der Patientensicherheit wurde die „Declaration of Vienna“ unterzeichnet und der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Einigkeit bestand unter den Kongressteilnehmern der ESICM darüber, dass dem Thema Patientensicherheit in der Intensivmedizin höchste Bedeutung zukommt und sich dieser Trend in Zukunft weiter verstärken wird. ESICM-Präsident Dr. Rui Moreno, Lissabon, und seine Kollegen sehen lokale Lösungen als Schlüssel, um dieses globale Problem zu lösen. „Das Thema Patientensicherheit ist eine der wichtigsten Aufgaben innerhalb der Intensivmedizin, vergleichbar mit der Formel 1“, betonte Prof. Dr. Jean-Daniel Chiche, Paris, Vorsitzender des ESICM-Kongress-Komitees für wissenschaftliche Angelegenheiten und Arzt für Critical Care Medizin der Paris Descartes Universitäts-Klinik. „Eine ICU ist wie ein Formel-1-Bolide: sehr schnell, eine High-Tech-Disziplin, sehr gefährlich und teuer. Sie läuft nur dann perfekt, wenn es gelingt, Arbeitsabläufe und Teamarbeit so zu verbessern, dass dadurch die Patientensicherheit maximiert wird.“

Geld rettet Menschenleben

Allerdings sind derzeit weniger als fünf Prozent der ICU‘s mit der notwendigen Computertechnologie ausgestattet. Dies ist vor allem eine Frage des Geldes, denn die Finanzierung des Gesundheitssystems hat sich in den letzten Jahren verändert. „Die Spitalsfinanzierung ist so ausgerichtet, dass die höchstmögliche Anzahl von Patienten in einer gleichbleibenden Anzahl von Betten behandelt werden“, erklärt der designierte ESICM-Präsident Dr. Andrew Rhodes, Henderson, Nevada. Zwar bekommen die Spitäler dadurch mehr Geld, allerdings: der Druck auf das Krankenpersonal und die Ansteckungsgefahr steigen, die Behandlungszeiten pro Patient werden kürzer. „Wenn wir durch die EU-Kommission nicht ausreichend finanziell unterstützt werden, müssen wir uns gezwungenermaßen an die Industrie wenden, was die Gefahr von Interessenskonflikten heraufbeschwört“, warnt Moreno. Rhodes ergänzt: „Brüssel muss handeln, damit es uns gelingt, mehr Leben zu retten.“

Seit dem Ausbruch der „Schweinegrippe“ im April sind laut WHO rund 2.180 Menschen am H1N1-Virus gestorben, geschätzte 210.000 Personen haben sich in 177 Ländern mit dem Virus angesteckt. Die Zahl der in Europa bestätigten Fälle liegt bei 46.000 Personen. Die Experten rechnen mit einem starken Ansteigen in den (Winter)-Monaten und wachsendem Druck auf die Intensivpflege-Einrichtungen. In Australien war jedes fünfte Intensivpflegebett von H1N1-Patienten belegt. Die bessere Vernetzung der beteiligten Staaten und die bisherigen Erfahrungen aus dem Winter Australiens sowie aus Kanada und Mexiko geben Grund zur Hoffnung, dass die pessimistischen Befürchtungen nicht eintreten. „Positiv ist, dass wir heute besser vorbereitet sind als bei allen bisherigen Pandemien“, sagte Moreno. „Vielleicht erkennen wir ja in einem halben Jahr, dass es nicht so schlimm war.“

ESICM-Fakten
Die Europäische Gesellschaft für Intensivmedizin (ESICM) ist eine internationale NGO, die sich aus Ärzten, Pflegern, Physiotherapeuten und am Gesundheitswesen Beteiligten zusammensetzt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, durch Weiterbildung und Forschung die Kenntnisse über Intensivpflegemedizin in die Öffentlichkeit zu bringen und zu verstärken. Sie wurde 1982 gegründet und umfasst mehr als 5.000 Mitglieder in 113 Ländern.
Kasten 1:
Vienna Declaration zur Patientensicherheit in ICU‘s (gekürzt)
Die Repräsentanten der Intensivpflegemedizin sowie Vertreter der wichtigsten Institutionen und Interessensvertreter, die für Patientensicherheit eintreten, haben folgende Erklärung unterzeichnet:
• Wir (an)erkennen, dass die Patienten- und Pflegeteam-Sicherheit von allerhöchster Bedeutung ist und eine der größten Herausforderungen in der heutigen Medizin. Dieses globale Problem ist nur global lösbar. Dafür benötigt die Intensivpflegemedizin ein geschütztes Umfeld.
• Wir glauben an die Verbesserung der Patientensicherheit in allen Gesundheitsbereichen in allen Ländern unabhängig von den jeweiligen Ressourcen.
• Wir sind von der Notwendigkeit der Erhöhung der Patientensicherheit überzeugt.
• Wir verpflichten uns, alles zu tun, um das Fehlerbewusstsein zu verbessern, die möglichen Konsequenzen von Fehlern stärker bewusst zu machen und die Sicherheitskriterien weiterzuentwickeln und dies in die Gesellschaft weiterzutragen.
„Diese am 11.10. beschlossene Vereinbarung wird es uns ermöglichen, die Sicherheitskriterien, die von allen ICU´s der ganzen Welt angewendet werden, weiterzuentwickeln, damit sie ihre Sicherheitsmaßnahmen sowie die Pflege-Qualität zum Nutzen aller Patienten verbessern.“

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 43 /2009

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