zur Navigation zum Inhalt
Dr. Petra Sandow, niedergelassene Allgemeinmedizinerin in Berlin

Dr. Thomas Voshaar, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Medizinischen Klinik III, Krankenhaus Bethanien, Moers in Deutschland

© drubig-photo / fotolia.com

Dr. Thomas Hering, niedergelassener Pneumologe in Berlin

© (4) A. Kretzschmar

Dr. Claudia Münks-Lederer, Ruhr-Universität Bochum

 
Pulmologie 6. Juni 2016

Mehr Luft zum Leben

COPD-Management: Eine effektive Therapie kann nur erreicht werden, wenn das Inhaler-System einfach bedient werden kann und die Patienten eine Rückmeldung über eine erfolgreiche Inhalation erhalten.

Bei der inhalativen Therapie der COPD kommt es heute darauf an, neben der Lungenfunktion auch den Funktionsstatus sowie die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und Exazerbationen zu verhindern. Dies ist angesichts der zahlreichen therapeutischen Fallstricke in der klinischen Praxis keine Selbstverständlichkeit. Ansatzpunkte für ein erfolgreiches COPD-Management wurden am diesjährigen Deutschen Pneumologenkongress 2016 diskutiert.

Arzt und Patient können heute unter einer Vielzahl von Inhaler-Systemen auswählen, deren Effizienz in klinischen Studien gut belegt ist. Diese Studienwelt kontrastiert stark mit der täglichen Praxis, kritisierte Dr. Thomas Voshaar, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Medizinischen Klinik III am Krankenhaus Bethanien in Moers, Deutschland. In Studien wird jeder Teilnehmer aufmerksam betreut und im Gebrauch der Inhaler-Systeme ausführlich unterwiesen, trainiert und kontrolliert. Darüber hinaus werden bei vielen Auswertungen Patienten mit Fehlbedienungen ausgeschlossen.

Nicht erkannte Anwendungsfehler bei der Inhalation schlagen sich in einem Real Life Setting daher sehr viel stärker nieder als in klinischen Studien. Voshaar: „Unser Problem ist nicht, ob sich ein System in einer Studie als erfolgreich erweist. Unser Problem ist, das wir dies nicht im Alltag umsetzen können.“ Fehlbedienungen entstehen nicht zuletzt, weil unzureichend geschulte Patienten trotzdem intuitiv und fantasiereich versuchen, den Inhaler „richtig“ zu benutzen. Als Konsequenz sollte ein Inhaler-System so gestaltet sein, dass es einfach und intuitiv korrekt bedient werden kann und eine Rückmeldung über eine erfolgreiche Inhalation gibt, so Voshaar. Die Auswirkungen eines einzigen kritischen Anwendungsfehlers haben gravierende Folgen für die Symptomkontrolle und die Nutzung von Ressourcen im Gesundheitswesen. In einer Studie bei 1.664 Erwachsenen mit COPD und Asthma war eine Fehlbedienung mit einem signifikant höheren relativen Risiko eines Besuchs in der Notaufnahme oder stationären Einweisung sowie der Gabe von Antibiotika und oralen Kortikosteroiden assoziiert (jeweils p < 0,001)1.

Inhalationsmanagement im Alltag

Neben der korrekten Bedienung des Inhalers hängt die Wirkstoffdeposition auch von der Interak- tion zwischen der Partikelgröße und dem Atemfluss ab. In der Praxis ist für eine optimale Wirkstoffdeposition eine geringe Partikelgröße (< 5 µm) und ein langsamer, kontinuierlicher Atemfluss notwendig2. Als Beispiel für eine gelungene Umsetzung dieser Prinzipien in die klinische Anwendung verwies Voshaar auf die LABA/LAMA-Fixdosiskombination Aclidiniumbromid/Formoterolfumarat-Dihydrat (Brimica®) mit dem atemzuggesteuerten Mehrfachdosis-Trockenpulverinhalator Genuair®(siehe Video über Augmented Reality). Dort wird der Wirkstoff in lungengängige Partikel verwirbelt. Zugleich wird auch bei schwerer COPD von den meisten Patienten ein ausreichender inspiratorischer Fluss erreicht – genug für eine effektive Inhalation (siehe Abb. 1, Seite 19) 3.

Wird der notwendige Atemfluss erreicht, bestätigt dies der Inhaler mit einem akustischen und optischen Signal. Der Patient erhält eine Rückmeldung für die korrekte Anwendung. Bei Bedarf kann man die Inhalation auch zuerst trainieren, so Voshaar. „Wer bei diesem Gerät den Inspirationsfluss nicht erreicht, so dass er eine Rückmeldung bekommt, wird dies mit keinem anderen Trockenpulversystem erreichen.“ Ein gutes Inhalations-Management spürt der Patient sofort. Britische Pneumologen konnten hierzu kürzlich zeigen, dass sich eine hohe Patientenzufriedenheit auch positiv auf die Therapie-Adhärenz auswirkt (p < 0,001). Dadurch sinkt auch die Zahl der Exazerbationen signifikant (p < 0,001)4.

