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Trotz schlechter Spirometrie-Werte keine respiratorische Insuffizienz.
 
Pulmologie 11. Dezember 2012

COPD-Überdiagnostik

Die GOLD-Kriterien sind für Senioren zu streng.

Die GOLD-Klassifikation ist bei Senioren nicht unbedingt der „Gold“-Standard zur Identifikation einer COPD. Ein alternativer spirometrischer Ansatz, die LMS-Methode, wird altersbedingten Veränderungen besser gerecht und trägt dazu bei, Überdiagnostik zu vermeiden.

Im Alter unterliegen die Atemwege physiologischerweise einigen Veränderungen: Die Brustwand wird rigider, die Elastizität der Lungenflügel nimmt ab. Damit finden sich in der Spirometrie relativ häufig FEV1/FVC-Werte unter 0,7, dem von der Global Initiative for Obstructive Lung Disease (GOLD) festgelegten Grenzwert für eine respiratorische Insuffizienz.

Tatsächlich scheint vieles, was nach dem GOLD-Standard bereits als COPD gewertet wird, bei Patienten jenseits der 65 normal zu sein. Dies legt eine Studie mit 3.500 Senioren im Alter zwischen 65 und 80 Jahren nahe (Vaz Fragoso et al.: AJM 2012).

Den Teilnehmern wurde zweimal so häufig eine Ateminsuffizienz attestiert, wenn die Lungenfunktion nach GOLD-Kriterien beurteilt wurde, wie mit der LMS-Methode, einem alternativen spirometrischen Ansatz, der auf dem Z-Score basiert. Damit wird die Untergrenze des FEV1/FVC altersadaptiert definiert. Der Unterschied zwischen der Beurteilung mit GOLD einerseits und mit LMS andererseits fiel besonders bei den Senioren ins Gewicht, die keine Symptome der Atemnot zeigten; hier wurde nach GOLD bei knapp 40 Prozent eine eingeschränkte Lungenfunktion festgestellt, nach dem LMS nur bei zwölf Prozent. Bei asymptomatischen Nichtrauchern war die Diskrepanz am größten, mit Anteilen von 32 Prozent (GOLD) bzw. neun Prozent (LMS) einer diagnostizierten respiratorischen Insuffizienz.

Besserer Prädiktor für Mobilität

Wie das Team um Dr. Carlos A. Vaz Fragoso betont, war die LMS-Klassifikation in der Studie ein deutlich besserer Prädiktor für die Mobilität. Als Maß diente die Gehgeschwindigkeit der Senioren. Diese war bei fast der Hälfte der nach GOLD-Kriterien, aber nur bei knapp 20 Prozent der nach der LMS-Methode als „lungenkrank“ Beurteilten völlig normal.

Umgekehrt verhielt es sich mit der Wahrscheinlichkeit, innerhalb von fünf Jahren Schwierigkeiten beim Treppensteigen oder bei kleinen Spaziergängen zu bekommen. Sowohl bei Rauchern als auch bei Nicht-Rauchern war dieses Risiko deutlich höher, wenn die Ateminsuffizienz per LMS festgestellt wurde. Die Gehgeschwindigkeit, das ist früher bereits gezeigt worden, ist ihrerseits eng mit Behinderung, Klinikeinweisungen und Mortalität verknüpft.

„Wenn man nach den GOLD-Kriterien geht, scheint die respiratorische Insuffizienz fast epidemische Ausmaße anzunehmen“, schreiben die Autoren. Dies sei so nicht richtig. Erkrankungen wie COPD oder Asthma würden mit dieser Methode vor allem bei Senioren wahrscheinlich überdiagnostiziert. Weniger sei bei dieser Altersklasse mehr: Durch den Einsatz der LMS-Methode könne man unnötige medikamentöse Therapien sparen und verhindern, dass andere Ursachen für eine Ateminsuffizienz zu spät erkannt werden.

springermedizin.de, Ärzte Woche 50/52/2012

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