zur Navigation zum Inhalt
Der fehlende Zigarettenrauch in einer E-Zigarette ist nur ein scheinbarer Vorteil, denn die Wirkung und Nebenwirkungen sind nach wie vor nicht eindeutig geklärt.
 
Pulmologie 14. November 2014

Im Dunst der E-Zigarette

Enthaltene Lösungsmittel und andere Additive stehen in Verdacht, die Lunge zu schädigen.

Das neue Milliardengeschäft der Tabakindustrie gehört ebenso streng geregelt wie jenes mit herkömmlichen Zigaretten, warnte ein Wiener Experte bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie vor der Verharmlosung der E-Zigarette.

Mehr als drei Milliarden US-Dollar Umsatz macht die Tabakindustrie bereits mit E-Zigaretten. Vermarktet werden sie als „gesündere Alternative“ zu herkömmlichen Zigaretten. Doch der „gesündere Schein“ trügt. „Der Schaden überwiegt den angeblichen Nutzen. Bei E-Zigaretten gehören Werbung, Marketing, Sponsoring, Verkauf und Warnhinweise genauso streng geregelt wie bei Zigaretten“, betonte der Wiener Umwelthygieniker und Anti-Rauch-Aktivist Prof. Dr. Manfred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien, im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft (ÖGP), die im Oktober in Salzburg stattfand.

Bereits seit Jahrzehnten gibt es Bemühungen, den Tabakkonsum insgesamt – vor allem das Zigarettenrauchen – zurückzudrängen. Im Jahr 2005 holte die Industrie zum Gegenschlag aus. Ein chinesisches Unternehmen brachte die erste E-Zigarette, bei der eine Nikotinhaltige Lösung verdampft wird, auf den Markt. Jetzt gibt es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits mehr als 450 solcher Produkte. Die E-Zigaretten wurden schon in Tausenden verschiedenen „Geschmacksrichtungen“ angeboten. Geworben wird vor allem mit dem „rauchfreien Nikotingenuss“. Doch für Neuberger ist das längst nicht so eindeutig, wie beworben: „Es gibt bereits wissenschaftliche Studien, die belegen, dass die mit dem Dunst der E-Zigaretten eingeatmete Partikelzahl- und Partikelgröße ähnlich jener von Zigaretten ist. Die Inhaltsstoffe sind nicht deklariert, die Dosis ebenfalls nicht kontrolliert.“ Enthaltene Lösungsmittel und andere Additive (Glycerin, Propylen- und Äthylenglykol) stehen in begründetem Verdacht, die Lunge zu schädigen. Es muss nicht nur der Teer der alten Glimmstängel sein.

Bedenkliche Lösungsmittel

„Als Lösungsmittel für Nikotin und Aromen wird meist Propylenglykol verwendet, das selbst ein Reizstoff und Kontaktallergen ist und aus dem sich durch den Heizdraht Propylenoxid entwickelt, das im Verdacht steht, krebsfördernd zu sein“, erklärt Neuberger. Alternativ wird in E-Zigaretten als Lösungsmittel Glycerin verwendet, aus dem sich durch Hitze das noch stärker schleimhautreizende Acrolein entwickelt, das auch das Flimmerepithel (Selbstreinigungsapparat) in den Bronchien lähmt.

Der Experte in der Auflistung der potenziell gefährlichen Stoffe: „Noch problematischer ist das ebenfalls als Lösungsmittel verwendete Äthylenglykol (1,2 Ethandiol), dessen Reaktionsprodukte nieren- und neurotoxisch sind.“ Zwar seien die Krebs erzeugenden Stoffe wie Formaldehyd und ähnliche, die sich aus fast allen E-Zigaretten entwickeln, nur in kleineren Konzentrationen als bei der Tabakverbrennung nachweisbar, aber verteilt auf der großen Oberfläche der Nanopartikel genügten vielleicht auch Spuren von Karzinogenen, um Krebs zu verursachen.“ Dazu fehlen derzeit aber sowohl der Beweis als auch der Gegenbeweis.

Effekt in der Rauchentwöhnung gering

Oft werden die E-Zigaretten auch als Möglichkeit für die Zigarettenentwöhnung beworben. Dazu der Wiener Experte: „Dieser Effekt bei Rauchern, bei denen alle anderen Mittel und Therapien fehlgeschlagen sind, ist wohl gering.“ Dafür ist die Werbewirksamkeit der E-Zigaretten umso größer: Sowohl die WHO als auch die nationalen US-Zentren für Krankheitskontrolle (CDC/Atlanta) haben sich kürzlich ausgesprochen besorgt geäußert. Die E-Zigaretten könnten gerade bei Minderjährigen und Jugendlichen den Griff zur „Zigarette“ fördern und sie nikotinabhängig – eben auf andere Art – machen. Darüber hinaus würden auch nikotinfreie E-Zigaretten mit Zuckerl-, Alkohol- oder anderen Geschmacksrichtungen gerade Kinder und Jugendliche ansprechen und in dieser Prägephase das Rauchverhalten verankern.

Ob E- oder Tabakzigarette: Nikotin macht abhängig

„Natürlich macht das Nikotin der E-Zigaretten genauso abhängig wie das Nikotin der herkömmlichen Tabakprodukte“, sagte Neuberger. Gleichzeitig gibt es bisher kaum wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Spätfolgen der E-Zigaretten. Auch strikte Regulierungen wie bei vielen anderen gesundheits- oder krankheitsrelevanten Produkten fehlen. Neuberger sieht die Gesundheitspolitik in Zugzwang: „Die Inhaltsstoffe müssen deklariert werden, Standards gehören etabliert. Das muss mit Produkttests untersucht werden. Alle nicht bewiesenen Gesundheitsaussagen für E-Zigaretten müssen verboten werden. Marketing und Verkauf an Minderjährige müssen genauso verboten sein wie jener von Zigaretten. Auf den Packungen sollten Warnhinweise aufscheinen.“

Somit steht für die besorgten Fachleute weltweit ganz klar fest: Schutzregeln für Nichtraucher in der Form von Rauchverboten in öffentlichen Räumen dürfen nicht durch die E-Zigaretten unterlaufen werden. Dass ein neues Produkt etwas weniger „giftig“ als Zigaretten ist, bedeutet noch lange nicht, dass es „gesund“ ist. Gesund ist eine saubere Atemluft (ohne Reizgase und Ultrafeinstäube, die Karzinogene in die Tiefe der Lunge transportieren und ohne das Suchtgift Nikotin).

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben