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ÖGP-Präsident Prof. Dr. Michael Studnicka bekräftigt: „Rauchende Opas beeinflussen die Gesundheit ihrer Enkel.“


ÖGP-Past-Präsidentin Dr. Sylvia Hartl



Dr. Angela Zacharasiewicz




Dr. Maximilian Hochmair

 

 

 

 
Pulmologie 2. November 2015

4 VIDEOS heimischer Pulmologen zur Jahrestagung der Gesellschaft für Pneumologie

Von abgebrühten Ungeborenen und monoklonalen Hoffnungsträgern.

Im Vorfeld zur Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie in Graz erörterten führende Experten die Leitthemen des Kongresses, sprachen über die richtige Belüftung bei COPD sowie über giftige Brühen, in denen so mancher Ungeborene ein asthmafreies Leben verspielt. Ärger bereitet den Lungenfachärzten die Inhomogenität bei der Verabreichung von Blutgasanalysen, während ein monoklonaler Antikörper Hoffnung beim Kampf gegen das Bronchuskarzinom versprüht.

ÖGP-Präsident Prof. Dr. Michael Studnicka bekräftigt: „Rauchende Opas beeinflussen die Gesundheit ihrer Enkel.“

ÖGP-Past-Präsidentin Dr. Sylvia Hartl bekrittelt uneinheitliche Behandlungsstrategien bei COPD.


Dr. Angela Zacharasiewicz appelliert an Schwangere, unverzüglich mit dem Rauchen aufzuhören.


Dr. Maximilian Hochmair bezeichnet die Erfolge der Immunonkologie als "bahnbrechend". 

Wir befinden uns im Jahre 2015 n. Chr. Ganz Europa ist von Lungenfachärzten besetzt ... Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Rauchern bevölkertes Land hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Pneumologen, die als Besatzung in den befestigten Krankenhäusern liegen ...

So wie bei den Galliern Asterix und Obelix könnte man meinen, in heimischen Zigaretten befinde sich ein Zaubertrank, der jedoch keine Herkuleskräfte verleiht, sondern resistent gegen die Argumente von Pulmologen macht. Es ist schon bemerkenswert, in anderen Ländern sind die Antirauchgesetze nicht nur scharf, sie werden auch gnadenlos umgesetzt. So darf etwa in Italien neuerdings selbst im eigenen Auto nicht geraucht werden, wenn Kinder oder Schwangere mitfahren. Auch im Freien vor Krankenhäusern wird das Rauchen noch in diesem Jahr verboten sein. Ein striktes Rauchverbot in allen öffentlichen Räumen, Restaurants und Büros ist bereits seit zehn Jahren in Kraft. Österreich ist, was die Umsetzung der europäischen Antirauchergesetze betrifft hingegen weit abgeschlagen. Aber das ist eine anhaltende Inspiration für die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) ihren Kampf gegen das Nikotin fortzuführen. Folgerichtig hörten Journalisten in der ÖGP-Pressekonferenz am 13. Oktober in Wien erneut gute Argumente, die jedem Raucher den Glimmstengel aus der Hand springen lassen sollte. Und doch gibt es weiterhin Frauen, die selbst während der Schwangerschaft das Rauchen nicht sein lassen wollen und ihr „Kind in einer giftigen Brühe austragen“. So drastisch formuliert es zumindest Frau Dr. Angela Zacharasiewicz, Leitende Oberärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Wilhelminenspital, Wien. Und: „Nikotin ist ein starkes Gift, das Hirn- und Lungenentwicklung des Ungeborenen stört und, was leider nur wenige wissen, sich im Fruchtwasser ansammelt.“

Craving stärker

Dabei ist das Rauchen in der Schwangerschaft der wichtigste veränderbare Risikofaktor für schwangerschaftsassoziierte Krankheiten und Todesfälle; neu erhobene Daten unterstreichen das eindrucksvoll. Natürlich ahnt ein überwältigender Teil der Frauen die Risiken für ihr Kind, jedoch sei es besonders schwer, das Laster in der Schwangerschaft aufzugeben. Schließlich erfolgt der Abbau von Nikotin bei Schwangeren rascher, sodass der Körper nach mehr Nikotin verlangt als bei nichtschwangeren Raucherinnen. Das Craving ist somit stärker, ebenso wie die Entzugserscheinungen. Länder, die strengere Gesetze zum Schutz der Bevölkerung gegen Passivrauch eingeführten, konnten innerhalb eines einzigen Jahres die Frühgeburtenrate um satte zehn Prozent senken.

Der Anteil an Geburtskomplikationen und Frühgeburten ist bei rauchenden Müttern deutlich erhöht. Die Frühchen haben häufig zeitlebens mit Komplikationen im Respirationstrakt zu kämpfen, sind beispielsweise anfälliger für Atemwegsinfektionen. Zacharasiewicz: „Das Abwehrsystem ist bei Nachwuchs, deren Mütter in der Schwangerschaft rauchten, beeinträchtigt und geschwächt, ein Effekt mit schwerwiegenden Folgen auch für das Asthma. Schwere Asthmaanfälle sind bei diesen Kindern häufiger und verlaufen auch drastischer als bei Kindern, die an Asthma leiden und deren Mütter während der Schwangerschaft nicht rauchten.“

Wenn die Opas ihre Ururenkel schädigen

Aber nicht nur die schwangeren Frauen sind gefordert, für das gesamte soziale Umfeld sollte der Griff zur Zigarette ein Tabu sein. So könnte beispielsweise der rauchende Opa für epigenetische Veränderungen sorgen, die seine Nachkommen über Generationen hinweg verfolgen. Diese Hypothese bestätigte sich zumindest im Tierversuch mit Ratten.

Zacharasiewicz bedauert, dass es in Österreich bei der Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere verabsäumt werde, Cotinin im Urin zu messen. Mithilfe dieses kostengünstigen Tests könnte man die rauchenden Mütter identifizieren und im Gespräch die drastischen Folgen für ihre Kinder erörtern. „Eine vergleichsmäßig geringe Ausgabe für viel erspartes Leid und spätere hohe Kosten im Gesundheitsbereich.“

Nichtinvasive Lungenbelüftung

Eine der wichtigsten und häufigsten Folgeerkrankungen nach exzessivem Rauchen ist die COPD, die aufgrund des zerstörten Lungenparenchyms in eine CO2-Vergiftung mündet. Das CO2 kann in höheren Dosen das Atemzentrum beeinflussen und in schweren Fällen zum Tod führen. Aber auch in geringer Konzentration kann es Kopfschmerzen sowie Benommenheit auslösen und den Betroffenen die Konzentration und Energie rauben. „Daher sind auch schleichende chronische CO2-Erhöhungen relevant“, sagt ÖGP-Past-Präsidentin Dr. Sylvia Hartl, Leiterin der 2. Internen Lungenabteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital, Wien. Allerdings können CO2-Messungen nicht einfach im Blutlabor ums Eck gemacht werden, da sie spezielle Geräte voraussetzen. Überall dort, wo COPD-Patienten betreut werden, sollte jedoch die Möglichkeit zur Blutgasanalyse vorhanden sein, sagt Hartl, „denn die problematische Blutsättigung bei der COPD kann im Gefolge einer Entzündung mit vermehrter Schleimbildung und verengten Atemwegen plötzlich eskalieren“. In solchen Fällen muss rasch eine nichtinvasive Beatmung (NIV=non invasive ventilation) eingeleitet werden, die durch das aktive Vertiefen der Einatmung zu einer verbesserten Lungendurchlüftung führt. Wichtig sei, dass eine Intubation bei nichtbewusstlosen Patienten kontraindiziert ist. Patienten, die NIV erhalten, können früher von der Intensivstation entlassen werden. Mit einer einmaligen NIV ist es aber nicht getan, meint Hartl, denn bei einer chronischen CO2-Erhöhung bleibt das Risiko, wieder ins Spital zu müssen, erhöht. Hart verweist auf eine Studie mit heimischer Beteiligung, die zeigte, wie die Sterberate durch den Einsatz von künstlicher Beatmung bei chronischer CO2-Erhöhung deutlich reduziert werden konnte (Köhnlein et al.; Non-invasive positive pressure ventilation for the treatment of severe stable chronic obstructive pulmonary disease: a prospective, multicentre, randomised, controlled clinical trial. Lancet Respir Med 2014). Daneben verbesserte sich auch die Lebensqualität.

Leider, bedauert Hartl, bekämen viel zu wenig Patienten mit einer auffälligen Blutgasanalyse eine nichtinvasive Beatmung, obwohl diese kosteneffizient sei und mit wenig Aufwand von den betroffenen Menschen erlernt werden könne. NIV wird in Spezialstationen angepasst, die außerdem Heimrespiratoren für den Betrieb außerhalb der Klinik verordnen dürfen.

