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Wenn Kinder vom Säuglingsalter an in einer Familie mit Hund leben, ist das Risiko einer allergischen Sensibilisierung gegen Hundehaare oft reduziert.
 
Pulmologie 26. April 2011

Über mögliche Einflussfaktoren bei Asthma bronchiale

Welt-Asthma-Tag: Die Vermeidung von Impfungen und Antibiotikagaben oder der Verzicht auf Haustiere sind zur Prophylaxe weder effektiv noch derzeit empfehlenswert.

Aus verschiedenen Ländern wird seit Mitte des letzten Jahrhunderts ein deutlicher Anstieg der Prävalenz des Asthma bronchiale im Kindesalter berichtet. Als Ursache werden weniger die Veränderungen des humanen Genoms als Einflüsse in der Lebensumwelt angenommen.

Prävalenz

Nach Angaben des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hat die Prävalenz des Asthma bronchiale im Kindesalter in den USA von 3,6 Prozent im Jahr 1980 auf 5,8 Prozent im Jahr 2003 zugenommen und ist nach Lungenentzündung und Unfällen die dritthäufigste Ursache der stationären Einweisungen bzw. Aufnahmen von unter 18-jährigen Patienten. Ähnliche und z. T. ausgeprägtere Anstiege der Prävalenz wurden auch von anderen Ländern in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts berichtet.

In manchen Populationen ist die Prävalenz des Asthma bronchiale nach wie vor ansteigend, in anderen erscheint sie stabil oder sogar leicht rückläufig. Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen bezüglich eines schweren oder milden Asthmaphänotyps.

Umweltdeterminanten

Es erscheint wahrscheinlich, dass Veränderungen in der Lebensumwelt diesen zeitlichen Trends zugrunde liegen. Es gibt aber nur sehr wenige Studien, die sowohl den zeitlichen Trend des Asthma bronchiale oder allergischer Erkrankungen als auch die Veränderungen in der Umwelt erfassen.

Die meisten Daten zu Umweltexpositionen, die als potenzielle Ursache des zeitlichen Anstiegs diskutiert werden, stammen aus Querschnittstudien, die den zeitlichen Verlauf nicht berücksichtigten. Es muss ferner bedacht werden, dass Veränderungen in der Umwelt möglicherweise nicht direkt zu einer verstärkten Prävalenz führen, sondern dass eine vermehrte Exposition in utero oder im frühen Lebensalter eine zeitliche Verschiebung zwischen Umweltexposition und Anstieg der Prävalenz bewirken könnte. Bei einem derartigen Szenario könnte mehr als eine Generation an Zeit benötigt werden, bis ein Anstieg der Asthmaprävalenz resultiert.

Passivrauchen

Eine sorgfältige Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass elterliches Rauchen zur Entstehung von Asthma bronchiale im Kindesalter sowie zu akuten Erkrankungen der unteren Atemwege im Säuglingsalter führt. Zahlreiche Studien wiesen zudem nach, dass Aktivrauchen einen Risikofaktor für die Inzidenz von Asthma bronchiale bei Jugendlichen und Erwachsenen bzw. für die Persistenz des Asthma bronchiale über die Pubertät hinweg darstellt. ´

Luftverschmutzung

Zahlreiche Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Luftverschmutzung mit Ozon und Partikeln Asthmaattacken auslösen und damit zu höheren Raten an stationären Aufnahmen und verringerter Lungenfunktion führen kann. Es ist aber nach wie vor noch unklar, ob Luftschadstoffe tatsächlich auch zur Neuentstehung von Asthma beitragen. Da in Regionen mit starker Kohleverbrennung Asthma- und Allergieraten sehr viel niedriger waren als in weniger derart verschmutzten Regionen, richtete sich das wissenschaftliche Interesse zunehmend auf die potenziell schädliche Wirkung der Verkehrsexposition.

Kinder, die innerhalb von 100 bis 400 Metern Entfernung zu Autobahnen oder innerhalb von 50 bis 90 Metern Entfernung von großen Straßenzügen leben, haben ein erhöhtes Risiko für giemende Atemwegsbeschwerden, nicht jedoch für Atemwegshyperreagibilität. Das Risiko, ein Asthma bronchiale zu entwickeln, ist dann verstärkt, wenn es sich um kleine Partikel (PM 2,5) oder Dieselpartikel handelt.

