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Foto: Archiv
Dr. Sylvia Hartl, ÖGP-Präsidentin und OÄ an der 1. Lungenabteilung des Otto Wagner Spitals, Wien
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Prof. Dr. Otto C. Burghuber,
Vorstand der 1. Lungenabteilung am Otto Wagner Spital, Wien

 
Pulmologie 22. November 2011

COPD-Audit: Plus und Minus

Gute Behandlungserfolge, aber auch gravierende Mängel in der Rehabilitation, so das Ergebnis für Österreich.

Anlässlich des Welt-COPD-Tages wurden erste Ergebnisse des von der European Respiratory Society (ERS) europaweit durchgeführten COPD-Audits veröffentlicht. Demnach schneidet Österreich in der medizinischen Betreuung gut bis sehr gut, in der Rehabilitation aber klar schlechter als andere europäische Länder ab.

 

„Mögliche Therapieerfolge bei COPD-Patienten werden so deutlich geschmälert“, bringt ÖGP-Präsidentin Dr. Sylvia Hartl, Oberärztin an der Ersten Lungenabteilung am Otto Wagner Spital (Wien), die für Österreich zwiespältigen Ergebnisse auf den Punkt. Die in Österreich in die Studie eingeschlossenen COPD-Patienten hatten eine schwere bis sehr schwere Erkrankung (mittlerer FEV: 38%). Im Erhebungszeitraum von drei Monaten wurden an 26 Lungen- und internen Abteilungen mehr als 800 Patienten mit akuter Verschlechterung der COPD stationär aufgenommen. Davon waren 30 Prozent aktive Raucherinnen und Raucher (!); 24 Prozent waren sauerstoffpflichtig (Langzeitsauerstoff); zehn Prozent mussten während des stationären Aufenthalts einer nicht-invasiven Beatmung (Sauerstoffmaske) zugeführt werden; 23 Prozent der Patienten hatten zusätzlich eine Herz-/Kreislauferkrankung (Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz) und 20 Prozent wiesen einen Diabetes mellitus auf. „Die Patienten waren im Durchschnitt insgesamt kränker als im europäischen Durchschnitt“, umreißt Prof. Dr. Otto C. Burghuber, Vorstand der 1. Lungenabteilung des Otto Wagner Spitals in Wien, die Schwere der Erkrankung dieser Patienten.

COPD-Audit in Österreich

Die Mortalität während des Krankenhausaufenthaltes (In Hospital mortality) und die 90 Tage Mortalität waren mit vier Prozent (EU: 4,9%) bzw. sechs Prozent (6,2%) geringer als im EU-Durchschnitt, obwohl der Schweregrad der COPD höher (FEV1 38% vs 41%) bzw. die Komorbiditäten häufiger (Herz-/ Kreislauferkrankungen 23% vs 16%; Diabetes mellitus 23% vs 20%) als im europäischen Durchschnitt waren. Die Aufenthaltsdauer im Spital war mit durchschnittlich 8,3 Tagen in Österreich trotzdem nicht höher als im europäischen Durchschnitt. Burghuber: „Daher sind die medizinischen Behandlungserfolge der österreichischen Kolleginnen und Kollegen umso anerkennenswerter.“

Der Prozentsatz jener Patienten, die nach einem Spitalsaufenthalt wieder stationär aufgenommen werden mussten, war allerdings mit 37,7 Prozent (EU: 35%) im Vergleich zu anderen Ländern hoch, auf diesen „wunden Punkt“ in der heimischen COPD-Versorgung weist Hartl hin: „Sogenannte Drehtürpatienten sollten in einem modernen Gesundheitswesen nicht vorkommen.“

Auch das Wissen um die eigene Erkrankung sei im Vergleich zum europäischen Durchschnitt stark unterentwickelt: 60 Prozent der Patienten (EU: 40%), die ins Spital aufgenommen wurden, hatten noch nie eine Spirometrie und wussten dementsprechend auch nicht über ihren Krankheitsstatus Bescheid.

