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COPD: in der Öffentlichkeit großteils unbekannt

Prim. Dr. Norbert Vetter, 2. Interne Lungenabteilung, Otto Wagner Spital, Baumgartner Höhe

© Boom Jelly/Walter Szalay (2)

Otto Spranger Sprecher Österreichische Lungenunion (ÖLU)

 
Pulmologie 26. November 2012

COPD, das unbekannte Wesen

Zwei Drittel der Österreicher haben noch nie etwas von COPD gehört. Auch die Mehrheit der Raucher kann mit diesem Begriff nichts anfangen.

„Obwohl dreimal so häufig wie Diabetes, ist die COPD eine Erkrankung, die von der Öffentlichkeit, aber auch von Politik und Wirtschaft, zu wenig wahrgenommen wird“, meint Otto Spranger, Sprecher der Österreichischen Lungenunion (ÖLU).

Die ÖLU nahm den Welt-COPD-Tag zum Anlass, um die Initiative „Gemeinsam gegen COPD“ vorzustellen. Denn die „Raucherlunge“ entwickelt sich zu einer enormen gesellschaftlichen Herausforderung – nicht nur auf medizinischer, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene, wie Spranger betont. In Österreich sind 800.000 bis zu einer Million Menschen von COPD betroffen, davon sind 400.000 behandlungsbedürftig – zwischen 2005 und 2020 werden diese Zahlen um fast ein Viertel zunehmen. Es geht laut Spranger darum, im Einklang mit den Zielen des „Europäischen Jahres für aktives Altern“, Menschen mit COPD möglichst lange am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten und Frühpensionierungen zu vermeiden.

Neueste Umfrageergebnisse

Eine brandaktuelle Umfrage der ÖLU unter 1.006 Österreichern fördert dramatisches Unwissen zutage: Zwei Drittel können mit dem Begriff COPD nichts anfangen. Nur jeder dritte Raucher hat schon einmal davon gehört. Das Wissen über COPD steigt mit besserer Schulbildung etwas an: Unter den Akademikern kennen immerhin 40 Prozent die Erkrankung, bei den Befragten mit Pflichtschulabschluss sind es nur 26 Prozent. „Das ist insofern problematisch, als in der Bevölkerungsgruppe mit Pflichtschulabschluss, die traditionell den höchsten Raucher-Prozentsatz aufweist, das Wissen über COPD am geringsten ist“, meint Spranger.

Hausarzt als erster Ansprechpartner

Bei längerdauerndem Husten oder dem Gefühl, öfter wenig Luft zu bekommen, würden 61 Prozent der Befragten zum Allgemeinmediziner bzw. Hausarzt gehen, 33 Prozent zum Facharzt. Die ÖLU fordert deshalb schon seit Jahren, dass Allgemeinmediziner als häufige erste Ansprechperson Lungenfunktionstests durchführen können, die auch von den Kassen bezahlt werden.

Junge Patienten

Von zwei traditionellen Vorstellungen musste man sich in der jüngeren Vergangenheit verabschieden, sagt Prim. Dr. Norbert Vetter, 2. Interne Lungenabteilung, Otto Wagner Spital, Baumgartner Höhe: „Erstens ist COPD nicht eine Krankheit alter Menschen. Tatsächlich kommen heute sehr schwere Formen von COPD bei Patienten unter 50 Jahren etwa ebenso häufig vor wie bei 70-Jährigen. Zweitens: COPD schreitet zwar üblicher Weise progressiv fort, aber durchaus nicht in allen Fällen. Manchmal entwickelt sie sich sogar zurück. Die Krankheit ist also behandelbar. Umso wichtiger ist eine möglichst frühzeitige Diagnose.“

Typische Warnsignale sind Atemnot, chronisches Hüsteln oder chronischer Husten ohne vorliegende Erkältung, und das Abhusten von Schleim. Aber auch Aktivitäten, die nicht mehr unternommen werden wie früher, weil die Atemnot dabei einschränkt. Wird eines dieser Warnsignale wahrgenommen, sollte ein Lungenfunktionstest durchgeführt werden. „Etwa 60 Prozent der Patienten, die wegen COPD in einem Spital stationär aufgenommen wurden, hatten allerdings noch nie eine Spirometrie gemacht und wussten deshalb nichts von ihrer Krankheit“, berichtet Vetter.

Ein wichtiges Behandlungsziel ist, Exazerbationen von COPD zu verhindern, die Anlass für viele Spitalsaufenthalte ist. „Wer wegen COPD im Spital aufgenommen wird, hat eine 40-prozentige Chance, innerhalb von drei Monaten wieder ins Spital zu müssen“, stellt Spranger fest. Daher müsse auch das Entlassungsmanagement nach einem stationären Aufenthalt verbessert werden: In Österreich werden nach der Entlassung nur 30 Prozent der COPD-Patienten in der Rehabilitation weiter betreut.

