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Pulmologie 15. Februar 2016

Todesfaser

Aspirierte Asbestfasern sind die Hauptursache für Mesotheliome.

Aus einem hochgeschätzten Baumaterial wurde Giftmüll, als man die Gefahr für den Menschen erkannte: die Entstehung eines Mesothelioms. Asbest steht jedoch im Schatten anderer Tumoren. Als eine der wenigen Wissenschaftler weltweit betreibt die Wienerin Dr. Karin Schelch Grundlagenforschung zum Mesotheliom.

Asbest wurde zwischen 1960 und 1990 hierzulande in Häusern verbaut, da es ein günstiges Baumarterial mit guten physikalischen Eigenschaften ist. Diese faserförmigen kristallisierten Silikat-Minerale haben jedoch eine Schattenseite. Beim Einatmen können sich diese kleinen Fasern in der Lunge oder der Pleura festsetzen und dort über einen langen Zeitraum Schaden anrichten, der zum Tod führen kann.

Das Mesotheliom zählt mit einer Latenzzeit von mindestens 20 Jahren zu einer häufigen Folge von einer Exposition. Laut der Austrian Meso-thelioma Interest Group hat die Inzidenz in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Durch die lange Latenzzeit wird eine weitere Zunahme bis zum Jahr 2020 vorausgesagt. Derzeit erkranken rund 40 Österreicher im Jahr daran. Aufgrund von unsachgemäßen Sanierungsmaßnahmen oder Hausabrissen kommen Menschen in Kontakt mit diesem Material.

„Das Mesotheliom ist sehr stark mit Asbest assoziiert. Es gibt auch noch den Simian Virus 40, aber der hat nur einen kleinen Effekt. Und man weiß von einer genetischen Disposition, eine Mutation des Bap-1-Gens, aber hauptsächlich ist es Asbest, der zum Mesotheliom führt.“ Das sagt Dr. Karin Schelch. Laut Schelch gibt es beispielsweise in der Türkei einen Ort in den Bergen, der natürliche Vorkommen an Asbest aufweist. Die Bewohner sind chronisch exponiert. Jeder Zweite oder Dritte, der dort lebt, entwickelt ein Mesotheliom.

Der Weg zum Mesotheliom

Schelch erläutert den Weg zum Mesotheliom: Die eingeatmeten Fasern gelangen in die Lunge und wandern dann weiter bis zur Pleura. Dabei hängt die Gefährlichkeit der Asbestfasern stark von deren Länge ab – je länger, desto gefährlicher. Das Immunsystem versucht dann unentwegt die Faser zu entfernen; Makrophagen versuchen sie zu fressen, aber das gelingt ihnen nicht. Die Fasern sind zu lang und hart. Es ist noch nicht 100-prozentig klar, warum genau es nicht funktioniert.

Die Asbestfasern können die Mesothelzellen anstechen und sie stressen. Diese werden nekrotisch. Es gibt Arbeiten, die zeigen, dass die Fasern sogar die Chromosomen anstechen und Schaden anrichten können. Die daraus resultierende chronische Entzündung führt durch das permanente Ausschütten von Zytokinen und die Erneuerung der Kollateralschäden zu einem Dauerstress der Zellen der Pleura, was im Endeffekt den Krebs auslöst – das ist der aktuelle Wissensstand.

„Dadurch entstehen ein paar charakteristische Mutationen, aber nicht so wie beispielsweise beim Brustkrebs. Das BAP 1-Gen wäre eines der Gene, die von Mutationen betroffen sind, nur gibt es keinen Punkt, der überall typisch verändert wäre; die Tumoren sind sehr heterogen“, sagt die Expertin. Es gibt drei verschiedene histologische Typen, die unterschiedliche Diagnosen haben und bei einem Tumor ineinander übergehen können. Durch diesen Umstand sei ein Mesotheliom schwer zu diagnostizieren und die Therapien funktioniert nicht gut.