Innenraumallergenen

Es gibt klare Hinweise, dass das Ausmaß der Allergenexposition gegenüber Hausstaubmilben und Katzen das Risiko erhöht, eine IgE-Antwort gegen diese Allergene zu entwickeln. Insgesamt fand sich jedoch kein Zusammenhang zwischen der frühen Allergenexposition zu Hausstaubmilben oder Katzen und der Entwicklung eines Asthma bronchiale.

Zieht man jedoch den Asthmaphänotyp und den Zeitpunkt der Exposition in Betracht, ändert sich dies: Die Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren eine Sensibilisierung auf Hausstaubmilben, Katzen oder Hunde entwickelten, hatten ein höheres Risiko, an Asthma bronchiale zu erkranken, wenn sie auch im häuslichen Umfeld gegenüber höheren Allergenmengen exponiert waren.

Die Allergenexposition mag daher nur bei bestimmten Subgruppen von Risikokindern, nämlich bei jenen, die früh im Leben eine Sensibilisierung auf Innenraumallergene entwickelten, eine Rolle spielen. Das erklärt vielleicht auch, warum Interventionsstudien zur Allergenvermeidung bisher keine überzeugenden Effekte ergaben, wenn der Asthmaphänotyp nicht berücksichtigt worden war.

Katzenallergene

Für das Katzenallergen stellt sich die Datenlage noch unklarer dar: Manche Studien, in welchen nicht nur das Allergen gemessen, sondern auch das Vorhandensein einer Katze berücksichtigt wurde, berichteten eine Verringerung des Asthmarisikos. Allerdings ist die Datenlage nicht konsistent, und nicht alle Wissenschaftler stellten tatsächlich einen protektiven Effekt der frühen Katzenhaltung fest.

Mehr Übereinstimmung herrscht bezüglich der Hundehaltung: Wenn Kinder in eine Familie geboren werden, in der bereits ein Hund gehalten wird, ist das Risiko einer allergischen Sensibilisierung gegenüber Hunden häufig reduziert.

Parallelen mit Zunahme von Übergewicht

Die parallelen zeitlichen Trends von Asthma und Übergewicht könnten darauf hindeuten, dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen gibt. So zeigen Body-Mass-Index und die Prävalenz und Inzidenz von Asthma bei Kindern und Erwachsenen einen deutlichen Zusammenhang, der bei adoleszenten Mädchen ausgeprägter war als bei Jungen. Die Gewichtszunahme scheint der Entwicklung des Asthma voranzugehen. Zudem kann eine Gewichtsreduzierung bei asthmatischen Patienten zu einer Verbesserung der Lungenfunktion führen.

Mögliche Erklärung

Eine mögliche Erklärung für beide Phänomene ist, dass sie im frühen Lebensalter, möglicherweise schon während der Schwangerschaft, programmiert werden. Denkbar ist auch, dass mechanische Faktoren Asthmabeschwerden bei übergewichtigen Patienten hervorrufen oder dass diese durch einen gastroösophagealen Reflux als Folge des Übergewichts ausgelöst werden. Schließlich könnte auch ein Mangel an Bewegung sowohl das Risiko der Entwicklung eines Asthma als auch das des Übergewichts fördern.

Es ist allerdings bemerkenswert, dass in einer britischen Studie die zeitlichen Verläufe des Übergewichts nicht den Anstieg der Asthmaprävalenz in den Jahren von 1982 bis 1994 erklären konnten.

Respiratorische Infektionen

Virusinfektionen sind potente Auslöser von Asthmaattacken, und die Unfähigkeit des asthmatischen Patienten, die Beschwerden einer Rhinovirusinfektion auf den oberen Atemwegstrakt zu beschränken, sind in jeder Altersstufe charakteristisch. Zudem kann die Infektion mit RSV (respiratorischer Synzytialvirus) in einer Bronchiolitis enden, die wiederum das Risiko von weiteren obstruktiven Episoden bis zum Schulalter erhöht.