Schreckgespenst ade

Das Bild des COPD-Kranken als sauerstoffpflichtigen, pflegebedürftigen, dem Tod geweihten Patienten, ist heutzutage gottlob ein seltenes. „Die rasch fortschreitende Progredienz betrifft nur einen Bruchteil der Patienten“, so Vetter. „Mit entsprechender Behandlung können die meisten Patienten stabilisiert werden, bei manchen ist sogar eine Verbesserung möglich. Es steht eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, und es werden in nächster Zeit neue dazukommen.“ Es gilt, für jeden Patienten das individuell am besten geeignete zu finden.

Appell an Behörden

„Aus medizinischer und ethischer Sicht ist an die zuständigen Behörden zu appellieren, COPD-Patienten auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die verfügbaren Therapien zur Verfügung zu stellen und Zugang zu innovativen Medikamenten zu geben. Eine gute Behandlung ist schließlich auch eine kosteneffiziente Methode, um Menschen im Arbeitsleben zu halten, um Frühpensionierungen zu vermeiden und dadurch unnötige Sozialausgaben zu reduzieren.“ Im COPD-Spätstadium verursacht ein Patient 25-mal mehr Kosten als im Frühstadium.

Neben Medikamenten sind körperliches Training und Atemschulungen als ebenbürtige Säulen der Therapie zu sehen, betont Vetter: „Trainingsprogramme sind sehr wichtig, weil Menschen, die keine Luft bekommen, dazu neigen, Bewegung zu vermeiden, was ihren Zustand nur noch verschlimmert.“

Forderungen der ÖLU

„Weil COPD ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, muss es gesamtgesellschaftlich gelöst werden“, fordert Spranger. Die ÖLU hat deshalb im Rahmen der Initiative „Gemeinsam gegen COPD“ nicht nur Vertreter der Pulmologie, der Sozialmedizin und der Gesundheitsökonomie um einen runden Tisch versammelt, sondern auch Vertreter der Arbeiter-, Wirtschafts- und Apothekerkammer, des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, der SVA etc.: um den Ist-Zustand zu erheben, um das Problembewusstsein kennenzulernen und um gemeinsame Aktionen zu überlegen.

Viele Zuständige in Österreich hätten die dramatischen Entwicklungen im Zusammenhang mit COPD auf die leichte Schulter genommen oder einfach verschlafen, sagt Spranger: „Wir werden sie gemeinsam immer wieder aufwecken.

Aus dem Gesagten ergibt sich eine Reihe von Maßnahmen und Forderungen. Unter anderem brauche Österreich endlich ein Nichtraucherschutzgesetz, das diesen Namen verdient, sowie mehr Lungenfachärzte: „Die derzeitige Anzahl reicht nicht aus, um der COPD-Lawine begegnen zu können“, so Spranger.

Spirometrie beim niedergelassenen Allgemeinmediziner müsse flächendeckend von den Krankenkassen bezahlt und die Behandlung von COPD-Patienten im Krankenhaus systematisch verbessert werden, um den Anteil der „Drehtür-Patienten“ zu verringern. Spranger: „Therapien für COPD-Patienten müssen von den Kassen erstattet werden. Eine Reihe von innovativen Medikamenten, die in unseren Nachbarländern zugänglich sind, sind das in Österreich de facto nicht.“

 

Pressegespräch der Österreichischen Lungenunion zum Welt-COPD-Tag „COPD: Früh erkannt – früh behandelt – länger aktiv“, Wien, 19. 11. 2012

Kinder in Gefahr

COPD im Kindesalter ist zwar eine Rarität, was wir aber sehr wohl häufig sehen, sind Kinder, die auf dem Weg dorthin sind“, sagt Prof. Dr. Thomas Frischer, Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Wien. Die Hauptrisikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für eine Lungenerkrankung im späteren Leben erhöhen, sind – neben der genetischen Disposition – ein niedriges Geburtsgewicht und Passivrauchen.

Ermöglicht durch sehr genaue bildgebende Untersuchungsmethoden, haben sich in den vergangenen Jahren Berichte gehäuft, dass manche Kinder durch bakterielle Atemwegsinfektionen diskrete Veränderungen der Anatomie der Atemwege erleiden können, die eine spätere COPD wahrscheinlich machen. Diese Kinder sind typischerweise im Vorschulalter und leiden unter monatelangem „feuchtem“ Husten, der auf Antibiotika gut anspricht. „Werden die Kinder nicht rechtzeitig behandelt, kann sich eine irreversible bronchiale Schädigung entwickeln“, so Frischer. „Zeichen einer chronischen Bronchitis müssen beim Kind immer ernst genommen werden. Eine genaue Untersuchung der Immunabwehr und eine Bildgebung mit CT oder MRT sind notwendig. Inhalative Noxen, vor allem Passivrauchen, müssen gemieden und bakterielle Infektionen rechtzeitig behandelt werden.“

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