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Ob in Innenräumen oder im Freien – die Luftgüte lässt sehr häufig zu wünschen übrig. Die Folgen für die Gesundheit der Bewohner sind beträchtlich, betonen die Lungenfachärzte und fordern Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität.
 
Pulmologie 15. Juni 2011

Luftverschmutzung: „Die Politik muss rascher handeln“

Österreichs Lungenfachärzte rüsten zum Kampf für die Verbesserung der Luftgüte in Innen- und Außenräumen.

Die Europaweite Initiative „Air Quality and Health“ der European Respiratory Society (ERS) startete am Welt-Nichtrauchertag in Österreich. Es handelt sich um eine Informations- und Aufklärungsaktion für österreichische Lungenfachärzte, die sich bei Politik und Industrie stärker Gehör verschaffen wollen. Das Ziel: Die Politik zum rascheren Handeln zu motivieren.

„Wir Lungenfachärzte verstehen uns als wichtige Lobby für die Gesundheit“, erläutert der Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), Prof. Dr. Michael Studnicka, Vorstand der Universitätsklinik für Pneumologie, Private Medizinische Universität Salzburg, die Gründe für diese Initiative. „Wir wollen unsere Kompetenz einbringen, um europaweit eine Luftgüte zu erreichen, die das Leben von Menschen nicht gefährdet.“ Und: „In Zukunft müssen wir uns als Ärzte und Epidemiologen, die wir die gesundheitlichen Auswirkungen von Schadstoffen beurteilen können, verstärkt in die Diskussion mit Umwelt- und Gesundheitspolitik sowie die Wirtschaft einbringen.“

Wissen über die Folgen der Luftverschmutzung stärken

Es sei zwar in den vergangenen Jahren in Österreich einiges im positiven Sinn passiert, betont Studnicka, aber es gebe nach wie vor dringenden Handlungsbedarf, um die Bevölkerung vor gesundheitlichen Schäden durch Luftschadstoffe nachhaltig zu schützen. Anlässlich des diesjährigen Welt-Nichtrauchertags startete die ÖGP daher am 31. Mai die Aktion CLEAN AIR, die – von der ERS initiiert – vor allem zwei Ziele verfolgt: Österreichs Lungenfachärzten das notwendige fachliche Rüstzeug für ihre Rolle als „Anwälte der Lungengesundheit“ beim Thema Luftverschmutzung zu geben und sie für die Diskussion mit Politik und Wirtschaft fit zu machen. Sie sollen „über die aktuellen relevanten Ergebnisse in Sachen Luftverschmutzung und Auswirkungen auf die Gesundheit Bescheid wissen und als wichtige Lobby für die Gesundheit die wissenschaftlichen Ergebnisse noch besser vertreten können.“ (Studnicka)

Im Fokus der Pneumologen stehen neben dem Tabakrauch in Innenräumen vor allem auch Luftschadstoffe wie Kohlenmonoxid (etwa aus Abgasen im Straßenverkehr), Schwefeldioxid (aus Industrieanlagen), Feinstaub (aus unterschiedlichsten Quellen) und bodennahes Ozon.

Luftverschmutzung kennt keine Grenzen

Basis für diese Informations- und Aufklärungsaktion ist ein von führenden Experten der ERS erarbeitetes umfassendes wissenschaftliches Dokument für die Weiterentwicklung der Luftgüte. Darin wird der neueste Stand des Wissens zum Thema Luftverschmutzung und Gesundheit auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zusammengefasst.

Das Themenspektrum reicht von „Schadstoffquellen und Schadstoffkonzentrationen“ und „Die wesentlichen gesundheitlichen Effekte infolge aktueller Schadstoffkonzentrationen“ über „Beispiele für eine Verbesserung der Gesundheit nach Einführung von Luftreinhaltemaßnahmen“ bis zu „Anregungen, wie Ärzte und Gesundheitsfachpersonen auf verschiedenen Ebenen der Prävention intervenieren können“.

Zielgruppen sind Ärzte und andere Gesundheitsexperten. Die für Europa konzipierte Broschüre soll Wissen und Bewusstsein über die Folgen der Luftqualität stärken, damit Luftreinhaltepolitik auch in den stark belasteten Zentren im Süden und Osten Europas mit griffigen Maßnahmen eingeleitet werden. Davon werden auch andere Länder wie etwa Österreich profitieren, denn die Luftverschmutzung kennt keine Grenzen.

