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© Oliver Berg / dpa / Inw
In drei bis sechs Monaten sollen die Patienten das eigenständige Atmen lernen.
 
Pulmologie 7. September 2016

Leben ohne künstliche Lunge

„Lebensluft“. Ein neues Konzept am Helios Klinikum Krefeld soll langzeitbeatmeten Patienten die Chance auf ein Leben ohne künstliche Beatmung geben. Damit füllt das Projekt eine Lücke in der ambulanten Versorgung.

ÄZ. Mit einem neuen Konzept wollen das Helios Klinikum Krefeld und die „AOK Rheinland/ Hamburg – Die Gesundheitskasse“ mehr langzeitbeatmeten Patienten als bisher die Chance auf ein Leben ohne einer künstlichen Beatmung geben. In dem Modellprojekt „Lebensluft“ erhalten invasiv beatmete und tracheotomierte Patienten in einer speziell eingerichteten Station eine gezielte ärztliche, pflegerische und therapeutische Versorgung.

Zwar gelinge es heute, in Kliniken mit speziellen Entwöhnungseinheiten, den sogenannten Weaning-Units, rund 50 Prozent der betroffenen Patienten unabhängig von den Beatmungsgeräten zu machen, sagt Dr. Manuel Streuter, Chefarzt der Pneumologie am Krefelder Helios Klinikum. Er hat das Konzept „Lebensluft“ entwickelt. „Bei einer Reihe von Patienten gelingt dieser Entwöhnungsprozess aber nur zum Teil.“ Sie blieben zumindest teilweise auf die künstliche Beatmung angewiesen.

Lücke muss gefüllt werden

„Bei diesen Patienten haben wir häufig ein schlechtes Gefühl, sie in Beatmungs-WGs oder andere ambulante Strukturen zu entlassen“, berichtet Streuter. In der ambulanten Versorgung sei die intensive Betreuung nicht vorgesehen, die sie nach wie vor benötigen. Gleichzeitig sei es nicht möglich, die Patienten weiter stationär zu versorgen, sagt er. „In diese Lücke stößt unser Konzept.“

Die Klinik hat eine neue wohnlich gestaltete Wohneinheit für maximal zehn Patienten eingerichtet, die in Einzelzimmern untergebracht sind. Sie werden rund um die Uhr pflegerisch versorgt. „Das Verhältnis Pflegende zu Patienten kommt fast dem auf der Intensivstation gleich“, sagt Streuter. Gleichzeitig erhalten die Erkrankten regelmäßig Atem-, Ergo-, Logo- und Physiotherapie durch Therapeuten, die im Umgang mit Beatmungspatienten geschult sind.

Eine vergleichbare Betreuung gebe es ambulant nicht. Das gelte auch für den ärztlichen Bereich, sagt Streuter. „Niedergelassene Haus- und Fachärzte sagen häufig, dass sie Schwierigkeiten mit der Betreuung von Beatmungspatienten haben.“

Chance auf eigenständiges Leben

Die ersten drei Patienten werden in der Krefelder Klinik bereits nach dem neuen Konzept versorgt. Der Pneumologe schätzt, dass rund 30 Prozent der Beatmungs-Patienten dafür infrage kommen. Die Erkrankten sollen drei bis sechs Monate auf der Station bleiben, um das eigenständige Atmen zu lernen. Das Modellvorhaben nach Paragraf 63 des deutschen Sozialgesetzbuchs V läuft über acht Jahre und wird wissenschaftlich begleitet.

„Wenn wir früher erkennen, dass das Konzept funktioniert, haben wir nichts dagegen, es auszurollen“, betont Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/ Hamburg. Der enorme Gewinn an Lebensqualität, den die erfolgreiche Entwöhnung für die Patienten bedeute, sei die entscheidende Motivation für die Beteiligung der Kasse gewesen. „Die Menschen erhalten eine Chance, wieder eigenständig leben zu können“, sagt er.

Die AOK Rheinland/ Hamburg zahlt für die Versorgung der Patienten besondere Tagessätze. „Wir gehen davon aus, dass wir für die Behandlung sicherlich einen siebenstelligen Betrag ausgeben werden“, sagt Mohrmann.

Bis zu 350 Versicherte betroffen

Die AOK Rheinland/ Hamburg hat 300 bis 350 Versicherte, die dauerhaft beatmet werden – häufig, nachdem eine schwere Grunderkrankung erfolgreich behandelt wurde. „Wenn man in der Intensivmedizin so große Fortschritte erreicht, muss man sich auch um die weitere Versorgung kümmern“, betont er. „Diese Patienten standen bisher ein bisschen im Schatten des medizinischen Fortschritts.“

Das Angebot steht auch Versicherten anderer deutschen Krankenkassen offen, wenn die behandelnden Ärzte sie für geeignet halten. „Die Kassen müssen sich damit einverstanden erklären.“ Für das Konzept kommen nur bestimmte Kliniken mit strukturellen Voraussetzungen infrage, sagt Mohrmann. Im Rheinland seien das vielleicht fünf. „Es handelt sich um einen Ansatz der Maximalversorgung.“


Ilse Schlingensiepen

, Ärzte Woche 36/2016

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