Kosten sind keine Ausrede

„Wir müssen in Österreich in dieser Hinsicht auch einheitliche Behandlungsstrategien bei COPD verfolgen und uns endlich an wissenschaftlich ermittelte Standards halten“, sagt Hartl. So führt ein Fünftel der Krankenanstalten bei der Aufnahme von COPD-Patienten keine Blutgas-Messung durch, weshalb eine CO2-Entgleisung gar nicht aktenkundig wird. „Wenn man weiß, dass die COPD ein doppelt so hohes Sterberisiko im Spital aufweist wie ein akuter Herzinfarkt, und nach einer spitalspflichtigen Exazerbation eine etwa dreifach höhere Sterblichkeit auftritt als bei Patienten ohne CO2-Erhöhung, muss diese Chance auf eine Reduktion der Sterblichkeit flächendeckend angeboten werden.“

Auf die Kosten kann man sich jedenfalls nicht ausreden, denn diese sind für eine NIV zu Hause im Vergleich zu einem Intensivaufenthalt „lächerlich gering und rechtfertigen nicht, dass die Therapie geeigneten Patienten vorenthalten wird“.

Hoffnungsträger Immunonkologie

Spannend entwickelt sich die Disziplin der Immunonkologie, gerade in der Pneumologie. Schließlich gilt es einen furchterregenden Gegner zu bekämpfen: Die Mortalitätsrate beim Lungenkrebs, insbesondere beim Bronchuskarzinom (4.100 Neuerkrankungen bei 3.600 Toten pro Jahr in Österreich), liegt höher als bei allen anderen Krebsarten. Diese traurige Bilanz soll sich mithilfe der Immunonkologie bessern. Ihr Prinzip klingt einleuchtend: Um die T-Zellen im Normalfall während einer Immunantwort zu bändigen, hat die Evolution einen „Sicherheitsschalter“ ersonnen, der die Lymphozyten mittels PD-1-Rezeptoren ein- oder ausschalten kann. Den Schutz vor einer überschießenden Immunreaktion nutzen jedoch die Tumorzellen aus, indem sie PD-L1 ausschütten und so die T-Zellen immunologisch träge machen. Biotechnisch hergestellte Arzneimittel können an die Rezeptoren für die Liganden PD-L1 und PD-L2 binden und so die Andockstellen blockieren. Die T-Zellen bleiben aktiv und zerstören die Krebszellen.

Weitere Substanzen in Erprobung

Dieser Mechanismus sei ein echter Lichtblick, meint Dr. Maximilian Hochmair, Leiter der Onkologischen Ambulanz und Tagesklinik am Otto Wagner Spital in Wien: „Die Erfolge der neuen Therapie sind bahnbrechend. Im Hinblick auf Lebensverlängerung, besseres Ansprechen der Behandlung und höhere Lebensqualität, also die Kernpunkte, warum man überhaupt eine Krebstherapie durchführt, ist der immunonkologische Ansatz der Chemotherapie deutlich überlegen.“

Derzeit ist zwar nur ein monoklonaler Antikörper zugelassen, doch weitere Pendants liefern in laufenden Studien bemerkenswerte Daten, zeigt sich der Leiter des Arbeitskreises für Pneumologische Onkologie der ÖGP hoffnungsfroh: „Unser Ziel ist, bei Lungenkrebs den Status einer chronischen Erkrankung zu erreichen.“ Wenn das mal keine mutige Ansage ist.

Rauchen in der Schwangerschaft

• Asthma ist bei Kindern von rauchenden Schwangeren signifikant häufiger, bei Kleinkindern um 85 %, bei 5-18 Jährigen um 23 %.

• Die medikamentöse Behandlung des kindlichen Asthmas zeigt in einem Raucherhaushalt weniger Wirkung.

• Die Lungenfunktion von Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft rauchten, ist schlechter. Dieser Effekt hält bis ins Erwachsenenalter an.

• Rezente englische Daten, die direkt nach Einführung der Smokefree Policies erhoben wurden, zeigen eine sofortige Herabsetzung von nahezu 8 % der Totgeburten-Rate, eine rund 4 %-ige Reduktion von niedrigem Geburtsgewicht und ein fast 8 %-iges Nachlassen der neonatalen Mortalität.

• Die Abbaurate von Nikotin erfolgt bei Schwangeren rascher, daher erhöht sich der Bedarf nach Nikotin. Entzugserscheinungen verstärken sich.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 43/2015

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