Zu wenig Spirometrie

Als Ursachen dafür nennt Hartl das Fehlen flächendeckender Spirometrie-Untersuchungen, die nicht nur aus diagnostischen Gründen wichtig seien, sondern auch, weil sie den Patienten ihren Krankheitsstatus bewusst machten. Als weiteren Mangel des heimischen Gesundheitssystems hat das COPD-Audit klar das Fehlen jeglichen Entlassungsmanagements ergeben. Hartl: „Wenn wir die Patienten aus dem Spital entlassen, gibt es keinerlei Angebote etwa zur Raucherentwöhnung oder zur Rehabilitation. Nicht einmal ein Angebot zum Lungensport – eine sehr kostengünstige und nachweisbar sehr wirksame Rehabilitationsmaßnahme – kann den Betroffenen angeboten werden.“

Fazit: Während im EU-Durchschnitt 80 Prozent der COPD-Patienten nach ihrer Spitalsentlassung in der Rehabilitation weiter betreut werden, sind es in Österreich nur 30 Prozent. „Ein wesentlicher Grund dafür ist auch“, so die ÖGP-Präsidentin, „dass die Krankenkassen, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, die Kosten für diese wichtigen Maßnahmen nur für Berufstätige übernehmen. Das bedeutet, dass Schwerstkranke, die nach dem Krankenhausaufenthalt die Rehabilitation besonders dringend brauchen würden, davon ausgeschlossen sind. In anderen Ländern ist das eben nicht so.“

Österreich ist, so die Pneumologen Hartl und Burghuber unisono, „in der Betreuungsstruktur bei COPD-Patienten klar schlechter gestellt als andere europäische Länder, obwohl etwa Rehabilitationsmaßnahmen wesentlich kostengünstiger und für den Krankheitsverlauf deutlich erfolgreicher sind als häufige Spitalsaufnahmen. Das Motto muss lauten: Weg mit den strukturell bedingten ‚Drehtürpatienten’.“

Unabdingbare Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen, seien:

  • Flächendeckende Einführung der Spirometrie bei Allgemeinmedizinern und Bezahlung durch die Krankenkassen. Jeder Patient muss seinen COPD-Status kennen.
  • Einführung eines adäquaten Entlassungsmanagements mit
  • kostenlosem Zugang zu Raucherentwöhnung (30% der schwer(st)kranken COPD-Patienten rauchen!!) und
  • geigneten Rehabilitationsmaßnahmen (u.a. Lungensport). IS

 

Quelle: PA ÖGP

 www.oegp.at

www.erscopdaudit.org

 

Das COPD-AUDIT der ERS:
Eine europäische Initiative
Das ERS COPD AUDIT ist die bislang größte wissenschaftliche europäische COPD-Initiative, initiiert und unterstützt von der European Respiratory Society (ERS) und organisiert von einem internationalen Expertenteam (Michael Roberts, England; Sylvia Hartl, Österreich, und Jose Luis Lopez-Campos, Spanien). Anonymisiert erhoben wurden die Daten von insgesamt 15.779 Patienten aus 20 Zentren in 13 Ländern. Eingeschlossen waren COPD-Patienten, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums von 60 Tagen wegen COPD (Exazerbation) hospitalisiert wurden. Im Detail ging es dabei um die medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie der COPD-Exazerbation sowie um die personelle und technische Ausstattung der Zentren und deren Einsatz. Nach 90 Tagen (ab Krankenhauseinlieferung) erfolgte ein telefonisches Follow up, bei dem der Patient persönlich kontaktiert und re-evaluiert wurde (Gesundheitsstatus, Re-Hospitalisation, Tod).
Erhoben wurden die Daten durch lokale Studienkoordinatoren (wissenschaftliche Mitarbeiter und/oder Assistenzärzte der teilnehmenden Abteilungen), welche von den jeweiligen Studienadministratoren (Ärztliche Leiter der teilnehmenden Abteilungen) im Vorfeld ernannt wurden und eine technische Einschulung in das Web-Tool (durch das österreichische Steeringkomitee) erhielten.

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