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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Es sterben mehr Menschen an den unterschiedlichen Folgen des Einatmens von Feinstaub als bei Verkehrsunfällen.
 
Pulmologie 26. April 2011

Der Körper im Stress durch Feinstaub

Dass Mikropartikel die Lunge in Mitleidenschaft ziehen, ist bekannt. Die unerwünschten Wirkungen sind aber wesentlich vielfältiger.

Man kann sie nicht riechen, man kann sie nicht schmecken und mit bloßem Auge sind Feinstäube auch nicht zu sehen. Dennoch verliert jeder Einzelne durch das Einatmen von winzigen Partikeln, Tröpfchen oder Gasen im Schnitt vier bis sechs Lebensmonate. Im Rahmen des 8. P-AIR Presseclubs erörterten Experten die Folgen von Feinstaub und bodennahem Ozon auf die Gesundheit.

 

„Zwei Stunden Einkaufsbummel in der Londoner Oxfordstreet und die Lungenfunktion nimmt dramatisch ab. Das ist ein unmittelbarer Effekt, kein langfristiger. Danach im Hydepark spazieren gehen, und die Lunge erholt sich wieder.“ Prof. Dr. Wolfgang Pohl, Vorstand der Abteilung für Atmungs- und Lungenkrankheiten im Krankenhaus Hietzing in Wien, brachte solcherart die Belastung durch Feinstaub auf das Atemorgan auf den Punkt.

Feiner Staub?

Feinstaub ist eine Mischung aus extrem kleinen festen und flüssigen Teilchen unterschiedlicher Größen. Je nach Größe der Teilchen wird er eingeteilt in inhalierbaren Feinstaub (weniger als 10 µm Durchmesser), lungengängigen Feinstaub (weniger als 2,5 µm Durchmesser)und ultrafeine Partikel (weniger als 0,1 µm Durchmesser).

Pohl: „Es ist mir ein großes Anliegen, über die Zusammenhänge zwischen Allergie, Asthma und Feinstaub zu informieren. Werden die Atemwege durch ständige Konfrontation mit Umweltstoffen und Allergenen massiv gereizt, zeigen sich Entzündungsreaktionen. Diese schwächen die Abwehrkraft und es können sich chronische Erkrankungen etablieren. Es bleibt nicht bei chronischen Lungenleiden wie Asthma oder COPD. Vielmehr wird die Feinstaubbelastung auch mit Atemwegsentzündungen, Husten, Atemwegsinfekten, Bronchitis, Ekzemen, Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zum Bronchial- und Lungenkrebs in Verbindung gebracht. Die durch Feinstaub verstärkte Arterienverkalkung erhöht die Herzinfarkt- und Schlaganfallgefahr.“

Feinstaub auf der Straße

Besonders offensichtlich sind die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von asthmatischer Bronchitis, Heuschnupfen, Ekzemen sowie allergischen Sensibilisierungen und dem Wohnumfeld. Für Feinstaub gilt: Je höher die Konzentrationen, desto größer das Gesundheitsrisiko. Daher sind selbst unterhalb der aktuellen Grenzwerte, die obendrein noch viel zu oft überschritten werden, schädliche Effekte zu erwarten. Betroffen ist die ganze Bevölkerung. „Besonders gefährdet jedoch sind Kinder und ältere Personen (über 65 Jahre) sowie Asthmatiker und Personen mit Allergien“, so Doz. DI rer.nat. tech. Dr. med. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health (ZPH) der MedUni Wien. In einer jüngst publizierten Studie wurde erneut gezeigt, dass eine Steigerung der PM10-Konzentration mit einem Anstieg der Krankenhausaufnahmen von Kindern mit Asthma korrelierte (2,6 Prozent mehr Aufnahmen pro 10 μg PM10/m³ Zunahme) (Samoli et al. 2011).

Kinder, die weniger als 50 Meter von einer viel befahrenen Hauptstraße entfernt wohnten, hatten im Vergleich zu Altersgenossen mit einem Wohnstandort fernab von Hauptverkehrsadern ein um bis zu 50 Prozent höheres Risiko für die beschriebenen Erkrankungen (European Respiratory Society 2010). Mit steigendem Abstand zur Hauptstraße nahm das Erkrankungsrisiko immer weiter ab.

Sterberisiko durch Feinstaub

„Die feinen Stäube sind gegenwärtig das bedeutendste lufthygienische Problem“, betonte Hutter. „So führt die belastete Atemluft in Österreich pro Jahr u.a. zu rund 5.600 zusätzlichen vorzeitigen Sterbefällen, 48.000 zusätzlichen Fällen von akuter Bronchitis und 35.000 zusätzlichen Asthmaanfällen bei Kindern (<15 Jahre).“ Als Indikator für die Luftverschmutzung diente bei dieser Abschätzung PM10 (= Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser unter 10 µm).

Beeinträchtigte Hirnfunktion

Die Grenzwerte für Feinstaub wurden in diesem Jahr bereits mehrfach überschritten. Das Problem sei, so Hutter, dass es bereits unterhalb dieser festgelegten Grenzen zu gesundheitlichen Problemen kommen kann (mehr Krankenhausaufnahmen und Bronchitisfälle). „Es gibt keine sichere Konzentration“, so Hutter.

Als Beispiel nannte er, dass die Belastung durch Feinstaub auch Auswirkung auf die Gehirnleistung hat. Hutter: „Das kann man sich nicht so gut vorstellen, aber die geistige Leistungsfähigkeit kann auch beeinträchtigt sein.“ Die Partikel sind so klein, dass sie nicht nur in die Lunge geraten, sondern sich entlang der Riechnerven in Richtung Gehirn bewegen. Das bedeutet, dass der Entzündungsprozess, den wir aus der Lunge und den endokrinen Gefäßen kennen, natürlich oben auch wirkt. Bei Kindern nahmen mit steigender Exposition gegenüber Rußpartikeln bestimmte Intelligenz- und Gedächtnisleitungen ab. Betroffen sind auch ältere Personen, wie eine gerade publizierte Untersuchung ergab (Power et al. 2010).“

Sommerproblem Ozon

Ein anderer gefährlicher Luftschadstoff ist Ozon. Pohl: „Beim Eintritt von Ozon in die Lunge kommt es zu einem massiven oxidativen Stress, der sofort durch die Bronchien geht und die Enzündungsreaktion über die Zirkulation in die Gefäße weitergibt.“ Wobei Ozon nicht nur die Leitsubstanz einer Mischung von äußerst reaktiven Teilchen wie etwa Wasserstoffperoxide oder Formaldehyd sei. Hutter: „Das ist ein sehr aggressives Gemisch. Die Gesundheitseffekte auf den Menschen sind synergistisch, typisch sind Kopfschmerzen. Die chronischen Effekte führen zur vorzeitigen Lungenalterung. In ganz Europa, das zeigen epidemiologische Daten, sind auf die Ozonbelastung 21.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr zurückzuführen.“ So entstünden Kosten von mehreren Milliarden Euro.

Höchste Zeit für Maßnahmen

Zigarettenrauch kann massiv zur Feinstaubbelastung beitragen, vor allem in Innenräumen: Wenn in einem Raum stark geraucht wird, kann es zu einer Feinstaubbelastung von 60 bis 80 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft kommen. Der Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm. Hutters umweltpolitisches Fazit: Die höchste Priorität für Gegenmaßnahmen haben die Vorläuferstoffe, die ultrafeinen Substanzen aus Verbrennungsvorgängen. Da gibt es etliche, auch solche, die wir in unserer Umgebung haben, beispielsweise Räucherstäbchen.

 

 

Quelle: 8. P-Air Presseclub am 16. März 2011

Inge Smolek, Ärzte Woche 17 /2011

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