zur Navigation zum Inhalt
Lungenfunktionstest mittels Spirometrie.
 
ERS 2012 24. Oktober 2012

Lunge global betrachtet

Berichte vom Europäischen Pneumologenkongress ERS 2012.

Für die Spirometrie werden derzeit globale Vergleichswerte gesammelt. Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs und E-Zigaretten sind keineswegs eine „saubere Alternative“.

Die menschliche Lunge ist ein empfindliches Organ. Deutlich zeigt sich das in der weltweiten Betrachtung der Todesursachen. In Ländern mit niedrigen Einkommen führen Infektionen der unteren Atemwege die Statistik an, in reicheren Ländern gehören COPD und Lungenkrebs zu den Top 3. Rechnet man Infektionen, Karzinome, COPD und Tuberkulose zusammen, dann kann man sagen, dass Lungenerkrankungen weltweit die führende Todesursache sind.

Was ist normal?

Um die Lungenfunktion zu überprüfen, ist die Spirometrie die Standarduntersuchungsmethode. Um die Ergebnisse richtig interpretieren zu können, müsste man allerdings genau wissen, wie eine normale Lungenfunktion aussieht. Das ist gar nicht selbstverständlich, denn es gibt bislang keine globalen Vergleichswerte. Die vorhandenen Richtwerte berücksichtigen weitgehend nicht Alter, Geschlecht, Körperbau und Ethnizität des Patienten.

Die Interpretation der Ergebnisse kann somit von Arzt zu Arzt stark variieren, was unter Umständen dazu führt, dass die Testergebnisse eines Patienten in der einen Klinik als normal eingestuft werden, während sie in einer anderen als pathologischer Befund gelten. Dies zeigt sich z. B., wenn heranwachsende Jugendliche in eine Ambulanz für Erwachsene wechseln, wo dann plötzlich eine ganz andere Einstufung des Schweregrads ihrer Erkrankung erfolgt. Ähnliches passiert, wenn Ethnizität oder Körperstatur des Patienten nicht in die Befundinterpretation einfließen.

Neuere Forschung beschäftigt sich daher damit, konsistente Vergleichswerte anzubieten, damit Ärzte ihren Patienten überall einheitliche Auskunft darüber geben können, wie ihre Lungenkapazität zu bewerten ist. Dazu benötigt man Vergleichswerte von gesunden Menschen gleichen Alters und Geschlechts, gleicher ethnischer Herkunft und ähnlicher körperlicher Statur. Eine internationale Forschungsgruppe liefert dazu nun neue Daten.

Die internationale Initiative „Global Lung Function“ sammelte dafür Daten von 74.187 gesunden Nichtrauchern zwischen 3 und 95 Jahren, darunter weiße Europäer, Menschen mit schwarzafrikanischer oder asiatischer Herkunft und Menschen gemischten ethnischen Ursprungs. Janet Stocks, University College London, meint: „Diese Arbeit, die von sechs großen internationalen Lungengesellschaften unterstützt wurde, stellt einen großen Fortschritt in der Lungenfunktionsmessung dar. Sie ermöglicht Ärzten weltweit eine bessere Interpretation ihrer Testergebnisse.“ Besonders für Kinder und ältere Menschen liegen nun bessere Vergleichswerte vor. (ERS 2012, Abstract P3198)

Adenokarzinome im Steigen

Gegenüber Studienergebnissen aus dem Jahr 2000 wird 2010 in Frankreich ein Anstieg von Lungenkrebserkrankungen bei Frauen und Nichtrauchern verzeichnet. 11,9 Prozent der Erkrankten im Jahr 2010 waren Nichtraucher, zehn Jahre zuvor betrug der Anteil der Nichtraucher nur 7,9 Prozent. 2010 waren 24.4 Prozent der Patienten weiblich; 2000 waren es 16 Prozent.

Die Studie stellte außerdem eine Verlagerung des histologischen Subtyps zugunsten des Adenokarzinoms fest. Im Jahr 2000 litten 35,8 Prozent der Lungenkrebspatienten an einem Adenokarzinom, zehn Jahre später waren es 53,5 Prozent.

In Großbritannien verzeichnete man ebenfalls ein deutlich vermehrtes Auftreten von Adenokarzinomen: In einem Londoner Krankenhaus stieg der Prozentsatz zwischen den Jahren 2000 und 2009 von 22 auf 42 Prozent. Ebenso meldet das Tumorzentrum Berlin einen signifikanten Anstieg des Prozentsatzes an Adenokarzinomen bei seinen Lungenkrebspatienten innerhalb der letzten Dekade.

Dieselabgase stehen im Verdacht, für die Zunahme von Lungenkrebs bei Nichtrauchern verantwortlich zu sein. Aber auch andere, bisher unbekannte Ursachen werden nicht ausgeschlossen. (ERS 2012, Abstracts P3128-30)

Versteckter Lungenkrebs

Manche Lungenkarzinome können mit einem Röntgenscreening nicht rechtzeitig entdeckt werden. Über 77.000 Studienteilnehmer wurden zu Beginn einer US-amerikanischen Studie gescreent und dann - abhängig von ihrem Raucherstatus - alle zwei bis drei Jahre wieder untersucht. Insgesamt wurde bei 450 Patienten im Lauf dieser Jahre Lungenkrebs diagnostiziert, bei 152 davon war der radiologische Befund zu Studienbeginn unauffällig. Daraufhin wurden die Bilder noch einmal begutachtet. Es stellte sich heraus, dass bei 35 Prozent der ursprüngliche Befund missinterpretiert worden war: Der Krebs wäre sichtbar gewesen. Bei den restlichen 65 Prozent der Fälle handelte es sich öfters um nicht-kleinzellige Bronchialkarzinome als um Adenokarzinome. Männer und Raucher waren davon häufiger betroffen, der Krebs war häufig schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Dr. Paul Kvale, Henry Ford Hospital, USA, meint dazu: „Diese Ergebnisse zeigen, dass ein Thoraxröntgen als Screeningmethode nicht für alle Typen von Lungenkrebs gleich gut geeignet ist.“ (ERS 2012, Abstract 1636)

Lungenfunktion leidet auch unter E-Zigarette

Dass die elektronische Zigarette keine harmlose Alternative zur herkömmlichen Zigarette darstellt, wird von ärztlicher Seite immer wieder betont. Eine neue Studie liefert nun weitere Argumente: Schon der Genuss einer einzigen E-Zigarette macht sich in einer sofortigen Atemwegsverengung bemerkbar.

In der Untersuchung mussten 32 Probanden jeweils für zehn Minuten an der E-Zigarette ziehen, davor und danach wurden Lungenfunktionsmessungen durchgeführt. Dabei wurde ein signifikanter Anstieg des Atemwegswiderstands um knapp ein Zehntel des Ausgangswertes festgestellt. Bei den Studienteilnehmern, die nie geraucht hatten, und bei den Rauchern ohne Lungenerkrankung erhöhte sich der Atemwegswiderstand signifikant. Lediglich bei den Rauchern, die an COPD oder Asthma litten, war keine signifikante Verengung der Atemwege messbar.

„Der sofortige Anstieg des Atemwegswiderstands, den wir gesehen haben, deutet darauf hin, dass das Rauchen einer E-Zigarette unmittelbar Schaden anrichten kann. Wir müssen jetzt herausfinden, ob dadurch auch anhaltende Schäden ausgelöst werden können,“ sagt Prof. Dr. Christina Gratziou. Solange keine Langzeitdaten vorliegen, sieht die ERS in der E-Zigarette kein geeignetes Mittel zur Raucherentwöhnung. (ERS 2012, Abstract P105)

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben