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Retro: Der androgyne Sixties-Look, verkörpert von Twiggy, orientierte sich an jenem der 1920er-Jahre.
© Wilke
 
Pulmologie 14. September 2015

Von Aminorex bis Ecstasy

Vor 50 Jahren kam der Appetitzügler auf den Markt. Die Folge: ein Anstieg der pulmonalen Hypertonie.

Je dicker wir werden, desto mehr sehnen wir uns offenbar nach zaundürren Menschen auf dem Laufsteg. Damit Models auf Untergewicht kommen, wurde bereits in den 1960er-Jahren mit Chemie nachgeholfen.

„Mode ist die Geschichte des Einschnürens, Einzwängens, Wegbinden“, schreibt die deutsche Wochenzeitschrift Die Zeit. Und die Spirale dreht sich unbarmherzig weiter. In den sechziger Jahren galt Twiggy als dünn, in den frühen neunziger Jahren Kate Moss. Verglichen mit den zaundürren, fragilen Laufsteggespenstern heutiger Tage sehen diese beiden genannten Mannequins vergleichsweise weiblich aus. Kein Zufall: „Es ist das, was die Gesellschaft sehen will. Je dicker wir werden, desto dünner werden die Models.“ Rund 670.000 Österreicher, neun Prozent der Bevölkerung, leiden nach eigenen Angaben an Übergewicht. 20 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen werden in Österreich als übergewichtig eingeschätzt. Dabei war Adipositas im Kinder- und Jugendalter vor hundert Jahren noch überhaupt kein Thema.

Damit die Models ins Schema passen, müssen sie mit Chemie nachhelfen: Vor 50 Jahren kam Aminorex auf den Markt, ein Appetitzügler – ungemein populär und tödlich.

„In den zwei, drei Jahren nach Markteinführung wurde langsam erkannt, das es einen Zusammenhang gibt zwischen Aminorex und einer relativ schweren Herz-Lungen-Erkrankung, der so genannten pulmonalen Hypertension, bei der es zu einem Druck im kleinen Kreislauf kommt, dem so genannten Lungenhochdruck.“ Das sagt Prof. Dr. Meinhard Kneussl, Vorstand der 2. Medizinische Abteilung mit Pneumologie am Wilhelminenspital Wien, MUW. Aus Anlass des Jubiläums fand im vergangenen Juni in Wien der Kongress „Appetitzügler-Induzierte-Pulmonale-Hypertension, 50 Jahre nach der Aminorex-Tragödie“ statt.

Schlechter Allgemeinzustand

„Der Zusammenhang war schwierig zu erkennen. Schwestern, die diesen Appetitzügler genommen hatten, zeigten Symptome wie Atemnot bei geringer Belastung, Abgeschlagenheit, einen Leistungsknick sowie Müdigkeit. Es wurden junge Frauen beobachtet, die blau angelaufen sind und nach einer gewissen Zeitspanne auch gestorben sind.“

Die Schreckensherrschaft von Aminorex währte drei Jahre, 1969 wurde das Präparat nach einem Treffen von Fachleuten in Wien verboten. Die wissenschaftliche Erforschung stand da erst am Anfang. „Man fand eine Korrelation zwischen dem Verkauf des Medikaments, der Einnahme und dem Auftreten dieser Erkrankung“, sagt Kneussl. „Es hat Patienten gegeben, die haben das Medikament eine Woche lang genommen und es hat Patienten gegeben, die haben es sechs Monate genommen und dann die Symptome gezeigt.“Die pathophysiologische Ursache des Lungenhochdrucks ist bis heute ungeklärt. Mit dem Aminorex-Verbot war nur ein Brandherd gelöscht. Der öffentliche Schlankheitsdruck förderte die Entwicklung neuer Appetitzügler. In den neunziger Jahren kam Redux auf den Markt und „das ganze hat sich wiederholt“, sagt Kneussl. „In Boston ist ein 28-Jähriger, der das Mittel genommen hat, erkrankt, hat einen wahnsinnig hohen Druck gehabt. Er ist binnen zweier Monate verstorben.“ Dieses Mittel, Fenfluramin, ein Wirkstoff aus der Gruppe der Amphetamine, in den USA „Fen“ abgekürzt, beschäftigte die Öffentlichkeit. Das Time Magazine fragte seine Leser 1997: „Who‘s to blame für Redux and Fenfluramine?“ Und bot damals als mögliche Antworten an: die Behörde für Arzneimittelsicherheit, die Pharmafirmen, die Ärzte, die diese Mittel empfehlen, Boulevardmedien oder eine Gesellschaft, die jedes Gramm Körperfett argwöhnisch beäugt.

Und heute? Heute ist Aminorex zwar nicht mehr zugelassen, aber am Schwarzmarkt erhältlich. Neue Stoffe, die Kneussl Sorgen machen, gibt es in rauen Mengen, an vorderster Front Ecstasy. Die Partydroge ist, ähnlich wie Aminorex, ein Amphetaminderivat. „In jüngster Zeit gibt es sehr reines Ecstasy mit sehr heftiger Wirkung. Ecstasy kann bei vielen Menschen zur gleichen Erkrankung führen wie bei einem Appetitzügler.“

Gestrecktes Kokain hat ebenfalls diese spezielle Wirkung: Kokain wird fast nie in „Reinsubstanz“ verkauft. Zu 90 Prozent wird es mit Streckmitteln versetzt, zu 70 Prozent mit Levimasol, ein für den Menschen gesundheitsgefährdendes Wurmmittel für Pferde und andere Paarhufer. Nach der Aufnahme wird Levamisol im Körper zu Aminorex umgewandelt. Das zeigte 2014 eine Studie, an der auch Fachleute vom Zentrum für Physiologie und Pharmakologie der MedUni Wien beteiligt waren. Übemäßig viele betrifft der Befund, der im Journal Neurochemistry International veröffentlicht wurde, freilich nicht, nur ein Prozent der Wiener über 15 Jahren haben zum Beispiel in den vergangenen drei Jahren „gekokst“.

Das Pferde-Wurmmittel war‘s

Das Wurmmittel war ehemals als Appetitzügler („Menocil“) von den Arzneimittelbehörden zugelassen, wurde aber bereits 1968 vom Markt genommen. Es waren Fälle von tödlichem Lungenhochdruck aufgetreten. Wie alle diese Mittel hat es eine amphetaminartige, aufputschende Wirkung. Im Pferde-Rennsport wurde es als Dopingmittel verwendet.

Kneussl und seine Kollegin, die Kardiologin Prof. Dr. Irene Lang beweisen übrigens Sinn für symbolträchtige Veranstaltungsjahre. 2019, 50 Jahre nach Verbot der verhängnisvollen Substanzen, soll in Paris der nächste Aminorex-Kongress über die Bühne gehen.

Übrigens stellte Twiggy nichts vollkommen Neues dar. Ihr androgyner Look in den frühen sechziger Jahren lehnte sich am Frauenideal der 1920er-Jahre an. Das schreibt der Dermatologe Neelam A. Vashi in „Beauty and Body Dysmorphic Disorder– A Clinician’s Guide“ (erscheint Oktober 2015, © Springer Verlag).

Zur Person

Prof. Dr. Meinhard Kneussl

Prof. Dr. Kneussl war federführend an der Organisation des Weltsymposiums „Appetitzügler-Induzierte-Pulmonale-Hypertension“ beteiligt, das in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Irene Lang, Univ.-Klinik für Innere Medizin II, klinische Abteilung für Kardiologie, AKH Wien, und der Université Paris-Sud veranstaltet wurde.

Chronik

Aminorex wurde 1965, also genau vor 50 Jahren, in den deutschsprachigen Ländern Österreich, Schweiz und BRD zugelassen und drei Jahre später, als man den Zusammenhang zwischen dem Medikament und der steigenden Anzahl von Fällen mit Pulmonal-Arterieller Hypertension erkannte, vom Markt genommen. Der durch den Appetitzügler ausgelöste Lungenhochdruck war und ist von der Idiopathischen Pulmonalen Hypertension, früher Primär Pulmonale Hypertension (PPH), morphologisch nicht zu unterscheiden. Dadurch wurde aber erst eigentlich das klinische Problem der Pulmonalen Hypertension bzw. Pulmonal-Arteriellen Hypertension erkannt und die Entwicklung erster diagnostischer und therapeutischer Ansätze angestoßen.

Martin Burger, Ärzte Woche 38/2015

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