„Ein Mesotheliom haftet quasi auf der Lunge. Das Problem ist, dass sich der Pleuraspalt verklebt und dann können die Patienten nicht mehr richtig atmen“, sagt Schelch. Meist liegt ein Hemithorax vor, bei dem die eine Brust zusammen fällt „und das tut extrem weh. Die Betroffenen sind lange symptomfrei und gehen dann mit einem Husten und moderaten Brustschmerzen zum Hausarzt. Wenn es einmal soweit ist, dann geht es schnell.“

Aktuelle Therapien

Standardmäßig bekommen Betroffene eine Cisplatin / Pemetrexed-Kombination. Bei Patienten mit einem guten Allgemeinzustand kann auch eine multimodale Behandlung durchgeführt werden. Die Betroffenen bekommen zuerst eine Chemotherapie, gefolgt von einer Lungenoperation. Dabei wird die Lunge herausgenommen, die Pleura herausgeschält und gereinigt. Da es sehr diffus ist und überall klebt, lässt sich das Mesotheliom nicht herausschneiden. Anschließend folgt eine Strahlentherapie. Wenn alles gut geht, verlängert diese Vorgehensweise das Leben der Patienten um zwei bis vier Jahre. Normalerweise hat man nach der Diagnose im Schnitt noch vier bis zwölf Monate zu leben. Die Therapie ist also nicht kurativ angesetzt, sondern rein palliativ. Aufgrund des Zustands der Patienten wird aber meistens nur mehr eine Schmerztherapie durchgeführt und es wird gar nicht versucht, die Tumormasse zu entfernen.

Weltweit ein Problem

Asbest ist auch in anderen Ländern ein Thema. Abgesehen von Europa, wo derzeit der Inzidenz-Peak erreicht ist, gibt es Länder, die erst viel später Asbest verbaut haben. Daher wird etwa Japan erst später mit der Problematik konfrontiert sein. Länder, die viel Schiffsbau betrieben haben, wie etwa England, Australien, Holland – oder auch Südafrika mit seinen Minen – haben ein erhebliches Problem mit den Folgen von Asbestexposition. In manchen Ländern wird es immer noch verwendet, beispielsweise in Indien.

„In Australien ist Asbest derzeit ein Riesen-Thema, weil es in jedem dritten Haus verbaut wurde und jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo die Australier ihre Häuser renovieren. Eine fachgerechte und sichere Demontage und Entsorgung ist sehr teuer. In manchen Gebieten fördert der Staat solche sauberen Umbauten“, sagt Schelch. Abgesehen vom Hausbau wurden in Australien auch beim Schiffsbau große Mengen verwendet (siehe 3x3 unten).

Schelch kritisiert, das, im Vergleich zu Australien, hierzulande die Aufmerksamkeit für dieses brisante Forschungsfeld fehlt. So werden in Australien Kampagnen organisiert, wie im vergangenen November den „asbestos awareness month“. Schelch, beeindruckt: „Als ich vor zwei Jahren dort eingeladen war, da fand gerade so ein Event statt. Die Oper in Sydney wurde blau angeleuchtet, nach dieser Asbestfarbe, weil der blaue Asbest der gefährlichste ist – eigentlich ist es nicht blau, es heißt aber dennoch so“. Bei der Veranstaltung hätten Politiker und Wissenschaftler über Dämmplatten und Schiffsbau gesprochen. Das mache auf die Thematik aufmerksam, damit niemand z. B. ein Loch in eine Wand mit Asbestdämmung bohrt.

Zur Person

Dr. Karin Schelch

Karin Schelch, 28, ist Molekularbiologin und war bis vor Kurzem am Institut für Krebsforschung der MedUni Wien tätig.

Im Vorjahr wurde sie beim PhD-Symposium der Young Scientist Association (YSA) mit dem „YSA Publication Award“ für ihre Publikation „Spatio-temporally pre-cise activation of engineered receptor-tyrosine kinases by light“ ausgezeichnet.

Gefährliche Abfälle

Im Zeitraum 1999 bis 2006 stieg das Abfallaufkommen signifikant an: Fielen kurz vor der Jahrtausendwende 250 t Asbestabfälle und 3.000 t Asbestzement in den Deponien an, waren es sieben Jahre später 970 t bzw. 37.500 t. Wenn erhöhte Faserkonzentrationen in der Atemluft über einen längeren Zeitraum vorhanden sind, kann Asbest eine Staublunge, Brustkrebs oder Bauch- und Rippenfellkrebs verursachen.

Philip Klepeisz, Ärzte Woche 7/2016

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