Auch kurzfristige Belastungen schaden der Gesundheit

Dass auch kurzfristige Belastungen mit Luftschadstoffen mit Folgen für die Gesundheit verbunden sind, ist durch zahlreiche epidemiologische Studien bestätigt, berichtet ÖGP-Past-Präsident Prof. Dr. Otto C. Burghuber. In der Zeitreihenanalyse APHEA (30 Städte, 29 Studienzentren) ist unter anderem nachgewiesen worden, dass die tägliche Mortalität, vor allem infolge von Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen, die täglichen Schwankungen in der Luftbelastung nachzeichnet, indem die Zahl der Todesfälle infolge Atemwegserkrankungen pro Anstieg der PM10-Konzentration um 10 μg pro Kubikmeter Luft um 0,6 Prozent zunimmt.

Zudem wurde nachgewiesen, dass die Todesfälle infolge kardiovaskulärer Erkrankungen um 0,7 Prozent angestiegen sind. Burghuber: „Trotz eines höheren relativen Risikos für die Sterblichkeit an Atemwegserkrankungen sterben mehr Menschen infolge von Herzkreislauf-Erkrankungen.“

Nachgewiesene Folgen kurzfristiger Belastungen mit Luftschadstoffen sind auch steigende Notfallbehandlungen und Spitalsaufnahmen infolge von Herz-Kreislauferkrankungen.

Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Luftverschmutzung

„Nicht jeder Raucher leidet an COPD und nicht alle Menschen reagieren gleich auf Luftverschmutzung. Einige Faktoren beeinflussen das Ausmaß der Belastung, andere Merkmale bestimmen, wie der Einzelne auf die Belastung reagiert. Erwiesen ist“, so Burghuber, „dass der Anstieg der Atemfrequenz während körperlicher Betätigung eine höhere Exposition gegenüber Schadstoffen bewirkt.“

Derzeit werde eine Reihe von Faktoren, welche die Empfänglichkeit für eine Erkrankung (sogenannte Suszeptibilitätsfaktoren) beeinflussen, untersucht. Burghuber führt dazu einige vorläufige Aussagen der ERS-Experten an:

  • Generell sind Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer im Verhältnis höheren Atemfrequenz und Stoffwechselaktivität stärker betroffen. Allerdings sind nicht alle Kinder gleichermaßen betroffen.
  • Anfälligkeit kann durch Vorerkrankungen zustande kommen. Akute Folgen der Luftverschmutzung können bei Patienten mit Asthma oder COPD akute Anfälle auslösen. Personen mit Herzkrankheiten oder Atherosklerose können nach der Exposition gegenüber Luftschadstoffen einen Herzinfarkt oder Hirnschlag erleiden. Einige Studien haben auch gezeigt, dass Diabetiker stärker von akuten kardiovaskulären Folgen der Luftverschmutzung betroffen sind.
  • Die Einnahme von Antioxidanzien – z. B. Vitamin C, Flavonoide oder Carotinoide – scheint hingegen vor den Auswirkungen der Luftverschmutzung zu schützen: Kinder, die größere Mengen an Antioxidanzien konsumieren, reagieren auf die oxidativen Effekte von Ozon und anderen Schadstoffen mit einem geringeren Ausmaß an Entzündung der Atemwege.
  • Auch wenn es noch nicht hinreichend belegt ist, ist davon auszugehen, dass Personen mit chronischen subklinischen („stillen“) Entzündungen stärker von den entzündungsfördernden Wirkungen der Luftverschmutzung betroffen sind.

Schließlich weist Burghuber darauf hin, dass die Experten auch potenzielle Wechselwirkungen zwischen medikamentösen Behandlungen und Auswirkungen der Luftverschmutzung in Betracht ziehen. So sei beobachtet worden, dass die Beziehung zwischen Schadstoffbelastung und Veränderungen der Herzfrequenz bei Patienten, die Statine einnehmen, nicht auftritt. Auch Patienten mit gut kontrolliertem Asthma scheinen von den negativen Folgen der Luftschadstoffe auf die Atemwege weniger stark betroffen zu sein.

 

Air Quality and Health (ERS):

http://www.ersnet.org/images/stories/pdf/webAQ2010-GER.pdf

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