Auf Exazerbationen schnell reagieren

Exazerbationen einer COPD gehören zu den häufigsten respiratorischen Problemen in der Hausarztpraxis. Sie machen in Deutschland rund 10 Prozent der Spitalseinweisungen aus. Die Mortalität drei Jahre nach stationärer COPD-Exazerbation beträgt rund 50 Prozent. Hier ist eine gute Kooperation zwischen Haus- und Facharzt wichtig. Kaum ein Patient kann aber mit dem Begriff „Exazerbation“ etwas anfangen und kennt oft nicht die klinischen Alarmzeichen5. Mit dem Begriff „akute Verschlechterung“ gelingt eine schnelle Mobilisierung dieser Patienten besser, meinte Dr. Petra Sandow, niedergelassene Allgemeinmedizinerin in Berlin.

Sandow wies auf die schwierige differenzialdiagnostische Abgrenzung einer COPD-Exazerbation, beispielsweise von einer Pneumonie, hin. Hier sind viele Hausärzte überfordert. Für Dr. Thomas Hering, niedergelassener Pneumologe in Berlin, ist es wichtig, dass Haus- und Facharzt an einem Strang ziehen, wenn es um Präventionsmaßnahmen geht. Dazu gehört neben Nikotinkarenz, pneumologischer Schulung und Rehabilitation/ Sport insbesondere der Einsatz langwirksamer Bronchodilatatoren und inhalativer Kortikosteroide nach Ausschöpfen der bronchodilatatorischen Therapieoptionen. Darüber hinaus sollte darauf geachtet werden, dass auch ältere COPD-Patienten notwendige Impfungen wie gegen Influenza und Pneumokokken erhalten.

COPD und Komorbidität

Laut Dr. Claudia Münks-Lederer, Ruhr-Universität Bochum, sind Komorbiditäten bei einer COPD häufig und mit einer erhöhten Hospitalisierungsrate und Mortalität assoziiert. Auffallend ist die hohe Prävalenz von Komorbiditäten, durch die erhöhte systemische Entzündungsaktivität mit der COPD verlinkt sind: kardiologische Erkrankungen, vor allem Linksherzinsuffizienz und Arrhythmien, Osteoporose, Kachexie, Muskelschwäche und Depression. In diesen Fällen begünstigt auch die COPD die Ausschüttung proinflammatorischer Interleukine wie TNF-alpha oder Interleukin und ist daher als Teil einer Systemerkrankung anzusehen, so Münks-Lederer6.

Psychische Erkrankungen wie Angst und Depressivität findet man bevorzugt bei jüngeren Patienten oder solchen mit geringen Coping-Fähigkeiten, Frauen, sozialer Isolation und Inaktivität. Für Münks-Lederer ist die physische Inaktivität ein wichtiger Ansatz zur Prognoseverbesserung. Denn die physische Aktivität ist ein besserer Prädiktor der Krankheitsprogression (GOLD-Stadium) als die klinische Symptomatik7. Gleiches gilt für die im 6MWD-Test (6-Min Walk Distance) zurückgelegte Wegstrecke im Hinblick auf die Mortalität von COPD-Patienten (siehe Abb. 2) 8. Der biologische Link ist wiederum die systemische Entzündungsaktivität: Je ausgeprägter die Inaktivität, desto höher sind die Entzündungsparameter9.

Referenzen:

1 Melani AS et al. Resp Med 2011; 105: 930–938

2 Laube B et al. J Allergy Clin Immunol. 1992; 89(2): 510–518

3 Newman SP et al. Respiration. 2009; 78(3): 322–328

4 Crystyn H et al. Respir med 2014; 108: 358–365

5 Kessler R et al. Chest. 2006; 130(1): 133–142

6 Barnes PJ PLoS Med. 2010 Mar 16;7(3):e1000220

7 Watz H et al. Eur Respir J. 2009; 33(2): 262–272

8 Pinto-Plata VM Eur Respir J. 2004; 23(1): 28–33

9 Waschki B et al. AM J Respir Crit Care Med 2015; 192(3): 295–306

Quelle: Symposium „Mehr Luft für den Pneumologen – Rund um das COPD-Management“, 4. März 2016, Leipzig

Wirkstoffdeposition

Bewertung des physischen Status

Alexander Kretzschmar, Ärzte Woche 23/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben