zur Navigation zum Inhalt
© crystal kirk/ stock.adobe.com
 
Pulmologie 1. September 2017

Asthma bei Kindern aus schwierigen Verhältnissen

Armut. Ein niedriger sozioökonomischer Status (SÖS) hat für viele Gesundheitsstörungen einen hohen Vorhersagewert. Interessant ist daher, warum manche Kinder mit Asthma ungeachtet eines niedrigen SÖS eine stabile Situation aufrechterhalten, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Neben Luftverschmutzung, Tabakrauchexposition und Virusinfektionen begünstigt bei Kindern psychischer Stress erheblich das Asthma bronchiale. Im Kleinkindalter ist neben psychischem Stress selbst eine stattgehabte intrauterine Exposition zu häuslicher Gewalt ein Risikofaktor für obstruktive Atemwegsbeschwerden.

Da beim modernen Asthmamanagement zunehmend auch psychosoziale Aspekte Berücksichtigung finden, sind Erkenntnisse zu krankheitsmodifizierenden Verhaltensweisen und -strategien bei einem so häufigen Krankheitsbild auch bevölkerungsmedizinisch bedeutsam.

Ein niedriger sozioökonomischer Status (SÖS) hat für viele Gesundheitsstörungen einen hohen Vorhersagewert, z. B. für instabiles Asthma bronchiale. Diese Kinder haben geringere Therapieadhärenz, erleiden mehr Asthmaanfälle und werden öfters in Notaufnahmen oder im Krankenhaus behandelt.

Stressoren positiv besetzen

Interessant ist die Frage, warum manche Asthmatiker ungeachtet eines niedrigen SÖS und schwieriger Lebensbedingungen eine stabile Situation aufrechterhalten. Diese Fähigkeit mancher Menschen, trotz widriger Rahmenbedingungen sich konstruktiv mit Stress zu arrangieren, wird als Resilienz bezeichnet. Erklärt wird dies von Psychologen mit „Umschalt- und Verweilmechanismen“, d. h. den Betroffenen gelingt es, Stressoren positiver zu besetzen und ihre eigene Situation und Zukunft optimistisch zu betrachten.

Methoden der Studie: Die präsentierte Arbeit untersuchte prospektiv 121 kanadische Kinder mit arztdiagnostiziertem Asthma bronchiale (Alter 9 bis 18 Jahre, Durchschnitt 12,6 Jahre, 67 Prozent männlich). Initial und über sechs Monate wurden laborchemische Entzündungsmarker (Eosinophile im Blut, TH2-IL-4-Zytokine), elektronisch dokumentierende Peak-Flow-Messungen, Notfallmedikationsbedarf und Schulfehltage erfasst. Parallel wurde die Resilienz mittels der „kognitiven Restrukturierungsskala“ („shift-and-persist strategy“) des evaluierten „Antwort-auf-Stress-Fragebogens“ („Cognitive Restructuring Scale of the Responses to Stress Questionnaire“) erfasst. Die Persistenz dieser positiven Selbstkonditionierungsstrategie wurde mithilfe des „Lebensorientierungstests“ („Life Orientation Test“) erhoben. Der Verbrauch von Asthmamedikamenten wurde bei den jeweiligen Visiten erfasst und etwaige Störeinflüsse über multiple Regressionsanalysen kontrolliert.

Ergebnisse: Zu Studienbeginn hatten Kinder umso höhere Entzündungen in den Atemwegen (r = –0,26, p = 0,007) und instabileres Asthma (r = –0,34, p = 0,001), je niedriger ihr SÖS war.

Es gab keinen signifikanten Einfluss von Geschlecht, ethnischer Abstammung oder SÖS auf die Resilienzstrategien; diese entwickelten sich allerdings mit zunehmendem Lebensalter (r = 0,18; p = 0,049). Im Verlauf der Studie hatten Kinder mit niedrigem SÖS und „Umschalt- und Verweilmechanismen“ signifikant weniger Entzündung in den Atemwegen sowie weniger Notfallinhalationsbedarf und Schulfehltage zu Beginn wie auch während der Nachverfolgung.

Bemerkenswerterweise konnten resiliente Kinder selbst unabhängig von ihrer Atemwegsentzündung ihr Asthma besser kontrollieren.

Schlussfolgerung der Autoren: Psychologische Strategien scheinen Kindern in widrigen Lebensumständen praktisch und effektiv dabei helfen zu können, ihre körperliche Erkrankung besser zu bewältigen. Es sollte berücksichtigt werden, dass sich die jeweiligen Lebenssituationen der Kinder unterschiedlich auf den Erfolg einer Therapie auswirken können.

Kommentar: Dies ist die erste Studie, die bei Kindern zeigt, wie sich der negative Einfluss einer eher gesundheitsgefährdenden Umgebung durch psychologische Strategien selbst bei chronischen Krankheiten kompensieren lässt.

Kinder mit niedrigem SÖS, die ihre Lebensstressoren in einem positiveren Licht erleben und optimistisch sind, haben objektiv weniger Entzündung in ihren Atemwegen und im Verlauf weniger asthmatische Beschwerden.

Dies passt zu anderen Untersuchungen, dass positive kindliche Beziehungserfahrungen und Einflussfaktoren wie mütterliche Wärme wirtschaftlich und sozial ungünstige Rahmenbedingungen wettmachen können.

Niedrige SÖS ausgleichen

Ähnliche Beobachtungen, dass individuelle psychologische Bewältigungsstrategien den negativen Einfluss eines niedrigen SÖS ausgleichen können, wurden auch bei Erwachsenen gemacht. Zugrunde liegt das Modell, dass resiliente Kinder aus Familien mit niedrigem SÖS sich besser an Stressoren anpassen, statt damit konfrontativ umzugehen. Hierdurch erfahren sie weniger negative psychologische Rückmeldungen, wodurch wiederum ihre Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und das sympathische Nervensystem weniger aktiviert werden.

Resilienzfördernde Faktoren

Auf die Dauer bewirkt diese verminderte Stresshormonexposition weniger pathogenetische Prozesse wie Entzündungen, wodurch letztlich das Risiko für chronische Krankheiten abnimmt bzw. schon vorhandene Erkrankungen günstiger verlaufen.

Auch wenn die vorliegende Studie nur einen auf sechs Monate begrenzten Zeitraum erfasst, so zeigt sie doch mit ihrem longitudinalen Design eindrucksvoll das Potenzial, Kindern trotz schwieriger Rahmenbedingungen eine Symptomkontrolle ihres Asthmas zu erleichtern. Es werden differenzierte psychologische Faktoren dargestellt, die resilienzfördernd wirken.

Gesellschaftliche Ansätze zur Gesundheitsförderung können so bei Kindern mit niedrigem SÖS vorhandene Kompetenzen stärken, und Kindern mit fehlender Resilienz helfen, diese zu entwickeln. Erfreulich ist auch der multidimensionale Evaluierungsansatz mit labormedizinischen und klinischen Parametern, wie auch dem sozialmedizinisch neuen Ansatz, nicht nur die negativen Aspekte eines Umfelds mit niedrigem SÖS zu untersuchen, sondern auch stärkende Faktoren zu betrachten und für Interventionsmaßnahmen vorzuschlagen.

Dipl.-Psych. Miriam Crössmann besitzt eine Psychologische Praxis in Pfungstadt, Deutschland.

Originalpublikation: Chen E, Strunk RC, Trethewey A et al (2011) „Resilience in low socioeconomic status children with asthma: adaptations to stress.“ J Allergy Clin Immunol 128(5):970–976

Miriam Crössmann
, Ärzte Woche 36/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben