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Dr. Sylvia Hartl Präsidentin der ÖGP
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Doz. Dr. Georg-Christian Funk
ÖGP-Generalsekretär

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Dr. Robab Breyer-Kohansal
ÖGP-Kongresssekretär, Organisatorin des COPD-Audits in Österreich

 
Pulmologie 29. Juni 2012

Pneumologen schnüren Maßnahmenpaket

Wie die neuen COPD-Guidelines in Österreich umgesetzt werden sollen.

Der Zugang zu Rehabilitation und nicht-medikamentöser Behandlung müsse für COPD-Patienten in Österreich raschest verbessert werden, fordern Experten. Weil Rehabilitation schon auf der Intensivstation beginnt, geht bei der invasiven Beatmung der Trend dazu, die Patienten dafür nicht mehr in Tiefschlaf zu versetzen, sondern wach zu halten.

 

Im Vorfeld ihres Jahreskongresses, der im Juni in Salzburg stattfand, lud die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) zu einem Mediengespräch, in dem die Schwerpunkte des Kongresses und die nächsten Ziele der Gesellschaft vorgestellt wurden.

Heimliche Killer und Patienten von morgen

Themenschwerpunkte des diesjährigen Kongresses waren Palliativmedizin, Komorbiditäten und Tabakauswirkungen. „Bei der Palliativmedizin in Österreich liegt viel brach“, meinte ÖGP-Präsidentin Dr. Sylvia Hartl. „Nur zwei bis drei Prozent der chronisch Kranken, die nicht an einem Tumor leiden, erhalten eine palliative Betreuung.“

Koerkrankungen wie arterielle Hypertonie sind laut Hartl „die heimlichen Killer unserer Patienten: Die Lungenerkrankung schädigt das rechte Herz, Hypertonie das linke – eine fatale Kombination, die die Todesrate erhöht.“ Die ersten Ergebnisse des ERS-COPD-Audits zeigen unter anderem, dass ein großer Prozentsatz der COPD-Patienten unter Gefäßerkrankungen und konsekutiver Herzschwäche leidet. Solche Begleiterkrankungen schränken die Leistungsfähigkeit ein und erhöhen das Sterberisiko.

Was Tabakauswirkungen betrifft, wurde heuer ein Schwerpunkt auf intrauterine Schädigungen, das fetale Tabaksyndrom, gelegt, das „die Patienten von morgen erzeugt“, so Hartl.

Innovative Therapien wurden natürlich ebenfalls am ÖGP-Kongress vorgestellt, so zum Beispiel die inhalative Antibiotikatherapie, die bei chronischer Keimbesiedelung der Atemwege weniger Belastung für den Organismus bedeutet als die systemische Anwendung und daher auch Langzeittherapien ermöglicht.

Wache Patienten

Über eine Neuigkeit im Bereich der intensivmedizinischen Versorgung von COPD-Patienten berichtete ÖGP-Generalsekretär Doz. Dr. Georg-Christian Funk: Bislang wurden für die invasive Beatmung die Patienten in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Dieser hat aber den Nachteil, dass er die Patienten weiter schwächt. „Darmfunktion, Atemmuskulatur und geistige Funktionen leiden unter dem künstlichen Tiefschlaf“, erklärte Funk. „Viele Patienten wachen in einem Zustand akuter Verwirrtheit auf. Manche leiden sogar unter einem posttraumatischen Stress-Syndrom.“

Ein neues schonenderes Konzept für die invasive Beatmung ist die kooperative Sedierung. „Dieses Konzept geht davon aus, dass eine tiefe andauernde Sedierung nicht bei jedem beatmeteten Patienten erforderlich ist, sondern dass die Patienten nach Möglichkeit wach oder zumindest weckbar sein sollen“, so Funk. Studien hätten gezeigt, dass ein derartiges Vorgehen machbar und sicher ist.

Die kooperative Sedierung bietet den Vorteil, dass der Kontakt mit den Patienten weiter möglich ist: Sie können ihr Befinden zum Ausdruck bringen und sind neurologisch beurteilbar. „Außerdem können sie schon während der Behandlung mit der Rehabilitation, zum Beispiel mit einem Bett-Fahrrad, beginnen“, so Funk.

Rehabilitation beginnt auf der Intensivstation

„Eine frühe physikalische Therapie noch während der Beatmung verringert die Beatmungsdauer, das Auftreten von Delir wird vermindert und der Patient ist bei der Entlassung in einem wesentlich besseren Allgemeinzustand“, betonte Funk. Der physikalischen Therapie kommt bei allen Lungenerkrankungen hoher Stellenwert zu, bei COPD ist sie besonders wichtig. Atemphysiotherapie und Training der Muskulatur können und sollen schon während der Beatmung auf der Intensivstation begonnen werden. Funk: „Wichtig ist, dass eine derartige Rehabilitation während des restlichen Spitalsaufenthalts und nahtlos nach der Entlassung weiter geführt wird.“

Diesbezüglich gäbe es in Österreich allerdings einiges aufzuholen. „Während EU-weit durchschnittlich 32 Prozent der Patienten nach einem Spitalsaufenthalt Zugang zu einer Rehabilitation bekommen, sind es in Österreich nur acht Prozent“, berichtete Funk. „Patienten mit COPD werden nach der Spitalsentlassung meist ohne weitere Rehabilitation nach Hause geschickt und bestenfalls nach einigen Wochen einer stationären Rehabilitation in einem Zentrum zugeführt.“ Das Bereitstellen einer wohnortnahen ambulanten Rehabilitation für Patienten mit Lungenerkrankungen ist daher ein wichtiges Anliegen der ÖGP.

Neue Standards of Care

Die Therapiestandards für COPD haben in den letzten Jahren wichtige Neuerungen erfahren, die sich in den internationalen Guidelines niederschlagen. So werden unter anderem der Symptombehandlung und der Risikoreduktion höherer Stellenwert beigemessen als bisher. Wurden die Stadien der COPD bisher nur auf Basis der Lungenfunktion ermittelt, werden nun erstmals Symptome und Risikoklassifizierung mit berücksichtigt.

Nun gilt es, diese Neuerungen in der Ärzteschaft zu verbreiten. Eine COPD-Pocketcard soll Ärzten die neue komplexe Phänotypisierung näher bringen, da sie „die Grundlage für leitliniengerechte Therapieentscheidungen darstellt“, wie COPD-Spezialistin Dr. Robab Breyer-Kohansal ausführte. Die Pocketcard wird an alle Lungenfachärzte, Internisten und Allgemeinmediziner verteilt. „Ziel ist, dass die behandelnden Ärztinnen und Ärzte verstehen, welche Diagnose- und Therapieschritte nach den neuen Richtlinien zu setzen sind.“

Guidelines umsetzen – aber wie?

Gravierende Schwachpunkte durch mangelnde Umsetzung der Guidelines ortet Breyer-Kohansal bei der nicht-medikamentösen Therapie: „In Österreich ist der Zugang zu Raucherentwöhnung oder Bewegungs und Ernährungsschulung schwierig.“ Die Behandlungsanleitung, die in den Guidelines empfohlen wird, kann daher nicht konsequent verfolgt werden.

Dazu kommt, dass vorhandene Ressourcen nicht ausreichend genutzt werden, weil Patienten keine Informationen über die Angebote bekommen, bzw. keine Anleitung, wie sie die Angebote nutzen können. Hier fordert Breyer-Kohansal die Vernetzung und Strukturierung aller Angebote als ersten Schritt zur Verbesserung: „Patienten, die das Spital verlassen, müssen konkret wissen, wohin sie sich zur Rehabilitation wenden können.“

Rehab auf Rezept

„Rehabilitation benötigt eine abgestufte Indikationsstellung und eine Differenzierung, wer, wo und in welcher Form die Schulung für Bewegung und Ernährung erhalten soll“, meinte Breyer-Kohansal. „Was beim Medikament das Rezept und bei anderen Maßnahmen die Überweisung ist, fehlt in der Rehabilitation total. Wir brauchen konkrete Angebote, ein kleines Bündel an Maßnahmen, deren Umsetzung mit den Patienten bei ihrer Entlassung aus dem Spital klar vereinbart wird.“

Entlassungsmanagement verbessern

Eine Kurzinformation in Form einer Checklist soll die wichtigsten Guideline-konformen Maßnahmen bei der Entlassung und die Information der Patienten darüber sicherstellen.

Die Patienten erhalten bei der Entlassung eine Kurzinformation mit ihren wichtigsten Daten. „Denn es ist wichtig“, so Breyer-Kohansal, „dass die Patienten über ihren Krankheitszustand informiert sind.“

Jeder Patient soll wissen:

  • Was ist meine Krankheit?
  • Wie schwer ist mein Stadium?
  • Welches Risiko habe ich?
  • Welche Medikamente nehme ich?
  • Welche Maßnahmen muss ich jetzt umsetzen?

Diese Kurzinformation mit den fünf Top-Prioritäten für COPD-Patienten wird demnächst in Krankenhäusern und Fachordinationen eingeführt und soll zu jedem Arztbesuch mitgebracht werden.

 

Quelle: Mediengespräch zum Jahreskongress 2012 der ÖGP,

12. Juni 2012, Wien

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