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© Paul Glover / fotolia.com
Dass eine Schlafapnoe mit einer erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität einhergeht, ist mittlerweile gut dokumentiert. Nun gibt es Hinweise, dass eine Schlafapnoe auch einen Risikofaktor für Krebs darstellen könnte.
 
Pulmologie 30. September 2016

Kann eine Schlafapnoe Krebs auslösen?

Onkologie. Wird eine Schlafapnoe bald sogar Onkologen beschäftigen? Epidemiologische und experimentelle Studien legen einen Zusammenhang mit Krebserkrankungen nahe.

Dass eine obstruktive Schlafapnoe (OSA) mit einer erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität einhergeht, ist mittlerweile gut dokumentiert. Seit einigen Jahren wird aber auch diskutiert, ob ein Teil der Exzessmortalität von OSA-Patienten auf eine höhere Krebsrate zurückzuführen ist.

Laut einem Symposium beim diesjährigen ERS-Kongress gibt es inzwischen zahlreiche Hinweise, dass eine Schlafapnoe einen Risikofaktor für Krebs darstellen könnte.

Die ersten epidemiologischen Studien dazu sind vor vier Jahren veröffentlicht worden: eine Analyse der Wisconsin Series Population Study mit gut 1.500 Teilnehmern und eine spanische Kohortenstudie mit rund 5.600 Teilnehmern. „Beide Studien haben im Wesentlichen das Gleiche gezeigt: Bei schwerer obstruktiver Schlafapnoe waren Krebsinzidenz und -mortalität erhöht“, berichtete Miguel A. Martinez-Garcia von der Universität Valencia.

OSA lässt Melanome wachsen

Auch in weiteren Studien wurde Martinez-Garcia zufolge mehrheitlich ein Zusammenhang zwischen OSA und dem Auftreten sowie der Aggressivität und Mortalität von Krebs insgesamt beobachtet. Dies gelte aber wahrscheinlich nicht für jeden Krebstyp.

In einer großen retrospektiven Studie seien bei OSA-Patienten zwar mehr Melanome sowie Pankreas- und Nierenkarzinome gefunden worden, Brust- und Darmkrebs traten jedoch seltener auf als bei vergleichbaren Kontrollen ohne OSA.

Speziell für Melanome wird eine Verbindung mit schlafbezogenen Atemstörungen durch weitere Untersuchungen gestützt: So wurde zum Beispiel bei Patienten mit schnell wachsenden Melanomen ein höherer Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) festgestellt als bei Patienten mit langsamer wachsenden.

In einer anderen Melanomstudie ging ein AHI über 15 pro Stunde mit einem doppelt so hohen Risiko für einen höheren Breslow-Index (Tumordicke) einher.

Auch eine Sauerstoffentsättigung von mehr als vier Prozent war mit Markern der Tumoraggressivität assoziiert. In beiden Fällen ließ sich eine Dosis-Wirkungs-Beziehung erkennen. Die Korrelation war allerdings auf jüngere Menschen beschränkt.

Untermauert werden die Daten durch tierexperimentelle Studien, die Roman Farré Ventura von der Universität in Barcelona vorstellte. Intermittierende Hypoxie ebenso wie Schlaffragmentierung führten im Mausmodell dazu, dass subkutan induzierte Lungentumoren und Melanome sich schneller vergrößerten, häufiger invasiv wuchsen und öfter metastasierten. Auch konnte durch eine schwere Hypoxie die spontane Tumorgenese gefördert werden. Dabei wurden mehrere potenzielle Mechanismen identifiziert, wie Veränderungen des Immunsystems, speziell der tumorassoziierten Makrophagen, Rekrutierung und Polarisierung von Makrophagen im Fettgewebe und eine Beteiligung des adrenergen Nervensystems.

Auf Zellebene führt eine Hypoxie zur Aktivierung von zahlreichen Transkriptionsfaktoren wie HIF-1, die letztlich über Angiogenese, Vasodilatation und erhöhte Blutoxygenierung das Sauerstoffangebot erhöhen.

Diese an sich sinnvolle Anpassung stellt laut Dr. Silke Ryan von der Universität in Dublin im Fall einer Krebserkrankung eine Maladaptation dar, weil das Tumorwachstum dadurch gefördert wird.

„Eine Hypoxie ist ein schlechter prognostischer Indikator für Krebserkrankungen“, betonte die Forscherin. Auch bei einer intermittierenden Hypoxie würden Transkriptionsfaktoren wie HIF-1 und NF-kB aktiviert.

Mängel bei Untersuchungen

Einig waren sich alle Experten darin, dass die vorhandene Evidenz weiterhin unzureichend ist. Die Untersuchungen, die eine Assoziation zwischen Schlafapnoe und Krebs nahelegen, haben erhebliche Mängel.

Dazu gehören laut Patrick Lévy von der Universität Grenoble unter anderem das retrospektive Design, die kleinen Patientenzahlen und die Verwendung von indirekten Markern für die Hypoxie. Ein weiteres Manko ist die fehlende Berücksichtigung des BMI.

Damit lässt sich nicht ausschließen, dass die beobachtete Zunahme von Krebserkrankungen durch die Adipositas vieler OSA-Patienten verursacht ist. Die Pneumologen fordern daher größere prospektive klinische Studien sowie genauere Analysen zu verschiedenen Krebsarten. Geprüft werden sollte außerdem, ob eine OSA-Behandlung auch das Krebsrisiko günstig beeinflussen kann.

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