Wirtsfaktoren wie eine reduzierte Lungenfunktion oder eine unreife Immunantwort bei der Geburt könnten aber zur Krankheitsentstehung beitragen, sodass die Virusinfektionen eher Auslöser einer vorbestehenden Veranlagung wären als die Entstehungsursache des Asthma bronchiale.

In epidemiologischen Studien wurde die Infektionsexposition entweder indirekt durch Expositionen in der Kinderkrippe oder über eine positive Serologie für Viren (Hepatitis A, Herpes simplex) und andere Mikroorganismen (Helicobacter pylori, Toxoplasma gondii) festgestellt. Dabei ergab sich in den meisten Studien ein inverser Bezug zum Asthma bronchiale.

Eine chronische Besiedlung mit Parasiten könnte ebenfalls einer Asthmaentwicklung vorbeugen. Aus den meisten Studien ergab sich, dass der umgekehrte Zusammenhang zwischen Infektion und Asthma möglicherweise dem Schutzeffekt auf die Atopie zuzuschreiben ist.

Antibiotika, Impfungen und Analgetika

Die mikrobielle Exposition könnte zunächst vorwiegend über den Gastrointestinaltrakt wirken. Daher ist es denkbar, dass die Gabe von Antibiotika zur Entstehung von Asthma bronchiale beitragen könnte, indem sie die Flora des Gastrointestinaltrakts verändert.

Antibiotika

Da in vielen Ländern obstruktive Atemwegserkrankungen, vor allem im jungen Alter, nach wie vor mit Antibiotika behandelt werden, muss eine Assoziation zwischen dem Gebrauch dieser Medikamente und dem Asthma bronchiale positiv ausfallen. Nur Studien, welche die Indikation der Antibiotikaverschreibung oder das Zeitfenster der Antibiotikabehandlung vor dem Beginn von Asthmabeschwerden berücksichtigen, werden daher die Frage eines möglichen Zusammenhangs zwischen Antibiotikagabe und Asthma klären können.

Entsprechende Studien zeigten jedoch keinen Effekt der Gabe von Antibiotika auf die nachfolgende Entstehung eines Asthma bronchiale. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass Impfungen die Entstehung eines Asthma bronchiale im nennenswerten Umfang beeinflussen.

Parazetamol

Der Gebrauch von Parazetamol war ebenfalls mit der Inzidenz von Asthma bronchiale in Zusammenhang gebracht worden. Aber auch hier gilt, dass Parazetamol auch bei fieberhaften viralen Infektionen verabreicht wird, die wiederum positiv mit Asthma bronchiale assoziiert sind. Eine kürzlich vorgestellte Studie berichtete keinen Effekt von Parazetamol, wenn das Medikament vor der Entstehung jeglicher Asthmasymptome verabreicht worden war.

 

Prof. Dr. Erika von Mutius ist an der Dr. von Haunerschen Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland, tätig.

 

Der ungekürzte Originalartikel inklusive Literaturangaben ist nachzulesen in Monatsschrift Kinderheilkunde 2010 • 158:121–128

© Springer-Verlag 2010

Fazit für die Praxis
Es ist recht gut dokumentiert, dass in manchen Gegenden der westlichen Welt ein gewisses Plateau in der Prävalenz des Asthma bronchiale, wenn auch auf hohem Niveau, erreicht ist. Die Umweltfaktoren, die die Zunahme der Prävalenz des Asthma bronchiale bewirkt haben, sind nach wie vor unbekannt. Deshalb gibt es wenig berechtigte Empfehlungen für die Prävention. Das Vermeiden von Aktiv- und Passivrauchen ist schon aus anderen Gesundheitsaspekten zu empfehlen, kann aber ebenso für die Asthmaprävention gelten, da die epidemiologische Evidenz eindeutig einen Zusammenhang zwischen der Exposition und der neuen Manifestation dieser Erkrankung zeigt. Hingegen sind andere Vermeidungsstrategien, wie eine Reduktion der Allergenkonzentration, das Durchführen bestimmter Diäten, die Vermeidung von Impfungen, Antibiotika oder Antipyretika, die Gabe von Probiotika oder die Haustierhaltung weder effektiv noch derzeit empfehlenswert.

Von Prof. Dr. Erika von Mutius, Ärzte Woche 17 /2011

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