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Foto: Bernhard Bergmann
Prof. DDr. Andrea Olschewski Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Lungengefäßforschung, Graz
 
Pulmologie 16. März 2011

„Lungenhochdruck ist eine heimtückische Krankheit.“

Methoden für Screening, Früherkennung und Behandlung der pulmonalen Hypertonie will das in Graz etablierte Ludwig-Boltzmann-Institut für Lungengefäßforschung entwickeln.

Durch die Entwicklung gezielter Medikamente neue Standards zu setzen, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der an Lungenhochdruck Erkrankten zu erhalten und die Lebenserwartung zu erhöhen, ist das erklärte Ziel des im Vorjahr gegründeten Ludwig-Boltzmann-Instituts (LBI) für Lungengefäßforschung. Neben der MedUni Graz sind an dem Forschungsinstitut die Akademie der Wissenschaften sowie die Pharmafirmen Bayer und NebuTec beteiligt.

 

Die Leiterin des Grazer LBI für Lungengefäßforschung, Prof. DDr. Andrea Olschewski, sprach mit der Ärzte Woche über ihre ehrgeizigen Pläne.

 

Wo liegen die großen Probleme bei der Krankheit Lungenhochdruck, dass man ein eigenes Forschungsinstitut gründen muss?

Olschewski: Der Lungenhochdruck ist eine heimtückische Krankheit mit hoher Dunkelziffer. Alle Probleme zusammen, die Heimtücke der Krankheit, fehlende äußerliche Krankheitszeichen und die anfangs fehlenden Beschwerden sowie die aufwändige Diagnostik, tragen dazu bei, dass die Therapieergebnisse unbefriedigend sind. Außerdem betragen die Behandlungskosten pro Patient und Jahr bis zu 300.000 Euro, wenn der Lungenhochdruck bereits weit fortgeschritten ist. Und die lebensrettende Therapie ist aufwändig und risikoreich.

 

Das Problem ist, dass man die Krankheit zu spät erkennt?

Olschewski: So ist es. Das zweite ist, dass diese Krankheit unbehandelt durchschnittlich binnen drei Jahren zum Tod führt. Die Erkrankung besteht aber vermutlich etwa zehn bis 15 Jahre, bevor sie diagnostiziert ist. Die Messung des Lungendrucks, des Drucks in den Blutgefäßen der Lunge, ist aufwändig. Für eine sichere Diagnose muss man eine Rechtsherzkatheteruntersuchung durchführen, eine relativ ungefährliche, aber aufwändige invasive Untersuchung.

 

Was verursacht Lungenhochdruck?

Olschewski: Der Lungenhochdruck ist eine relativ häufige Komplikation von Lungen- und Herzkrankheiten. Wenn man von Asthma absieht: Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung über 40 Jahre sind von Lungenerkrankungen betroffen, etwa von COPD. Diese chronisch obstruktive Lungenerkrankung ist heute weltweit die vierthäufigste Todesursache. Das bedeutet, dass weltweit vermutlich Millionen von Menschen von pulmonaler Hypertonie betroffen sind, und für diese Patienten bedeutet der Lungenhochdruck eine eingeschränkte Prognose. Bei Herzkrankheiten ist auch der begleitende Lungenhochdruck einer der wichtigsten prognostischen Faktoren.

 

Es handelt sich beim Lungenhochdruck aber nicht um eine einzige Erkrankung, sondern um verschiedene Formen. Nur für eine gibt es aber zugelassene Behandlungen.

Olschewski: Das ist die sogenannte pulmonal arterielle Hypertonie, PAH, die macht ungefähr fünf Prozent der Krankheiten aus. Also fünf Prozent von pulmonalen Hypertonien haben diese spezielle Form, PAH. Die Mehrheit ist die non-PAH. Für die gibt es keine zugelassene Behandlung.

 

Welche Ziele wollen Sie mit dem Institut erreichen?

Olschewski: Eines unserer wichtigsten Ziele ist, einfache und schonende Verfahren für eine frühere Diagnose zu entwickeln und es zu ermöglichen, in einem früheren Stadium gezielt therapieren zu können. Wir wollen Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten durch diese neu zu entwickelnden Medikamente erhalten und die Lebenserwartung erhöhen. Wir haben mehrere Programmlinien, in denen Grundlagenforscher und klinische Ärzte an einem Zentrum zusammenarbeiten. Das halte ich für einmalig.

 

Wie ist die Aufgabenteilung, die Grundlagenforscher sind in der Medikamentenforschung?

Olschewski: Medikamentenforschung im industriellen Sinn machen wir nicht, das können wir uns nicht leisten. Wir versuchen neue Signalwege, molekulare Mechanismen für die Entstehung der Krankheit zu finden. Und für diese neu identifizierten Signalwege suchen wir gemeinsam mit Partnern aus der Industrie nach möglichen Medikamenten.

 

Es handelt sich um Biologicals?

Olschewski: Ja, unter anderem. Außerdem geht es um Biomarkerentwicklung – wir suchen natürlich auch Marker für die Früherkennung. Damit beschäftigt sich eine Gruppe, eine andere Gruppe beschäftigt sich mit der Entwicklung von einfachen und schonenden Verfahren zur Diagnose, zum Beispiel mittels Computertomografie oder Ultraschall. Diese bereits zur Verfügung stehenden Methoden müssen weiterentwickelt werden.

 

Die Zielrichtung geht zu den bildgebenden Verfahren?

Olschewski: Nicht nur bildgebende Verfahren. Wir haben noch andere Ideen, die ich aber jetzt noch schützen und deshalb nicht nennen möchte, wie man eine große Zahl von Patienten schonend und schnell untersuchen bzw. screenen könnte. Die Frühdiagnostik entwickeln die Kliniker in unserer Gruppe. Die suchen gemeinsam mit Naturwissenschaftlern nach schonenden, aber zuverlässigen Verfahren.

 

Screeningmethode und Diagnostik sollten mit einem ähnlichen physikalischen Verfahren arbeiten?

Olschewski: Nicht unbedingt. Für jeden Zweck gilt es, die optimale Methode zu finden. Es geht auch um Antworten auf Fragen wie beispielsweise: Wie häufig ist eigentlich diese Krankheit? Da streiten sich die Experten. Die idiopathische PAH ist glücklicherweise sehr selten. Aber die mit Lungen- oder anderen Herzerkrankungen assoziierte Form ist sehr häufig.

 

Ist der Lungenhochdruck eine Komorbidität oder aber Ursache?

Olschewski: Das kommt darauf an. Bei den Lungenerkrankungen wird es eher so sein, dass zuerst eine Lungenerkrankung besteht und dann eine pulmonale Hypertonie dazukommt. Bei der idiopathischen PAH sind ausschließlich die kleinen Lungenarterien von der Grundkrankheit befallen, alle anderen Erscheinungen entwickeln sich sekundär.

 

Welche Aufgaben übernehmen die Kliniker bei der Forschungsarbeit?

Olschewski: Die Früherkennung und die Frühdiagnostik sowie den Aufbau einer klinischen Datenbank. Später, wenn wir neue Therapieoptionen haben, werden wir keine klassischen klinischen Studien machen, weil das unbezahlbar ist. Allerdings „Proof-Of- Concept“ (POC)-Studien haben wir vor.

 

Sind für diese Forschung Tierversuche geplant?

Olschewski: Wir werden auch Tierversuche machen. Die Grundlagenforschung arbeitet mit humanen Proben von explantierten Lungen. Mittels In-vitro-Versuchen können wir die Signalwege erforschen, dann geht man auf Kleintiere, Mäuse und transgene Kleintiere ...

 

Gibt es ein Mausmodell für die Krankheit Lungenhochdruck?

Olschewski: Es gibt verschiedene Maus- und Rattenmodelle des Lungenhochdrucks. Das Problem dabei ist, dass die menschliche Krankheit nur teilweise abgebildet ist. Die Maus und Ratte haben eine anders aufgebaute Lunge als der Mensch. Konzepte kann man an den kleinen Tieren ausprobieren, spätestens mit unseren Partnern müssen wir dann mit dem Großtiermodell arbeiten, wahrscheinlich mit Schweinen.

 

Wie wird sich die geplante Zusammenarbeit mit den kooperierenden Pharmafirmen gestalten?

Olschewski: Das sind zwei unterschiedliche Unternehmen mit Schwerpunkt auf PH: Bayer die eine, und die andere Firma ist ein mittelständisches Unternehmen, das Inhalationsgeräte entwickelt. Weil wir die Medikamente, die in fünf, sieben Jahren entwickelt sein werden, nach Möglichkeit lungenselektiv verabreichen wollen. Das ist eines unserer wichtigsten Forschungsziele: Medikamente zu entwickeln und sie so zu applizieren, dass sie ihre Wirkungen wirklich nur in der Lunge entfalten. Sonst könnte es ja sein, wenn man ein drucksenkendes Medikament gibt, dass nicht nur in der Lunge, sondern im ganzen Körper der Blutdruck absinkt. Wir streben an, inhalative Therapien zu entwickeln, und da ist noch ein Stichwort, das ich in diesem Zusammenhang erwähnen möchte: Nanotechnologie. Wir arbeiten mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, mit dem Institut für Nanosystemforschung zusammen.

 

Weil die Medikamente ja in feinsten Partikeln in die Lunge gelangen müssen.

Olschewski: Ganz genau, in kleinen, feinen Partikeln verpackt, können die Medikamente besser inhaliert werden, bzw. sie können ihre Wirkung dann auch vielleicht länger entfalten, weil sie einfach stabiler werden. Das Problem ist, dass die Medikamente, die inhaliert werden, eine sehr kurze Halbwertszeit haben. Die Patienten müssen deshalb zehn- bis zwölfmal am Tag inhalieren. Wer will das schon? Wir versuchen das wie bei einem Asthmamedikament zu machen, dass man nur zwei oder drei Hübe am Tag appliziert, sonst kann man eigentlich seiner Tätigkeit nicht nachgehen. Mit einem sperrigen Inhalationsgerät kann man schwer herumlaufen. Die Patienten sind ja auch kaum belastbar. Wenn sie das Gerät auch noch schleppen müssen, sind sie sehr eingeschränkt.

 

Das sind viele Zielrichtungen, die Sie verfolgen. Wie viele Personen arbeiten mit Ihnen.

Olschewski: Mit assoziierten Personen sind es zwischen 25 und 30. Es ist also ein großes Institut. Ich möchte schon erwähnen, dass es sehr zu begrüßen ist, dass die Luwig-Boltzmann-Gesellschaft schon vor einigen Jahren grundlegend reformiert wurde. Diese neuen Institute sind nach einem zweistufigen internationalen Peer-Review-Verfahren entstanden. Früher gab es über hundert Institute, die dann z. T. geschlossen oder in Cluster zusammengeführt wurden. Bei den vergangenen drei Ausschreibungen wurden je drei neue Institute gegründet, und die müssen durch ein sehr kompetitives internationales Auswahlverfahren, inklusive Hearing. Das ist sehr zu begrüßen, weil es um wirklich viel Geld geht. Die kleinen Institute hatten nur wenige Mitarbeiter, jetzt ist das Ziel, wenige Institute mit internationaler Reputation zu gründen. Das finde ich sehr wichtig, das ist ein sehr transparentes Verfahren, das sehr zu begrüßen ist. Das nächste Ziel ist die längerfristige Finanzierung der Institute.

 

Das Interview führte Inge Smolek.

 

http://www.lbg.ac.at/de/lbg/lbi-fuer-lungengefaessforschung

http://www.lungenhochdruck.at

Inge Smolek, Ärzte Woche 11 /2011

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