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Vom Blasebalg zum Reanimator (Narrenturm 137)

Die Mund-zu-Mund-Beatmung, die einfachste und älteste Form der künstlichen Beatmung, scheint sich beim Versuch, einen verunglückten Mitmenschen vor dem Tod zu retten, instinktmäßig anzubieten. Zumindest die Ärzteschaft widersetzte sich diesem Instinkt einige hundert Jahre lang.

 Blasebalg
„Zur hygienischen manuellen Beatmung“.

Foto: Nanut/Regal

Schon die Bibel berichtet vom Propheten Elisa, der einem Knaben, der nach plötzlichen Kopfschmerzen gestorben war, auf folgende Art das Leben rettete: „Und er stieg hinauf und legte sich auf das Kind und legte seinen Mund auf des Kindes Mund und seine Augen auf seine Augen und seine Hände auf seine Hände und breitete sich also über ihn, dass des Kindes Leib war ward.“ Diese „Reanimation“ spielte sich etwa 800 v. Chr. ab und gilt heute allgemein als die erste Wiederbelebung durch direkte Mund-zu-Mund-Beatmung. Manche Autoren glauben aber, dass diese Wiederbelebung ein „echtes Wunder“ war und nicht „die Tat eines menschlichen Helfers“.

Seit erst etwa 50 Jahren

Sei es wie es sei: gesichert dürfte sein, dass sich Hebammen seit Tausenden von Jahren bei asphyktischen Neugeborenen erfolgreich dieser Form der Atemspende bedienten. Den wissenschaftlichen Beweis, dass die Methode sinnvoll war und ist, erbrachte aber erst der Wiener Anästhesist Peter Safar (1924 - 2003) im Jahr 1954. Seit etwa 1958 wird die Mund-zu-Mund-Beatmung in Kombination mit Herzdruckmassage bei der Wiederbelebung gelehrt und auch erfolgreich angewendet.
Obwohl man sich vermutlich seit Urzeiten um die Wiederbelebung lebloser oder zumindest scheinbar lebloser Personen bemühte, wurden Wiederbelebungsversuche im Mittelalter fast gänzlich unterlassen und entsprechende Versuche konnten sogar recht gefährlich werden. Für Christen war damals der Tod – egal aus welcher Ursache – von Gott gewollt und die Wiederbelebung eines Toten galt als Auflehnen gegen die Autorität Gottes, als verdammenswürdiges Hexenwerk. Der Arzt, der solches versuchte, konnte damit im wahrsten Sinn des Wortes in Teufels Küche kommen. Diese Einstellung änderte sich zum Glück im Lauf des 17. und vor allem 18. Jahrhunderts.
1667 demonstrierte Robert Hooke (1635 – 1703) der Royal Society in London, wie er einen Hund, dessen Lunge nach Resektion der Rippen frei lag, durch abwechselndes Aufblasen und Zusammensinken der Lunge mittels eines Blasebalgs über eine Stunde am Leben hielt. Wenn er die Zufuhr von Luft unterbrach, starb das Tier innerhalb kürzester Zeit. Da es ihm nach Perforation der Lungen gelang, das Tier auch ohne Pumpbewegungen einige Zeit am Leben zu erhalten, schloss er, dass die Atmung und die Lunge die Funktion haben, das Tier mit frischer Luft zu versorgen und nicht, wie viele Forscher damals meinten, den Blutkreislauf zu fördern. Hooke bemerkte auch, dass in der Lunge ein Farbwechsel des Blutes von Dunkelrot zu Hellrot stattfand. Der große Andreas Vesal (1514 – 1564) führte ein ganz ähnliches Experiment bereits 100 Jahre zuvor durch – und wurde dafür verspottet.
1776 wiederholte der schottische Chirurg John Hunter (1728 – 1793) das Experiment und bemerkte ebenfalls, dass das Herz direkt auf Lufteinblasung in die Lungen reagierte. Wenn er die Insufflationen der Lunge mit dem Blasebalg unterbrach, hörte das Herz zu schlagen auf. Bisher war man ja allgemein der Meinung gewesen, dass der Herzstillstand durch eine Lähmung des Herznerven eintrat. Ab nun war es aber offensichtlich, dass Luft das „Lebenselexier für den Kreislauf“ war.
Um 1800 war also bewiesen, dass die Zufuhr von Luft das zentrale Problem der Wiederbelebung war. Die Royal Human Society in London empfahl: „Die Atemspende nützt vielen und schadet niemandem. Außer einer Mund-zu-Mund-Beatmung kann auch eine Blasebalgbeatmung zur Anwendung kommen.“ Doch sie wurde praktisch nicht zur Kenntnis genommen, und es dauerte weitere 150 Jahre, bis annähernd gleiche Experimente zu den gleichen Ergebnissen führten.

Heute: Ambu-Beutel

Eines der ersten Geräte dieser Art war der „Reanimator“, den die Firma Dräger in den 1950er Jahren entwickelte. Laut Firmenprospekt „ein Hilfsgerät zur hygienischen manuellen Beatmung von Patienten, deren Eigenatmung aussetzt“. Die Handhabung war einfach. Das Gerät samt Zubehör wurde in einem Holzkoffer untergebracht und wog 2,8 kg. Das laut Firmenprospekt „ideale Wiederbelebungsgerät für Erste Hilfe, Rettungswesen, Klinik und ärztliche Praxis“ wurde einige Jahre später vom heute noch in ähnlicher Form hergestellten Rubenbeutel, bekannter unter dem Namen Ambu-Beatmungsbeutel, verdrängt. Dieser hatte ein Luftreservoir aus Schaumgummi (ursprünglich bestand der ovale Beatmungsbeutel des Anästhesisten Henning Ruben aus vier zusammengeschweißten Fahrradspeichen mit einem Gummiüberzug) und war einfacher zu handhaben.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 14/2008

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